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In den letzten Jahren hat sich in der westlichen Christenheit immer mehr die Vorentrückungslehre (also Lehre von der Entrückung der Gemeinde Christi vor Beginn einer siebenjährigen großen Drangsal) durchgesetzt. Nach einem kurzgefassten Abriss der Vorentrückungslehre, möchten wir anhand biblischer und historischer Gesichtspunkte einige eher kritische Aspekte anzusprechen. Zum Schluss soll dann der Versuch unternommen werden, eine mögliche Alternative aufzuzeigen.


Inhaltsverzeichnis

Einleitung
1.  Die Vorentrückungslehre in kurzgefasster Form
2.  Ursprung des futuristischer Deutungsansatzes der  Offenbarung
3.  Kritische Aspekte zur Vorentrückungslehre
3.1  Gottes Plan mit Israel
3.2  Das Evangelium des Reiches
3.3  Die Begriffe Parusie und Epiphanie
3.4  1. Thessalonicher 4,13-18
3.5  2. Thessalonicher 2
3.6  Einige weitere Argumente in Stichworten
3.7  Gefahren des Glaubens an eine Vorentrückung
3.8  Zwei mögliche Szenarien der Endzeit
3.  Eine mögliche Alternative zur Vorentrückungslehre
3.1  Die verschiedenen Einzelelemente unseres Gebäudes
3.2  Das Gebäude, zusammengesetzt aus den einzelnen Elementen
Literatur zum Thema

 

Einleitung

Die Gläubigen fast aller christlichen Strömungen der Gegenwart sind bei der Betrachtung der Weltgeschichte der Ansicht, dass wir in den letzten Tagen leben, welche der Wiederkunft des Herrn Jesus Christus unmittelbar vorangehen. Die Zeichen unserer Zeit scheinen nach Ansicht vieler Christen und Bibellehrer immer mehr mit den Dingen überein zu stimmen, welche der Herr in seiner Ölbergrede und auch bei anderen Gelegenheiten (z.B.  Luk 17) über die letzten Tage vor seinem Kommen angedeutet hat. Auch der Apostel Paulus hat über einige Dinge gesprochen (zum Beispiel in 2Tim 3, in 1 und 2Thess und an anderen Stellen). Die Neugründung Israels im Jahr 1948 und das Aufkommen seiner feindlichen arabischen Nachbarstaaten werden in diesem Zusammenhang ebenso von vielen Gläubigen als bedeutsame Ereignisse angesehen, wie weltweite Kriege und Kriegsgerüchte mit globalen Folgen auf politischem, militärischem und wirtschaftlichem Gebiet, Hungersnöte, Erdbeben, Krankheiten und andere Naturkatastrophen. Dazu kommen globale gesellschaftliche Veränderungen, sowohl in Bezug auf das Denken und die Lebenshaltung einzelner Personen als auch auf das Zusammenleben der Menschen. Ob alle diese Vermutungen eine zuverlässige Grundlage haben, wäre ein Thema für sich. Es ist jedoch klar, dass die antichristlichen Kräfte in der Welt unserer Zeit extrem zugenommen haben, und dass wir möglicherweise bereits in der Zeit leben, in welcher nach Ansicht vieler Christen der Satan noch einmal losgelassen wurde, um die letzte globale Verführung zu inszenieren. Bei der Wiederkunft des Herrn Jesus Christus wird das gesamte antichristliche System durch die Herrschaft des Herrn ersetzt werden. Ob wir heute wirklich in den letzten Tagen leben, weiß nur Gott allein.

Angesichts der soeben genannten Dinge ist es nicht verwunderlich, dass in den vergangenen Jahrzehnten in der Christenheit die biblische Lehre von den letzten Dingen, also die Eschatologie, immer mehr in den Fokus gerückt ist. Die biblische Endzeitlehre redet ja nicht nur über das Kommen des Herrn Jesus Christus, sondern insbesondere auch über die praktische Stellung, welche die Gemeinde der Gläubigen während der letzten Tage auf dieser Erde einnehmen wird. Sie spricht somit direkt in unser Christenleben hinein und hat praktische Auswirkungen auf unsere Nachfolge. Gerade deshalb ist sie für jeden einzelnen Christen von gewisser Bedeutung, und gerade deshalb ist sie auch innerhalb der Christenheit zu einem so großen Diskussionspunkt geworden.

Verschiedenste Ansichten hinsichtlich der Endzeit wurden in der Vergangenheit und in der Gegenwart der christlichen Gemeinde vertreten. Leider kam es dabei zeitweise zu ernsthaften Auseinandersetzungen, welche auch zu Trennungen unter echten Kindern Gottes geführt haben. Ein wichtiges Element war immer wieder die Verbindung zwischen den Aussagen der alttestamentlichen Propheten (besonders Daniel, aber auch andere Propheten) mit dem Buch der Offenbarung. Gerade die Offenbarung hatte unter den Händen der verschiedensten Ausleger mehr zu leiden als jedes andere Buch der Bibel.

Im Verlauf der letzten etwa 180 Jahre setzte sich in der westlichen Christenheit neben dem Dispensationalismus, also der Lehre von den sieben Haushaltungen Gottes (einem Teilaspekt des Prämillennialismus) in der Eschatologie eine weitere zentrale Lehre hinsichtlich der Zukunft der Gemeinde Christi durch, nämlich die so genannte Vorentrückungslehre. Diese Lehre von der Entrückung der Gemeinde Christi in den Himmel vor Beginn einer siebenjährigen großen Drangsal auf der Erde ist heute die beherrschende Deutungsweise, welche über das zweite Kommen des Herrn Jesus Christus und über die Vereinigung der Gemeinde mit ihm spricht. Sie wird von nahezu allen christlichen Strömungen der westlichen Welt in der Gegenwart favorisiert, seien es die evangelikalen oder neoevangelikalen Gruppierungen, die Brüderbewegung, die Pfingstler, und auch die Charismatiker.[1]

Die Vorentrückungslehre ist heute zweifelsfrei die alles beherrschende eschatologische Lehre in der gesamten evangelikalen westlichen Welt. Daneben gibt es natürlich auch andere Ansichten, welche jedoch derzeit etwas in den Hintergrund getreten sind. So möchten wir nun zunächst einen kurzgefassten Abriss der Vorentrückungslehre geben, um danach anhand biblischer und historischer Gesichtspunkte einige eher kritische Aspekte anzusprechen. Zum Schluss soll dann noch der Versuch unternommen werden, eine mögliche Alternative aufzuzeigen.

 

1. Die Vorentrückungslehre in kurzgefasster Form

Die Lehre von der Vorentrückung ist Bestandteil des Prämillennialismus in seinen verschiedenen Ausprägungen. Diese Sicht, auch als Chiliasmus bezeichnet, besagt im Wesentlichen das Folgende: Christus wollte bei seinem ersten Kommen ein irdisches jüdisches Königreich errichten. Die Juden verwarfen jedoch sowohl dieses Reich als auch Christus den König, so dass sein Königreich nicht errichtet werden konnte und die Juden bestraft und unter die Nationen zerstreut wurden. Daher musste die Königsherrschaft Christi bis zu seiner Wiederkunft aufgeschoben werden. Doch nun ist ein Geheimnis geoffenbart worden, von welchem die alttestamentlichen Heiligen nicht geträumt hatten – die Gemeinde. Die Gemeinde hat nichts mit dem alttestamentlichen Israel zu tun. In der Haushaltung der Gnadenzeit wird die Gemeinde aus den Juden und Heiden gesammelt, aber Christus ist das Haupt der Gemeinde, und nicht ihr König. Die Gemeinde soll die Nationen evangelisieren, aber es wird nicht jeder Mensch in der ganzen Welt erreicht werden. Am Ende dieser Zwischenphase wird Christus für die Welt unsichtbar erscheinen, und die geheime Entrückung der Gemeinde wird stattfinden. Sie wird sich ereignen, bevor der Antichrist öffentlich auftritt. Danach wird die Drangsalszeit mit dem Antichristen kommen und die Juden werden nach Israel zurückkehren bzw. zurückgekehrt sein. Ein Drittel aller Juden in Israel werden bekehrt werden und Jesus Christus als ihren König annehmen. Am Ende der Drangsalszeit werden der Herr Jesus Christus und seine Heiligen wiederkommen zum Gericht über die Feinde – das zweite Kommen Christi. Die noch Lebenden werden gerichtet, die Schafe von den Böcken getrennt, der Antichrist vernichtet und der Satan für 1000 Jahre im Abgrund gebunden werden.

Die gestorbenen Heiligen der Drangsalszeit werden auferweckt und Christus wird seinen Thron in Jerusalem errichten. Die Stadt und der Tempel werden wieder aufgebaut werden, ein jüdisches Zeremonialgesetz mit seinem Altar und mit seinen Opfern wird wieder eingeführt werden. Jesus Christus wird während der 1000 Jahre dieses messianischen Zeitalters von Jerusalem aus Herrscher über alle Nationen der Erde sein. Die Natur wird Frieden haben, eine unzählbare Menge von Menschen wird zum Glauben kommen. Ganz Israel wird errettet werden. Am Ende wird jedoch der Satan für eine kurze Zeit losgelassen werden, den Gog und Magog mobilisieren und mit einem riesigen Heer gegen die Heiligen heranrücken. Gott wird durch Feuer aus dem Himmel die Feinde vernichten. Danach dann der ewige Zustand des neuen Himmels und der neuen Erde. Soweit die Grundzüge des Chiliasmus.

Hinsichtlich der Entrückung gab es von Beginn an zum Beispiel auch in der englischen Brüderbewegung des 19. Jahrhunderts verschiedene Untergruppierungen. Die Gruppe um John Nelson Darby, Captain Hall, Lewis Way, Hatley Frere und später andere Brüder aus anderen Gruppierungen (Johan de Heer, Torrey, Moody, Berthold Peters) lehrte die geheime Vorentrückung beim geheimen Kommen Christi vor der Ankunft des Antichristen. Eine andere Gruppe um Benjamin Wills Newton, Robert Chapman und Georg Müller, sowie später und an anderen Orten auch Leute wie Professor Bettex, Modersohn, Dora Rappard, Heinrich Haarbeck, Limbach oder Stockmayer lehrten die Entrückung zur Mitte oder am Ende der Drangsal in Offenbarung 19. Wiederum andere wie zum Beispiel Hudson Taylor, der Gründer der China-Inlandmission, vertraten sogar die Lehre von einer Auswahlentrückung. In der Summe des Ganzen führte die Lehre von der geheimen Vorentrückung bereits kurz nach ihrem Bekanntwerden zu einer Reihe von Spaltungen in den Gemeinden.

Neben der dispensationalistischen Lehre, dem historischen Prämillennialismus und anderen Deutungsweisen gibt es noch eine weitere Sicht der Dinge, welche nach Ansicht vieler Lehrer in der Schrift klar angedeutet wird. Ich zitiere aus M. Schäller: „Siehe, Er kommt mit den Wolken“ (S. 49-50):

Will man der Frage nach evidenten, vom Wortlaut der Schrift gestützten, heilsgeschichtlichen Zäsuren weiter nachgehen, dann wäre zuerst an die mehrfach wiederholten, sehr deutlichen Bezugnahmen auf eine Zwei-Äonen-Struktur der Heilsgeschichte zu erinnern (…). In den Worten Jesu und der Apostel begegnen uns wiederholt Hinweise, die die Geltung des Zwei-Äonen-Schemas als das Selbstverständliche, das nicht eigens noch weiter begründet werden muss, voraussetzen: Matthäus 10,30: „(…) der nicht hundertfältig empfange, jetzt in dieser Zeit (in diesem Aion) Häuser und Brüder und Schwestern und Mütter und Kinder und Äcker, mit Verfolgungen, und in dem kommenden Zeitalter (Aion) ewiges Leben.“ Matthäus 12,32: „(…) wer aber wider den Heiligen Geist reden wird, dem wird nicht vergeben werden, weder in diesem Zeitalter (Aion), noch in dem zukünftigen.“ Es ist hier nicht der Ort, die Zwei-Äonen-Lehre samt allen sich daraus ergebenden Schlussfolgerungen darzulegen. Zwei Umstände seien jedoch hervorgehoben: Nach neutestamentlichem Verständnis gilt einerseits, dass in und mit Jesus Christus der neue Äon bereits angebrochen ist, während der alte noch fortdauert. Das erklärt, warum ein Christ schon jetzt und hier die „Kräfte des zukünftigen Zeitalters (Aion)“ zu „schmecken“ vermag, während er andererseits „die Leiden dieser Jetztzeit“ (das heißt des noch andauernden alten Äons; vergleiche Rö 8,18) nur zu deutlich spürt. Das endgültige Vergehen des alten Äons wird erst durch die machtvolle Parusie unseres Herrn Jesus Christus herbeigeführt. Nach jüdischer Erwartung kommt es am Ende dieses Äons zu einer Trübsalszeit, die „die Wehen des Messias“ genannt wurde – ein Gedanke, der ebenfalls in den Endzeitreden Jesu nachklingt. Bei Darby spielt diese deutlich wahrnehmbare Zwei-Äonen-Lehre leider keine Rolle.

Die Zwei-Äonen-Lehre würde – falls sie zutrifft – weder das Konzept einer „geheimen Vorentrückung“ noch das Konzept eines 1000-jährigen Zwischenreiches beinhalten.

Der Begriff der „geheimen Vorentrückung“ der Gemeinde ist in der Bibel nicht direkt zu finden. Das wird auch von den Vertretern der Lehre selbst eingeräumt. Die Lehre wird indirekt aus verschiedenen Bibelstellen abgeleitet, wie zum Beispiel: Sach 12-14; 1Kor 15,50-58; 1Thess 4,13-18; 2Thess 2,1-12; 1Joh 4,1-6; Judas 14, viele Stellen in der Offenbarung und viele weitere Bibelstellen aus verschiedensten Bibelbüchern. Zu einer Detailauslegung der Lehre muss hier auf die einschlägige Literatur verwiesen werden. Sie würde den Rahmen dieser kurzen Abhandlung definitiv sprengen. Ein besonders beachtenswertes und umfassendes Werk ist in diesem Zusammenhang zum Beispiel das Buch von Isenberg /Schürmann: Der vergessene Reichtum (Daniel-Verlag). Um ein ausreichendes Verständnis für die Verbindungen zwischen der Auslegung der Offenbarung und der Vorentrückungslehre zu gewinnen, werfen wir zunächst noch einen kurzen Blick auf den futuristischen Deutungsansatz der Offenbarung.[2]

 

2. Ursprung des futuristischer Deutungsansatzes der  Offenbarung

Der Jesuit Francisco de Ribera (1537-1591) veröffentlichte irgendwann zwischen 1585 und 1590 sein mehr als 500-seitiges Werk: In Sacrum Beati Ioannis Apostoli & Evangelistiae Apocalypsin Commentarii (Kommentar zur Apokalypse des heiligen und seligen Apostels und Evangelisten Johannes). In diesem Werk begründete er die Lehre des Futurismus ähnlich der heute bekannten Form. Durch diese Lehre wurden die Existenz und das Wirken des Antichristen vom Papst abgelenkt in die Zukunft. Sie besagte im Wesentlichen folgendes:

Die ersten Kapitel der Offenbarung bezögen sich auf das alte heidnische Rom, während der Rest des Buches in einer noch zukünftigen Zeitperiode von dreieinhalb Jahren anzusiedeln sei, unmittelbar vor dem zweiten Kommen Jesu Christi. Während dieser Zeit würde die römisch-katholische Kirche in den Abfall vom Papst hineingekommen sein. Zur gleichen Zeit werde eine einzelne Person, nämlich der Antichrist, folgende Dinge tun: Die Heiligen Gottes verfolgen und lästern. Den Tempel in Jerusalem wieder erbauen. Die christliche Religion abschaffen. Den Herrn Jesus Christus verleugnen. Von den Juden angenommen werden. Vorgeben, selbst Gott zu sein. Die beiden Zeugen Gottes töten. Die Welt beherrschen.

Nach Ribera seien die 1260 Tage nicht 1260 Jahre, entsprechend der Jahr-Tag-Theorie nach 4Mo 14,34 und Hes 4,6, sondern buchstäblich 1260 Tage, also dreieinhalb Jahre. Die Jahr-Tag- Theorie des damals gültigen kirchengeschichtlich-historischen Ansatzes behauptete, dass die 1260 Jahre in 538 n.Chr. bei der vollen Etablierung der päpstlichen Weltmacht begonnen hätten, und dass 1260 Jahre später der Antichrist, nämlich die römische Kirche und der Papst, von Christus bei seinem zweiten Kommen vernichtet würden.

Es wird gesagt, dass der soeben beschriebene Ansatz bereits in der frühen Kirchengeschichte vorhanden gewesen sei. Das ist jedoch nur teilweise zutreffend. Ich verweise in diesem Zusammenhang für besonders interessierte Leser auf die ausführliche Dissertationsarbeit von Dr. David Malcolm Bennett, welche im Literaturteil am Ende dieses Textes angegeben ist. Es trifft zu, dass verschiedene Kirchenväter der ersten Jahrhunderte sich über die Deutung der Offenbarung geäußert haben, denn dieses Buch war in den schweren tagtäglichen Christenverfolgungen der ersten Jahrhunderte von gewaltiger Bedeutung für die Gläubigen. Folgende Namen sind hier unter anderen zu nennen:

 

Justinus Martyr (100-165)                             Irenäus von Lyon (130-202)
Tertullian (2. und 3. Jahrhundert)                  Hippolytos (3. Jahrhundert)
Cyprian von Karthago (2. Jahrhundert)        Lactantius Firminianus (4. Jahrhundert)
Kyrill von Jerusalem (315-386)                     Johannes Chrysostomus (347-407)
Hieronymus (340-420)                                   Augustinus von Hippo (345-430)

 

Das Zeugnis all dieser Lehrer der frühen Kirche ist in vielem übereinstimmend. Sie lebten zur Zeit des Römischen Reiches. Sie deuteten die Offenbarung im Zusammenhang mit den Aussagen des Buches Daniel und kamen zu einer richtigen Beurteilung der vier Tiere Daniels als vier große Reiche der Geschichte: Babylon, Medopersien, Griechenland und Rom. Dabei vertraten sie die Ansicht, dass noch ein weiteres Tier mit seinem Reich kommen müsse, nämlich der Antichrist. Sie verlegten die Deutungen der Offenbarung zwar in die Zukunft; sie gingen jedoch allesamt davon aus, dass der Antichrist sehr bald nach dem Ende des in ihrer Zeit noch bestehenden Römischen Reiches auftreten würde. Sie sahen sich selbst und die Gemeinde Christi als lebend in der Endzeit. Sie erwarteten das Kommen des Herrn in einer absehbaren näheren Zukunft. Augustinus sah sich sogar selbst als bereits im 1000-jährigen Reich lebend. Sie vertraten nicht die Ansicht, dass die Ereignisse der Offenbarung in einer fernen Zukunft von mehr als 2000 Jahren liegen. Sie vertraten auch nicht die Lehre von einer Vorentrückung, sondern glaubten an das baldige Kommen („denn die Zeit ist nahe“) des Herrn, während die Gemeinde der Christen ihn auf der Erde lebend erwarten würde.

