Altes Testament

Durch diesen Text soll der Leser einen Überblick über den großen geistlichen Bogen des Buches Jesaja gewinnen, damit er davor bewahrt bleibt, sich im Dickicht der Details zu verfangen und den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr zu erkennen.


Inhaltsverzeichnis

Einleitung
Prinzipien zur Auslegung alttestamentlicher Prophetie
Die Person Jesajas und der historische Hintergrund seines Buches
Überblick über die großen Abschnitte des Buches Jesaja
Erster Teil des Buches: Der Hintergrund des Dienstes Jesajas
      Kapitel 1
      Kapitel 2
      Kapitel 3
      Kapitel 4
      Kapitel 5
Zweiter Teil des Buches: Licht in der Finsternis. Der kommende König Immanuel
      Kapitel 6
      Kapitel 7
      Kapitel 8
      Kapitel 9
      Kapitel 10
      Kapitel 11
      Kapitel 12
Dritter Teil des Buches: Das Panorama des Königreiches. Die ganze Welt in seiner Hand
   Erster Abschnitt (Kapitel 13-20): Die erste Serie: Sichere Verheißungen
      Kapitel 13
      Kapitel 14
      Kapitel 15
      Kapitel 16
      Kapitel 17
      Kapitel 18
      Kapitel 19
      Kapitel 20
   Zweiter Abschnitt (Kapitel 21-23): Die lange Nacht und die Morgendämmerung
      Kapitel 21
      Kapitel 22
      Kapitel 23
   Dritter Abschnitt (Kapitel 24-27): Die Stadt der Welt und die Stadt Gottes
      Kapitel 24
      Kapitel 25
      Kapitel 26
      Kapitel 27
Vierter Teil des Buches: Der Herr der Geschichte
      Kapitel 28
      Kapitel 29
      Kapitel 30
      Kapitel 31
      Kapitel 32
      Kapitel 33.
      Kapitel 34
      Kapitel 35
      Kapitel 36
      Kapitel 37
Fünfter Teil des Buches: Das Buch des Dieners, des Knechtes (Kapitel 38-55)
Hiskia und der Weg des Glaubens. Die entscheidende Sünde (Kapitel 38-39)
      Kapitel 38
      Kapitel 39
      Kapitel 40
      Kapitel 41
      Kapitel 42
      Kapitel 43
      Kapitel 44
      Kapitel 45
      Kapitel 46
      Kapitel 47
      Kapitel 48
      Kapitel 49
      Kapitel 50
      Kapitel 51
      Kapitel 52
      Kapitel 53
      Kapitel 54
      Kapitel 55
Sechster Teil des Buches: Das Buch des Überwinders, des Siegers (Kapitel 56-66)
      Kapitel 56
      Kapitel 57
      Kapitel 58
      Kapitel 59
      Kapitel 60
      Kapitel 61
      Kapitel 62
      Kapitel 63
      Kapitel 64
      Kapitel 65
      Kapitel 66

 

Einleitung

Das Buch des Propheten Jesaja (Jeschajahu: „Der Herr rettet“) gehört zusammen mit den Büchern Jeremia, Hesekiel und Daniel zu den sogenannten großen Prophetenbüchern des Alten Testamentes. Insbesondere bei den Büchern Jesaja mit seinen 66 Kapiteln, Jeremia mit seinen 52 Kapiteln und Hesekiel mit seinen 48 Kapiteln stellt bereits der Umfang des Textes für den normalen Leser der Bibel eine Herausforderung dar. Hinzu kommen die ungeheure Fülle von Einzelinformationen innerhalb der fortlaufenden Kapitelfolgen sowie die Tatsache, dass diese Bücher, ganz besonders natürlich das Buch Jesaja, zu großen Teilen auch noch in Form von hebräischer Poesie verfasst sind. Selbst herausragende Kenner der alten Sprachen hatten immer wieder Schwierigkeiten, den Text richtig zu übersetzen und somit die geistliche Botschaft der jeweiligen Propheten für den einfachen Leser der Bibel zugänglich zu machen. Jedes prophetische Buch muss ja auch im Kontext der gesamten Heiligen Schrift eingeordnet und betrachtet werden, denn es handelt sich jeweils um einen unverzichtbaren Teilaspekt innerhalb der Gesamtheit der Heilsoffenbarung Gottes an die Menschen, welche alle Seiten der Bibel umfasst.

