Erschaffen im Bilde Gottes

Gott hatte dem Menschen erklärt was gut und böse ist, aber der Mensch wollte nicht gehorchen. So wurde der Mensch wie Gott, aber in der falschen Art und Weise, nämlich auf dem Weg der Sünde und Rebellion.


Die Sünde führte Adam und Eva unmittelbar zu einem schlechten Gewissen und zur Scham. Die Feigenblätter bedeckten die Geschlechtsorgane, denn die Sünde verdarb die Quelle und den Ursprung des Daseins. Das zweite Ergebnis war die Angst vor Gott. Dieses führte zur Flucht aus der Verantwortung. Adam schob sie auf Eva, Eva schob sie auf die Schlange.

Wegen der Sünde brachte Gott den Fluch über die Erde und über die Schlange. Für diese beiden gibt es keine Wiederherstellung mehr. Die Erde muss erneuert werden, die Schlange, also der Satan, bleibt auf ewig verflucht ohne Erlösung. Adam und Eva wurden nicht verflucht, sondern es kam ein Gericht und eine Strafe über sie. Für beide gibt es noch immer die Möglichkeit der Erlösung in diesem Leben. Diese Erlösung ist in dem Protevangelium angekündigt, welches die Gnade Gottes gegenüber den gefallenen Menschen darstellt (1Mo 3,17).

Eva hatte eine Art private Freundschaft mit der Schlange geschlossen. Gott gibt ihr dafür den Segen der Feindschaft gegenüber der Schlange und somit dem Teufel. Diese Feindschaft wird fortgesetzt in allen nachfolgenden Generationen als Feindschaft zwischen den Menschen, die Gott dienen und denen die dem Teufel dienen. So ist es bis heute: die ganze Geschichte ist durchzogen von der Feindschaft zwischen diesen beiden Gruppen.

Ein einziger Mensch würde zu seiner Zeit als Erlöser der Schlange den Kopf endgültig zertreten und dabei selbst schwer verletzt werden. Die Erfüllung kam natürlich in dem Werk des letzten Adam, des Herrn Jesus Christus, und sie geschah auf Golgatha. Ab 1Mo 3 ist die gesamte Bibel bis zum Ende die Geschichte der schrittweisen Offenbarung und Vollendung dieser gewaltigen und ewigen Erlösung.

Die Frau sollte weiterhin Kinder gebären, aber sie würde nach dem Sündenfall Schmerzen bei der Geburt haben. Sie wird dennoch nach der sexuellen Gemeinschaft mit dem Mann verlangen. Unter dem Fluch muss sie dem Mann untergeordnet sein und wird beherrscht. Dies ist bis heute in gottlosen Gesellschaften zu sehen. Im christlichen Glauben wird jedoch eine Wiederherstellung der gleichberechtigten Gemeinschaft zwischen den Geschlechtern angestrebt, wenngleich mit klar verteilten Aufgaben.

Der Mann wird mit Mühe und Schweiß den verfluchten Erdboden bestellen, denn die Schöpfung leidet zusammen mit dem Menschen. Arbeit ist zwar noch ein Segen, aber sie ist oft mit schwerer Mühe verbunden. Der Boden wird Dornen und Disteln hervorbringen, obwohl auch noch Frucht da sein wird. Sie muss aber errungen werden. Das Gleiche gilt für den geistlichen Segen: er muss errungen werden, er fällt nicht einfach in den Schoß. Auch die geistliche Reife wird oftmals durch Leiden hindurch errungen. Dazu kommen im äußeren Leben Naturkatastrophen und Krankheiten, die den Menschen plagen.