Der heutige Futurismus macht grundlegend andere Aussagen hinsichtlich der möglichen Zeitspannen und der Entrückung. Hinsichtlich der Entrückung ist der heutige Futurismus auch in sich selbst wieder aufgeteilt in mehrere Gruppen: Vorentrückung, Entrückung in der Mitte der Drangsal, Spätentrückung am Ende der Drangsal. Der daneben bestehende historische Prämillennialismus kennt ebenfalls drei mögliche Entrückungszeitpunkte vor Beginn des Tausendjährigen Reiches: Vor Beginn der Drangsal, Mitte der Drangsal, Ende der Drangsal.

Die Auslegungsvariante des Futurismus wurde von John Nelson Darby (1800-1882) mit einigen Änderungen in sein eigenes System des Dispensationalismus integriert. Entscheidend hinsichtlich seiner Lehren von den letzten Dingen war nach Darbys eigener brieflicher Aussage (in einem Brief an Benjamin Wills Newton, welchen dieser später gegenüber William Kelly zitierte), dass ein gewisser Mr. Tweedy, ein ehemaliger Pfarrer der schottisch reformierten Kirche, ihm in der Frage bezüglich Matthäus 24 einen ganz neuen Impuls gegeben hätte. Er hätte ihn (Darby) nämlich dazu ermutigt, den Inhalt von Matthäus 24 ganz auf die Juden zu beziehen. Aufgrund dieser neuen Voraussetzung kam Darby schließlich zu der Trennung zwischen einer „Gemeindewahrheit“ der Gläubigen des Neuen Bundes und einer „Reichswahrheit“ für Israel, welche nur das Matthäusevangelium lehre. Darby entwickelte sein eigenes System auf der Grundlage der beiden neuen Lehren (Futurismus und Vorentrückungslehre) und verbreitete es über England, Europa und Amerika. Die Titel seiner diesbezüglichen Werke: „Studies on the Book of Daniel“ und „Notes on the Apocalypse“.

Cyrus Ingerson Scofield (1843-1921) gab die Lehre des Futurismus in Kombination mit der geheimen Vorentrückung erstmals in Form der Kommentare zu seiner Scofield Reference Bible in 1909 heraus. Nachfolgend wurden bis heute viele Millionen Exemplare gedruckt. Diese Bibelausgabe sorgte schließlich dafür, dass die Lehre des Futurismus in Kombination mit der geistlich noch jungen Lehre von der geheimen Vorentrückung die evangelikale Welt des Westens im Sturm eroberte.

 

3. Kritische Aspekte zur Vorentrückungslehre

Viele Christen hatten und haben Bedenken hinsichtlich der Vorentrückungslehre. Es ist nicht meine Absicht, die Vorentrückungslehre zu verdammen. Ich möchte auch keinesfalls Geschwister persönlich angreifen oder beleidigen. Vielmehr möchte ich zu einem offenen Austausch anregen und im vorliegenden Text einige Argumente aufführen, welche auf eine alternative Deutungsmöglichkeit hindeuten.

Wir alle sind als Menschen in unserer Erkenntnis begrenzt, und Gottes Gedanken sind viel höher als unsere Gedanken. Daher können etliche menschliche Lehren oder Auslegungen der Heiligen Schrift nur dann ernst genommen werden, wenn sie anerkennen, dass es neben ihnen selbst auch noch andere Sichtweisen gibt, welche bei nüchterner Betrachtung ebenso ihre Berechtigung haben könnten. Manche dieser menschlichen Lehren oder Sichtweisen sind so speziell, dass sie auf bestimmte Glaubensgemeinschaften innerhalb der Christenheit begrenzt bleiben. Andere haben sehr weite Verbreitung gefunden. Der Bekanntheitsgrad einer Lehre ist aber letztlich noch kein Garant für ihren Wahrheitsgehalt.

Ausgenommen von menschlicher Beurteilung und eigenmächtiger Deutung sind natürlich alle Lehren der Bibel über die Person des dreieinigen Gottes, die Lehren über den Vater, den Sohn Jesus Christus, den Heiligen Geist, sowie über das Erlösungswerk des Herrn Jesus und das Heil der Gläubigen, welche die absolute und nicht diskutierbare Grundlage des christlichen Glaubens darstellen. Wer diese Dinge infrage stellt, der ist in der Tat ein Irrlehrer und sollte nicht angehört werden. Die eschatologischen Offenbarungen der Schrift sind hingegen nicht heilsnotwendig, und sie sind in zahlreichen Aspekten unserer menschlichen Erkenntnis nur teilweise zugänglich. Wir erkennen stückweise. Viele endzeitliche Aussagen der Schrift beinhalten für uns alle noch immer ein Geheimnis, welches wir letztlich bis zum Kommen des Herrn nicht völlig zu lösen vermögen.

Die Lehre von der Vorentrückung weist genauso wie andere eschatologische Lehren auch ihre Schwachpunkte und logischen Sprünge auf, hinsichtlich derer sie sich einer offenen Diskussion zu stellen hat, wenn sie ernstgenommen werden möchte. Es sollen daher nachfolgend einige strittige Aspekte näher beleuchtet werden, wobei an dieser Stelle kein Anspruch auf Vollständigkeit erhoben wird. Die Untersuchung soll in Bescheidenheit und im klaren Bewusstsein der Begrenztheit der eigenen Erkenntnis des Schreibers dieses Textes geschehen. Die Aussagen der Schrift sollen hierbei an erster Stelle stehen, erst danach können menschliche Denkweisen kommen. Wenn der objektive Befund der Schrift einer Lehre widerspricht, so muss die Schrift stehen bleiben und die menschliche Lehre in den Hintergrund treten. Das mag von Fall zu Fall schwierig oder schmerzhaft sein, aber es gibt keinen anderen Weg. Und nun zu einigen Aspekten.

 

3.1 Gottes Plan mit Israel

Die Lehre des Dispensationalismus kann wie bereits gesagt nur auf der Grundlage der Behauptung gültig bleiben, dass Israel und die Gemeinde zwei streng voneinander getrennte Heilskörper sind, welche nichts miteinander zu tun haben und für ewig voneinander getrennt sein werden. Darby vertrat entschieden diese Lehre. Was ist hierzu zu sagen? Dieser Frage wollen wir uns auf unterschiedlichen Wegen nähern. Die nachfolgenden Gedanken wurden von vielen großen Vertretern der „alten Lehre“ der Christenheit gelehrt.

Zunächst muss festgehalten werden, dass Gott bereits Abraham geistliche Nachkommen aus allen Völkern verheißen hat, und dass diese Verheißung im Neuen Testament sowohl vom Herrn selbst als auch von den Aposteln ausführlich aufgegriffen wird. Abraham selbst war nicht nur der Vater Israels, sondern auch der Vater vieler anderer Völker. 1Mo 12,3 redet nicht nur über das irdische Israel, sondern über alle natürlichen und später auch geistlichen Nachkommen Abrahams aus vielen Nationen, welche den gleichen Glauben haben würden wie er selbst. Hier erkennt man bereits angedeutet das Heil für die Nationen, über das irdische Israel hinausreichend. Abraham war ein Götzendiener, und er wurde aus reiner Gnade von Gott selbst aus der heidnischen Götzenwelt nach der Flut auserwählt, um einen Neuanfang zu machen, nachdem der Götzendienst wieder überall um sich gegriffen hatte. Das Volk Israel wurde von Gott zunächst als das Volk auserwählt, welchem er im Alten Testament seine Ratschlüsse und Aussprüche mitteilen würde. Siehe hierzu Rö 3,2 und Am 3,2. In einem weiteren Schritt würde das Heil dann nach den ewigen Ratschlüssen Gottes durch den aus dem irdischen Israel geborenen Messias Jesus Christus zu allen Nationen der Erde kommen, wie es bereits in Jes 49,5-6 im AT deutlich gesagt wird.

Abraham erhielt das Zeichen der Beschneidung im Fleisch für die Juden am achten Tag des Lebens in 1Mo 17,12. Jeder Jude, der sich nicht beschneiden lassen wollte oder seine Söhne nicht beschneiden ließ, sollte aus dem Volk ausgerottet werden, weil er den Bund gebrochen hatte (1Mo 17,14). Dies hat eine geistliche Bedeutung: Der achte Tag als der Tag der Beschneidung deutet bereits seit Abraham auf den neuen Bund hin, denn er ist der erste Tag der neuen Woche, der Auferstehungstag des Herrn Jesus Christus. Nach Kol 2,11 ist die Gemeinde des neuen Bundes mit Christus in seinem Tod geistlich beschnitten mit seiner Beschneidung. So wie das leibliche Zeichen des alten Bundes die Beschneidung des Fleisches für das irdische Bundesvolk Israel war, so ist das geistliche Zeichen des neuen Bundes die geistliche Beschneidung des Herzens der Gläubigen im heutigen geistlichen und ewigen Bundesvolk, der Gemeinde Jesu Christi. Sie geschieht nicht am Fleisch mit der Hand, sondern am Geist bei der Wiedergeburt aus Glauben: Joh 1,11-12; Rö 8,9; Kol 2,11; Phil 3,3. Das äußerliche Zeichen des neuen und ewigen Bundes ist das Mahl des Herrn.

Der Herr bezeichnete im AT Israel als seinen Weinstock (Ps 80,8; Jes 5; Jer 2,21). Außerdem erhielt Israel am Berg Sinai bei der Gesetzgebung einen gewaltigen Auftrag:

2Mo 19,5-6: „Und nun, wenn Ihr fleißig auf meine Stimme hören und meinen Bund halten werdet, so sollt Ihr mein Eigentum sein aus allen Völkern; denn die ganze Erde ist mein; Ihr sollt mir ein Königreich von Priestern und eine heilige Nation sein.

Das Volk Israel versagte jedoch gänzlich darin, dem Auftrag Gottes gerecht zu werden. Dann kam der Sohn Gottes auf diese Erde, und er sagte entscheidende Dinge: In Joh 15,1 heißt es aus dem Mund des Herrn Jesus Christus: „Ich bin der wahre Weinstock…“. Das Identitätszentrum der Gläubigen des neuen Bundes würde also nicht weiterhin das irdische Volk Israel und die Zugehörigkeit zu diesem Volk sein (Jes 5), sondern die Person des Herrn selbst. Warum das?

Der Herr erklärt es im Gleichnis von den bösen Weingärtnern, welches er direkt auf die ungläubigen Juden und auf die Pharisäer anwendet:

Mt 21,43: „Darum sage ich euch (den ungläubigen Juden und den Pharisäern): Das Reich Gottes wird von euch genommen und einem Volk gegeben werden, das dessen Früchte bringt.

Das neue und andere Volk, also das Volk Gottes im neuen und ewigen Bund ist nicht mehr das irdische Israel, sondern die Gemeinde Jesu Christi, bestehend aus gläubigen Juden und Nichtjuden. Dies gilt für ewig, denn der Herr verflucht den Feigenbaum, der in dieser Situation ein klares Bild für die damalige irdische Nation Israel ist und sagt:

Mt 21,18-22: „…Nun soll von Dir keine Frucht mehr kommen in Ewigkeit.

Israel als Nation wurde 100 Jahre nach dem Tod und der Auferstehung des Herrn unter Bar Kochba, einem falschen Messias, aus dem Land vertrieben.

Bemerkenswert ist, dass Israel – und zwar die messianischen und die nicht-messianischen Juden – heute wieder unter der Zulassung Gottes eine äußere Wiederherstellung als Nation im Land der Väter erlebt. Die neuzeitliche Nation Israel wurde im Jahr 1948 nach der großen Diaspora unter der Zulassung Gottes wieder in das alte Land der Väter eingesetzt und sie wird möglicherweise noch politische und militärische Siege erringen. Sie wird aber als weltliche Nation keine geistliche Frucht mehr für Gott bringen. Frucht für Gott wird nur noch der gläubige Überrest der Nation als Teil der Gemeinde Christi aus allen Nationen bringen. Der Feigenbaum trägt keine Oliven (Jak 3,12). Gott gibt momentan noch viel Segen für die Nation Israel, aber eine 1000-jährige Herrschaft über die Erde wird er Israel nicht mehr schenken.

Man erwartet in gewissen Kreisen heute noch immer das 1000-jährige Weltreich Israels, von welchem bereits die alten Pharisäer nach dem Verlust des davidischen Königreiches Israels während der darauf folgenden babylonischen Gefangenschaft geredet hatten. Diese Lehren wurden nach dem Tod und der Auferstehung des Herrn Jesus Christus, des Messias Israels und der ganzen Welt, von den Pharisäern und Rabbinern im Talmud und im Zohar schriftlich festgehalten. Die Pharisäer im damaligen Israel wollten nicht akzeptieren, dass der Herr ein geistliches und ewiges Reich aufgerichtet hatte, welches nicht von dieser Welt war (Joh 18,36). Sie hatten den Messias an die Römer ausgeliefert, weil er ihre Erwartungen auf die politische Weltherrschaft Israels enttäuscht hatte und ihnen das Reich weggenommen hatte.

Die heutigen orthodoxen Talmudrabbiner wollen diese Tatsachen noch immer nicht akzeptieren. In der heutigen Zeit hat Israel gewissermaßen sein menschliches Schicksal in die eigenen Hände genommen. Gott liebt die Nation Israel wie alle Nationen, und er wird sie für eine Zeit gewähren lassen. Er wird noch viele Menschen aus Israel und aus allen anderen Nationen der Erde durch das Evangelium erretten. Am Ende wird jedoch der Herr Jesus Christus selbst wiederkommen, um am letzten Tag sein ewiges Reich auf der neuen Erde und unter dem neuen Himmel aufzurichten.

Über die Gemeinde Christi sagt das Neue Testament einige bemerkenswerte Dinge.

Off 1,6: „…und uns zu Königen und Priestern gemacht hat für seinen Gott und Vater…

1Pe 2,9: „Ihr aber seid ein auserwähltes Geschlecht, ein königliches Priestertum, ein heiliges Volk, ein Volk des Eigentums, …

Tit 2,14: „…um uns von aller Gesetzlosigkeit zu erlösen und für sich selbst ein Volk zum besonderen Eigentum zu reinigen, das eifrig ist, gute Werke zu tun.

Hier finden sich alle Elemente aus 2Mo 19,5-6 wieder. Was das natürliche Israel im Fleisch nicht erfüllen konnte, das wurde durch den Herrn selbst erfüllt, und es wird aus Gnade Gottes mittels des Glaubens den Gliedern der Gemeinde im neuen Bund zugerechnet als Gerechtigkeit. In Christus, also geistlich gesehen im Heiligen Geist, ist die Gemeinde der Gläubigen aus allen Nationen der Erde als Volk des neuen Bundes zu dem Volk des Segens geworden, welches Israel als Volk nach dem Fleisch nicht mehr sein konnte. Und hier beginnen nun die Schwierigkeiten der Auslegung.

Einige sagen, dass die Gemeinde Christi Israel in den Segenswegen Gottes vollständig ersetzt habe, und dass Israel gar keinen Segen mehr im neuen Bund zu erwarten habe. Sie erkennen nicht, dass die Gemeinde sich zusammensetzt aus Gläubigen aus den Nationen und aus den Juden. Viele Nichtjuden werden Kinder Gottes, und viele Juden werden es auch. Andere wiederum sagen, dass Israel jetzt beiseite gesetzt ist, und dass es erst in der fernen Zukunft wieder einen gewaltigen Segen zu erwarten habe, der jetzt noch nicht sichtbar sei. Sie erkennen nicht, dass der Segen Gottes in genauso gewaltiger Art und Weise bereits hier und heute auf alle Juden übergeht, die den Messias Jesus Christus annehmen, genau wie auf die Nationen. Die Gemeinde Jesu Christi wird am Ende dieser Zeit nicht nur ihre Vollzahl aus allen Nationen beinhalten, sondern auch ihre Vollzahl aus dem irdischen Volk Israel.

Der Schlüssel zum richtigen Verständnis liegt einerseits in den wichtigen Passagen des Galaterbriefes, welcher die geistliche Abstammung aller Gläubigen aus Israel und aus den Nationen von Abraham klar darlegt. Die wichtigsten Passagen sind hierbei Gal 3 und 4, sowie Gal 6,16. Andererseits in den drei Kapiteln Rö 9-11: Hier antwortet Paulus gewissermaßen auf einen möglichen Einwand, welcher sich aus Rö 1-8 ergibt. Dort wurde das Evangelium ausführlich beschrieben, und es wurde genau erklärt. Am Ende von Kapitel 8 ist alles wunderbar geordnet, es endet mit einer herrlichen geistlichen Gewissheit. Alles ist gut!

