Fragen kurz beantwortet

In vielen Gemeinden ist die Lehre verbreitet, dass nach dem Gemeindezeitalter eine Drangsalzeit kommen wird und im Anschluß hier auf der Erde ein Tausendjähriges Reich aufgerichtet wird. Diese Lehe wollen wir auf den Prüfstand stellen.


(entnommen aus: Verschiedene Interpretationsansätze der Offenbarung)

 

Inhaltsverzeichnis

1. Die prämillennialistische Sichtweise
2. Kritikpunkte
3. Ein Wort zu 2. Petrus 3,10
4. Weitere Kritikpunkte aus Offenbarung 20
5. Ein Deutungsvorschlag

 

1. Die prämillennialistische Sichtweise

Ein Prämilliennialist glaubt, dass Jesus Christus physisch wieder auf diese Erde kommen wird, um seine Gemeinde zu sammeln. Dies wird vor dem Millennium, also dem buchstäblich verstandenen tausendjährigen Zeitalter des Friedens geschehen. Die Lehre basiert auf einer buchstäblichen Auslegung von Off 20,1-6. Sie ist auch bekannt unter der Bezeichnung „Chiliasmus“ (chilias = tausend), was auf die Zeitdauer dieses Reiches unter der Herrschaft Christi auf Erden hinweisen soll.

Der Prämillennialismus lehrt in manchen Ausprägungen zwei, in anderen drei leibliche Auferstehungen[1] sowie mindestens zwei Gerichte. Er kann unterschieden werden in den dispensationalistischen (Entrückung vor der großen Drangsal) und den historischen Prämillennialismus (Entrückung erst danach). Die große Drangsal wird jeweils zeitlich vor dem Millennium eingeordnet. Die Grafik veranschaulicht vier Sichtweisen auf das Millennium.

Das Konzept der Aufrichtung eines zeitlichen irdischen Weltreiches für Israel bei der Erscheinung des Messias entstammt ursprünglich dem Judentum zur Zeit unseres Herrn. Unter den Juden hoffte man damals auf ein nationales goldenes Zeitalter, in welchem die von den damaligen Pharisäern buchstäblich gedeuteten Verheißungen der Propheten für die Nation Israel Wirklichkeit werden sollten.

In den ersten Jahrhunderten nach Christus fand diese Auffassung auch unter vielen Christen Verbreitung. Seit Augustinus wurden jedoch die 1000 Jahre als das Zeitalter der Gemeinde angesehen. Der Prämillennialismus tauchte später vereinzelt wieder auf, wurde aber von allen großen protestantischen Glaubensbekenntnissen abgelehnt. Erst im 19. Jhd. kam er dann wieder auf. Seitdem hat er sich stark ausgebreitet und ist heute die beherrschende Auslegung in den evangelikalen Gemeinden der westlichen Welt. Auch in anderen Gemeindeformen breitet er sich zunehmend aus. Ein guter Überblick über den Prämillennialismus findet sich auf der englischsprachigen Seite von www.wikipedia.org. Soweit die Grundzüge des Chiliasmus.

 

2. Kritikpunkte

Hinsichtlich der Einzelheiten der Deutung bestehen innerhalb des dispensationalistischen und des historischen Prämillennialismus wiederum weitreichende Differenzen, deren Erläuterung Bände füllen könnte und auch gefüllt hat. Wir möchten jedoch nicht ausufern und haben daher oben nur die Grundzüge erläutert. Es folgen nun einige Kritikpunkte bezüglich des Prämillennialismus, zunächst allgemeiner Natur, danach anhand von Off 20:

  1. Die Lehre vom 1000-jährigen Reich findet sich weder in den Evangelien noch an irgendeiner Stelle in den neutestamentlichen Briefen. Sie basiert einzig auf den Versen in Off 20,1-8. Es ist bedenkenswert, dass es an keiner anderen Schriftstelle des Neuen Testamentes einen weiteren Hinweis auf diese Lehre gibt, die als derart grundlegend angesehen wird. Dies widerspricht dem Prinzip der zwei oder drei Zeugen, welches die ganze Bibel durchzieht, und welches auch vom Herrn selbst ausgesprochen wurde.

