Fragen kurz beantwortet

Fast alle eschatologischen Lehrsysteme sehen den Antichristen als eine Person angesehen, die die Weltherrschaft an sich reißen wird und in einer Zeit der „großen Drangsal“ die ganze Welt in Angst und Schrecken versetzen wird. Was ist nun dran an dieser Lehre, wenn man sie mit den Aussagen der Bibel vergleicht?


(entnommen aus: „Mehr als Überwinder“: Hendriksens Kommentar zur Offenbarung)

 

Um eine schriftgemäße Grundlage der Lehre vom Antichristen zu haben, muss an dieser Stelle unbedingt noch eine klare biblische Stellungnahme hinsichtlich dieses Themas abgegeben werden. Fast alle eschatologischen Lehrsysteme in der Christenheit haben den Antichristen als eine Person angesehen, welche die Weltherrschaft an sich reißen wird, einen Vertrag mit den Juden in Israel schließen wird und in einer Zeit der „großen Drangsal“, welche für sieben Jahre anhalten wird, die ganze Welt in Angst und Schrecken versetzen wird. Diese letzten sieben Jahre werden aus der Weissagung Daniels aus Kapitel 9,24-27 abgeleitet, welche nach Meinung besagter Ausleger, insbesondere der Dispensationalisten, der noch zukünftigen siebzigsten Jahrwoche Daniels entsprechen. Das ganze Geschehen liegt also nach dieser Sichtweise noch in der Zukunft. Die dispensationalistische Sichtweise ist heute in der gesamten evangelikalen Welt des Westens unter den freien evangelikalen Christen, besonders in der Brüderbewegung (welche zu großen Teilen auf John Nelson Darby zurückgeht), absolut beherrschend.

Der Dispensationalismus hat inhaltliche Gemeinsamkeiten mit dem Talmud und dem Zohar der Juden, nämlich dass es nach einer Zeit der Drangsal für Israel ein tausendjähriges Friedensreich des Messias auf dieser Erde geben wird, in welchem Israel der Mittelpunkt der Erde sein wird. Der Dispensationalismus läuft somit in diesem Punkt (ob bewusst oder unbewusst)  parallel zu den Lehren der Pharisäer Israels, welche der Herr während seines irdischen Dienstes verurteilen musste. Der Messias Jesus Christus hat den Juden zu keinem Zeitpunkt seines irdischen Dienstes ein Reich auf dieser Erde angekündigt. Sein Reich war nicht von dieser Welt (Joh 18,36). Deshalb konnte Pilatus auch keine Schuld an dem Herrn Jesus finden, denn das geistliche Reich Gottes war keine Konkurrenz zum irdischen Reich der Römer. Das Reich Gottes konnte man gar nicht sehen, wenn man nicht von neuem geboren war (Joh 3,3). Die Juden dagegen erwarteten einen Messias, der ein politisches Weltreich mit Hauptstadt Jerusalem errichten würde, nachdem er die Römer besiegt hätte. Sie wurden enttäuscht. Heute erwarten die orthodoxen Talmudjuden noch immer dieses Reich. Sie werden wieder enttäuscht werden.

Was ist nun dran an dieser Lehre, wenn man sie mit den Aussagen der Bibel vergleicht? Die Antwort lautet: Möglicherweise nichts. Andererseits könnte es jedoch sehr wohl so sein, dass Gott es den Machthabern dieser Welt erlauben wird, ihre Planungen bis zu einem sehr fortgeschrittenen Stadium zu verwirklichen. Gott könnte es erlauben, dass die Welt noch eine schreckliche Zeit erleben wird, ja dass sogar noch ein (vielleicht sogar aus dem heutigen Israel stammender) Weltdiktator auftreten könnte, welchen die ungläubigen Menschen oder die entsprechend gelehrten Christen  als den „Antichristen in Person“ erkennen würden. Für die Glieder am Leib Christi, würde dann noch einmal eine Zeit gewaltiger Prüfungen und Verfolgungen kommen.

Über mögliche Entwicklungen in diesem Zusammenhang wird in dem Buch „Der Drache kommt!“ ausführlicher gesprochen. In diesem Buch werden verschiedene heutige Denkweisen nebeneinandergestellt. Es wird ein möglicher Ablauf skizziert, wobei  ausdrücklich darauf hingewiesen wird, dass es in der Praxis auch ganz anders kommen könnte. Die Konzepte eines persönlichen Antichristen und seiner möglichen Weltherrschaft werden zwar durchdacht, sie werden jedoch keinesfalls absolut gestellt. Das Buch stellt daher keine lehrmäßige Abhandlung dar, sondern es soll den Leser für die Notwendigkeit der persönlichen Umkehr zu dem Retter Jesus Christus sensibilisieren. Der Autor selbst ist hierbei ein Vertreter der Sichtweise, dass es weder eine geheime Vorentrückung der Christen geben wird, noch eine siebzigste Jahrwoche Daniels in der Zukunft, noch ein tausendjähriges Reich auf dieser Erde.

Und nun zurück zum Antichristen. Es gibt in der Bibel nur einen einzigen Autor, welcher den Antichristen erwähnt, nämlich den Apostel Johannes. Es sind insgesamt so wenige Verse, dass wir sie hier alle zitieren können:

1Joh 2,18: „Kinder, es ist die letzte Stunde! Und wie ihr gehört habt, dass der Antichrist kommt, so sind nun viele Antichristen geworden; daran erkennen wir, dass es die letzte Stunde ist.

1Joh 2,22: „Wer ist der Lügner, wenn nicht der, welcher leugnet, dass Jesus der Christus sei? Das ist der Antichrist, der den Vater und den Sohn leugnet!