Dann kommt aber der Einwand: „Moment mal, Paulus: Sieh Dir die Verheißungen an, die den Juden gegeben wurden. Es scheint gar nicht so, als würden sie sich erfüllen. Wie viele Juden sind in der Gemeinde? Sie scheint hauptsächlich aus Nichtjuden zu bestehen, und die Juden verfolgen die Gemeinde an allen Orten genauso hart wie die Römer, ja sie arbeiten sogar mit den Römern zusammen. Wenn das, was du in Kapitel 1-8 deines Briefes gesagt hast, richtig ist und wenn Gottes Verheißungen absolut gewiss sind, was sagst du uns denn dann über die Stellung der Juden?“ Um diese Frage zu klären, verwendet Paulus nicht nur einige wenige Verse, sondern er schreibt eine ausführliche Erörterung in drei vollständigen Kapiteln, bevor er sich dem nächsten Thema seines Briefes zuwendet. Diese gesamte Erörterung muss in ihrem korrekten Kontext betrachtet werden, und zwar auch im Zusammenhang mit anderen Stellen des Neuen Testamentes (von welchen wir ja schon einige genannt haben).

Paulus eröffnet seine Argumentation in Rö 9,6-8:

…Denn nicht alle, die von Israel abstammen, sind Israel … sondern die Kinder der Verheißung werden als Same gerechnet.

Siehe auch Rö 2,28-29. In Gal 6,16 spricht der Apostel zu allen Gläubigen in Galatien, und er unterscheidet dabei die Gläubigen aus den Nationen vom Israel Gottes. Es sind dort zwei Gruppen. Was bedeutet das? Sowohl im Alten als auch im Neuen Testament gab es unter dem gesamten irdischen Volk Israel zwei Gruppen: Das ungläubige Israel nach dem Fleisch und das gläubige Israel Gottes. Die erste Gruppe war zwar am Fleisch beschnitten, jedoch nicht am Herzen. Die zweite Gruppe war am Fleisch und am Herzen beschnitten. Sie war das eigentliche Israel nach den Gedanken Gottes innerhalb des gesamten Volkes Israel nach dem Fleisch. Sie wird auch als der Überrest nach Wahl der Gnade bezeichnet (Rö 11,5).

Hier findet sich die Gleichsetzung mit dem gläubigen Überrest zur Zeit Elias. Auch Jakobus weist in seinem Brief darauf hin. Im alten Bund erwartete das gläubige Israel die Ankunft des Messias nach dem Wort der Propheten. Wir sehen das deutlich im Dienst des Johannes in den Evangelien und in den ersten Kapiteln des Lukasevangeliums. Der treue Überrest Israels erwartete den Messias. Diese Leute waren die gläubigen Israeliten des Alten Testamentes. Das Israel nach dem Fleisch kooperierte im Alten Testament mit den Feinden des Volkes, beim Kommen des Messias mit den Römern. Daneben gab es auch noch eine geringe Zahl von Gläubigen aus den Nationen (siehe zum Beispiel Hiob). Alle Gläubigen waren aus Gottes Sicht gerechtfertigt aufgrund ihrer ausharrenden Erwartung des Erlösers.

Dann kam der Messias, der Herr Jesus Christus. Er vollbrachte das Werk der Erlösung, und zwar für Israel und für alle Nationen. Auch das sagten die alten Schriften voraus (1Mo 12,3; Ps 2; Jes 9; Jes 49 und andere Stellen). In Apg 2 erklärte Petrus vor dem gesamten Volk Israel, dass nur dieser Jesus, den man gekreuzigt hatte, der Retter sei. Von diesem Tag an konnte kein Israelit mehr gerechtfertigt werden durch die Darbringung der Opfer unter dem Gesetz aus dem alten Bund in Verbindung mit der hoffnungsvollen Erwartung des kommenden Messias. So war es mit dem Überrest des Alten Testamentes gewesen. Jeder Jude konnte nur noch dadurch errettet werden, dass er persönlich an das blutige Opfer des Lammes Gottes auf Golgatha glaubte, seine Sünden bekannte und im Heiligen Geist neugeboren wurde. Durch diesen Glauben ging der betreffende Jude über vom Israel nach dem Fleisch zum Israel Gottes, also zum gläubigen Überrest Israels des Neuen Testamentes.

Dieses Angebot Gottes, das allen Juden an allen Orten gemacht wurde, nahmen nur relativ wenige Juden an, sieht man einmal von den ersten Jahren in Jerusalem ab. Der Überrest nach Wahl der Gnade, also das Israel Gottes innerhalb des gesamten Volkes Israel, war immer relativ klein, bisweilen sogar sehr klein gegenüber der ungläubigen Mehrheit des Israels nach dem Fleisch. Heute ist es noch immer so: viel Israel nach dem Fleisch, wenig Israel Gottes (heutzutage auch gerne bezeichnet als die messianischen Juden). Auch im heutigen Land Israel gibt es noch immer Christenverfolgung.

Für die anderen Nationen war es so, dass das Evangelium zu ihnen kam, und dass sich mit der Zeit eine viel größere Anzahl von ihnen zu Christus bekehrte, als es unter den Juden der Fall war. Das ist bis heute noch immer so. In der Gemeinde des Herrn Jesus Christus, also in dem Volk, das geistlich beschnitten ist mit der Beschneidung des Christus (Kol 2,11) und somit das Israel nach dem Geist darstellt (das ist das neue Volk des Segens im neuen Bund, die geistliche Beschneidung nach Rö 2,28-29 und Phil 3,3) gibt es noch immer viel mehr Gläubige aus den übrigen Nationen als aus Israel.

Diese Dinge erklärt der Apostel im Gleichnis vom Ölbaum in Rö 11,17-24. Abraham ist die Wurzel, denn ihm wurde durch seinen Nachkommen, den Messias, der Segen für Israel und alle Nationen verheißen. Der Ölbaum selbst ist der Ort des geistlichen Segens für alle Gläubigen aus Israel und aus den Nationen, aus dem das Öl (ein Bild des Segens durch den Heiligen Geist) herausfließt. Das Volk Israel nach dem Fleisch wurde als Ganzes zunächst ausgebrochen; aber jeder Israelit, der gläubig den Messias annimmt, wird wieder eingepfropft. Die Gläubigen aus den Nationen sind neu eingepfropft, denn sie gehörten im alten Bund gar nicht zum Baum. Auch sie werden aber von der Wurzel Abraham (Segen für alle Nationen) getragen. Die Gesamtheit der Zweige des Baumes besteht also zum einen aus den Gläubigen aus den Nationen, zum anderen aus dem gläubig gewordenen Überrest aus Israel. Diese zusammen bilden das geistliche Israel, das Volk mit der Beschneidung nach dem Geist (Mt 21,43; Phil 3,3; Kol 2,11), das ist die Gemeinde des neuen Bundes. Draußen sind die Ungläubigen aus Israel, also das Israel nach dem Fleisch, sowie die Ungläubigen aus den Nationen.

Am Ende all seiner Erklärungen gibt Paulus dann eine Zusammenfassung. Es heißt dort:

Rö 11,26-27 „…und so (nicht: „nach diesem, danach“, sondern: „so, auf diese Art und Weise“) wird ganz Israel gerettet werden wie geschrieben steht: Aus Zion wird der Erlöser kommen und die Gottlosigkeiten von Israel abwenden, und das ist mein Bund mit ihnen, wenn ich ihre Sünden wegnehmen werde.

Dieser Vers sagt nichts über eine zeitliche Abfolge von Ereignissen aus, sondern er redet über die Art und Weise, auf welche Israel gerettet werden wird: Nämlich „so“, das ist schlicht und einfach, indem sie an den Messias glauben, genau wie die Nationen! Vers 27 weist deutlich auf den Wortlaut des Textes des neuen Bundes in Jer 31,31-34 hin, dessen Erfüllung für die neutestamentliche Gemeinde wir in Hebr 8,8-13 wörtlich finden. Die Anwendung dieser Heilstatsachen des neuen Bundes für die Gemeinde geht im Hebräerbrief eindeutig nicht auf die Zukunft, sondern auf die Gegenwart des Gemeindezeitalters. Was ist nun unter „ganz Israel“ im Zusammenhang von Rö 11,26 zu verstehen? Die Antwort auf diese Frage ist etwas schwierig. Es gibt im Wesentlichen zwei mögliche Auslegungen:

Die klassische reformatorische Auslegung sagt aus, dass Gott eine bestimmte Zahl unter den Nationen hat, welche er retten wird. Danach wird eine Zeit kurz vor dem Kommen des Herrn anbrechen, wenn Israel eine massenhafte Bekehrung zum Herrn erleben wird. „Ganz Israel“ ist nach dieser Auslegung im korporativen Sinn zu verstehen und bedeutet: „die überwiegende Mehrheit der Nation“. Diese kurze Zeit der massenhaften Erweckung in Israel wird der Wiederkunft des Herrn unmittelbar vorangehen. Die Sammlung der irdischen Nation Israel in unseren Tagen scheint ein klares Vorzeichen für diese letzte große Bekehrung in Israel zu sein.

Die zweite Auslegung besagt folgendes: Gott hatte zu allen Zeiten seinen gläubigen Überrest in Israel, und zwar im alten wie im neuen Bund. In der Zeit der Patriarchen bestand der Überrest aus Abraham und seinen direkten Nachkommen, welche ohne Gesetz mit Gott wandelten, ihm glaubten und gehorchten, und von ihm gesegnet und errettet wurden. Im alten Bund vom Sinai war der Überrest dadurch gekennzeichnet, dass er seine Sünden gläubig bekannte und den Opferdienst im persönlichen Vertrauen auf die Gnade des Bundesgottes Israels und in der hoffnungsvollen Erwartung des kommenden Messias versah. Im neuen und ewigen Bund ist der Überrest des irdischen Israels dadurch gekennzeichnet, dass er an den Messias Jesus Christus und an sein endgültiges Opfer von Golgatha glaubt. Ebenso wie es beim Kommen des Herrn Jesus am letzten Tag eine Vollzahl aus den Nationen in der Gemeinde geben wird, so wird es an diesem Tag auch eine Vollzahl aus dem irdischen Volk Israel in der Gemeinde Christi geben, nämlich die Summe aller gläubigen Israeliten seit Bestehen des neuen Bundes.

Die Gesamtheit aller „Überrestisraeliten“ des alten und des neuen Bundes ist schließlich „ganz Israel“ in Rö 11,26. Es ist die endgültige Summe aller Israeliten, welche zu allen Zeiten seit Bestehen des Volkes Israel das gläubige Israel dargestellt haben. Der gläubige Überrest des alten Bundes wurde errettet, weil er vorausschauend auf das Kommen und das Werk des Erlösers gewartet hatte. Der gläubige Überrest des neuen Bundes wird genau wie die Nationen durch den Glauben an das nunmehr in der Vergangenheit liegende und vollbrachte Werk des Erlösers gerettet.

Die letztgenannte Auslegung ist möglicherweise die bessere, denn sie lässt es nicht zu, aufgrund eines sichtbaren äußeren Erfolges in der Israelmission das baldige Kommen des Herrn Jesus abzuleiten. Wir können nur sagen, dass die Vollzahl der Nationen und die Vollzahl Israels am Tag der Ankunft des Herrn eingegangen sein wird. Wir können aber nicht anhand äußerer Phänomene wie etwa konkreter Bekehrungszahlen, diesen Tag erkennen. Der Herr sagt, dass niemand den Tag und die Stunde seines Kommens wissen kann. Die letztgenannte Deutung harmoniert am besten mit diesem Wort. 

 

3.2 Das Evangelium des Reiches

Die Vorentrückungslehre unterscheidet zwischen dem „Evangelium der Gnade“, welches heute verkündigt wird, und dem „Evangelium des Reiches“, welches nach der geheimen Entrückung der Gemeinde verkündigt werden wird. Ich habe den bescheidenen Eindruck, dass diese Unterscheidung biblisch nicht haltbar ist. (Anmerkung: Die nachfolgenden Erläuterungen entstammen in ihren Grundzügen dem Büchlein: „Siehe, ER kommt mit den Wolken“ von Manfred Schäller, erschienen im Verlag Jota-Publikationen, Hammerbrücke)

Das Evangelium des Reiches wird in Mt 24,14 erwähnt (bitte lesen Sie selbst alle zitierten Verse in ihrer Bibel, denn es wäre im Rahmen dieser Abhandlung zu umfänglich, sie alle aufzuschreiben). In Mk 13,10 bezieht sich der Evangelist unter der Leitung des Heiligen Geistes auf dasselbe Ereignis. Dort ist aber ganz einfach die Rede vom Evangelium. Wenn das „Evangelium des Reiches“ bei Matthäus etwas anderes wäre als das „Evangelium“ bei Markus, dann hätte einer der beiden Evangelisten seine Leser in die Irre geführt. Man bedenke: „Nicht nur die synoptischen Übereinstimmungen, sondern auch die Unterschiede und Abweichungen fallen unter das Geheimnis der Schriftinspiration. Auch sie sind eine Hilfe, den gottgemeinten Sinn einer Stelle zu ermitteln.“ (M. Schäller: Siehe, Er kommt mit den Wolken. Jota-Publikationen Hammerbrücke, S. 68). Mit anderen Worten: Da die beiden Evangelisten unzweifelhaft über die gleiche Sache reden, muss das „Evangelium des Reiches“ bei Matthäus genau dieselbe Sache sein wie das „Evangelium“ bei Markus. Es gibt keinen anderen logischen Schluss, den der objektive Vergleich der beiden Schriftstellen zulässt.

Diese Deutung wird durch weitere Schriftstellen untermauert. Bitte lesen Sie die folgenden Verse für sich selbst: Mt 3,2; Mt 12,28; Lk 17,20-21; Apg 8,12; 14,22; 20,25; 28,23; 28,30; Alle Stellen reden über das Evangelium des Reiches oder über das Reich Gottes. Ein weiterer Vers soll noch zitiert werden. Lk 16,16:

Das Gesetz und die Propheten waren (weissagten) bis auf Johannes; von da an wird das Reich Gottes verkündigt.

Nicht erst nach der geheimen Vorentrückung, sondern bereits seit Johannes.

 

3.3 Die Begriffe Parusie und Epiphanie

Die Vorentrückungslehre unterscheidet zwischen der verborgenen Ankunft („Parusie“) des Herrn Jesus Christus für seine Gläubigen zur „geheimen Entrückung“ vor dem Auftreten des Antichristen und der großen Drangsal und der mindestens sieben Jahre später stattfindenden öffentlich sichtbaren Erscheinung („Epiphanie“) zusammen mit seinen Gläubigen zum Gericht über die Welt. Erich Sauer schrieb in seinem Werk: „Triumph des Gekreuzigten“ (10. Auflage, S. 121): „Parusie beziehungsweise Epiphanie waren in der ganzen östlichen Welt der Pauluszeit der technische Ausdruck für den Besuch eines Königs oder Kaisers (zum Beispiel Parusie Neros oder Hadrians und so weiter).“ Alle Exegeten sind sich darüber einig, dass wir es hier mit einem „synonymen Parallelismus membrorum“ zu tun haben. Beide Wörter bedeuten also das Gleiche, sie sind Synonyme! Was sagen andere Bibelverse dazu?

Mal 3,2: „Wer kann den Tag seiner Ankunft (Parusie) ertragen, und wer wird bestehen bei seiner Erscheinung (Epiphanie)?

Hier finden wir synonym beide Begriffe in einem Vers, welcher zweimal hintereinander von genau demselben Zeitpunkt redet.

1Tim 6,13-14: „Ich gebiete dir (…) dass du das Gebot (…) bewahrst bis zur Erscheinung (Epiphanie, also die sichtbare Erscheinung) unseres Herrn Jesus Christus.

Diese Aussage des Paulus ist unvereinbar mit der Lehre, das Ankunft („Parusie“) und Erscheinung („Epiphanie“) zwei ganz verschiedene Dinge seien, die mindestens sieben Jahre voneinander getrennt seien. Die Vertreter einer „geheimen Entrückung“ müssten hier lesen: Parusie.

2Tim 4,8: „(…) fortan liegt mir bereit die Krone der Gerechtigkeit, welche der Herr, der gerechte Richter, mir zur Vergeltung geben wird an jenem Tage; nicht allein aber mir, sondern auch allen, die seine Erscheinung (Epiphanie, also die sichtbare öffentliche Erscheinung) lieben.

Der Tag, auf den die Hoffnungen des Paulus gerichtet waren, war der Tag der öffentlich sichtbaren Erscheinung des Herrn, und nicht der Tag einer „geheimen Ankunft“.

1Pe 1,13: „Deshalb umgürtet die Lenden eurer Gesinnung, seid nüchtern und hoffet völlig auf die Gnade, die euch gebracht wird bei der Offenbarung (Apokalypsis) Jesu Christi.

Hier haben wir ein weiteres Synonym, nämlich „apokalypsis“: Das sichtbare Hervortreten oder Geoffenbartwerden des bisher unsichtbar Gegenwärtigen. Die Gnade wird uns allen natürlich in demselben Augenblick gebracht werden, in welchem wir dem Herrn begegnen werden, das ist wohl klar. Unser Vers sagt nun aber gerade aus, dass dieser Augenblick erst bei der sichtbaren Offenbarung des Herrn kommen wird. Das schließt eine „geheime und unsichtbare Entrückung“ aus. Als Gegenargument wird gesagt, dass diese Apokalypsis mit der „geheimen, für die Welt unsichtbaren, für uns aber sichtbaren Entrückung“ gleichzusetzen sei. Es gibt dabei aber ein großes Problem: Wo steht das? Der Text sagt es nicht, und wir dürfen in unserer Auslegung nicht über das hinausgehen, was geschrieben steht (1Kor 4,6). Es wird also etwas in den Bibeltext hineingelesen, was gar nicht da steht, um diesen Text der bestehenden Lehre von der Vorentrückung anzupassen. Eisegese statt Exegese. Diese Art der Schriftauslegung sollten wir uns als Christen eigentlich nicht erlauben.

1Joh 2,28: „Und nun, Kinder, bleibet in Ihm, damit wir Freimütigkeit haben, wenn er geoffenbart werden wird (Epiphanie), und uns nicht schämen müssen bei seiner Ankunft (Parusie).“

Hier finden wir wieder beide Synonyme in einem einzigen Vers, welcher über den gleichen Augenblick in zweifacher Art und Weise spricht. Beide Begriffe sind synonym. Es ist beim besten Willen keine andere Deutung möglich.