Die letzte und schwerste Folge des Sündenfalls ist der geistliche Tod, welcher unmittelbar nach der Sünde eintrat, und der leibliche Tod, welcher erst viele Jahre später folgte. Die tiefste Bedeutung von Leben ist Gemeinschaft mit Gott, die tiefste Bedeutung von Tod ist der Verlust dieser Gemeinschaft. Die Auswirkung für den Menschen ist sowohl geistlich und ewig als auch leiblich und zeitlich. Auch die Verlorenen werden in der Ewigkeit einen Leib haben. Ohne Gottes gnädiges Eingreifen wären alle drei Facetten des Todes (körperlich, geistlich und ewig) auf dem Menschen geblieben. Adam und Eva glaubten an die Verheißung des Erlösers und wurden mit dem Fell des stellvertretend geschlachteten Tieres bekleidet, aber sie mussten trotzdem das Paradies verlassen.

1Mo 3,22-24: Gott sagt: „Der Mensch ist geworden wir unsereiner, …“ Der Mensch wollte für sich ein göttliches Vorrecht in Anspruch nehmen, nämlich für sich selbst zu entscheiden was gut und was böse ist. Aber das darf und kann nur Gott tun. Gott hatte dem Menschen erklärt was gut und böse ist, aber der Mensch wollte nicht gehorchen. Stattdessen nahm er die Entscheidung über Gut und Böse in seine eigene Hand. So wurde er sein eigener Gott. Er wurde wie Gott, aber in der falschen Art und Weise, nämlich auf dem Weg der Sünde und Rebellion. So kennt nun der Mensch Gut und Böse auf dem Weg, den Gott verboten hatte, und er muss die Konsequenzen dieser Erkenntnis tragen. Die Vertreibung aus dem Paradies schützte den Menschen davor, durch das Essen vom Baum des Lebens dazu verurteilt zu werden, auf ewig in seinem elenden Zustand verharren zu müssen. Sie war somit ein Segen und eine Gnade.

 

5.1 Die Universalität der Sünde

Außer Jesus Christus war niemals ein Mensch frei von Sünde. Die Erkenntnis, dass mit dem Menschen etwas nicht stimmt, durchzieht alle Nationen und Kulturen. Plato redete vom Intellekt als dem Guten, von den Begierden als dem Schlechten. Kant sprach über das radikale Böse im Menschen. Die Literatur zeigt es, ebenso auch die Bibel. Die Sünde im Menschen zeigt sich durch den Mord an Abel, die Flut, die Bosheit auch nach der Flut und an zahlreichen anderen Bibelstellen.

 

1Mo 8,21: “Und der HERR roch den lieblichen Geruch, und der HERR sprach in seinem Herzen: Ich will künftig den Erdboden nicht mehr verfluchen um des Menschen willen, obwohl das Trachten des menschlichen Herzens böse ist von seiner Jugend an; auch will ich künftig nicht mehr alles Lebendige schlagen, wie ich es getan habe.”

1Kö 8,46: “Wenn sie gegen dich sündigen — denn es gibt keinen Menschen, der nicht sündigt — und du über sie zornig bist und sie vor dem Feind dahingibst, sodass ihre Bezwinger sie gefangen wegführen in das Land des Feindes, es sei fern oder nah, …”

Hi 14,4: “Wie könnte denn ein Reiner von einem Unreinen kommen? Nicht ein Einziger!”

Ps 30,3: “HERR, mein Gott, zu dir habe ich geschrien, und du hast mich geheilt.”

Spr 20,9: “Wer kann sagen: Ich habe mein Herz geläutert, ich bin rein geworden von meiner Sünde?”

Pred 7,20: “Weil kein Mensch auf Erden so gerecht ist, dass er Gutes tut, ohne zu sündigen,”

Joh 3,3: “Jesus antwortete und sprach zu ihm: Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Wenn jemand nicht von Neuem geboren wird, so kann er das Reich Gottes nicht sehen!”

Rö 3,23: “denn alle haben gesündigt und verfehlen die Herrlichkeit, die sie vor Gott haben sollten,”

Eph 2,3: “unter ihnen führten auch wir alle einst unser Leben in den Begierden unseres Fleisches, indem wir den Willen des Fleisches und der Gedanken taten; und wir waren von Natur Kinder des Zorns, wie auch die anderen.”