Sogar die Propheten selbst wussten oftmals nicht genau, was die ihnen geoffenbarten Worte in letzter Konsequenz beinhalteten. Wir werden beim Lesen ihrer Bücher immer wieder mit der Tatsache konfrontiert, dass Gott dem jeweiligen Propheten selbst die Bedeutung der Botschaften und Visionen erklären musste, wobei er letztlich nicht alle seine Gedanken vollständig enthüllte. Im Neuen Testament wird diese geistliche Tatsache klar bestätigt.

 

Apg 3,18-24: „Gott aber hat das, was er durch den Mund aller seiner Propheten zuvor verkündigte, dass nämlich der Christus leiden müsse, auf diese Weise erfüllt. So tut nun Buße und bekehrt euch, dass eure Sünden ausgetilgt werden, damit Zeiten der Erquickung vom Angesicht des Herrn kommen und er den sende, der euch zuvor verkündigt wurde, Jesus Christus, den der Himmel aufnehmen muss bis zu den Zeiten der Wiederherstellung alles dessen, wovon Gott durch den Mund aller seiner heiligen Propheten von alters her geredet hat. Denn Mose hat zu den Vätern gesagt: »Einen Propheten wie mich wird euch der Herr, euer Gott, erwecken aus euren Brüdern; auf ihn sollt ihr hören in allem, was er zu euch reden wird«. Und es wird geschehen: Jede Seele, die nicht auf diesen Propheten hören wird, soll vertilgt werden aus dem Volk. Und alle Propheten, von Samuel an und den folgenden, so viele geredet haben, sie haben auch diese Tage im Voraus angekündigt.“

1Pe 1,10-12: „Wegen dieser Errettung haben die Propheten gesucht und nachgeforscht, die von der euch zuteilgewordenen Gnade geweissagt haben. Sie haben nachgeforscht, auf welche und was für eine Zeit der Geist des Christus in ihnen hindeutete, der die für Christus bestimmten Leiden und die darauf folgenden Herrlichkeiten zuvor bezeugte. Ihnen wurde geoffenbart, dass sie nicht sich selbst, sondern uns dienten mit dem, was euch jetzt bekannt gemacht worden ist durch diejenigen, welche euch das Evangelium verkündigt haben im Heiligen Geist, der vom Himmel gesandt wurde – Dinge, in welche auch die Engel hineinzuschauen begehren.“

2Pe 1,20-21: „Dabei sollt ihr vor allem das erkennen, dass keine Weissagung der Schrift von eigenmächtiger Deutung ist. Denn niemals wurde eine Weissagung durch menschlichen Willen hervorgebracht, sondern vom Heiligen Geist getrieben haben die heiligen Menschen Gottes geredet.“

 

Erst in der Rückschau vom Standpunkt des Neuen Testamentes aus betrachtet können zahlreiche Aussagen der Propheten besser eingeordnet werden, wobei noch bis zur Wiederkunft des Herrn Jesus Christus in Macht und Herrlichkeit viele prophetische Aussagen der Heiligen Schrift rätselhaft bleiben werden. Kein Ausleger der Bibel könnte jemals behaupten, dass er das gesamte prophetische Wort ergründet und verstanden habe. Insbesondere bei der Auslegung biblischer Prophetie müssen wir eine demütige Stellung vor dem Herrn einnehmen und uns stets der Tatsache bewusst bleiben, dass die Heilige Schrift in ihrer Gesamtheit wie ein weites Meer ist, dessen Tiefen wir als Menschen nur begrenzt ausloten können. Nur Gott der Vater, der Sohn Jesus Christus und der Geist Gottes wissen alles. Nur ihnen gehört unser Vertrauen, nur ihnen gebührt alles Lob, alle Ehre und alle Herrlichkeit von nun an bis in Ewigkeit.

Der Schreiber des vorliegenden Textes betont daher ausdrücklich, dass er nicht den Stein der Weisen gepachtet hat. Er sieht sich selbst in der Position eines demütigen Jüngers des allwissenden und vollkommenen Herrn Jesus Christus, als einen aus Gnade in der Wiedergeburt zum ewigen Leben und im Heiligen Geist erretteten und angenommenen Sohn des allmächtigen und liebenden Vaters im Himmel. Das Ziel des folgenden Textes besteht somit auch nicht darin, den perfekten, endgültigen und allumfassenden Kurzkommentar zum Buch Jesaja zu präsentieren. Es soll vielmehr darum gehen, in Unterordnung unter den Text des Propheten einige gedankliche Linien aufzuzeigen, mit deren Hilfe es dem normalen Leser der Bibel hoffentlich gelingen wird, das Buch Jesaja in seiner Grundstruktur besser zu erfassen und zu bewahren. Der Leser soll einen Überblick über den großen geistlichen Bogen dieses Buches gewinnen, damit er davor bewahrt bleibt, sich im Dickicht der Details zu verfangen und den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr zu erkennen.