 

  1. Das vom Prämillennialismus angenommene 1000-jährige Reich wäre ein irdisches Reich mit einer leiblichen Herrschaft des Herrn hier in dieser Welt. Im Gegensatz dazu hörte der Herr während seines gesamten Dienstes auf dieser Erde nicht auf zu betonen, dass sein Reich geistlich ist. Sein Reich ist nicht von dieser Welt. Das Millennium soll aber gerade in dieser Welt stattfinden.

 

  1. Der Prämillennialismus verschiebt den Gedanken an das Reich Gottes auf der Erde in die Zukunft. Im Gegensatz dazu lehrt die Schrift an zahlreichen Stellen, dass das Reich Gottes schon gegenwärtig ist. Was ist mit Matthäus 13? Was ist mit Römer 14,17? (Weitere Stellen: Mt 24,14; Mt 3,2; Mt 12,28; Lk 17,20-21; Apg 8,12; 14,22; 20,25; 28,23; 28,30; Kol 4,11; Lk 16,16; Off 1,6 und 9). Kol 1,12 spricht über das Reich des Sohnes der Liebe des Vaters. Dies ist das Zeugnis der Schrift, und es ist klar. Jesus Christus ist außerdem nicht nur das Haupt der Gemeinde, sondern er ist König auf dem Thron. Ihm ist schon heute alle Gewalt gegeben, und zwar im Himmel und auf der Erde (Mt 28,18).

 

  1. Die Schrift sagt an keiner Stelle, dass die Juden für 1000 Jahre als Volk mit absoluter Vormachtstellung über den Rest der Welt eingesetzt werden, auch nicht in Off 20. Diese Stelle erwähnt weder Juden, noch Israel, noch Jerusalem. Es muss auch hier betont werden: Es gilt, was da steht! Die Deutung steht im Widerspruch zu Versen wie Kol 3,11; Eph 2,14; Eph 2,19; Eph 3,6; Mt 21,43. Anstelle der Nation Israel auf dieser Erde ist die Gemeinde als das Volk des Segens eingesetzt, und zwar für immer. Diese neue geistliche Nation nach Mt 21,43 bringt die Frucht des Reiches. Sie enthält zwar zahlreiche Juden, aber sie ist nicht Israel. Auch das Gleichnis vom Feigenbaum bei Matthäus und Markus deutet klar darauf hin, denn der Feigenbaum (ein Bild für das irdische Israel im Fleisch) wird nach dem Wort des Herrn in Ewigkeit keine Frucht mehr bringen. Also nie mehr. Also auch nicht in einem zukünftigen irdischen Reich. Siehe auch Jak 3,12: Der Feigenbaum trägt keine Oliven!

 

  1. Der Prämillennialismus lehrt mindestens 2 Ankünfte des Herrn, wobei eine davon geheim stattfindet. Die Schrift lehrt an verschiedenen Stellen, dass der Herr nur einmal wiederkommt, und zwar sichtbar am letzten Tag, dem Tag des Herrn, dem Tag Christi (denn Christus ist der Herr, es gibt keinen anderen), bei der letzten Posaune, mit Blitz, Donner, Erdbeben und Bewegung der Gestirne. Jedes Auge wird ihn sehen. Das wird jeder mitbekommen, und man findet hier nichts Geheimes.

 

  1. Der Prämillennialismus lehrt mindestens 2 leibliche Auferstehungen. Dies steht im Widerspruch zu den Aussagen des Herrn, welche er während seines Lebens gemacht hat. Lesen sie folgende Stellen: Joh 6,39+40+44+54; Joh 11,24; Joh 5,28-29. Es wird eine allgemeine leibliche Auferstehung aller Menschen, der Ungerechten und der Gerechten, am letzten Tag geben.

 

  1. Der Prämillennialismus lehrt, dass es während 1000 Jahren auf der Erde zu gleicher Zeit verherrlichte Heilige und Heilige in irdischen Leibern geben wird, die nebeneinander leben werden. Es fällt sehr schwer, sich das vorzustellen, und auch Anhänger des Prämillennialismus haben zugegeben, dass diese Sache sie in Verlegenheit bringt. Wann immer wir sehen, dass Menschen im Fleisch dem verherrlichten Herrn begegnen, dann fallen sie wie tot zu Boden.