1Joh 1,8-10: “Wenn wir sagen, dass wir keine Sünde haben, so verführen wir uns selbst, und die Wahrheit ist nicht in uns. Wenn wir aber unsere Sünden bekennen, so ist er treu und gerecht, dass er uns die Sünden vergibt und uns reinigt von aller Ungerechtigkeit. Wenn wir sagen, dass wir nicht gesündigt haben, so machen wir ihn zum Lügner, und sein Wort ist nicht in uns.”

 

5.2 Die Erbsünde oder Ursünde

Es ist der sündige Zustand, in welchem jeder Mensch geboren wird. Die Erbsünde hat ihren Beginn beim Ursprung der Menschheit, und sie ist die Ursache für alle weiteren Sünden, die wir begehen und für die wir uneingeschränkt verantwortlich sind. Verschiedene neuzeitliche Theologen haben jedoch falsche Lehren diesbezüglich hervorgebracht.

  • Karl Barth: Es gab keine Zeit, in welcher der Mensch unschuldig war, es gab niemals ein goldenes Zeitalter. Auch der erste Mensch war ein Sünder von Anbeginn.
  • Emil Brunner: Rö 5,12 redet nicht über Adams Übertretung sondern sagt, dass Adams Nachkommen in den Tod verstrickt sind, weil sie alle selbst Sünden begehen.
  • Rudolf Bultmann: Der Sündenfall gehört zu den zahlreichen Mythen der Bibel.
  • Reinhold Niebuhr: Der Sündenfall ist kein historisches Ereignis. Die Sünde ist definiert innerhalb der Struktur des menschlichen Selbstbewusstseins.

 

Auch zahlreiche katholische Theologen sind zu unbiblischen Erkenntnissen gelangt (Vanneste, Baumann, Trooster, Haag und andere). Sie basierten ihre Erkenntnisse meist auf denen der neuzeitlichen Wissenschaften.

Aus biblischer Sicht steht jedoch fest: Der Sündenfall ist historisch und er betrifft die gesamte Menschheit, welche zum damaligen Zeitpunkt aus nur zwei Personen bestand. Die Folgen betreffen bis heute alle anderen Menschen in der Geschichte. Diese Lehre ist eine der wichtigsten der ganzen Bibel, denn sie zeigt uns die absolute Notwendigkeit der Vergebung, der Wiedergeburt und der Erlösung für jeden Menschen, welche nur in Jesus Christus erlangt werden kann.

Die Erbsünde umfasst die Schuld als juristisches Konzept und die Befleckung als moralisches Konzept. Zunächst die juristische Schuld. Adam handelte im Sündenfall als unser Repräsentant, und genau deswegen sind wir in die Schuld seiner Tat involviert. In 1Kor 15 wird diese Lehre in aller Klarheit dargelegt. Ebenso ist Rö 5,12-21 eine unmissverständliche Schriftstelle, welche den Zusammenhang in allen Einzelheiten erläutert. Beide Stellen bringen den direkten Vergleich zwischen Adam und Christus und beleuchten die Auswirkungen für uns aus allen Perspektiven. Wir alle verdienen die Verdammnis, weil unser aller Haupt und Repräsentant Adam das Gesetz Gottes brach. Wir alle brauchen Rechtfertigung und Erlösung.

Die moralische Befleckung unseres Wesens ist die Folge von Adams Sünde und sie führt uns auch dazu, immer weiter zu sündigen. Wir werden in einem verdorbenen Zustand geboren. Zwei Aspekte sind hier zu unterscheiden.

 

Die durchdringende Verdorbenheit des Menschen

Die Verdorbenheit betrifft alle Aspekte der menschlichen Natur: Verstand, Wille, Begierden, Impulse, Gefühle, keine Liebe zu Gott. Wir können aus diesem natürlichen Zustand nicht selbst herauskommen.