 

3.4  1. Thessalonicher 4,13-18

Noch ein kurzes Wort zur zweiten Auferstehung am letzten Tag. In 1Thess 4,17 heißt es:

Danach werden wir, die wir leben und übrigbleiben, zusammen mit ihnen (das ist mit den früher gestorbenen und jetzt ganz kurz zuvor auferweckten Christen des Gemeindezeitalters) entrückt werden („harpazo“: hinwegreißen) in Wolken, zur Begegnung mit dem Herrn, in die Luft („eis apantesin kyriou eis aera“: zur Abholung des Herrn in der Luft), und so werden wir bei dem Herrn sein allezeit.

Zu dem Begriff der Abholung des Herrn sagt Prof. F.F. Bruce (ein weltweit anerkannter Neutestamentler, der den Brüdergemeinden in England angehört) folgendes (in Brockhaus, Kommentar zur Bibel, Band 4, S. 442): „Wenn in hellenistischer Zeit ein Würdenträger (der Regierung) einer Stadt einen offiziellen Besuch („parousia“) abstattete, zogen ihm die führenden Bürger entgegen, um ihn willkommen zu heißen und auf dem letzten Stück der Reise zu geleiten. Das nannte man die „apantesis“. Das Wort wird mit ähnlichem Sinn in Mt 25,6 und Apg 28,15 gebraucht. Es ist ein sprechendes Bild: Der Herr wird von den Seinen das letzte Stück zur Erde begleitet, wobei die jetzt erst von den Toten Auferweckten und die, die am Leben geblieben waren, vereinigt werden.“ (Zitat aus: Manfred Schäller: „Siehe, Er kommt mit den Wolken“. Jota-Publikationen, Hammerbrücke, S. 91).

Nach dieser Auslegung sagen die Verse 1Thess 4,16-17 folgendes aus: Der Herr wird bei der letzten Posaune, am letzten Tag, aus dem Himmel herabkommen in die Wolken. Die entschlafenen Gläubigen des Gemeindezeitalters werden auferweckt in einem Nu. Ihre auferstandenen und verherrlichten Leiber werden mit ihren Seelen vereinigt. Danach werden die noch lebenden Gläubigen leiblich verherrlicht, ebenfalls in einem Nu, und auch sie werden mit verherrlichten Leibern und ihren Seelen da stehen. Dann werden alle Gläubigen hochgerissen in die Wolken zu dem Herrn, der sie dort erwartet. Vor den Augen des Fürsten der Gewalt der Luft, des Satans, werden die Gläubigen im Luftraum dem Herrn begegnen. Sie werden ihn dort abholen („eis apantesin kyriou eis aera“). Sie werden ihn auf dem letzten Stück seines Weges aus den Wolken herab zur Erde begleiten. Derr Herr wird also auf seinem Weg aus dem Himmel zur Erde in den Wolken anhalten, sich dort mit allen seinen Heiligen vereinigen und unmittelbar danach mit allen seinen Heiligen zum Gericht auf die Erde herabkommen. Die Entrückung der Gläubigen wird sich somit nicht in verborgener Weise ereignen, sondern vor den Augen aller Ungläubigen der Welt unter Entfaltung kolossaler Machtzeichen bei der Ankunft des Herrn.

 

3.5  2. Thessalonicher 2

Paulus bezieht sich auf die Aussagen über die Entrückung, die er den Thessalonichern bereits im ersten Brief erklärt hat. In 2Thess 1 sind die Thessalonicher in vielen Bedrängnissen und sie leiden um des Reiches Gottes willen. Dies geht bis zur Offenbarung, also bis zur sichtbaren Erscheinung des Herrn Jesus („apokalypsis“ in 1,7). Bis dahin muss die Gemeinde von der Welt leiden. Bei der apokalypsis, also bei der öffentlichen Erscheinung, der Offenbarung des Herrn erhalten sie Ruhe, und nicht vorher. Der Herr bringt genau an jenem Tag Feuer über die Feinde (siehe auch 2Pe 3,10). Das Kapitel sagt also aus, dass die Gläubigen auf der Erde sein werden bis zur sichtbaren Ankunft des Herrn zum Gericht über die Welt.

In Kapitel 2 geht es dann im Vers 1 um die „(…) Wiederkunft unseres Herrn Jesus Christus und unseres Versammeltwerdens zu ihm hin.“ Das ist im Kontext und im Textsinn der Tag der Entrückung, welcher im ersten Brief besprochen wurde, und welcher im ersten Kapitel des zweiten Briefes nochmals erwähnt wurde als der kommende Tag der Ruhe für Gläubigen und des Gerichts für die Ungläubigen. Die Gläubigen werden an dem gleichen Tag entrückt, an welchem der Herr kommt, nämlich am letzten Tag. Wie das genau ablaufen wird, wurde unter 1Thess 4,13-18 (siehe zuvor) erklärt. Danach wird in Vers 3 gesagt, dass dieser Tag erst kommen kann nach dem Abfall und nach der Offenbarung des Menschen der Sünde. Die Entrückung kommt nach dieser Offenbarung, und nicht davor.

Wer der Zurückhaltende in Vers 6 und 7 ist, können wir nicht wissen, denn die Bibel sagt es uns nicht. Die Thessalonicher wussten es, denn Paulus hatte es ihnen gesagt. Wir wissen es aber nicht. Wenn es der Heilige Geist wäre, dann sei die folgende Frage gestattet: Wie könnte es möglich sein, dass sich auf der Erde noch irgendein Mensch bekehren könnte, wenn der Heilige Geist nicht mehr da wäre? Nach Johannes 16,8 überführt der Heilige Geist die Menschen von Sünde, von Gerechtigkeit und von Gericht. Der Bibeltext scheint wie gerade besprochen eher auszusagen, dass die Gemeinde und somit natürlich auch der in ihr wohnende Heilige Geist bis zur Offenbarung des Herrn am letzten Tag auf der Erde sein wird. Auch „der Antichrist“ könnte gegen nichts „anti“ sein, wenn Christus nicht mehr in seiner Gemeinde auf der Erde anwesend wäre.

Andere Schriftstellen, wie zum Beispiel das Gleichnis vom Unkraut im Acker in Mt 13 sagen klar, dass die Ernte erst in der Vollendung des Zeitalters sein wird, und dass das Böse zusammen mit dem Guten bis zum Ende ausreifen muss. Die Weltgeschichte zeigt dies ebenfalls. In Anwesenheit des Heiligen Geistes auf dieser Erde, der in Ihm selbst in aller Fülle wohnte, wurde der Herr gefangen genommen und hingerichtet. In Anwesenheit des Geistes entstand im 7. Jahrhundert nach Christus die satanischste aller Weltreligionen, nämlich der Islam. In Anwesenheit des Heiligen Geistes tobten sich weltweit die Marxisten und die Nationalsozialisten aus. Das Böse reift in Anwesenheit des Guten bis zum Ende aus. Die Vollendung des Zeitalters (des Äons) der Gegenwart kommt erst am allerletzten Tag, wenn der Herr erscheint, bei seiner „apokalypsis“, bei seiner Offenbarung. An genau diesem Tag wird die Gemeinde entrückt. Weitere Verse, welche das Leiden der Christen in der Welt beschreiben: Joh 16,33; 2Tim 3,12, 1Pe 4,12; Joh 21,19; Apg 14,22.

Wer könnte der „katechon“, der Zurückhaltende nach allem bisher Gesagten sein? Bitte lassen Sie mich Ihnen in Demut und im Bewusstsein meiner eigenen mangelhaften Erkenntnis einen Vorschlag machen. Off 20 spricht über einen starken Engel, welcher den Satan bindet und in den Abgrund wirft, und zwar sehr wahrscheinlich zu Beginn des Zeitalters der Gemeinde. Siehe hierzu die Ausarbeitung des Kommentars zur Offenbarung von William Hendriksen im Internet unter www.derdrachekommt.de/pdf/Mehr_als_Ueberwinder.pdf.

In Offenbarung 12,7-9 sehen wir den gleichen Vorgang kurz nach der Himmelfahrt des Herrn. Dort wird der Erzengel Michael als derjenige benannt, der den Satan aus dem Himmel hinaus auf die Erde wirft. Vergleiche hierzu auch Joh 12,31-32. Ich glaube in aller Bescheidenheit, dass Michael oder ein anderer sehr starker Engel derjenige sein könnte, welcher den Satan bis zu dem Zeitpunkt kurz vor dem Ende des Gemeindezeitalters in Schach halten muss, bis Gott beschließt, den Teufel loszulassen und den Antichristen aufkommen zu lassen. (Bis hierhin die Erläuterungen von Manfred Schäller in teils abgewandelter und vom Schreiber des vorliegenden Textes durch einige Passagen noch ergänzter Form.)

 

3.6 Einige weitere Argumente in Stichworten

Die Aufnahme Henochs in den Himmel wird von den Vertretern der Vorentrückungslehre als ein Bild für die Entrückung vor der großen Drangsal angesehen.

1Mo 5,24: „Und Henoch wandelte mit Gott, und er war nicht mehr, denn Gott hatte ihn hinweggenommen.

Wenn wir den Kontext dieses Verses betrachten, dann entstehen Zweifel an dieser Lehre. Berechnen wir einmal die Zahlen, dann zeigt sich, dass das Gericht der Flut über die Erde kam, als Henoch bereits seit 669 Jahren im Himmel war. Wenn wir das mit heute einmal vergleichen, dann wäre es ungefähr so: Wenn das Gericht im Jahr 2015 käme, dann hätte die geheime Entrückung bereits vor etwa 669 Jahren stattfinden müssen. Das wäre dann das Jahr 1346 gewesen. Oder anders gesagt: Wenn die Entrückung im Jahr 2015 noch käme, dann könnte das Endgericht erst nach 669 Jahren folgen, also frühestens im Jahr 2684, eventuell sogar noch später. Der Gedankengang erscheint schwer nachvollziehbar. Es liegen Jahrhunderte dazwischen.

Das Eintreten von Noah und seiner Familie in die Arche wird ebenso von manchen Gläubigen als ein Bild für die Entrückung vor der großen Drangsal gesehen. Halten wir uns jedoch vor Augen, dass Noah an genau demselben Tag in die Arche ging, an welchem der Regen und die Flut begannen (1Mo 7,11-13). Danach wurde kein einziger Mensch mehr gerettet. Es war das absolute Ende, das weltweite Gericht. Diese Tatsache ist ein Bild dafür, dass die Gläubigen unmittelbar bei der Ankunft des Herrn zu ihm gehen, und dass noch an demselben Tag das weltweite Gericht beginnt. Das Bild von Noah weist also nicht auf eine Entrückung vor Beginn der großen Drangsal hin, sondern eher auf eine Entrückung beim Kommen des Herrn zum Weltgericht. Dieses Gericht wird niemand überleben, genauso wie auch niemand außer Noah und seiner Familie die Flut überlebte. Die Zeit der letzten Drangsal vor dem Kommen des Herrn ist in der Geschichte Noahs dadurch repräsentiert, dass die Gottlosen in seiner Zeit ihn verspotteten und ausgrenzten. Mit Sicherheit hätten sie ihn irgendwann auch getötet, wenn der Herr nicht zur rechten Zeit das Gericht gebracht hätte. Der Herr macht auch selbst genau diesen Vergleich (Mt 24,37-41; Lk 17,26-37).

Auch Lot wird oft als ein Bild für die Entrückung vor der großen Drangsal angesehen. Aber hier gilt genau das gleiche wie bei Noah. Lot und seine Familie gingen genau an demselben Tag aus Sodom heraus, an welchem das Gericht begann (1Mo 19,15-26). Es war keine Zeit mehr für die anderen. Das Gericht kam unmittelbar und total, und es kam durch Feuer und Schwefel vom Himmel, genau wie in 2Thess 1,6-8 und in 2Pe 3,10. Auch hier macht der Herr selbst den Vergleich in Lk 17,18-27.

Die Durchquerung des Roten Meeres wurde ebenfalls als ein Bild für die Entrückung vor der großen Drangsal gesehen. Das Volk Israel durchquerte jedoch das Meer, und unmittelbar danach wurden alle Ägypter ertränkt. Die Zeit der Drangsal muss wohl eher mit der Zeit der vorangehenden Plagen vor dem Auszug gleichgesetzt werden. Hier kam Drangsal über Ägypten (im Bild über die Welt), während die Gläubigen noch in der Welt waren. Gott bewahrte sein irdisches Volk durch die Drangsal hindurch.

Das Gleichnis von den 10 Jungfrauen sollte nach meiner bescheidenen Ansicht so gedeutet werden, dass es von der Auferstehung und der Entrückung unmittelbar beim Kommen des Herrn handelt. Fünf Jungfrauen sind bereitet wie die Braut in Off 19,7. Sie wachen auf und sie gehen zu dem Herrn ein (die Auferstehung und die Entrückung) in dem Augenblick seines Kommens. Die anderen wachen ebenfalls auf (Auferstehung der Ungerechten am letzten Tag), aber für sie alle ist die Tür für immer und ewig verschlossen. Dies widerspräche der Theorie, dass nach einer Entrückung vor der Drangsal während der noch folgenden Zeit weitere Menschen gerettet werden sollen. Die Entrückung wird am Ende aller Drangsale erfolgen, am letzten Tag. Danach wird niemand mehr gerettet werden, denn die Tür ist verschlossen.

Das Gleichnis vom Unkraut im Weizen in Mt 13,24-30 und 36-42 sagt das Gleiche aus. Der Weizen und das Unkraut reifen nebeneinander vollständig aus bis zum Tag der Ernte. Es ist eben gerade nicht so, dass der Weizen einige Zeit vor dem Unkraut geerntet werden soll, sondern sogar das Unkraut vor dem Weizen. Der Herr wird kommen am letzten Tag. Er wird seinen Weizen in die Scheune bringen und das Unkraut verbrennen. Der Weizen wird erst kurz nach dem Unkraut eingebracht. Das Gleichnis vom Fischnetz sagt es ebenfalls so: Die guten und die schlechten Fische sind zusammen im Netz und werden erst ganz am Schluss getrennt, wenn der Fischer das Netz entleert.

Die Entrückung geschieht gleichzeitig mit der Auferstehung der Gläubigen und der Ungläubigen am letzten Tag, bei der letzten Posaune, wenn der Herr kommt mit seinen heiligen Zehntausenden (den Engeln). Der Herr kommt mit all seinen Heiligen oder mit seinen heiligen Zehntausenden. Dies sind die Engel. Verse: Sach 14,3-5; 1Thess 3,13; Jud 14-15; Mt 13,39; 13,41; 13,49; 16,27; 24,29-31; 25,31; Mk 8,38; 13,24-27; Lk 9,26; 1Thess 4,16; 2Thess 1,7.

Der Tag des Herrn in 2Thess 2,1-4 ist derselbe Tag wie der Tag Christi. Das kann man zum einen aus der Tatsache schließen, dass verschiedene als Grundtext anerkannte Übersetzungen einerseits lesen: „Tag Christi“, andererseits „Tag des Herrn“. Die Ausdrücke sind synonym. Das erscheint auch plausibel, denn Jesus ist der wahre Christus und der Herr. Auch wird der Heilige Geist an verschiedenen Stellen der Schrift ganz selbstverständlich bezeichnet als der Geist Jesu Christi oder der Geist Christi oder der Geist des Herrn.

 

Anmerkungen zu Offenbarung 3,10: Die gängige Übersetzung lautet:

Weil du das Wort vom standhaften Ausharren auf mich bewahrt hast, werde auch ich dich bewahren vor der Stunde der Versuchung, die über den ganzen Erdkreis kommen wird (…).

Im Griechischen heißt es hier „tereo ek“, was genauso wie in Offenbarung 3,5+12+16 eine Trennung bedeuten soll. Tereo ek steht aber in 3,10 nicht in einem räumlichen Kontext wie in den drei anderen Versen, sondern in einem zeitlichen Kontext, nämlich im Kontext der „Stunde der Versuchung“. Konsultiert man dazu verschiedene anerkannte Lexika der griechischen Sprache (Wallace: Greek Grammar beyond the Basics, S. 371. Stanley E. Porter: Idioms of the Greek New Testament, S. 155. Arndt, Gingrich: A Greek English Lexicon Of The New Testament, S. 236. Thayer´s Greek-English Lexicon Of The New Testament, S. 191. Richard A. Young: Intermediate New Testament Greek, S. 95), so lernt man übereinstimmend folgendes: Wenn die Präposition “ek” in einem zeitlichen Kontext steht, dann bedeutet sie nicht eine Trennung, sondern sie zeigt einen Zeitpunkt an, von welchem an beginnend eine bestimmte Sache ausgeht. Beispiele: Mt 19,20 („(…) von (ek) meiner Jugend an“); Mk 10,20 („von (ek) meiner Jugend an“); Lk 8,27 („seit (ek) langer Zeit“); Joh 6,64 („von (ek) Beginn an“); Joh 9,1 („seit (ek) seiner Geburt“); Joh 9,32 („von (ek) Beginn des Zeitalters an“); Apg 8,33 („seit (ek) acht Jahren“) und so weiter. Genauso ist es natürlich auch in Offenbarung 3,10. Die korrekte Übersetzung sollte demnach wohl in etwa so lauten „(…) werde ich dich bewahren von Beginn der Stunde der Versuchung an, welche über den ganzen Erdkreis kommen wird (…).

Der Vers sagt also nicht aus, dass Gott die Gläubigen aus Philadelphia aus der Stunde der Versuchung heraushalten würde, sondern dass er sie von Beginn der Versuchung an durch die gesamte Stunde der Versuchung hindurch bewahren würde. Das ist etwas anderes. Das Gleiche geschah mit dem Volk Israel in Ägypten durch alle Plagen hindurch. Wenn der Vers also etwas in Hinsicht auf eine Entrückung beweist (obwohl er nach dem Wortlaut gar nicht über Entrückung redet), dann beweist er nicht eine Entrückung vor der Drangsal, sondern eine Bewahrung der Gläubigen durch die Drangsale hindurch bis zur Entrückung am letzten Tag, wenn der Herr kommt.