 

  1. Vom dispensationalistischen Prämillennialismus wird auch gelehrt, dass während der 1000 Jahre viele Menschen auf der Erde leben werden, die im Grunde ihres Herzens noch unbekehrte Sünder sind. Das würde aber bedeuten, dass das Zeitalter doch nicht so herrlich sein würde, wie wir glauben sollen. Wie könnte es möglich sein, dass der Herr für 1000 Jahre geherrscht hat, und dass der Satan es am Ende dieser totalen Herrschaft des Herrn fertigbringen sollte, eine Masse von Menschen, so zahlreich wie der Sand des Meeres aufzubringen, welche nach Jerusalem ziehen und dort das Heerlager der Heiligen tödlich bedrohen könnte?

 

3. Ein Wort zu 2. Petrus 3,10

2Pe 3,10: „Es wird aber der Tag des Herrn kommen wie ein Dieb in der Nacht; dann werden die Himmel mit Krachen vergehen, die Elemente aber vor Hitze sich auflösen und die Erde und die Werke darauf verbrennen.

Dort antwortet Petrus auf einen Vorwurf der Welt gegenüber den Christen. Die Welt sagt: „Wo bleibt denn euer Messias? Ihr habt nun schon Jahrhunderte lang auf ihn gewartet, und nichts ist geschehen! Alles läuft wie immer! Alles Blödsinn, Ihr seid nur Narren!“ Beachten Sie hierzu auch die Aussage des Herrn selbst in Lukas 17, dass es vor seiner Ankunft sein wird wie in den Tagen Noahs, wo die Menschen gedankenlos und gottlos lebten. Petrus will die Gläubigen trösten in dieser Situation. Er sagt gewissermaßen: „Lasst sie nur spotten. Der Herr wird ihnen allen die Wirklichkeit seiner Macht zeigen, wenn er kommt. Erwartet nur seinen Tag und heiligt euch. Sein Tag wird kommen wie ein Dieb in der Nacht, und er wird alles gut machen. Ein neuer Himmel und eine neue Erde!“

Dazu sind nun wirklich einige Fragen zu stellen:

  • Wie kann die Welt über einen Messias spotten, der zuvor 1000 Jahre lang auf seinem Thron der Herrlichkeit gesessen und die ganze Welt absolut beherrscht hat?

 

  • Wie können die jetzigen Himmel und die jetzige Erde für das Gericht durch Feuer aufbewahrt werden, wenn zuerst noch eine Periode von 1000 Jahren dazwischengesetzt ist, während welcher alles eben gerade nicht mehr wie jetzt sein soll, sondern ganz umgestaltet?

 

  • Wieso erwähnt Petrus die 1000 Jahre an dieser Stelle überhaupt nicht, so wie auch Paulus, auf dessen Schriften Petrus in dieser Passage hinweist, sie an keiner einzigen Stelle erwähnt? Denken wir daran: Es gilt, was da steht.

 

  • Wieso werden wir in unserer Zeit von Petrus dazu aufgefordert, genau diesen großen Tag des Feuers in Heiligung unseres Lebens zu erwarten und sogar sein Kommen zu beschleunigen, wenn wir überhaupt keine Chance haben, ihn zu erleben, weil wir 1000 Jahre davor schon in den Himmel gehen sollen? Seltsame Vorstellung.

 

  • Wie kann dieser Tag für die Welt und auch für uns kommen wie ein Dieb in der Nacht, wenn er zuvor durch eine 1000-jährige Herrschaft des Messiaskönigs auf der ganzen Erde im großen Stil angekündigt und vorbereitet worden ist? Können die Menschen während dieser ganzen Zeit gedankenlos und gottlos gelebt haben? Völlig undenkbar. Die gesamte Logik hinsichtlich 2Pet 3 weist eindeutig von einem Millennium weg, nichts weist darauf hin.
     

Bevor wir nun zu den Einwänden aus Off 20 selbst kommen, muss erneut darauf hingewiesen werden, dass nicht nur das Buch der Offenbarung, sondern die gesamte Heilige Schrift eine Einheit ist. Wir dürfen nicht eine Stelle in einer bestimmten Art und Weise auslegen, wenn es an anderen Schriftstellen Aussagen gibt, welche unserer Auslegung widersprechen. Genauso dürfen wir bei der Auslegung unklarer oder schwieriger Stellen nicht auf die ergänzenden Aussagen verzichten, welche die Schrift an anderen Stellen macht. Wir müssen sie mit einbeziehen, wenn wir zu einer richtigen Deutung gelangen wollen.