 

Jer 17,9: „Überaus trügerisch ist das Herz und bösartig; wer kann es ergründen?“

Mk 7,21-23: „Denn von innen, aus dem Herzen des Menschen, kommen die bösen Gedanken hervor, Ehebruch, Unzucht, Mord, Diebstahl, Geiz, Bosheit, Betrug, Zügellosigkeit, Neid, Lästerung, Hochmut, Unvernunft. All dieses Böse kommt von innen heraus und verunreinigt den Menschen.“

Joh 3,3: „Jesus antwortete und sprach zu ihm: Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Wenn jemand nicht von Neuem geboren wird, so kann er das Reich Gottes nicht sehen!“

Rö 8,7a: „weil nämlich das Trachten des Fleisches Feindschaft gegen Gott ist;“ (Fleisch beschreibt hier die Gesamtheit des verdorbenen Wesens unter der Sünde.)

Eph 4,17-19: „Das sage und bezeuge ich nun im Herrn, dass ihr nicht mehr so wandeln sollt, wie die übrigen Heiden wandeln in der Nichtigkeit ihres Sinnes, deren Verstand verfinstert ist und die entfremdet sind dem Leben Gottes, wegen der Unwissenheit, die in ihnen ist, wegen der Verhärtung ihres Herzens; die, nachdem sie alles Empfinden verloren haben, sich der Zügellosigkeit ergeben haben, um jede Art von Unreinheit zu verüben mit unersättlicher Gier.“

Tit 1,15-16: „Den Reinen ist alles rein; den Befleckten aber und Ungläubigen ist nichts rein, sondern sowohl ihre Gesinnung als auch ihr Gewissen sind befleckt. Sie geben vor, Gott zu kennen, aber mit den Werken verleugnen sie ihn, da sie verabscheuungswürdig und ungehorsam und zu jedem guten Werk untüchtig sind.“

 

Die geistliche Unfähigkeit oder das geistliche Unvermögen

Der natürliche Mensch kann nicht sagen, tun oder denken was Gott völlig gefällt und sein Gesetz völlig erfüllt. Ohne das Werk des Heiligen Geistes ist er unfähig, die Grundorientierung seines Lebens weg von der Selbstliebe hin zu der Liebe zu Gott zu verändern. Dies ist eigentlich nur eine andere Beschreibung der Unfähigkeit des Willens, so dass die beiden Konzepte der durchdringenden Verdorbenheit und des geistlichen Unvermögens einander überlappen als Teile der Befleckung des Menschen. Die Aspekte sind nicht völlig voneinander zu trennen.

 

Joh 3,3-5: „Jesus antwortete und sprach zu ihm: Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Wenn jemand nicht von Neuem geboren wird, so kann er das Reich Gottes nicht sehen! Nikodemus spricht zu ihm: Wie kann ein Mensch geboren werden, wenn er alt ist? Er kann doch nicht zum zweiten Mal in den Schoß seiner Mutter eingehen und geboren werden? Jesus antwortete: Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Wenn jemand nicht aus Wasser und Geist geboren wird, so kann er nicht in das Reich Gottes eingehen!“

Joh 15,4-5: „Bleibt in mir, und ich [bleibe] in euch! Gleichwie die Rebe nicht von sich selbst aus Frucht bringen kann, wenn sie nicht am Weinstock bleibt, so auch ihr nicht, wenn ihr nicht in mir bleibt. Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn getrennt von mir könnt ihr nichts tun.“

Rö 7,18-19: „Denn ich weiß, dass in mir, das heißt in meinem Fleisch, nichts Gutes wohnt; das Wollen ist zwar bei mir vorhanden, aber das Vollbringen des Guten gelingt mir nicht. Denn ich tue nicht das Gute, das ich will, sondern das Böse, das ich nicht will, das verübe ich.“

Rö 8,7-8: „… weil nämlich das Trachten des Fleisches Feindschaft gegen Gott ist; denn es unterwirft sich dem Gesetz Gottes nicht, und kann es auch nicht; und die im Fleisch sind, können Gott nicht gefallen.“