 

Anmerkung zu 2Thess 2,7: Die gängige Übersetzung lautet:

„Denn das Geheimnis der Gesetzlosigkeit ist schon am Wirken, nur muss der, welcher jetzt zurückhält, erst aus dem Weg sein (…).“

Die Stelle, welche mit „aus dem Weg sein“ übersetzt wird, lautet im Griechischen: „ek mesou genotai“. Genotai ist der zweite Aorist von ginomai. Die Grundbedeutung diese Verbums ist: „entstehen, geschaffen werden, geboren werden, aufkommen, erscheinen, hervorkommen“. In seiner Bedeutung „entstehen, aufkommen“ wird es an verschiedenen Stellen des Neuen Testamentes verwendet: Mt 8,24; 13,21; Mk 4,17; 4,37; Lk 6,48; 15,14; Joh 3,25; Apg 6,1; 11,19; 19,23; 23,7; 23,9; 23,10. In seinen weiteren Bedeutungen wird es an vielen Stellen des Neuen Testamentes unterschiedlich verwendet: Mt 5,18; 10,25; 18,12; 18,13; 21,19; 23,15; 23,26; 24,20; 24,21; 24,32; 24,34; 26,5. Mk 9,50; 13,18; 13,19; 13,28; 13,30. Und andere Stellen, aber es reicht jetzt. Kein einziges Mal wird es übersetzt mit „weggenommen“.

Ich wohne in Trier. Ich habe dort einen Griechen, den ich kenne, im Eiscafé nach der Bedeutung des Wortes „ginomai“ gefragt. Er bestätigte mir genau die Bedeutungen, welche soeben erwähnt wurden. Dann fragte ich ihn noch einmal ganz gezielt: „Kann das Wort auch wegnehmen bedeuten?“ Seine Antwort war: „Das denke ich nicht. Das habe ich noch nie gehört.“ Wir möchten also nun versuchen, den Vers entsprechend zu übersetzen. Zuerst die etwas eckige direkte Ableitung. Sie lautet etwa: „ek mesou genotai“ = „aus der Mitte heraus gekommen ins Dasein“. Nun die verständlichere Übersetzung unseres Verses. Sie lautet in etwa so: „Denn das Geheimnis der Gesetzlosigkeit ist schon am Wirken, nur muss der, welcher (sich) jetzt noch zurückhält (oder zurückgehalten wird), erst aus der Mitte heraus hervorgekommen (erschienen, geoffenbart worden) sein (…).“ Der Vers sagt also nicht aus, dass etwas weggenommen wird, sondern dass jemand aus der Mitte hervorkommt, der bisher noch nicht sichtbar war. Ich glaube, dass dieser der Geist des Antichristen oder die Person des „Menschen der Sünde“ sein wird. Natürlich kann ich mich sehr irren, dennoch sehe ich momentan keine bessere Alternative als die soeben geschilderte.

 

3.7 Gefahren des Glaubens an eine Vorentrückung

Aufgrund der oben genannten Argumente kann ich der Lehre von der Vorentrückung nicht (mehr) zustimmen, da sie nicht auf einer ausreichend fundierten biblischen Grundlage beruht. Sie birgt vielmehr eine ganze Reihe von Gefahren, von denen ich nachfolgend kurz einige nennen möchte.

 

1. Gefahr: Falsche Einschätzung von Gegenwart und Zukunft

Erstens bringt sie die Christen in die Gefahr, die Entwicklungen der Gegenwart und der Zukunft falsch einzuschätzen.

 

2. Gefahr: Wunschdenken leidensscheuer Christen

Zweitens ist die Lehre von der Vorentrückung meines Erachtens ein Wunschdenken, welches aus einer gewissen Leidensscheu der endzeitlichen Christen in den hochentwickelten Demokratien des Westens hervorkommt. Viele Christen, die im kriegsgeschüttelten Europa vor unserer Generation lebten, haben unsäglich gelitten, und in der Gegenwart leiden in zahlreichen Ländern der Welt mehr Christen unter schrecklichen Verfolgungen als jemals zuvor in der Geschichte. Wir sollten nicht denken, dass der Herr gerade uns entrücken wird, um uns vor Leid zu bewahren. Es kann auch in unseren Ländern noch zu schrecklichen Verfolgungen kommen, in denen viele ihr Leben verlieren können. Das ganze Buch der Offenbarung spricht sehr klar darüber, dass die Christen in der Welt schwer zu leiden haben, und dass sie im Aufblick auf den verherrlichten Herrn im Himmel überwinden können.

 

3. Gefahr: Mentalität von Laodizäa

Drittens könnte die Vorentrückungslehre der Mentalität von Laodizäa in der Christenheit Vorschub leisten. Sie ist eine Betäubungspille, denn viele (nicht alle!!) Christen sehen nicht mehr, dass der Herr sein Reich heute durch Jünger baut, welche sich heute einsetzen und dazu bereit sind, auch Opfer zu bringen und Schmach zu tragen. Die Lauheit mancher Christen basiert auf dem Gedanken, dass uns ja eigentlich nichts wirklich Schlimmes mehr passieren kann. Wir werden schon weg sein, wenn die schlimmsten Dinge kommen. Deshalb können wir es heute etwas lockerer angehen lassen, da wir ja ohnehin gerettet sind und uns keine allzu trüben Gedanken mehr machen müssen. Auf dem soeben geschilderten geistlichen Boden basiert das weichgespülte Spielwiesen- und Lobpreischristentum, das man heutzutage in der westlichen Christenheit so oft antrifft.

 

4. Gefahr: Aufbau einer Lehre ohne biblische Grundlage

Viertens habe ich persönlich Schwierigkeiten mit der Tatsache, dass der Begriff der Entrückung vor der Drangsal in der Bibel so nicht vorkommt. Es erscheint mir nicht statthaft, eine Lehre auf eine Zahl von Null Zeugen in der Schrift aufzubauen. Wir kommen gleich noch auf das Zeugenprinzip in der Bibelauslegung näher zu sprechen. Die Aussagen der Schrift sind maßgebend, und wenn diese eine Tradition oder eine menschlichen Lehre nicht stützen, dann müssen Lehre und Tradition verworfen werden.

 

5. Gefahr: Romantisierung der Vorentrückung

Fünftens neigen viele Christen dazu, das gesamte Geschehen um die Vorentrückung zu romantisieren. Ich hörte einmal von einem älteren und von mir persönlich sehr geschätzten Bruder die folgende Aussage: „Wir sind doch die Braut Christi. Der Herr liebt seine Braut viel zu sehr, als dass er es ihr zumuten könnte, noch durch die große Drangsal auf dieser Erde zu gehen. Das kann ich mir einfach nicht vorstellen!“ Ich achte und liebe den betreffenden Bruder genauso wie zuvor. Dennoch musste ich an das denken, was Paulus in Apg 14,22 zu den Geschwistern in Antiochia sagte: Dass wir nämlich durch viele Drangsale hindurch in das Reich Gottes eingehen müssen. Wie viel glücklicher und dankbarer wird sich die Braut wohl in die Arme des erscheinenden Bräutigams werfen, wenn sie aus schweren Drangsalen kommt, in denen sie zwar die leibliche Gegenwart des Bräutigams schmerzlich vermissen musste, in denen sie jedoch gleichzeitig im sicheren Bewusstsein seiner geistlichen Gegenwart von ganzem Herzen nur auf ihn allein gehofft und gewartet hat! Denken wir hierbei auch an das Hohelied im Alten Testament, welches genau die gleiche Sprache spricht.

 

6. Gefahr: Nicht übereinstimmend mit den Charakter unseres Herrn

Sechstens fällt mir sehr schwer zu glauben, dass Gott im Himmel seinem Sohn Hochzeit macht, während er auf der Erde die schwersten Gerichte in der gesamten Geschichte der Menschheit ausübt. Es fällt mir sehr schwer zu glauben, dass der Herr Jesus Christus im Himmel mit seiner Braut Wein trinkt, während er zugleich auf der Erde Ströme von Blut vergießt. Hier finde ich für mich persönlich keine Übereinstimmung mit dem Charakter unseres Herrn.

Ich kann mir sehr viel besser vorstellen, dass zuerst der letzte große Abfall stattfinden muss, an dessen Ende der Vater den Herrn Jesus auf die Erde schickt. Ich kann mir viel besser dieses vorstellen: Erst wenn die Gerichte bei der Ankunft des Herrn zu Ende sind und wenn alles auf der neuen Erde in Herrlichkeit geoffenbart ist, beginnt der Herr damit, in dieser neuen Welt mit seiner Braut für immer und ewig zu leben. Der Herr ist nicht ein Zyniker, der inmitten der eigenen Hochzeitsfeierlichkeiten die Erde verwüstet. Er ist auch nicht ein grausamer und blutrünstiger Despot, der sieben Jahre lang die Welt in unbeschreiblicher Agonie quält. Die Offenbarung darf in dieser Hinsicht nicht buchstäblich ausgelegt werden. Sie ist ein symbolisches Buch. Wenn man sie streng buchstäblich betrachten würde, dann würde dies zu unbeschreiblichen und schier endlosen Horrorszenarien mit Milliarden von Toten führen.

Diese Vorstellung widerspricht nach den Aussagen der Schrift nicht nur dem Herzen und dem Wesen des Herrn, sondern auch seinen eigenen Worten. Der Herr hat in Lukas 17 gesagt, dass es bei seiner Wiederkunft auf der Erde genau so sein wird wie in den Tagen Noahs. Das sündige und gottlose Leben der Menschen dieser Welt wird in äußerlich ruhigen Bahnen verlaufen. Die Gesetzlosigkeit wird immer mehr zunehmen. Alle werden sagen: „Friede und Sicherheit!“ Die Welt wird zwar die Christen noch hart verfolgen, ansonsten aber ganz normal in ihren gottlosen Wegen weitergehen. Genau wie in den Zeiten Noahs, in denen man den Prediger der Gerechtigkeit verspottete, wird nichts darauf hindeuten, dass Gott eingreift. Das Gericht wird plötzlich und unerwartet mit voller Wucht eintreffen. Der Herr wird bei seinem Kommen das letzte Gericht an einem einzigen Tag ausführen.

 

3.8 Zwei mögliche Szenarien der Endzeit

Im Folgenden möchte ich zwei mögliche Szenarien der Endzeit einander gegenüberstellen. Zunächst eine mögliche Variante, welche teils dem System des Dispensationalismus entsprechen würde, welche aber trotzdem ohne eine Vorentrückung auskommen würde.

Szenario 1: Nehmen wir einmal folgendes an: Der Papst reist nach Israel. Er könnte dort einen Vertrag mit der Regierung abschließen, welcher ihm die Kontrolle über einen Teil des Tempelberges oder über den Zionsberg mit dem Grab Davids und dem Obersaal des letzten Abendmahls zusichert. Über diese Dinge hat die Regierung Israels bereits konkret mit dem Vatikan verhandelt. Die Regierung Israels ist dazu bereit, dem Papst die Oberaufsicht über alle religiösen Stätten in Jerusalem zu übergeben. Der Tempelberg ist sowieso schon lange als Weltkulturerbe formal der Aufsicht der Vereinten Nationen unterstellt, und nicht mehr der Aufsicht Israels. Das Grundstück des gesamten Tempelberges gehört bereits seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts per Kaufurkunde zum Familienbesitz der Familie Rothschild. Wenn der Papst nun im Konsens mit der Regierung Israels, mit der UN und mit der Rothschild-Familie als Aufseher über alle religiösen Stätten in Jerusalem residieren würde, dann könnte entweder er selbst oder sein Nachfolger ohne weiteres früher oder später die Einheit aller Religionen der Welt unter päpstlicher Führung ausrufen. Was wäre, wenn Israel kurz darauf als Reaktion auf eine derartige Proklamation von den umgebenden Arabern angegriffen würde? Das könnte insbesondere in unserer heutigen Zeit sehr leicht geschehen, in welcher der Präsident der USA, Barack Hussein Obama, sich mehr und mehr von Israel distanziert hat, und in welcher der Staat Israel weltpolitisch zunehmend isoliert erscheint.

Bereits heute sind alle arabischen Staaten in der direkten Umgebung Israels durch die Kriege der arabischen Revolutionen vollständig zerrissen und entscheidend geschwächt. Sie stehen kurz davor, sich nach dem Fall der verschiedenen Diktaturen zu einem einzigen Block zu vereinigen, welcher von Marokko bis zum Iran reicht. Dieser Block ist die Nummer sieben von insgesamt zehn geplanten Weltregionen der Neuen Weltordnung (siehe hierzu auch: www.derdrachekommt.de). Israel liegt als letzte Demokratie einsam und alleine genau im geographischen Zentrum dieser Großregion. Psalm 83 in der Bibel spricht nach Auslegung vieler christlicher Lehrer verschiedener Gruppierungen über diese Völker, welche nur einen Gedanken im Sinn haben: Die Vernichtung Israels. Der Psalm sagt aber ebenso, dass sie dabei untergehen werden.

Was wäre also, wenn Israel in diesem militärischen Konflikt siegen würde? Der Herrscher über Israel würde dann den Tempelberg von den Trümmern der Moscheen räumen, den Staat Israel erweitern und mit dem Tempelbau in Jerusalem beginnen. Könnte dieser Mann vielleicht der Antichrist nach dispensationalistischer Lehre sein? Was wäre, wenn er internationale politische und militärische Bündnisse mit allen Staaten der Erde außer mit Russland und Iran schließen würde? Könnte es sein, dass Russland und der Iran (Gog und Magog in dispensationalistischer Auslegung von Hesekiel) dann den Staat Israel angreifen würden, wie sie es ja schon seit einiger Zeit androhen? Was wäre, wenn die russische Allianz auf den Bergen Israels aufmarschieren würde und dort durch Erdbeben, Hagel und Feuer vernichtet würde, entsprechend Hesekiel 38 und 39? Der Herrscher Israels könnte dann wirklich seine weltweite Geltung dramatisch steigern und schließlich zum Weltherrscher aufsteigen. Dann würde er den Tempelbau in Jerusalem vollenden, das Land an die zwölf inzwischen aus den zunehmend antisemitischen USA und allen anderen Ländern der Welt zurückgekehrten Stämme austeilen und bei der Einweihung des Tempels in Jerusalem einen Bund von sieben Jahren mit den ungläubigen Juden schließen.

Wir würden das alles in den Medien verfolgen. Wir würden dann einem Vertreter der Vorentrückungslehre die Frage stellen, ob dieser Mann in Israel nicht vielleicht „der Antichrist“ sein könnte, der mit dem falschen Propheten, nämlich dem Papst, gemeinsame Sache macht. Dann würde die Antwort lauten: „Nein, das ist vollkommen unmöglich!“ „Warum denn?“ würden wir zurückfragen. Die Antwort würde lauten: „Weil wir Christen noch nicht entrückt sind, und weil der Antichrist erst nach der Entrückung kommen kann!“ Was würden solche Geschwister sagen, wenn dreieinhalb Jahre später eine weltweite Judenverfolgung und Christenverfolgung beginnen würde, und wenn sie selbst von den Häschern des Antichristen abtransportiert würden? Ich befürchte, dass sie noch immer von einer „Vorerfüllung“ der Prophetien ausgehen würden, denn die endgültige Erfüllung könnte ja erst kommen, wenn die Gemeinde von der Erde entrückt wäre. Die Vorentrückungslehre verstellt solchen Christen den Blick für die Realitäten unserer Zeit.

Szenario 2: Jetzt warten Sie natürlich alle auf die zweite mögliche Variante, die ich Ihnen versprochen habe. Der Dispensationalismus hat als seinen eschatologischen Mittelpunkt die Lehre der 70 Jahrwochen in Dan 9,24-27. Diese Lehre geht davon aus, dass der Messias Jesus Christus am Ende der 69. Jahrwoche auf einem Esel in Jerusalem einzog, und zwar auf den Tag genau am Palmsonntag des Jahres 30 oder 32 unserer Zeitrechnung (verschiedene Berechnungsgrundlagen bei verschiedenen Autoren). Eine Woche später, also sieben Tage nach der 69. Jahrwoche, wurde er gekreuzigt. Gott war dadurch gezwungen, die Errichtung des messianischen Weltreiches mit Hauptstadt Israel bis an das Ende der Zeit zu verschieben. Durch die Ablehnung des Messias mussten die Juden zurückgestellt werden und die Gemeindezeit, welche von den Propheten des Alten Testamentes gar nicht gesehen worden war, wurde als Zwischenstadium eingeschaltet. Gott kann erst am Ende der Zeit wieder Gnade für Israel gewähren. Das Weltreich des Messias und der Juden auf dieser Erde kann erst nach der Wiederkunft Christi beginnen. Es wird die siebte und letzte Dispensation sein, nämlich das Tausendjährige Reich. Hierzu wäre einiges zu sagen.[3] Der Dispensationalismus lehrt somit, dass es nach einer Zeit der Drangsal für Israel ein Tausendjähriges Friedensreich des Messias auf dieser Erde geben wird, in welchem Israel der Mittelpunkt der Erde sein wird.

Als der Messias Jesus Christus in die Welt kam, hat er jedoch den Juden zu keinem Zeitpunkt seines irdischen Dienstes ein Reich auf dieser Erde angekündigt. Er war nicht gekommen, um bedient zu werden, sondern um zu dienen und um sein Leben zu geben als Lösegeld für Viele (Mk 10,45). Er war gerade nicht in diese Welt gekommen, um politisch zu herrschen, sondern um zu sterben. Sein Reich ist nicht von dieser Welt (Joh 18,36). Deshalb konnte Pilatus auch keine Schuld an dem Herrn Jesus finden, denn das geistliche Reich Gottes stand nicht in irgendeiner Konkurrenz zum irdischen Reich der Römer. Das Reich Gottes konnte man gar nicht sehen, wenn man nicht von neuem geboren war (Joh 3,3).