Auf den weiteren Seiten unseres Textes werden wir grundsätzlich in drei Schritten vorgehen: Zunächst werden einige grundlegende Prinzipien zur Auslegung alttestamentlicher Prophetie genannt, welche uns in der Bibel immer wieder begegnen. Die diesbezüglichen Erläuterungen wird der Leser / die Leserin in ähnlicher Form in unseren Texten über die Bücher Hesekiel und Sacharja auf unserer Website www.derdrachekommt.de wiederfinden, denn sie sind dort ebenso gültig wie hier. Im Anschluss an diese Prinzipien werden wir kurz auf die Lebenssituation des Propheten Jesaja im damaligen historischen Kontext eingehen. Die Aussagen seines Buches waren ja zunächst einmal in seinem persönlichen Leben verankert. Danach werden wir im letzten Schritt das gesamte Buch in gedankliche Einheiten unterteilen und es innerhalb dieser Einheiten kapitelweise durchlaufen. Zu jedem Kapitel sollen grundlegende Gedanken angeführt werden, welche teils durch andere Bibelstellen, teils auch durch außerbiblische Zusatzinformationen an solchen Stellen ergänzt sind, an welchen es geboten oder interessant erscheint. Die formale Grundstruktur des Textes wird sich an dem ausgezeichneten Kommentar von J. Alec Motyer orientieren, welcher leider nur in englischer Sprache zur Verfügung steht. An zahlreichen Stellen sind eigene Gedanken des Schreibers in diese Grundstruktur eingewoben.

 

Prinzipien zur Auslegung alttestamentlicher Prophetie

Die folgenden Prinzipien werden uns auf jeder Seite des Buches Jesaja begegnen, denn sie sind universell gültig für die Auslegung nahezu aller alttestamentlichen Prophetenbücher. Bei der Auslegung einzelner Textpassagen werden wir gegebenenfalls darauf zurückkommen, ohne eine erneute Grundsatzerklärung dazu abgeben zu müssen.

Erstens: Ein Prophet ist ein Mensch, der das Wort eines Anderen an dessen Stelle oder in dessen Auftrag verkündet. So wie in der Bibel die falschen Propheten im Namen des Feindes dessen irreführende Worte und falsche Botschaften verkündigten, so verkündigten die echten Propheten Gottes das wirkliche Gotteswort. Oftmals standen sie dabei als kleine Gruppe oder sogar als Einzelpersonen vor einer zahlenmäßigen Übermacht. Nur selten wurden sie respektiert. Meist wurden sie hart angegriffen, ja sogar verfolgt und umgebracht. Es war im Alten Testament keine Leichtigkeit, ein Prophet Gottes zu sein, sondern es war ein sehr schwerer Dienst. Dies trifft in vollem Umfang auch auf Jesaja zu.

Zweitens: Es gab im Alten Testament handelnde, redende und schreibende Propheten, welche entweder im Auftrag Gottes gewisse Symbolhandlungen durchzuführen hatten, gewisse Worte verkündigten, Visionen empfingen und/oder die Bücher der Heiligen Schrift für die Nachwelt verfassten. Die Propheten handelten, redeten oder schrieben ihre Bücher dabei unter der unmittelbaren Einwirkung des Heiligen Geistes, welcher sie antrieb und ihnen ihre Handlungsanweisungen erteilte, sowie ihnen ihre Visionen oder Wortprophetien eingab. Dabei wussten die Propheten Gottes nicht immer genau, was ihre eigenen Worte letztlich beinhalteten, sondern sie fragten sich oftmals, zu welcher Zeit und auf welche Art und Weise die Erfüllung kommen sollte. Teilweise Erfüllungen ihrer Prophetien durften sie zwar erleben, große Teile lagen jedoch in der näheren oder ferneren Zukunft. Ebenso waren sie sich oftmals nicht dessen bewusst, dass ihre Prophetien einmal als Teile der gesamten Heiligen Schrift in engem Zusammenhang stehen würden. Sie waren ja meist in ihrem eigenen Wirken durch Raum und Zeit voneinander getrennt. Außerdem ist es so, dass alle schreibenden Propheten von Jesaja (sogar von Samuel) bis Maleachi über den Messias Israels und der Welt sowie über die Gemeinde der Gläubigen des neuen Bundes geschrieben haben, oftmals ohne sich dessen bewusst zu sein. So berichtet es uns das Neue Testament. Es ist daher keinesfalls so, dass die Gemeinde des Neuen Testamentes im Alten Testament nicht erwähnt wird.