1Joh 4,3: „Und jeder Geist, der Jesus nicht bekennt, der ist nicht von Gott. Und das ist der Geist des Antichrists, von welchem ihr gehört habt, dass er kommt; und jetzt schon ist er in der Welt.

2Joh 7: „Denn viele Irrlehrer sind hinausgegangen in die Welt, die nicht bekennen, dass Jesus der im Fleisch gekommene Christus ist; das ist der Irrlehrer und der Antichrist.

Johannes sagt uns sehr klar, dass die Christenheit sich bereits zu seiner Zeit in der „letzten Stunde“ befand! Bereits damals waren viele Antichristen in die Welt ausgegangen, um die Christen zu verführen. Diese Antichristen waren einzelne Personen, welche es nicht nur damals gab, sondern bis heute. Auch in unserer Zeit gab und gibt es immer wieder zahlreiche Personen, welche man als Antichristen bezeichnen könnte. Alle diese Personen repräsentierten während des gesamten Evangeliumszeitalters einen bestimmten Geist. Dieser Geist ist der Antichrist! Der Antichrist ist somit keine Person, sondern ein Geist, welcher sich allerdings zahlreicher Personen in der Geschichte bedient hat und noch bedienen wird. In der letzten Zeit vor dem Kommen des Herrn Jesus Christus wird er die ganze Welt beherrschen wie noch niemals zuvor. Im Moment ist er dabei, durch menschliche Werkzeuge sein „antichristliches“ Weltsystem zu konstruieren. Was ist nun das Charakteristikum dieses Geistes? Er ist ein Lügner, ein Verleugner, ein Täuscher und ein Verführer. Er leugnet den Vater und den Sohn. Er bekennt nicht, dass Jesus Christus ins Fleisch gekommen ist. Er belügt die Menschen sowohl hinsichtlich der Person als auch hinsichtlich des Werkes des Herrn Jesus Christus. Alle Menschen, die sich in seinen Dienst gestellt haben und noch stellen werden, bezeichnet die Bibel als „Antichristen“. Auch diese Menschen sind dann Täuscher, Lügner, Verleugner und Verführer. Ihre Zahl in unserer Zeit ist Legion!!

Zuletzt noch ein kurzes Wort über den „Menschen der Sünde“, welcher in 2Thess 2,1-12 erwähnt wird. Diese Person wird von vielen Lehrern mit der Person des Antichristen identifiziert. Das ist aus biblischer Sicht nicht möglich, da der Antichrist nach der Aussage der Schrift kein Mensch ist, sondern ein Geist, welcher sich vieler einzelner Menschen bedient. Das Gleiche gilt für das Tier aus Offenbarung 13. Johannes hat nicht nur die Briefe geschrieben, in welchen er über den Antichristen redet, sondern er ist auch der Autor der Offenbarung. Niemand wäre kompetenter als Johannes, wenn er in der Offenbarung den Begriff „Antichrist“ gebrauchen würde. Dies geschieht jedoch an keiner Stelle, auch nicht in Offenbarung 13. Wenn das Tier aus Offenbarung 13 wirklich der Antichrist wäre, dann hätte Johannes uns das sicherlich nicht verschwiegen, denn diese Information wäre viel zu wichtig für die Gläubigen gewesen.

Daniel 9,24-27 redet eben gerade nicht über den Antichristen, sondern über den Herrn selbst. Der Herr selbst hat mit vielen den Bund (Hebräisch: „Bereeth“, das ist das Wort für einen Bund, welcher ausschließlich zwischen Gott und Mensch geschlossen wird, und nicht zwischen verschiedenen menschlichen Parteien) geschlossen, nämlich den neuen und ewigen Bund in seinem Blut mit allen Erlösten. Auch ist der König in Daniel 11,36 nicht der Antichrist und nicht das Tier. Sehr vieles spricht dafür, dass es der König Herodes und seine Dynastie war, was jedoch an dieser Stelle aus Platzgründen nicht ausführlich behandelt werden soll.

Wer könnte nun dieser Mensch der Sünde sein? Um diese Frage zu klären, müssen wir den Begriff sowohl mit dem Antichristen in Beziehung setzen, als auch mit anderen Stellen, an denen die Schrift über einen Menschen redet. Wir haben gesagt, dass der Antichrist ein Geist ist, welcher sich einer großen Zahl von Menschen in der Geschichte bedient hat und noch bedienen wird. Der „Antichrist“ stünde also in diesem Sinne für eine ganze Gruppe von Menschen, die geistlich zu ihm gehören. In gleicher Weise könnte auch der „Mensch der Sünde“ eine Gruppe von Menschen repräsentieren, welche in der letzten Zeit in besonders schlimmer Weise der Sünde dienen werden. Im schlimmsten Fall könnte der „Mensch der Sünde“ sogar die ganze abgefallene Menschheit der letzten Tage repräsentieren. Die ganze Menschheit in ihrem sündigen Charakter würde dann geoffenbart werden. Der Mensch unserer Tage verehrt sich selbst als sein eigener Gott. Er selbst ist das Maß aller Dinge. In den östlichen Religionen arbeitet der Mensch sogar an seiner buchstäblichen Gottwerdung. Im Gegensatz zu diesem „Menschen der Sünde“ würde dann der Mensch stehen, den wir in Eph 2,15 finden: Dort hat der Herr Jesus Christus durch seinen Tod und seine Auferstehung die Juden und die Nationen zu einem „Neuen Menschen“ gemacht. Dieser „Neue Mensch“ ist die Gemeinschaft aller Gläubigen in Christus. 

   Kostenloser Download Der Drache kommt