Wieso hätte der Herr vor Pilatus sagen sollen, dass sein Reich nicht von dieser Welt sei, wenn es in Wirklichkeit geplant war, den Juden doch die Weltherrschaft unter der Hand des Messias zu verschaffen, sei es unmittelbar oder mit Verzögerung? Wollte er vor Pilatus durch eine Lüge und einen Meineid den Kopf aus der Schlinge der Römer ziehen? Kein Christ könnte dies jemals annehmen. Pilatus wollte den Herrn auf sein Zeugnis der Wahrheit hin tatsächlich freigeben, aber die Pharisäer ließen nicht locker, bis das Urteil gesprochen war.

Außerdem beraubt der Gedanke einer Änderung von Gottes Plan den Herrn seiner Allwissenheit. Wie hätte der Herr in eine Situation kommen können, in welcher er seine ursprünglichen Pläne hätte ändern müssen? Der Vater und der Sohn führen einen ewigen Plan aus. Der musste nicht geändert werden, sondern er stand bereits fest vor Grundlegung der Welt. Der Herr Jesus wusste alles. Er führte mit der Kraft des Löwen von Juda in allen Einzelheiten Schritt für Schritt den ewigen Plan des Vaters aus. Die Pharisäer waren überrascht und vom Neid beherrscht. Sie reagierten mit Aggressivität und gewissenloser Grausamkeit. Pilatus war verschreckt und ängstlich. Er reagierte planlos und fatal.

Ein Drittes besteht darin, dass der Herr seiner Allmacht beraubt wäre. Wenn er es jemals geplant hätte, ein politisches Weltreich mit Hauptstadt Jerusalem auf dieser Erde zu errichten (was im Übrigen seinen klaren Worten in den Evangelien widersprochen und ihn somit der Lüge schuldig gemacht hätte), dann hätte er sich bestimmt nicht durch die Intrigen einiger Pharisäer in Jerusalem oder durch einen römischen Provinzprokurator namens Pontius Pilatus davon abhalten lassen. Unser Herr Jesus Christus ist der allmächtige Schöpfer und Erhalter des Universums. Niemand kann sich seinem Handeln in den Weg stellen. Genauso konnte ihn auch niemand daran hindern, sein Werk in Demut bis zum Ende auszuführen.

Diese Dinge sind sehr ernst, denn sie stellen letztlich einen Angriff auf die Gottheit, die Allmacht und die Wahrhaftigkeit des Herrn dar, wenn sie als geltende Lehre akzeptiert werden. Angesichts aller dieser Überlegungen müssen wir uns die Frage stellen, ob es eine andere Deutung der Prophetie der siebzig Jahrwochen gibt, welche dem Wort Gottes besser entspricht. Zunächst soll dazu noch die entsprechende Danielstelle zitiert werden.

Dan 9,24-27: „Über dein Volk (also Israel) und deine Stadt sind 70 Wochen bestimmt, um der Übertretung ein Ende zu machen und die Sünden abzutun, um die Missetat zu sühnen und eine ewige Gerechtigkeit herbeizuführen, um Gesicht (Prophetie) und Weissagungen zu versiegeln und ein Allerheiligstes zu salben. So wisse und verstehe: Vom Erlass des Befehls zur Wiederherstellung und zum Aufbau Jerusalems bis zu dem Messias, dem Fürsten, vergehen 7 Wochen und 62 Wochen (shavuot = „Siebener“. Im Textzusammenhang ist die Rede von Jahren, also hier: 7 mal 7 Jahre und 62 mal 7 Jahre); Straßen und Gräben werden gebaut, und zwar in bedrängter Zeit. Und nach den 62 Wochen wird der Messias ausgerottet werden, und ihm wird nichts zuteilwerden (andere Übersetzungen: „und er wird nichts haben“, oder: „und es wird nicht für ihn selbst sein“); die Stadt aber samt dem Heiligtum wird das Volk des zukünftigen (kommenden) Fürsten zerstören, und sie geht unter in der überströmenden Flut; und bis ans Ende wird es Krieg geben, fest beschlossene Verwüstungen. Und er wird mit Vielen den Bund bestätigen eine Woche lang; und in der Mitte der Woche wird er Schlachtopfer und Speisopfer aufhören lassen, und wegen der überströmenden Greuel wird er es (das Heiligtum) verwüsten, und zwar bis zur Zerstörung, und das Beschlossene wird über das Verwüstete ausgegossen werden.“

Es muss ausdrücklich betont werden, dass der gesamte Kontext der Prophetie ab Vers 24 auf den Messias, den Fürsten geht. Daher redet insbesondere auch der Vers 27 über den Messias, und nicht über eine andere Person. Jede andere Lesart würde dem einfachen und klaren grammatikalischen Aufbau der Textpassage widersprechen.

Es handelt sich um eine trotz ihrer Kürze sehr inhaltsreiche Prophetie. Sie wurde nach Ansicht vieler Bibellehrer (und auch nach meiner bescheidenen Ansicht) in dem Herrn Jesus Christus vollständig erfüllt. Dazu noch ein Wort des Herrn aus Luk 24,44:

Er aber sagte ihnen: Das sind die Worte, die ich zu euch geredet habe, als ich noch bei euch war, dass alles erfüllt werden muss was im Gesetz Moses und in den Propheten und den Psalmen von mir geschrieben steht.

Das Wort des Herrn ist unmissverständlich: In seinem irdischen Dienst hat er alles erfüllt, was die Propheten des Alten Testamentes über ihn gesagt hatten. Nichts blieb unerfüllt, also auch nicht die Prophetie aus Daniel 9. Wir haben uns deshalb nicht zu fragen, wie die Prophetie in der Zukunft noch erfüllt werden wird, sondern vielmehr auf welche Weise sie sich in dem Leben und Dienst unseres Herrn auf dieser Erde erfüllt hat. Die Geschichte bestätigt die Prophetie.

Dazu kommt, dass Gott seine Propheten nicht dadurch legitimiert, dass die Erfüllung ihrer Vorhersagen auf unbestimmte Zeit hin vertagt wird. Siehe hierzu 5Mo 18,21-22: Prophetie muss in einem überschaubaren und nachvollziehbaren Zeitrahmen erfüllt werden, sonst wird sie nicht anerkannt. Daniel hatte eine ganz konkrete Prophetie ausgesprochen, welche einen ganz exakten Zeitrahmen bis zum Kommen des Messias und bis zu seiner Kreuzigung anzeigte. Der Herr Jesus sagte zu seinen Jüngern in Matt 24, dass die Generation ihrer Zeit den Greuel der Verwüstung, von dem Daniel redete, sehen würde. Wenn sich das nicht erfüllt hätte, dann hätte der Herr sich entweder getäuscht oder die Unwahrheit gesagt. Beides ist völlig undenkbar. Der Herr hat durch seine Aussagen vielmehr den Propheten Daniel legitimiert, indem er den Jüngern klar machte, dass die Erfüllung der Prophetie auf ihn selbst und somit zugleich auf die Zeit der Jünger ging. Die Erfüllung aller 70 Jahrwochen, also aller 490 Jahre, welche Daniel vorhergesagt hatte, würde sich in der Zeit der Jünger ereignen.

Die Bibel redet an keiner Stelle ausdrücklich von einer Unterbrechung der 70 Jahrwochen. Kein Bibelvers sagt aus, dass Gott die 70. Jahrwoche verschoben hat. Gott hatte nicht die Absicht, den alles entscheidenden Zeitpunkt der Ankunft des Messias Israels kompliziert zu verschlüsseln. Die Wahrheit der Schrift war für Israel damals und ist für uns heute einfach und klar gehalten. Die 70 Jahrwochen bilden ebenso eine Einheit wie die 70 Jahre der babylonischen Gefangenschaft zur Zeit Daniels. Auch damals gab es keine Unterbrechung. Am Ende der 490 Jahre, gerechnet von ihrem Beginn an, würde alles erfüllt sein: „70 Wochen sind über dich und dein Volk bestimmt (englisch: „determined“ = zur völligen Ausführung zuverlässig bestimmt).“ Weiterhin findet man in der Bibel an keiner Stelle Aussagen über eine prophetische Uhr Gottes. Was könnte das für eine Uhr sein, die für 2000 Jahre stehen bleiben muss, weil eine Gruppe feindlicher Pharisäer dem Ratschluss Gottes getrotzt hat und sie durch ihre Aktionen angehalten hat? Dieser Gedanke ist nicht schriftgemäß, denn er lässt sich nicht anhand klarer Schriftstellen belegen. Daher möchten wir nun der Frage nachgehen, wie sich die Prophetie Daniels in der Vergangenheit in dem Werk des Herrn Jesus Christus erfüllt hat. Wir möchten hierzu alle Aspekte einzeln in Kurzform betrachten.

Der Startpunkt der 70 Wochen: Der Erlass des Befehls zum Wiederaufbau Jerusalems. Diesen Erlass finden wir in Jesaja 44,28, und er wurde durch den Perserkönig Kyros gegeben. Nach den besten Chronologien geschah dies im Jahr 457/456 v.Chr. nach unserer Zeitrechnung (ich empfehle hierzu insbesondere die ausgezeichnete Chronologie des Dispensationalisten David Lipscomb Cooper: „Messiah: His First Coming Scheduled“, welche von Adam bis auf den Messias geht und im Internet frei zugänglich ist, außerdem die Chronologien von Philipp Mauro und Martin Anstey). Die Zeitangabe 538 v.Chr. nach der ptolemäischen Zeitrechnung ist aufgrund der fehlerhaften ptolemäischen Chronologie und der falschen Abfolge der genannten Könige des Perserreiches bei Ptolemäus nicht zuverlässig. Insbesondere bei Dr. Cooper findet sich eine sehr gute Chronologie des Perserreiches, welche auch die Bücher Esra und Nehemia auf eine zuverlässige biblisch-chronologische Grundlage stellt.

Innerhalb von 49 Jahren wurden die Stadt und der Tempel wieder aufgebaut. Wir finden diese Ereignisse in den Büchern Esra und Nehemia. Die Prophetie wurde erfüllt. Die darauf folgenden 62 Jahrwochen, also die nächsten 434 Jahre, waren lediglich eine Übergangsphase bis zum Kommen des Gesalbten, des Messias, des Fürsten. Die Summe beider Jahreszahlen ist 483 Jahre. Wenn wir diese vom Jahr 457 v.Chr. an berechnen, dann bringt unsere Berechnung uns in das Jahr 26/27 n.Chr. Man beachte hier auch die Tatsache, dass der römische Kaiser Tiberius während der ersten beiden Jahre seiner Herrschaft noch als Co-Caesar zusammen mit Augustus regierte. Augustus regierte bis 14 n.Chr. Das 15. Jahr des Tiberius muss somit nicht ab dem Jahr 14 n.Chr. berechnet werden, sondern ab dem Jahr 12 n.Chr. Dies bringt uns exakt in das Jahr 26/27 n.Chr. Der Herr begann seinen öffentlichen Dienst in genau diesem Jahr dadurch, dass er im Jordan getauft wurde. Als er aus dem Wasser heraufstieg, wurde er vom Vater im Himmel öffentlich mit dem Heiligen Geist gesalbt. Ab diesem Augenblick war er in der Öffentlichkeit Israels der Gesalbte Gottes, der Messias. „Bis auf den Messias, den Fürsten, sind 7 Wochen und 62 Wochen.“ Die Prophetie Daniels wurde exakt erfüllt.

Der Dienst des Herrn dauerte nach Übereinkunft unter nahezu allen Christen dreieinhalb Jahre. Diese Zeit war die erste Hälfte der 70. Jahrwoche Daniels. Im Jahr 30 wurde der Herr am Passahfest der Juden als das wahre Passahlamm Gottes vor den Toren der Stadt Jerusalem gekreuzigt. „Nach den 62 Wochen (nämlich dreieinhalb Jahre danach, in der Mitte der 70. Woche) wird der Messias ausgerottet werden und nichts haben.“ Es geschah so. „Und zur Mitte der Woche wird er die Speisopfer und Schlachtopfer aufhören lassen.“ Der Tod des Messias, des wahren Passahlammes, war aus der Sicht Gottes das Ende aller Opfer des alten Bundes. Sie hatten von diesem Zeitpunkt an keine Gültigkeit mehr in den Augen Gottes und waren nur noch Greuel. Die Juden hatten durch die Verurteilung und Überlieferung ihres Messias ihre Übertretung endgültig zum Abschluss gebracht. Die Ermordung Gottes durch Menschen ist und bleibt das größte Verbrechen in der Geschichte der Menschheit. Das Volk des alten Bundes hatte damit seine Auserwählung für immer verspielt.

Zu gleicher Zeit bestätigte der Herr Jesus Christus durch seinen Tod und sein Blut den neuen und ewigen Bund mit allen Menschen, die an ihn glauben würden. Das sind die „Vielen“ aus Daniel 9. In seinem Tod und in seiner Auferstehung hat der Herr die Sünden abgetan, die Missetat gesühnt und eine ewige Gerechtigkeit eingeführt, nämlich die Gerechtigkeit Christi vor Gott, welche allen Gläubigen zugerechnet wird. Am Pfingsttag in Jerusalem sehen wir dann, wie das Allerheiligste des neuen Bundes, nämlich die Gemeinde Christi, der Tempel des neuen und ewigen Bundes, durch das Kommen des Heiligen Geistes gesalbt wurde: „(…) und um ein Allerheiligstes zu salben.“ Auch dies wurde also erfüllt. Das Ende der 70. Jahrwoche finden wir in Apg 10, wo Petrus etwa im Jahr 33/34 n.Chr. das Evangelium endgültig zu den Nationen bringt. Wir kennen die Geschichte von Kornelius und seinem Haus.

Für das Alte Israel als Nation blieb nur noch das Ende übrig. Für 40 Jahre, nämlich bis zum Jahr 70 n.Chr., führten sie ihren in den Augen Gottes zum Greuel gewordenen Opferdienst im Tempel aus. Nach der Tradition der Rabbiner fiel das Los für den Sündenbock am großen Versöhnungstag 40 Mal hintereinander nicht in die rechte Hand des Hohepriesters. Gott erkannte den Dienst nicht mehr an. Aus Gottes Sicht war das Ganze nur noch ein Überströmen von Greueln. Wegen dieser überströmenden Greuel, von denen Daniel geredet hatte, kam schließlich im Jahr 70 n.Chr. die Zerstörung des Tempels und der Stadt Jerusalem durch den kommenden Fürsten, nämlich durch den römischen Fürsten und späteren Kaiser Titus.

Bereits im Jahr 67/68 hatte die Belagerung begonnen. Die Christen in Jerusalem sahen zu diesem Zeitpunkt den Greuel der Verwüstung, nämlich die römischen Feldzeichen, vor welchen sich die Römer in Anbetung ihres Kaisers und ihrer Götzen niederbeugten, auf dem Tempelberg in Jerusalem stehen. Sie erinnerten sich an die Weissagung des Herrn, welche ihnen von den Aposteln mitgeteilt worden war und flohen aus der Stadt, als Vespasian nach Rom reisen musste, um sich dort zum Kaiser nach dem Tod Neros im Jahr 68 gegen dessen mögliche Nachfolger durchzusetzen und zum Kaiser krönen zu lassen. Kurz darauf kehrte sein Sohn und späterer Nachfolger Titus zurück und vollendete sein Werk. Mehr als eine Million Juden fanden in Jerusalem den Tod. Soweit wir aber wissen, kam kein messianischer Jude ums Leben. Die fürchterliche Zeit der Zerstörung endete im Jahr 72/73 n.Chr. Sie stellt nach Ansicht vieler christlicher Lehrer die Zeit der vom Herrn prophezeiten großen Drangsal Jakobs dar.

In Anbetracht all dieser Dinge bin ich zusammen mit vielen anderen Christen der Überzeugung, dass Daniels Prophetie bereits vollständig erfüllt ist. Wir brauchen als Christen weder auf eine Vorentrückung zu warten (das Thema des vorliegenden Textes), noch auf eine große Drangsal von sieben Jahren vor dem Kommen des Herrn. Der Herr wird plötzlich und unerwartet kommen. Wir kommen zu einer möglichen Alternative zur Vorentrückungslehre.

 

3. Eine mögliche Alternative zur Vorentrückungslehre

Nachdem wir uns also nun ausgedehnt mit der Kritik an der Vorentrückungslehre beschäftigt haben, soll im nun folgenden Teil der Ausarbeitung eine andere Sichtweise der letzten Dinge dargelegt wird. Es ist die Sichtweise der Reformatoren, der Puritaner und der großen Erweckungsprediger früherer Zeiten bis auf Charles Haddon Spurgeon und Martyn Lloyd Jones. Sie orientiert sich strikt am Wortlaut des Textes, wobei sie nur die Dinge anerkennt, welche der Text direkt aussagt und zugleich die Dinge ausklammert, welche im direkten Wortlaut und Kontext der Schrift nicht zu finden sind.

Die Schrift ist so aufgebaut, dass „jede Sache aus dem Mund von zwei oder drei Zeugen bestätigt werden soll“ (5Mo 17,6 im AT. In geistlicher Anwendung im NT: Mt 18,16; 2Kor 13,1). Das ist ein Grundsatz der Exegese. Wir müssen daher die Zeugen in der Schrift suchen, die Aussagen zu einem bestimmten Thema machen, und ihre Aussagen möglichst genau miteinander vergleichen. Im Prinzip tun wir dabei genau das Gleiche wie Juristen bei der Beweisaufnahme in einem bestimmten Fall. Wenn eine schwierige Frage zu entscheiden ist, dann werden alle verfügbaren Zeugen genau befragt. Ihre Einzelaussagen liefern in sich selbst oftmals nicht den gesamten Tatbestand, ausgenommen natürlich bei direkten Augenzeugen. Oftmals liefern sie nur einzelne Bausteine des Gesamtbildes. Diese Elemente werden miteinander verglichen und in einen streng logischen Zusammenhang gebracht. Dann werden die Plädoyers gehalten, in welchen sowohl der Staatsanwalt als auch der Verteidiger auf der Grundlage der verfügbaren und ausgewerteten Gesamtinformation ihre Schlussfolgerungen darlegen. Diese Schlussfolgerungen können sich noch immer stark voneinander unterscheiden. Daher können erst der Richter oder die Geschworenen nach einer nochmaligen gründlichen Analyse der beiden Standpunkte zu einem Urteil kommen. Auch dieses Urteil muss immer noch öffentlich begründet werden, oftmals auch dadurch, dass es mit anderen Urteilen verglichen wird. Sollten sich noch immer Widersprüche finden, so wird eine Revision vor einem anderen Gericht eingeleitet.