1Kor 2,14: „Der natürliche Mensch aber nimmt nicht an, was vom Geist Gottes ist; denn es ist ihm eine Torheit, und er kann es nicht erkennen, weil es geistlich beurteilt werden muss.“

Eph 2,4-5: „Gott aber, der reich ist an Erbarmen, hat um seiner großen Liebe willen, mit der er uns geliebt hat, auch uns, die wir tot waren durch die Übertretungen, mit dem Christus lebendig gemacht – aus Gnade seid ihr errettet! –“

 

Das Konzept der Erbsünde ist geheimnisvoll, und es liegt in seinem Ursprung viel tiefer als nur in dem äußerlichen Begehen von Sünden. Es ist wie so viele Dinge mit dem Verstand des Menschen nicht letztlich zu ergründen.

 

5.3 Die Übertragung der Sünde: Wie geschieht sie?

Das Prinzip der Nachahmung

Verschiedenste Antworten wurden auf diese schwierige Frage gegeben. Nach Pelagius gibt es keine Verbindung zwischen Adams Sünde und unserer Sünde. Die Universalität der Sünde erklärte er durch das Prinzip der simplen Nachahmung. Die Gemeinde wies diese Lehre vehement zurück, denn sie steht in klarem Widerspruch zu Stellen wie Rö 5,12-21 und Joh 8,34. Dazu kommt, dass ein schlechtes Beispiel nicht immer verderblich ist, sondern auch als Warnung dienen kann.

 

Mittelbare Zurechnung

Ein anderes unbiblisches Konzept ist die sogenannte „vermittelte oder mittelbare Zurechnung“ (mediate imputation). Adams Sünde soll hierbei seinen Nachkommen zugerechnet worden sein. Vertreter der Lehre: Josué de la Place, Samuel Hopkins, Timothy Dwight, Nathanael Emmons und andere.

Die Gegenargumente sind:

  1. Unsere Verderbtheit ist ein tatsächliches Resultat der Sünde Adams, sie kann daher nicht als die Grundlage für die Tatsache angeführt werden, dass wir der Sünde Adams schuldig sind. Dann müsste man nämlich sagen, dass wir alle der Sünde Adams schuldig sind, weil wir sterben müssten. Es ist aber genau umgekehrt.
  2. Wenn Adams Schuld durch die Verderbtheit an uns vermittelt wird, in welche wir hineingeboren sind, warum rechnet Gott uns dann nicht genauso alle Sünden unserer Vorfahren zu?
  3. Rö 5,12-21 gibt keinen Hinweis auf mediate imputation. Die Stelle sagt klar und deutlich aus, dass die Verdammnis über uns kam durch genau die eine Sünde, die Adam tat. Wir haben es letztlich auch hier wieder mit einem tiefen Geheimnis zu tun. Wir können einfach nicht verstehen, auf welche Weise wir in Adam gesündigt haben. Der Mechanismus wird uns nicht erklärt. Wir wissen auch nicht, auf welche Art und Weise uns die Sünde Adams zugerechnet wird. Dennoch lehrt die Bibel klar, dass es so ist, und genau das haben wir zu akzeptieren, wenn wir gerettet werden möchten.

 

Realismus

Eine weitere Sicht ist der sogenannte Realismus. Vertretet waren Tertullian, Augustinus, William G. Shedd, S. Greijdanus, K. Schilder. Gott erschuf in Adam eine vollständige menschliche Natur, welche durch die Sünde verdorben wurde. Danach wurde die verdorbene menschliche Natur Adams durch Nachkommen an viele einzelne Individuen weitergegeben. Auf diese Weise ist die Sünde Adams in realer Weise die Sünde von uns allen, denn wir sind in realer Weise aus Adam hervorgegangen.