 

4. Weitere Kritikpunkte aus Offenbarung 20

Johannes sieht einen Engel aus dem Himmel herabkommen, er blickt also in den Himmel. Dort sieht er Throne. Im gesamten Buch der Offenbarung stehen die Throne niemals auf der Erde, sondern immer im Himmel. Das ist eine äußerst bedeutsame Tatsache. Johannes sieht überhaupt keine irdische Szene, sondern eine Szene im Himmel! Es ist hier gar nicht die Rede von den Juden, von Israel, von Jerusalem, vom Tempel oder von der Erde. Die alttestamentlichen Aussagen über kommende Ereignisse in Israel werden von den Auslegern in dieses Kapitel hineininterpretiert, um das himmlische Geschehen auf die Erde herunter zu ziehen. Die Ausleger verbinden Dinge miteinander, die der Seher Johannes überhaupt nicht miteinander verbindet.

Dann sieht Johannes, wie der Engel den Satan an eine Kette legt. Man ist noch bereit zuzugeben, dass der Satan ein Geistwesen ist. Seltsam ist dann aber die Tatsache, dass man nicht mehr bereit ist zuzugeben, dass man einen Geist nicht an eine materielle Kette legen kann, und dass somit das gesamte Bild ein Symbol sein muss. Auch die Zahl 1000 ist eine symbolische Zahl, denn sie symbolisiert im Kontext der Offenbarung dreifache Vollständigkeit: 10 x 10 x 10. Das bedeutet einen langen Zeitraum, der in den Plänen Gottes vollständig ist. Die Auslegung sagt also in symbolischer Sprache das Folgende: Es wird eine sehr lange Zeit geben, während welcher ein mächtiger Engel den Geist Satan geistlich bindet und in seiner Aktivität entscheidend einschränkt, so dass er nicht mehr ungehindert wirken kann. Er kann nämlich infolge seines Gebundenseins die Nationen nicht mehr verführen.

Auch hier müssen wir wieder mit anderen Schriftstellen vergleichen. Jes 49,24-26 sagt aus, dass dem Starken die Beute genommen werden wird, und dass der Herr selbst als der Messias (von dem Jes 49 als Ganzes redet) seine Kinder erretten wird. Jes 49,6 sagt, dass der Messias nicht nur zu Israel kommen wird, sondern dass er das Licht der Nationen sein würde.

Psalm 22 spricht von der großen Gemeinde aus allen Nationen und von den Enden der Erde, die den Messias nach seiner Auferstehung und Verherrlichung anbeten werden. Das ist seit der Himmelfahrt der Fall. In Mt 12,29 sagt der Herr selbst, dass er in das Haus des Starken eindringen und ihn binden werde. Das geschah während seines Dienstes auf der Erde. Er schickte die Jünger zu zweit los und ließ sie im Angesicht des geistlich gebundenen Satans evangelisieren. Als sie zurückkehrten, sagte er in Lk 10,18, dass er den Satan wie einen Blitz aus dem Himmel fallen sah. Schließlich noch das Wort des Herrn aus Joh 12,31-32: „Jetzt ergeht ein Gericht über diese Welt. Jetzt wird der Fürst dieser Welt hinausgeworfen werden. Dies sagte er aber um anzudeuten, durch welchen Tod er sterben würde.“ Im Dienst des Herrn auf der Erde wurde der Satan also geistlich gebunden, und kurz nach Golgatha, nämlich bei der Himmelfahrt des Herrn, wurde der Satan aus dem Himmel hinausgeworfen. Diese beiden Dinge hängen nach den Aussagen der Schrift unmittelbar mit dem ersten Kommen des Herrn zusammen. Beides finden wir genauso in Off 20 wieder: Der starke Engel kommt, bindet den Satan und wirft ihn aus dem Himmel hinab. Und damit noch nicht genug. Off 12,7-12 zeigt uns, wie der Teufel vom Erzengel Michael besiegt und aus dem Himmel hinausgeworfen wird. Dies geschieht im Kontext von Off 12 unmittelbar im Anschluss an die Auferstehung und Himmelfahrt des Herrn in Vers 5. Der starke Engel könnte somit Michael selbst sein.