Drittens: Alle damaligen Propheten standen zu ihrer Zeit zunächst einmal fest auf dem Boden der Realität. Gott berief sie aus der konkreten Situation ihres eigenen Lebens heraus zum Dienst. Die Berufung der Propheten war teilweise dramatisch wie etwa bei Jesaja, Jeremia oder Hesekiel, welche zunächst ihren Gott in seiner ganzen Herrlichkeit kennenlernen mussten, bevor sie dazu in die Lage versetzt wurden, ihren Dienst tun zu können. In ihren Prophetien hatten sie dann zuerst die konkreten Umstände im Volk Gottes und in der Welt zu analysieren, um danach das Handeln Gottes in Bezug auf diese Umstände zu verkünden. Diese Verkündigung stieß meist auf Unverständnis und heftigen Widerstand der Zuhörer, denn sie deckte grobe Mängel im Leben des Volkes Gottes auf. Gott selbst legitimierte seine Propheten dadurch, dass er ihnen zunächst Prophetien für die nähere Zukunft gab, welche sich dann auch vor den Augen des Volkes erfüllten. Infolge dieser Erfüllungen hatten die Propheten gottgegebene Autorität und konnten in einem weiteren Schritt Prophetien verkündigen, welche zum Teil weit in die Zukunft des Volkes und weit über ihr eigenes Leben hinausreichten. Diese Prophetien wurden von den gläubigen Menschen im Volk angenommen, und ihre Erfüllung als Wort Gottes wurde über Generationen hinweg treu erwartet.

Viertens: Aus dem bisher Gesagten folgt unmittelbar, dass die Prophetien des Alten Testamentes verschiedene Deutungsebenen aufweisen, welche von der Zeit ihrer Entstehung bis in unsere Zeit hinein anwendbar geblieben sind. Wir können heute auf die Jahrtausende zurückblicken. Wir kennen historische Hintergründe der Prophetien, und wir können auch auf bereits erfüllte Prophetien in der Geschichte zurückschauen. Manches davon wird uns im Buch Jesaja begegnen. Andererseits ist es auch so, dass die Worte Gottes nicht nur in der Zeit des jeweiligen Propheten verankert waren, sondern dass sie oftmals in ihren Aussagen Zeit und Raum transzendieren. Manchmal hat genau das gleiche Wort, welches in der Zeit des jeweiligen Propheten konkret gültig war, eine ebenso konkrete Gültigkeit für uns heute. Dies betrifft sowohl Aspekte der christlichen Lehre als auch praktische Aspekte unseres täglichen Wandels im Glauben und unserer täglichen äußeren Umstände. Beachtenswert ist zudem die heilsgeschichtliche Bedeutung zahlreicher alttestamentlicher Prophetien. Dies betrifft natürlich auch den Propheten Jesaja, welcher über die Situation Jerusalems und Israels im Alten Testament mit Gericht und teilweiser Wiederherstellung bis zur ersten Ankunft des Messias in Israel ebenso geredet hat wie über die Gründung der Gemeinde des Neuen Testamentes, die Ankunft des Herrn in Macht und Herrlichkeit zum Endgericht über die alte Erde und über die Feinde, sowie über den ewigen Zustand.

Fünftens: Wenn wir im Weiteren nun an den Text herangehen, dann werden wir historische Ereignisse, Visionen und Wortprophetien betrachten. Alle diese Dinge sind in gewissen Aspekten unmittelbar in der historischen Realität Jesajas und des Volkes seiner Zeit eingebettet, sie gehen unmittelbar auf die damals bestehenden Umstände und Probleme ein. Andererseits betreffen dieselben Visionen und Wortprophetien jedoch auch wichtige Aspekte unserer heutigen Glaubenslehre sowie konkrete praktische Anwendungen auf unser heutiges Christenleben.