Hier liegt eine falsche Übersetzung zugrunde. Es heißt in Rö 5,12 nicht „in welchem alle gesündigt haben“, sondern das „eph ho pantes hemarton“ bedeutet „weil alle gesündigt haben“. Aber auch die richtige Übersetzung schließt den Realismus noch nicht aus. Auch das Argument, dass Levi in Abraham den Zehnten an Melchisedek bezahlte, weil er in Abrahams Lenden war (Hebr 7,9-10) könnte den Realismus stützen. Es gibt verschiedene Gegenargumente.

Das Hauptargument ist folgendes: Rö 5 macht einen Vergleich zwischen Adam und Christus. Es ist eine Parallelität, welche jedoch nicht total ist. Wir waren in den Lenden Adams, als er sündigte, und so sind wir in gewisser Weise seiner Sünde teilhaftig und mitschuldig. Seine Sünde ist unsere Sünde, sie wird uns ohne Wenn und Aber zugerechnet. Wir waren jedoch niemals in den Lenden des Herrn Jesus Christus, denn er hatte keine leiblichen Nachkommen. Seine Gerechtigkeit ist nun unsere Gerechtigkeit, sie wird uns unmittelbar zugerechnet, wenn wir in ihm sind, so als ob wir nicht gesündigt hätten. Das kann aber nichts mit natürlicher Fortpflanzung zu tun haben, wie dies bei Adam vielleicht der Fall sein könnte. Dieser Vergleich widerlegt den Realismus.

 

Unmittelbare Zurechnung bzw. Föderalismus

Eine weitere Sicht ist der Föderalismus oder die Lehre von der „unmittelbaren Zurechnung“ (immediate or direct imputation). Vertreter sind Herman Bavinck, J. Gresham Machen, A.D.R. Polmann, John Murray, Louis Berkhof. Gott rechnet uns die Schuld der ersten Sünde Adams zu, und zwar nicht vermittelt durch ein Agens irgendwelcher Art, sondern direkt und unmittelbar. Als Ergebnis dieser Zurechnung werden wir alle in einen Zustand der Verdorbenheit hineingeboren. Die Verderbnis wird von unseren Eltern auf uns übertragen, ohne dass wir wissen, auf welche Weise dies geschieht. Es handelt sich also um eine direkte Übertragung der Schuld und um eine vermittelte Übertragung der Verdorbenheit. Wir sind schuldig geboren, weil Adam schuldig war, und wir sind verdorben von Geburt, weil unsere Eltern verdorben waren. Folgende Stellen werden als Begründung angeführt:

 

5Mo 24,16: „Die Väter sollen nicht für die Kinder getötet werden und die Kinder sollen nicht für die Väter getötet werden, sondern jeder soll für seine Sünde getötet werden.“

Jer 31,29-30: „In jenen Tagen wird man nicht mehr sagen: »Die Väter haben saure Trauben gegessen, und den Kindern sind die Zähne stumpf geworden!«, sondern jedermann wird für seine eigene Missetat sterben; jeder Mensch, der saure Trauben isst, dessen Zähne sollen stumpf werden!“

Hes 18,20: „Die Seele, welche sündigt, die soll sterben! Der Sohn soll nicht die Missetat des Vaters mittragen, und der Vater soll nicht die Missetat des Sohnes mittragen. Auf dem Gerechten sei seine Gerechtigkeit, und auf dem Gottlosen sei seine Gottlosigkeit!“

 