Genauso muss auch der Entscheidungsfindungsprozess bei der Auslegung der Heiligen Schrift aussehen: Auflistung aller verfügbaren Einzelelemente, objektiver Vergleich und Erstellung eines streng logischen Zusammenhangs. Danach die Schlussfolgerung als Synthese aus allen einzelnen Elementen. Diese Schlussfolgerung muss der Prüfung durch andere Personen standhalten. Sie muss daher zur Diskussion gestellt werden. Wir möchten also zunächst mit einer Sammlung möglichst vieler Einzelelemente aus der Schrift beginnen, die Aussagen zu unserer Frage machen. Dann möchten wir die Elemente zu einer Ganzheit zusammensetzen und dabei versuchen, jedem von ihnen die richtige Stelle zuzuweisen. Der Leser dieses Textes möge dann anhand eigener Prüfung festlegen, ob das Ergebnis seiner Beurteilung standhalten kann, oder nicht. Und nun los.

 

3.1 Die verschiedenen Einzelelemente unseres Gebäudes

1Kor 15,52: “(…) plötzlich, in einem Augenblick, zur Zeit der letzten Posaune; denn die Posaune wird erschallen, und die Toten werden auferweckt werden unverweslich, und wir werden verwandelt werden.

Die letzte Posaune wird erwähnt. Gleichzeitig findet die Auferweckung der Toten statt. Der Text redet nicht ausdrücklich über die Toten in Christus, sondern über die Toten. Man gewinnt den Eindruck, dass es sich um alle Toten handeln könnte. Der direkte Kontext unserer Stelle gibt uns zunächst nur diese Information, welche erst einmal ohne Zusatzannahmen, die der Text nicht bietet, akzeptiert werden muss.

„Sola Scriptura – allein die Schrift“. Die Schrift legt die Schrift aus. Diesem Prinzip stimme ich von ganzem Herzen zu, denn es ist ein grundlegendes Prinzip der Bibelauslegung. Wir haben daher weitere Aussagen über die letzte Posaune nicht im römischen Heerwesen zu suchen, sondern in der Schrift. Die Posaunen, welche beim Aufbruch des Volkes Israel in der Wüste in 4Mo 10 erwähnt werden, kommen hierbei nicht in Frage. Diese beziehen sich auf die irdische Wüstenwanderung des Volkes vor mehr als 3500 Jahren. Es kommt ausschließlich eine Posaune in Frage, welche in der Schrift im Zusammenhang mit dem heute noch in der Zukunft liegenden zweiten Kommen des Herrn erwähnt wird, denn darum geht es in unserer Korintherstelle. Sola Scriptura.

 

1Thess 4,16-17: „(…) denn der Herr selbst wird, wenn der Befehl ergeht und die Stimme des Erzengels und die Posaune Gottes erschallt, vom Himmel herabkommen, und die Toten in Christus werden zuerst auferstehen. Danach werden wir, die wir leben und übrigbleiben, zusammen mit ihnen entrückt werden in Wolken, zur Begegnung mit dem Herrn, in die Luft, und so werden wir bei dem Herrn sein allezeit.

Der Herr kommt beim Erschallen der Posaune Gottes und bei der Stimme des Erzengels. Es kommt zur Auferstehung der Toten in Christus. Die Auferstehung der Ungläubigen wird hier nicht ausdrücklich erwähnt. Das bedeutet aber noch lange nicht, dass sie nicht ebenfalls zum gleichen Zeitpunkt stattfindet. Paulus redet im Kontext über die entschlafenen Gläubigen, denn die Ungläubigen sind gar nicht sein Thema. Aus den anderen gleich noch zu erwähnenden Schriftstellen geht jedoch hervor, dass die Gläubigen und die Ungläubigen sehr wohl am selben Tag auferstehen werden, die einen zum ewigen Leben, die anderen zum Gericht. Es kann gesagt werden: Im Zusammenhang mit Joh 5,28-29 und 1Kor 15,52 betrachtet handelt es sich bei der Posaune in 1Thess 4,16-17 um die gleiche Posaune wie in 1Kor 15. Es kommt zur Verwandlung der lebenden Gläubigen. Es kommt zur Begegnung („apanthesis“) mit dem Herrn in der Luft. Siehe hierzu nochmals die bereits vorangegangenen Ausführungen über 1Thess 4,13-18. Die Verwandlung der Gläubigen und die Begegnung mit dem Herrn in der Luft findet also genau bei dieser Posaune statt, nämlich dann, wenn nach Joh 5,28-29 alle Toten auferweckt werden, und zwar die Gläubigen und etwas später auch die Ungläubigen. Es geschieht alles am selben Tag.

 

Joh 5,28-29: „Verwundert euch nicht darüber! Denn es kommt die Stunde, in der alle, die in den Gräbern sind, seine Stimme hören werden, und sie werden hervorgehen: die das Gute getan haben zur Auferstehung des Lebens; die aber das Böse getan haben zur Auferstehung des Gerichts.

Zur selben Stunde (der Text redet nicht über einen Zwischenraum von 1000 Jahren; diesen Zwischenraum darf man somit auch nicht in die Stelle hineininterpretieren; es gilt das was da steht, und nicht das was nicht da steht) werden alle Menschen aus den Gräbern hervorgehen, also die Geretteten zur Vereinigung mit dem Herrn in der Luft und zur Aufnahme in den Himmel und die Unerretteten zum Gericht.

 

Dan 12,2: „Und viele von denen, die im Staub der Erde schlafen, werden aufwachen; die einen zum ewigen Leben, die anderen zu ewiger Schmach und Schande.

Auch hier wieder die Auferstehung von Gerechten und Ungerechten am selben Tag. John MacArthur kommentiert hier ausdrücklich: „Zwei Personengruppen werden aus dem Tod auferstehen, wobei mit „viele“ alle gemeint sind (wie in Joh 5,29).“ (MacArthur Studienbibel, S. 1177).

 

Joh 6,39-40: „Und das ist der Wille des Vaters, der mich gesandt hat, dass ich nichts verliere von allem, was er mir gegeben hat, sondern dass ich es auferwecke am letzten Tag. Das ist aber der Wille dessen, der mich gesandt hat, dass jeder, der den Sohn sieht und an ihn glaubt, ewiges Leben hat; und ich werde ihn auferwecken am letzten Tag.

Alle Gläubigen werden am letzten Tag auferweckt. Hier steht nicht: „Am letzten Tag der jetzigen Haushaltung oder des Gemeindezeitalters.“ Das ist lediglich ein Hineinlesen von Aussagen in eine Schriftstelle, die so nicht geschrieben stehen. Es steht hier schlicht und einfach: „Am letzten Tag“. Der letzte Tag ist der Tag, nach dem kein anderer Tag mehr kommen wird. Es ist der Tag, an dem der Herr erscheint. Wir müssen diese wie auch alle anderen Stellen, welche Aussagen zu unserer Frage machen, genauso nehmen, wie sie da steht und dann in Unterordnung unter die Gesamtaussage der Schrift auch die anderen Stellen mit ihren dazugehörigen Elementen vorurteilsfrei einbeziehen, um zu dem richtigen Ergebnis zu gelangen. Unsere Ansichten haben sich den Aussagen der Schrift unterzuordnen, und nicht umgekehrt.

 

Joh 6,44: „Niemand kann zu mir kommen, es sei denn, dass der Vater ihn zieht, der mich gesandt hat; und ich werde ihn auferwecken am letzten Tag.

Joh 6,54: „Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, der hat ewiges Leben, und ich werde ihn auferwecken am letzten Tag.

Joh 11,23-24: „Jesus spricht zu ihr: Dein Bruder wird auferstehen. Martha spricht zu ihm: Ich weiß, dass er auferstehen wird in der Auferstehung am letzten Tag.

Alle Gläubigen, welche der Vater zum Sohn gezogen hat, werden am letzten Tag auferweckt. Nicht am letzten Tag der gegenwärtigen Haushaltung (denn das steht nicht da), sondern am letzten Tag. Das ist der Tag, nach dem kein anderer Tag mehr kommt. Es ist der Tag der Erscheinung des Herrn zum Gericht.

 

Apg 24,15: „(…) und ich habe die Hoffnung zu Gott, auf die auch sie selbst (d.h. die Juden) warten, dass es eine künftige Auferstehung der Toten geben wird, sowohl der Gerechten als auch der Ungerechten.

Wieder das gleiche wie in den vorhergehenden Versen.

 

Off 11,15-18: „Und der siebte Engel stieß in die Posaune; da ertönten laute Stimmen im Himmel, die sprachen: Die Königreiche der Welt sind unserem Herrn und Christus zuteil geworden, und er wird herrschen von Ewigkeit zu Ewigkeit! Und die 24 Ältesten, die vor Gott auf ihren Thronen saßen, fielen auf ihr Angesicht und beteten Gott an und sprachen: Wir danken dir, o Herr, Gott, du Allmächtiger, der du bist und der du warst und der du kommst, dass du deine große Macht an dich genommen und deine Königsherrschaft angetreten hast! Und die Heidenvölker sind zornig geworden, und dein Zorn ist gekommen und die Zeit, dass die Toten gerichtet werden, und dass du deinen Knechten, den Propheten, den Lohn gibst, und den Heiligen und denen, die deinen Namen fürchten, den Kleinen und den Großen, und dass du die verdirbst, welche die Erde verderben!

Der unmittelbare Antritt der Herrschaft des Herrn über die ganze Welt findet hier statt, außerdem die Vernichtung der Heidenvölker und das Gericht über die Toten. Diese Elemente in Verbindung mit der siebten Posaune stimmen genau mit dem überein, was wir an zwei vorangegangenen Stellen gesehen haben (1Kor 15,52; 1Thess 4,16-17). Die siebte Posaune in Off 11,15-18 ist somit ohne Zweifel die Posaune, welche auch an den anderen zwei Stellen erwähnt wird. Die Begleitumstände stimmen bei allen Posaunen genau überein! Dazu kommt ein weiteres: Das Gericht über die Toten wird bei der Ankunft des Herrn geschehen, und nicht erst 1000 Jahre später. Am gleichen Tag werden die Propheten belohnt, die Gläubigen aufgenommen, und die lebenden Nationen gerichtet. Es geschieht nicht in einem Abstand von 1000 Jahren, sondern alles an einem Tag, dem Tag dieser letzten Posaune. Es geht hier nicht um Posaunen aus dem römischen Heerwesen, auch nicht um die Posaunen aus 4Mo 10 und anderen alttestamentliche Stellen, sondern um die Posaune Gottes aus dem Himmel, welche von der Stimme des Erzengels begleitet wird und die sichtbare Ankunft des Herrn einleitet. Es besteht hinsichtlich aller einzelnen Elemente vollkommene Harmonie mit den beiden anderen Stellen, die über die Posaune reden. Die logische Verknüpfung ist somit bei objektivem Vergleich der Passagen zwingend.

 

Dan 7,9-10: „Ich schaute, bis Throne aufgestellt wurden und ein Hochbetagter sich setzte. Sein Gewand war schneeweiß, und das Haar seines Hauptes wie reine Wolle; sein Thron waren Feuerflammen und dessen Räder ein brennendes Feuer. Ein Feuerstrom ergoss sich und ging von ihm aus. Tausendmal Tausende dienten ihm, und zehntausendmal Zehntausende standen vor ihm; das Gericht setzte sich, und die Bücher wurden geöffnet.

Die Tausende und die Zehntausende, die vor dem Thron Gottes stehen, sind seine Engel.

 

Psalm 68,18: „Gottes Wagen sind Zehntausend mal Zehntausend, Tausende und Abertausende; der Herr ist unter ihnen – (wie am) Sinai in Heiligkeit.“

Zehntausende Wagen für die Heerscharen des Herrn, also für die Engel. Hier wieder die Zahl Zehntausend hinweisend auf die Engel.

 

Mt 24,30-31: „(…) und sie werden den Sohn des Menschen kommen sehen auf den Wolken des Himmels mit großer Macht und Herrlichkeit. Und er wird seine Engel aussenden mit starkem Posaunenschall (…).

Der Herr wird kommen mit der Posaune, und der Himmel wird mit den Engeln erfüllt sein.

 

Mt 25,31: „Wenn aber der Sohn des Menschen in seiner Herrlichkeit kommen wird und alle heiligen Engel mit ihm, dann wird er auf dem Thron seiner Herrlichkeit sitzen.

Die Engel sind hier die heiligen Engel. In Verbindung mit Dan 7,10 sind es somit die heiligen Zehntausende, denn die Zehntausende sind bei Daniel ebenfalls die Engel vor seinem Thron.

 

Hebr 12,22: „(…) sondern ihr seid gekommen zu dem Berg Zion und zu der Stadt des lebendigen Gottes, dem himmlischen Jerusalem, und zu Zehntausenden von Engeln.

Hier finden wir wieder die eindeutige Verbindung der Zehntausende und der Engel. Sie werden durch diese Zahl in Verbindung mit Dan 7,10 und Mt 25,31 eindeutig identifiziert als die heiligen Zehntausende. Die heiligen Zehntausende sind nicht Gläubige, sondern sie sind die Engel vor dem Thron Gottes. Die Zahlen sind hier von Bedeutung, sie haben eindeutigen Hinweischarakter.

 

Jud 14-15: „Von diesen hat aber auch Henoch, der siebte von Adam, geweissagt, indem er sprach: Siehe, der Herr ist gekommen mit seinen heiligen Zehntausenden, um Gericht zu halten über alle, und alle Gottlosen unter ihnen zu strafen wegen all ihrer gottlosen Taten,(…).

Der Herr kommt hier mit seinen Engeln. Die heiligen Zehntausende sind die Engel. Wenn er kommt, dann wird der Himmel angefüllt sein mit Zehntausenden von Engeln! Er hält Gericht über alle. Unter diesen allen befinden sich die Gottlosen. Es sind also nicht nur Gottlose, die hier verurteilt werden, sondern auch Gläubige, welche beurteilt werden. Somit haben wir hier ein weiteres starkes Element dafür, dass die Zehntausende keine Gläubigen sind, sondern die Engel.

 

Mt 13,28-30: „(…) Da sagten die Knechte zu ihm: Willst du nun, dass wir hingehen und es (d.h. das Unkraut) zusammenlesen? Er aber sprach: Nein! Damit ihr nicht beim Zusammenlesen des Unkrauts auch zugleich mit ihm den Weizen ausreißt. Lasst beides miteinander wachsen bis zur Ernte, und zur Zeit der Ernte will ich den Schnittern sagen: Lest zuerst das Unkraut zusammen und bindet es in Bündel, damit man es verbrenne; den Weizen aber sammelt in eine Scheune!“ Mt 13,39 „(…) die Schnitter sind die Engel.

Bis zur Ankunft des Herrn sind der Weizen und das Unkraut nebeneinander auf dem Feld. Das spricht gegen eine Vorentrückung. Die Engel werden die Sammlung zum Gericht ausführen. Das passt zu den heiligen Zehntausenden aus Judas 14-15.

 

3.2 Das Gebäude, zusammengesetzt aus den einzelnen Elementen

Der Herr wird bei der letzten Posaune am letzten Tag aus dem Himmel herabkommen in die Wolken, und zwar zusammen mit seinen heiligen Zehntausenden, also mit seinen Engeln. Der Himmel wird mit Zehntausenden von Engeln und mit der Herrlichkeit des Herrn erfüllt sein.  Die entschlafenen Gläubigen des Gemeindezeitalters werden auferweckt in einem Nu. Ihre auferstandenen und verherrlichten Leiber werden mit ihren Seelen vereinigt. Danach werden die noch lebenden Gläubigen leiblich verherrlicht, ebenfalls in einem Nu, und auch sie werden mit verherrlichten Leibern und ihren Seelen da stehen.

Dann werden alle Gläubigen hochgerissen (entrückt; griechisch: „harpazo“) in die Wolken zu dem Herrn, der sie dort erwartet. Sie werden zwischen den sie umgebenden ungläubigen Menschen herausgenommen, welche mit aufgerissenen Mündern dastehen, und nach oben in die Luft gezogen. Die Entrückung der Gläubigen wird sich somit nicht in verborgener Weise sieben Jahre vor der öffentlichen Ankunft des Herrn ereignen, sondern vor den Augen aller Ungläubigen der Welt bei der letzten Posaune am letzten Tag dieses Zeitalters unter Entfaltung kolossaler Machtzeichen bei der Ankunft des Herrn.

Vor den Augen des Fürsten der Gewalt der Luft (des Satans), vor den Augen des Antichristen und aller ungläubigen Menschen auf der Erde werden die Gläubigen im Luftraum dem Herrn und seinen Engeln begegnen. Sie werden ihn dort abholen („eis apantesin kyriou eis aera“). Sie werden ihn danach auf dem letzten Stück seines Weges aus den Wolken herab zur Erde begleiten. Derr Herr wird also auf seinem Weg aus dem Himmel zur Erde in den Wolken anhalten, sich dort mit allen seinen Gläubigen vereinigen und unmittelbar danach das Gericht über die gottlose Menschheit bringen. Die ganze Erde mit allen verlorenen Menschen, mit allen ihren Werken darauf und auch die heutigen Himmel werden nach 2Pe 3 in diesem Feuerbrand mit großem Krachen aufgelöst werden.

Aus dieser globalen Detonation wird durch die Hand des Herrn eine erneuerte, völlig umgestaltete und gereinigte Erde (griechisch: „kainos“ – erneuert, umgestaltet; nicht: „neos“ – neu geschaffen, völlig neu) hervorkommen, auf der es keine Ozeane mehr geben wird, ebenso erneuerte und gereinigte Himmel. Alle Dinge werden auf dieser neuen Erde und in diesen neuen Himmeln wiederhergestellt sein, nur viel herrlicher als wir es uns heute vorstellen können.