 

Die Person Jesajas und der historische Hintergrund seines Buches

Jesaja stand zeitlich betrachtet am Anfang der großen Propheten des Alten Testamentes. Sein Dienst überspannte mehr als 50 Jahre und reichte in Israel von der Zeit des Königs Ussija bis in die Zeit Manasses hinein. Jesaja hatte im Todesjahr des Königs Ussija seine Vision des Thrones Gottes (Kapitel 6). Nach jüdischer Tradition war er von königlicher Abstammung und hatte somit während seines gesamten Dienstes ununterbrochenen Zugang zu dem Kreis der Mächtigen in Israel. Vermutlich wurde er als alter Mann von Hiskias Sohn, dem jungen und völlig gottlosen König Manasse (welcher sich später möglicherweise noch bekehrte nach 2Chr 33,10-16) ermordet. Sein Zeitgenosse war der Prophet Micha, dessen Buch wir ebenfalls in der Bibel haben.

Jesaja schreibt jedoch in ganz anderer Sprache als Micha, dessen Buch in einfacherem Hebräisch gehalten ist. Jesaja war ein Meister der Sprache, und sein Buch ist überwiegend ein poetisches Werk. In verschiedenen Kommentaren von Kennern der hebräischen Sprache findet man Betrachtungen und Analysen dieser bemerkenswerten Stilart des Propheten, auf welche wir jedoch im Rahmen unserer Abhandlung nicht näher eingehen möchten. Die Kapitel 36 bis 39 sind als Prosa in aramäischer Sprache verfasst, welche zur Zeit Jesajas die internationale Umgangssprache der Region des Nahen Ostens war. Die Gliederung des Buches spiegelt mit seinen 66 Kapiteln den Aufbau der ganzen Bibel (ebenfalls 66 Bücher) wider, wobei noch hinzukommt, dass die ersten 39 Kapitel mit ihrem Bezug auf die konkreten Abläufe in Israel mehr den Inhalten des Alten Testamentes (ebenfalls 39 Bibelbücher), die letzten 27 Kapitel mehr dem Heilshandeln Gottes mit seinem Volk im Neuen Testament (ebenfalls 27 Bücher) entsprechen. Jesaja ist in dieser Betrachtungsweise dem Aufbau des Buches nach die „Die Bibel in der Bibel“.

Jedoch gibt es auch noch andere inhaltliche Linien, welche ebenfalls berücksichtigt werden sollen. In dem nachfolgenden Text wird im Wesentlichen eine formale Gliederung verfolgt, welche von dem Kommentator J. Alec Motyer vorgeschlagen wurde. Diese Gliederung wird von dem soeben genannten Prinzip der „Bibel in der Bibel“ an zahlreichen Stellen überlagert, um beiden gedanklichen Strukturen gerecht werden zu können. Auf diese Weise ist zu hoffen, dass wir sowohl dem formalen als auch dem inhaltlichen Aspekt möglichst gut entsprechen können.

Historisch gesehen lebte Jesaja in der Zeit, in welcher die Assyrer als Weltmacht in den Nahen Osten vordrangen. Die Ereignisse seines Buches, welche mit den Königen Ahas und Hiskia zusammenhängen, stehen auf diesem historischen Hintergrund. Der Hintergrund für den Abschnitt über die kommende Geburt Immanuels in Kapitel 7 ist der Angriff von Rezin und Pekach auf Jerusalem zur Zeit des Königs Ahas. Assyriens Macht war im mittleren Osten stetig am Ansteigen. Deshalb formierten die Könige von Nordisrael und Syrien eine Allianz gegen Assyrien. Man darf hierbei den Syrer (heutiges Syrien) nicht mit dem Assyrer (heutiger Nordirak) verwechseln. Sie wollten, dass Ahas sich beteiligt, was dieser jedoch ablehnte. Deswegen taten sich Rezin und Pekach gegen Ahas zusammen, um ihn und seine Dynastie, also das Haus Davids, vom Thron in Jerusalem zu entfernen. Sie wollten einen Marionettenkönig ihrer Wahl installieren, um so ihre Allianz gegen Assyrien zu vergrößern.