Eine sorgfältige Auslegung von Rö 5,12-21 wird uns letztlich die schriftgemäße Antwort bringen. In Vers 12 kommt der Schlüssel. Paulus sagt, dass die Sünde durch einen Menschen kam, und der Tod durch die Sünde, weil alle gesündigt haben. Die Bedeutung ist hier die der Sünde Adams: Alle haben gesündigt in Adam. Durch die Übertretung dieses einen regierte der Tod. Der Tod ist an dieser Stelle nicht mit allen Sünden der einzelnen Leute verbunden, sondern eindeutig mit der einen Sünde Adams. Die Menschen, die zwischen Adam und Mose lebten, hatten kein klares Gebot oder Verbot, auf welchem die Todesstrafe stand. Trotzdem starben sie, weil sie in Adam tot waren. Unter Mose kamen noch zahlreiche Gebote an ein erwähltes Volk Gottes hinzu, welche in der Thora zu finden sind. Dadurch wurde das Gesetz Gottes viel klarer geoffenbart. Auch die Erlösung, welche in dem kommenden letzten Adam geschehen sollte, wurde im Opferdienst klarer und differenzierter als je zuvor vorgeschattet. Das geoffenbarte Gesetz Gottes definierte einzelne Sünden und machte somit den Menschen weiterer persönlicher Übertretungen schuldig, was zusätzliche Gründe für das Todesurteil Gottes lieferte. Aber auch ohne Gesetz herrschte der Tod bereits vor Mose.

Der Erlöser Jesus Christus erfüllte das Gesetz Gottes vollkommen und lebte ein vollkommen gerechtes Menschenleben. In Ihm war die Sünde nicht, auch nicht die Sünde Adams. Er konnte fremde Übertretungen vergeben, und in ihm konnte und kann Gott die Sünden der Gläubigen vergeben, indem er die Gerechtigkeit Christi direkt und vollständig dem Gläubigen zurechnet. Durch den Ungehorsam des Einen (Adam) wurden die Vielen in die Stellung von Sündern gebracht, durch den Gehorsam des Einen (Jesus Christus) wurde die Vielen in die Stellung von Gerechten gebracht. Somit ist die Antwort auf unsere Frage eine Kombination aus dem Realismus und dem Föderalismus. Weil Adam als unser Haupt und Repräsentant sündigte, wird uns die Schuld seiner Sünde direkt zugerechnet (Föderalismus). Weil wir in Adam waren als er sündigte und weil wir somit in seine Sünde verwickelt waren, sind wir mit einer verdorbenen Natur und in der Befleckung geboren (Realismus). Es ist ein tiefes Geheimnis Gottes, welches wir nicht vollständig erfassen können. Wir hoch sind die Gedanken Gottes, wie tief sind die Geheimnisse seines Wortes. Rö 5,20 redet dann von der überfließenden Gnade im Vergleich zu dem vollen Maß der Sünde. Die Gnade Gottes füllt unser Leben bis zum Überfluss mit Segnungen, welche gewaltig viel größer sind als die üblen Folgen des Sündenfalls.

Alle kleinen Kinder sind einerseits schon von dem Moment ihrer Geburt an unter der Verdammnis der Sünde Adams. Andererseits lehrt die Bibel klar, dass Gott jeden anhand seiner Werke verurteilen wird.

 

Mt 16,27: „Denn der Sohn des Menschen wird in der Herrlichkeit seines Vaters mit seinen Engeln kommen, und dann wird er jedem Einzelnen vergelten nach seinem Tun.“

Off 20,13: „Und das Meer gab die Toten heraus, die in ihm waren, und der Tod und das Totenreich gaben die Toten heraus, die in ihnen waren; und sie wurden gerichtet, ein jeder nach seinen Werken.“

 

Die kleinen Kinder sind noch nicht dazu fähig, bewusst gute oder böse Werke zu tun. Daher dürfen wir nicht dogmatisch sagen, dass sie verloren sind, wenn sie in unmündigem Alter sterben. Der Herr Jesus sagt nämlich an anderer Stelle, dass es nicht der Wille des Vaters ist, dass eines der Kleinen verloren gehe. Gott ist sehr wohl dazu in der Lage, aus Liebe zu seinen kleinen Geschöpfen ihnen die Rettung ohne Verkündigung des Wortes und ohne persönliche Bekehrung zu schenken. Wir dürfen in diesem Glauben und in dieser Hoffnung leben, aber direkt aus der Schrift beweisen können wir es nicht.

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