 

5. Ein Deutungsvorschlag

Abschließend möchte ich Ihnen in aller Bescheidenheit und im klaren Bewusstsein der Begrenztheit meiner eigenen Erkenntnis den folgenden Deutungsvorschlag für die Stelle in Off 20 unterbreiten:

Vor dem Kommen des Herrn waren nur dem Volk Israel die Aussprüche Gottes anvertraut, nur dieses Volk lebte im Licht und unter der Führung Gottes. Über den Nationen lag völlige geistliche Finsternis, und sie wurden vom Satan verführt, indem er sie in allen Variationen des heidnischen Götzendienstes festhielt. Im irdischen Leben des Herrn Jesus Christus wurde der Satan geistlich gebunden. Im Tod und in der Auferstehung des Herrn wurde der Satan völlig entmachtet. Er wurde nach der Himmelfahrt des Herrn von dem starken Engel Michael aus dem Himmel hinausgeworfen auf die Erde. Da er geistlich gebunden ist, kann er die Nationen nicht mehr verführen. Der Dienst des Herrn hat das Evangelium ans Licht gebracht, welches nun bis zu den Enden der Erde läuft und von den Nationen angenommen wird. Die Nationen sind nun nicht mehr durch den Satan verblendet und verführt, sondern sie folgen dem Licht des Herrn. Dies wird für eine lange Zeit von symbolischen 1000 Jahren so sein, nämlich während des gesamten Evangeliumszeitalters.

Am Ende dieses Zeitalters wird der Satan für eine kurze Zeit losgelassen, was in unseren Tagen bereits geschehen sein könnte. Er wird seine menschlichen Diener dazu befähigen, ein Weltreich aufzurichten, in welchem die Verkündigung des Evangeliums nicht mehr möglich sein wird (vgl. Joh. 9,4) und in welchem die wenigen noch auf der Erde verbliebenen Gläubigen zuletzt einer hoffnungslosen Übermacht von menschlichen Heeren des Satans gegenüberstehen werden, welche so zahlreich wie der Sand des Meeres sein werden. Das gesamte Weltsystem mit allen seinen Dienern wird jedoch am letzten Tag von dem aus dem Himmel kommenden Herrn gerichtet werden. Aus diesem Grund geht die lange Zeit der 1000 Jahre im Kontext von Off 20 dem Gericht voraus.[2]

Des Weiteren sieht Johannes in 20,4 außer den Thronen auch noch die Seelen derjenigen, welche um des Zeugnisses Jesu willen enthauptet worden waren. Noch einmal: Er sieht keine menschlichen Körper, sondern Seelen, welche von ihren Körpern getrennt im Himmel bei Christus sind. Sie wurden enthauptet um des Zeugnisses Jesu willen. Auch hierzu wieder einige Fragen.

 

  • Wann wird das Zeugnis Jesu verkündigt? Antwort: Im heutigen Zeitalter der Gemeinde Jesu.

 

  • Wann werden Menschen enthauptet, weil sie das Zeugnis Jesu geben? Antwort: Im heutigen Zeitalter der Gemeinde Jesu. Dies geschah bereits zum Zeitpunkt der Niederschrift der Offenbarung, und es wird auch weiterhin geschehen, bis der Herr wiederkommt.

 

  • Wann befinden sich die Seelen der getöteten Jünger Jesu getrennt von ihren Leibern im Himmel bei Christus? Antwort: Im heutigen Zeitalter der Gemeinde Jesu.[3] Wenn der Herr wiederkommt, dann werden die Toten in Christo auferstehen aus ihren Gräbern. Ihre Seelen werden mit den Leibern vereinigt, und sie werden von da an als ganze verherrlichte Menschen mit Leibern und Seelen für immer bei dem Herrn sein.
     

Die Gesamtschau aller dieser Dinge lässt für Off 20,1-8 bei textorientierter Schriftauslegung nur einen einzigen Schluss zu: Die 1000 Jahre stellen das Zeitalter der Gemeinde Jesu dar, währenddessen die Christen auf der Erde verfolgt und getötet werden wegen ihres Zeugnisses für Jesus. Der Satan ist geistlich gebunden und kann die Nationen nicht mehr uneingeschränkt verführen. Das Evangelium geht zu den Nationen und viele Menschen nehmen es an. Sie werden zu Zeugen Jesu im Angesicht Satans. Der Satan kann zwar noch ihre Leiber töten, aber nicht mehr ihre Seelen. Nach ihrem Tod gehen ihre Leiber ins Grab. Ihre Seelen gehen in den Himmel und sitzen dort mit Christus in den himmlischen Örtern (Eph 1), wo sie auf Thronen sitzend (Off 3,21) herrschen mit Christus, und wo sie wie die gesamte Schöpfung die Erlösung des Leibes erwarten. Diese Erlösung des Leibes wird sich bei der leiblichen Auferstehung am Tag des zweiten Kommens Christi ereignen. Somit redet Off 20 nach meiner bescheidenen Ansicht ganz eindeutig nicht über ein zukünftiges 1000-jähriges Reich auf der Erde.[4]