Dieser Plan richtete sich jedoch direkt gegen Gottes Bund mit David, der dem Haus Davids das Königtum zugesagt hatte. Der Bund mit David versprach seinem Haus vier ewige Dinge: Ein ewiges Haus, einen ewigen Thron, ein ewiges Königreich und einen ewigen Nachkommen. Auch 1Mo 49,10 redet sehr klar in dieser Hinsicht. Somit war der Plan der beiden Könige aussichtslos. Dennoch fiel Rezin der Syrer im Süden Judas ein, während Pekach, der König des Nordreiches, Jerusalem angriff. Pekach wurde von Ahab zurückgeschlagen und vereinigte deshalb den Rest seiner Armee mit den Truppen Rezins, um mit vereinten Kräften Jerusalem doch noch zu erobern. So stand Ahas zwei Armeen gegenüber.

Ahas sandte Botschafter mit teuren Geschenken nach Assyrien, um Hilfe gegen Rezin und Pekach zu erbitten. Rezin war innerhalb sehr kurzer Zeit nicht mehr König von Damaskus, denn er wurde von den Assyrern umgebracht. Das Nordreich Israels wurde innerhalb von 65 Jahren ausradiert. Die entsprechende Prophetie in Jesaja 7 kam geschichtlich im Jahr 735 v.Chr. Nach Pekach kam nur noch Hosea als König des Nordreiches. Das Nordreich fiel zwar 721 v.Chr., aber erst der Assyrerkönig Asarhaddon deportierte die Bevölkerung des Reiches im Jahr 670 v.Chr. (2Kö 17,22-24). Somit wurde die Prophetie auf das Jahr genau erfüllt. Die Assyrer zerstörten unter Sanherib das Nordreich und besetzten das Südreich teilweise.

Hiskia erbte von seinem Vater Ahas die Tributpflicht gegenüber Assyrien, und er bezahlte während der ersten 14 Jahre auch regelmäßig das Geforderte. Solange er zahlte, konnte er auch seine Götzenvernichtung im Land ungestört weiterführen. Bald rebellierten jedoch die Ägypter und die Äthiopier (Tirhaka) gegen Assyrien. Die Regierungsmitglieder Hiskias waren stark pro-ägyptisch und begannen den König zu drängen, er möge doch auch an der Revolte teilnehmen. Jesaja sprach sich klar dagegen aus.

Im Jahr 703 v.Chr. starb Sargon II, der das Nordreich Israels der assyrischen Herrschaft unterworfen hatte. Nun gab Hiskia dem Druck seiner Beamten nach und schloss sich der Revolte an (2Kö 18,7-16). Dies war direkter Ungehorsam gegen das Wort Gottes, das Jesaja gesprochen hatte. Hiskia wollte Edom, Moab und die Philister mit beteiligen, um die Kraft seiner Rebellion gegen Assyrien noch zu verstärken. In dieser Hinsicht war er nun auch aktiv ungehorsam gegen Gott. Er eroberte Gaza, siedelte dort Juden an und zwang auch Ekron, ihm zu gehorchen. Er baute zudem einen Tunnel als Vorbereitung für die kommende assyrische Belagerung.

In 701 wurde Sanherib der neue Assyrerkönig. Er begann seine Invasion, und einige der Alliierten Hiskias unterwarfen sich sofort: Edom, Moab, Ekron und Gaza. Die Ägypter zogen den Assyrern entgegen, wurden in einer einzigen Schlacht geschlagen und flohen nach Hause. Plötzlich stand Hiskia ganz alleine da. Er versuchte nun, den Krieg frühzeitig zu stoppen, indem er sich unterwarf und einen hohen Tribut aus den Tempelschätzen Jerusalems bezahlte. Sanherib forderte jedoch zusätzlich die Stadt Jerusalem und die Deportation der Bevölkerung von Juda. Er rückte mit seiner mächtigen Armee heran, bis er schließlich wie ein gewaltiger Wald drohend auf dem Scophusberg über der Stadt Jerusalem stand (Jes 10). Zu gleicher Zeit befiel Hiskia das böse Geschwür an seinem Bein, und er war sterbend. Die Züchtigung Gottes für seinen groben Ungehorsam kam auf ihn. Gott gab ihm eine gnädige Heilung und fünfzehn Jahre Verlängerung des Lebens, nachdem er sich tief gedemütigt hatte.