Auf diese Erde wird das neue Jerusalem, die Stadt Gottes, vom Himmel herabsteigen. Es wird das ewige Hauptquartier Gottes auf der neuen Erde sein. Der Herr selbst wird nun auf einem großen weißen Thron sitzen, und die Gläubigen werden vor ihm stehen. Die Ungläubigen werden ebenfalls auferweckt mit ihren Leibern vor dem Thron stehen. Der Herr wird die Gläubigen in die Stadt Gottes einführen, nachdem er ihr Leben beurteilt und ihnen ihre ganz persönliche Stellung und ihren Lohn zugeteilt hat. Die Verlorenen werden mit Leib und Seele in den ewigen Feuersee geworfen.

Die Lehre von einem Millennium (1000-jähriges Reich auf der alten Erde mit Jerusalem als Hauptstadt der Welt für genau diese 1000 Jahre) ist nach meiner bescheidenen Ansicht nicht biblisch. Wir kennen als Christen wohl alle die berühmten Textstellen aus der Offenbarung. Es heißt dort:

Nach diesem sah ich und siehe, eine große Schar, die niemand zählen konnte, aus allen Nationen und Stämmen und Völkern und Sprachen; sie standen vor dem Thron vor dem Lamm (…). Und einer von den Ältesten ergriff das Wort und sprach zu mir: Das sind die, welche aus großer (Anmerkung: Übersetzung der KJV 1611 aus dem Griechischen) Drangsal kommen; und sie haben ihre Kleider gewaschen, und sie haben ihre Kleider weiß gemacht in dem Blut des Lammes.“ (7,9+13+14)

(…) und es wurde ihm (dem zweiten Tier) gegeben, dem Bild des (ersten) Tieres einen Geist zu verleihen, so dass das Bild des Tieres sogar redete und bewirkte, dass alle getötet wurden, die das Bild des Tieres nicht anbeteten.“ (13,15)

(…) und ich sah die Seelen derer, die enthauptet worden waren um des Zeugnisses Jesu und um des Wortes Gottes willen, und die das Tier nicht angebetet hatten noch sein Bild, und das Malzeichen weder auf ihrer Stirn noch auf ihrer Hand angenommen hatten; und sie wurden lebendig und regierten die 1000 Jahre mit Christus.“ (20,4)

Die Auslegung, dass es sich in Offenbarung 20,1-6 um eine Zeit von genau 1000 Jahren handele, ist nach meiner Ansicht nicht richtig.[4] Es handelt sich vielmehr um einen sehr langen Zeitraum von unbekannter Dauer, der durch das Wort „tausend“ (chilias) ausgedrückt werden soll. Es ist ein anderer Begriff für das sehr lange Zeitalter der christlichen Gemeinde zwischen dem ersten und zweiten Kommen des Herrn, dessen genaue Dauer niemand angeben kann.

In Offenbarung 13 wird die Person des sogenannten Antichristen von den meisten Auslegern mit dem ersten Tier identifiziert, die Person des sogenannten falschen Propheten mit dem zweiten Tier. Wenn wir jedoch ehrlich sind, dann sagt der Text in Offenbarung 13 bei objektiver Betrachtung nichts Derartiges aus. Der Begriff des Antichristen wird nicht genannt, ebenso nicht Israel, Jerusalem oder die Juden. Der Text bietet keinen Hinweis auf die Dinge, die wir in den Johannesbriefen finden. Diese Verbindung darf daher auch nicht künstlich hergestellt werden.

Fast alle eschatologischen Lehrsysteme in der Christenheit haben den Antichristen als eine Person angesehen, welche die Weltherrschaft an sich reißen wird, einen Vertrag mit den Juden in Israel schließen wird und in einer Zeit der „großen Drangsal“, welche für sieben Jahre anhalten wird, die ganze Welt in Angst und Schrecken versetzen wird. Diese letzten sieben Jahre werden aus der Weissagung Daniels aus Kapitel 9,24-27 abgeleitet, welche nach Meinung besagter Ausleger, insbesondere der Dispensationalisten, der noch zukünftigen siebzigsten Jahrwoche Daniels entsprechen. Das ganze Geschehen liegt also nach dieser Sichtweise noch in der Zukunft. Die dispensationalistische Sichtweise ist heute in der gesamten evangelikalen Welt des Westens unter den freien evangelikalen Christen, besonders in der Brüderbewegung (welche zu großen Teilen auf John Nelson Darby zurückgeht), absolut beherrschend. Auch in den Protestantismus und in reformatorische Kreise hält sie zunehmend Einzug.

Was ist nun dran an dieser Lehre, wenn man sie mit den Aussagen der Bibel vergleicht? Die Antwort lautet: Möglicherweise nichts. Andererseits könnte es jedoch sehr wohl so sein, dass Gott es den Machthabern dieser Welt erlauben wird, ihre Planungen bis zu einem sehr fortgeschrittenen Stadium zu verwirklichen. Gott könnte es erlauben, dass die Welt noch eine schreckliche Zeit erleben wird, ja dass sogar noch ein Weltdiktator auftreten könnte, welchen viele Menschen, auch gläubige Christen, als den „Antichristen in Person“ erkennen würden. Für die wirklich wiedergeborenen Christen, also die Glieder am Leib Christi, würde dann noch einmal eine Zeit gewaltiger Prüfungen und Verfolgungen kommen. Nur Gott allein weiß, wie weit sich alles entfalten wird.

Über mögliche Entwicklungen in diesem Zusammenhang wird in dem Buch „Der Drache kommt!“ ausführlicher gesprochen. In diesem Buch werden verschiedene heutige Denkweisen nebeneinandergestellt. Es wird ein möglicher Ablauf skizziert, wobei ausdrücklich darauf hingewiesen wird, dass es in der Praxis auch ganz anders kommen könnte. Die Konzepte eines persönlichen Antichristen und seiner möglichen Weltherrschaft werden zwar durchdacht, sie werden jedoch keinesfalls absolut gestellt. Das Buch stellt daher keine lehrmäßige Abhandlung dar, sondern es soll den Leser für die Notwendigkeit der persönlichen Umkehr zu dem Retter Jesus Christus sensibilisieren. Der Autor selbst ist hierbei ein Vertreter der Sichtweise, dass es weder eine geheime Vorentrückung der Christen geben wird, noch eine siebzigste Jahrwoche Daniels in der Zukunft, noch ein tausendjähriges Reich auf dieser Erde.

Und nun zurück zum Antichristen. Es gibt in der Bibel nur einen einzigen Autor, welcher den Antichristen erwähnt, nämlich den Apostel Johannes. Es sind insgesamt so wenige Verse, dass wir sie hier alle zitieren können:

1Joh 2,18: „Kinder, es ist die letzte Stunde! Und wie ihr gehört habt, dass der Antichrist kommt, so sind nun viele Antichristen geworden; daran erkennen wir, dass es die letzte Stunde ist.

1Joh 2,22: „Wer ist der Lügner, wenn nicht der, welcher leugnet, dass Jesus der Christus sei? Das ist der Antichrist, der den Vater und den Sohn leugnet!

1Joh 4,3: „Und jeder Geist, der Jesus nicht bekennt, der ist nicht von Gott. Und das ist der Geist des Antichrists, von welchem ihr gehört habt, dass er kommt; und jetzt schon ist er in der Welt.

2Joh 7: „Denn viele Irrlehrer sind hinausgegangen in die Welt, die nicht bekennen, dass Jesus der im Fleisch gekommene Christus ist; das ist der Irrlehrer und der Antichrist.

Johannes sagt uns, dass die Christenheit sich bereits zu seiner Zeit in der „letzten Stunde“ befand! Bereits damals waren viele Antichristen in die Welt ausgegangen, um die Christen zu verführen. Diese Antichristen waren einzelne Personen, welche es nicht nur damals gab, sondern bis heute. Auch in unserer Zeit gab und gibt es immer wieder zahlreiche Personen, welche man als Antichristen bezeichnen könnte. Alle diese Personen repräsentierten während des gesamten Evangeliumszeitalters einen bestimmten Geist. Dieser Geist ist der Antichrist. Der Antichrist ist somit keine Person, sondern ein Geist/ein Geistwesen, welcher/welches sich allerdings zahlreicher Personen in der Geschichte bedient hat und noch bedienen wird. In der letzten Zeit vor dem Kommen des Herrn Jesus Christus wird er die ganze Welt beherrschen wie noch niemals zuvor. Im Moment ist er dabei, durch menschliche Werkzeuge sein „antichristliches“ Weltsystem zu konstruieren. Was ist nun das Charakteristikum dieses Geistes? Er ist ein Lügner, ein Verleugner, ein Täuscher und ein Verführer. Er leugnet den Vater und den Sohn. Er bekennt nicht, dass Jesus Christus ins Fleisch gekommen ist. Er belügt die Menschen sowohl hinsichtlich der Person als auch hinsichtlich des Werkes des Herrn Jesus Christus. Alle Menschen, die sich in seinen Dienst gestellt haben und noch stellen werden, bezeichnet die Bibel als „Antichristen“. Auch diese Menschen sind dann Täuscher, Lügner, Verleugner und Verführer. Ihre Zahl in unserer Zeit ist Legion.

Zuletzt noch ein kurzes Wort über den Menschen der Sünde, welcher in 2Thess 2,1-12 erwähnt wird. Diese Person wird von vielen Lehrern mit der Person des Antichristen identifiziert. Das ist aus biblischer Sicht nicht möglich, da der Antichrist nach der Aussage der Schrift kein Mensch ist, sondern ein Geist, welcher sich vieler einzelner Menschen bedient. Das Gleiche gilt für das Tier aus Offenbarung 13. Johannes hat nicht nur die Briefe geschrieben, in welchen er über den Antichristen redet, sondern er ist auch der Autor der Offenbarung. Niemand wäre kompetenter als Johannes, wenn er in der Offenbarung den Begriff „Antichrist“ gebrauchen würde. Dies geschieht jedoch an keiner Stelle, auch nicht in Offenbarung 13. Johannes hätte uns diese wichtige Information wohl nicht vorenthalten.

Auch Daniel hat in Kapitel 9,24-27 nicht über den Antichristen geredet, denn dieser Begriff wurde erst 600 Jahre später von Johannes benutzt. Keiner von Daniels Lesern hätte es zu der damaligen Zeit verstehen können. Es geht in Daniels Prophetie vom Anfang bis zum Ende um das Kommen des Messias Israels. Auf einen „Antichristen“ ist in dem gesamten Kontext kein Hinweis zu finden. Der Herr selbst hat mit vielen den Bund (hebräisch: „Bereeth“, das ist das Wort für einen Bund, welcher ausschließlich zwischen Gott und Mensch geschlossen wird, und nicht zwischen verschiedenen menschlichen Parteien) geschlossen, nämlich den neuen und ewigen Bund in seinem Blut mit allen Erlösten. Auch ist der König in Daniel 11,36 nicht der Antichrist und nicht das Tier. Auch hier bietet der Kontext der Schriftstelle ebenso wie der reine Wortlaut nicht den geringsten Hinweis auf den Antichristen der Johannesbriefe oder die Tiere der Offenbarung.

Wer könnte nun der Mensch der Sünde sein? Um diese Frage zu klären, müssen wir den Begriff sowohl mit dem Antichristen in Beziehung setzen, als auch mit anderen Stellen, an denen die Schrift über einen Menschen redet. Wir haben gesagt, dass der Antichrist ein Geist ist, welcher sich einer großen Zahl von Menschen in der Geschichte bedient hat und noch bedienen wird. Der „Antichrist“ stünde also in diesem Sinne für eine ganze Gruppe von Menschen, die geistlich zu ihm gehören. In gleicher Weise könnte auch der „Mensch der Sünde“ eine Gruppe von Menschen repräsentieren, welche in der letzten Zeit in besonders schlimmer Weise der Sünde dienen werden. Es ist allerdings auch nicht auszuschließen, dass es sich um einen einzelnen Weltherrscher in Person handeln könnte.

Im schlimmsten Fall könnte der „Mensch der Sünde“ sogar die ganze abgefallene Menschheit der letzten Tage repräsentieren. Die ganze Menschheit in ihrem sündigen Charakter würde dann geoffenbart werden. Der Mensch unserer Tage verehrt sich selbst als sein eigener Gott. Er selbst ist das Maß aller Dinge. In den östlichen Religionen arbeitet der Mensch sogar an seiner buchstäblichen Gottwerdung. Im Gegensatz zu diesem „Menschen der Sünde“ würde dann der Mensch stehen, den wir in Eph 2,15 finden: Dort hat der Herr Jesus Christus durch seinen Tod und seine Auferstehung die Juden und die Nationen zu einem „neuen Menschen“ gemacht. Dieser „neue Mensch“ ist die Gemeinschaft aller Gläubigen in Christus.

Auf welcher Seite werden Sie stehen, wenn der große Tag des Herrn kommt? Wird er Ihnen den Zutritt in die Stadt Gottes erlauben können, oder wird er sie in den Feuersee werfen müssen? Gehören Sie dem Herrn Jesus Christus an, haben Sie Vergebung ihrer Sünden, besitzen Sie einen Anteil an seinem ewigen Leben, oder nicht?

Ich möchte am Ende meines Textes nochmals betonen, dass ich nicht den Stein der Weisen gepachtet habe und dass ich mich auch sehr irren könnte. Angesichts der Informationen, die ich aus der Heiligen Schrift und aus der Geschichte zusammengetragen habe, kann ich jedoch zum jetzigen Zeitpunkt zu keiner anderen Schlussfolgerung kommen. Ich kann andererseits in Frieden damit leben, das Meiste von den Geheimnissen Gottes heute noch nicht zu verstehen. Mein Glaube kann auf den Herrn warten, der bei seiner Ankunft alles offenbaren wird. Dann werden wir alles verstehen. - Maranatha.

 

Literatur zum Thema

David Malcolm Bennett: The Origins of Left Behind Eschatology. Xulon Press 2010. ISBN: 9781615796670

David Malcolm Bennett: Why Left Behind Should Be Left Behind. Xulon Press 2005. ISBN: 1-594679-77-0.

Joe Ortiz: The End Times Passover (Etymological Challenges to Millennarian Doctrines). Author House 04/18/2008. ISBN: 978-1-4259-6962-2 (sc).

Joe Ortiz: Why Christians Will Suffer Great Tribulation. Author House 02/01/2007. ISBN: 978-1-4259-8486-1 (sc).

Manfred Schäller: „Siehe, Er kommt mit den Wolken“. Jota-Publikationen, Hammerbrücke.

Matthew Henry`s Commentary on The Whole Bible. Hendricksen. ISBN: 0-943575-32-X.

Dr. Martyn Lloyd Jones: Gott und seine Gemeinde. 3L-Verlag, 2003.

Im Internet: www.ukapologetics.net (Robin A. Brace). Zahlreiche weitere Links.


[1] Einige der wichtigsten evangelikalen Organisationen, welche in der heutigen Zeit die Lehre des Futurismus (besondere Auslegungsweise der Offenbarung, siehe später) und die moderne Lehre von der geheimen Vorentrückung der Gläubigen beim geheimen Kommen Christi vertreten, sind folgende: Dallas Theological Seminary mit den Lehrern John Walvoord, Charles Swindoll, Charles Ryrie, Hal Lindsey, Vernon McGee, Kenneth Taylor, Thomas Ice, Renald Showers. Moody Bible Institute und Moody Press mit Ryrie-Study-Bible und Jerry Jenkins. Western Theological Seminary (Reformed Church in America) mit ihrem Schüler Tim LaHaye. Tim LaHaye School of Prophecy, mit der Serie Left Behind (Finale in 13 Bänden) weltweit bekannt. Trinitiy Broadcasting Network, der wohl weltweit größte evangelikale Fernsehsender. Jack van Impe. Jerry Falwell. John Hagee. The King is Coming (Dr. Howard C. Estep). Prophecy online (Grant R. Jeffrey). Hilton Sutton. Zola Levitt. John Ankerberg. Perry Stone. Chuck Missler. Dave Hunt (The Berean Call). Und viele andere.

[2] Einen ausführlichen Überblick über die verschiedenen Interpretationsansätze der Offenbarung finden Sie unter http://www.derdrachekommt.de/pdf/Interpretationsansaetze_der_Offenbarung.pdf.

[3] Siehe bezüglich des Tausendjährigen Reiches insbesondere auch die ausführlichen Erläuterungen unter http://www.derdrachekommt.de/pdf/Tausendjaehriges_Reich.pdf.

[4] Im griechischen Text heißt es an allen betreffenden Stellen in Offenbarung 20,1-6: „chilia“ beziehungsweise „chilioi“. Es handelt sich hierbei um einen so genannten Plural unbestimmter Affinität, welcher ohne ein Zahlenpräfix dasteht. Mit Präfix würde es eine konkrete Zahl andeuten, wie etwa: heis chilias = 1000; dischilioi = 2000; trischilioi = 3000, und so weiter. Ohne Präfix bedeutet es aber gerade nicht die konkrete Zahl 1000, sondern eine sehr große nicht bekannte Zahl, welche durch den Begriff „tausend“ ausgedrückt wird. Ein ähnliches Phänomen finden wir zum Beispiel in Psalm 50,10: „Denn mir gehören alle Tiere des Waldes, das Vieh auf tausend Bergen.“ Es geht in diesem Vers nicht um eine konkrete Zahl von genau 1000 Bergen, sondern das „chilias „ bzw. „chilioi“ drückt aus, dass dem Herrn eine riesige Zahl von Bergen gehört, nämlich alle Berge. In unserer Alltagssprache kennen wir das gleiche Phänomen, wenn zum Beispiel eine Mutter ihr Kind kritisiert mit den Worten: „Das sollst Du nicht tun, das habe ich Dir doch schon tausendmal gesagt!“ Auch hier erkennt man sofort, dass die Mutter es zuvor nicht genau 999 Mal gesagt hat, sondern bereits unzählige Male.

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