Während dieser symbolischen 1000 Jahre herrscht also Christus im Himmel, und die gestorbenen Gläubigen herrschen mit ihm. Das ist gegenwärtig der Fall. Diese Auslegung ist in vollkommener Harmonie mit folgenden Schriftstellen: Ps 110,1; Mt 28,18; Eph 2,5-6; Phil 1,21-23; Phil 2,9; Kol 1,1-3; 2Tim 2,12. Aber damit noch nicht genug. Nicht nur unser Herr herrscht jetzt im Himmel und auf der Erde, sondern auch wir selbst herrschen bereits jetzt im Leben:

Rö 5,17: „Denn wenn infolge der Übertretung des einen der Tod zur Herrschaft kam durch den einen, wie viel mehr werden die, welche den Überfluss der Gnade und das Geschenk der Gerechtigkeit empfangen, im Leben herrschen durch den Einen, Jesus Christus!“

Die symbolischen 1000 Jahre in Off 20 reden über das gegenwärtig noch andauernde Zeitalter der Gemeinde.

 

[1] 1) Bei der geheimen Vorentrückung; 2) Am Ende der Drangsal bei der sichtbaren Wiederkunft des Herrn; 3) Am Ende des Tausendjährigen Reiches.

[2] Die Reihenfolge müsste nach prämillennialistischer Lehre an dieser Stelle genau umgedreht werden. Dies würde jedoch den Kontext des Kapitels völlig zerstören und ist somit im Hinblick auf eine korrekte Schriftauslegung nicht gestattet.

[3] Übrigens befinden sich die Seelen aller in Christus Gestorbenen heute bei Christus. Paulus sagte, dass er Lust habe abzuscheiden und bei Christus zu sein, denn es ist weit besser.

[4] Im griechischen Text heißt es hier – wie auch an den anderen Stellen in Offenbarung 20,1-8 – „chilia“ beziehungsweise „chilioi“. Es handelt sich hierbei um einen so genannten Plural unbestimmter Affinität, welcher ohne ein Zahlenpräfix dasteht. Mit Präfix würde es eine konkrete Zahl andeuten, wie etwa: heis chilias = 1000; dischilioi = 2000; trischilioi = 3000, und so weiter. Ohne Präfix bedeutet es aber gerade nicht die konkrete Zahl 1000, sondern eine sehr große nicht bekannte Zahl, welche durch den Begriff „tausend“ ausgedrückt wird. Ein ähnliches Phänomen finden wir zum Beispiel in Psalm 50,10: „Denn mir gehören alle Tiere des Waldes, das Vieh auf tausend Bergen.“ Es geht in diesem Vers nicht um eine konkrete Zahl von genau 1000 Bergen, sondern das „chilioi“ drückt aus, dass dem Herrn eine riesige Zahl von Bergen gehört, nämlich alle Berge. In unserer Alltagssprache kennen wir das gleiche Phänomen, wenn zum Beispiel eine Mutter ihr Kind kritisiert mit den Worten: „Das sollst Du nicht tun, das habe ich Dir doch schon tausendmal gesagt!“ Auch hier erkennt man sofort, dass die Mutter es zuvor nicht genau 999 Mal gesagt hat, sondern bereits unzählige Male. Die Auslegung einiger auch von mir sehr geschätzter Bibellehrer unserer Zeit, dass es sich in Offenbarung 20,1-8 um eine Zeit von genau 1000 Jahren handele, ist daher nach meiner bescheidenen persönlichen Ansicht nicht richtig. Es handelt sich vielmehr um einen sehr langen Zeitraum von unbekannter Dauer, der durch das Wort „tausend“ (chilioi) ausgedrückt werden soll. Es ist eigentlich ein anderer Begriff für das sehr lange Zeitalter der christlichen Gemeinde, dessen genaue Dauer niemand angeben kann.

 

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