In dieser historischen Situation beginnt der Bericht in Kapitel 36, und er endet in Kapitel 38 mit der vollständigen Vernichtung des Assyrers. Bemerkenswert ist, dass Manasse niemals geboren worden wäre, hätte Gott Hiskia nicht fünfzehn Jahre hinzugegeben, denn Manasse war beim Tod seines Vaters erst zwölf Jahre alt, als er das Königtum Israels übernahm (2Kö 21,1). In die Zeit der Krise Hiskias fällt auch der Besuch des Babyloniers Merodach-Baladan am Königshof in Jerusalem, welchen uns Kapitel 39 berichtet. Hiskia öffnete ihm alle Schatzkammern des Palastes und des Tempels, was ihm Jesaja vorwerfen musste. Die Babylonier besiegten später die Assyrer, und sie nahmen nach Jahrzehnten den Juden alles ab, was Hiskia ihrem König so stolz präsentiert hatte. Genauso prophezeite es Jesaja dem König Hiskia. Bis hierhin unser kleiner Gang durch die Zeitgeschichte Jesajas.

 

Überblick über die großen Abschnitte des Buches Jesaja

Wenn wir als Leser einem fortlaufenden Bibeltext von 66 Kapiteln gegenüberstehen, dann müssen wir uns darum bemühen, zunächst einmal einen Überblick zu gewinnen. Das Buch Jesaja ist derart komplex, dass es dem normalen Leser inhaltlich entgleitet, wenn er sich sofort in die Details begibt. Wenn es jedoch gelingt, einen großen inhaltlichen Bogen zu schlagen und die Teile des Buches auf einer gedanklichen Kette aufzureihen, dann wird es wesentlich einfacher, das Buch zu erfassen und man gerät weniger leicht in die Gefahr, den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr zu sehen. Genau das ist das Ziel des nun folgenden kurzen Abschnittes.

Im Buch Jesaja ist diese Idee der gedanklichen Kette ganz besonders feststellbar, denn die Untereinheiten sind nach einem bestimmten Prinzip miteinander verbunden: Im ersten Abschnitt des Buches kommen bestimmte Themen zur Sprache. Eines dieser Themen wird herausgenommen und wird dann zum Hauptthema des nächsten Abschnittes. Mit anderen Worten: im zweiten Abschnitt wird eines der Themen aus dem ersten Abschnitt ausführlicher behandelt, im dritten Abschnitt eines der Themen des zweiten Abschnittes, im vierten eines der Themen des dritten, und so weiter. Auf diese Weise wird das Buch in der Tat zu einer gedanklichen Kette aufgereiht. Innerhalb dieser Kette werden einzelne Motive im gesamten Buch verstreut wiedergefunden, so zum Beispiel der geistlich zerschlagene Leib des Volkes Israel aus Kapitel 1 in dem buchstäblich zerschlagenen Leib des Herrn in Kapitel 53.

Hinzu kommt das literarische Phänomen der Inklusion oder Klammerbildung. Das bedeutet, dass bestimmte gedankliche Einheiten im Verlauf der schier endlosen Dichtung Jesajas dadurch gekennzeichnet werden, dass sie mit teilweise ähnlichen, teilweise auch identischen Worten beziehungsweise Gedanken eingeleitet oder abgeschlossen werden. Ein Beispiel hierfür ist die wiederkehrende Formulierung „Keinen Frieden, spricht der Herr, gibt es für die Gottlosen“, welche am Ende der Kapitel 48 und 57 vorkommt und somit den letzten Teil des Buches (Kapitel 40-66) formal betrachtet in drei gleich große poetische Einheiten unterteilt. Eine andere Inklusion finden wir in Kapitel 6 und Kapitel 12. So wie wir in Kapitel 6 die Rettung und die Berufung eines einzelnen Mannes in Israel (des Propheten selbst) erkennen, so sehen wir in Kapitel 12 den Lobgesang und die Anbetung eines ganzen erretteten Volkes (des geistlichen Israel, der Gemeinde Gottes im neuen Bund, wie wir noch sehen werden). Wir kommen nun zu den einzelnen Teilen.

Der erste Teil umfasst Kapitel 1-5. Er bietet gewissermaßen die Einleitung und legt alle großen Probleme dar, welchen das Volk und der Prophet gegenüberstanden. Es geht um Ungehorsam, Sünde und Niedergeschlagenheit einerseits, aber auch um Hoffnung andererseits. Gott hat eine Zukunft für das Volk, wenn mit der Sünde abgerechnet wird. Am Ende des Abschnitts dominiert aber die Verzweiflung, das Bild wird sehr dunkel. Dieses Motiv leitet dann über zum nächsten Teil.

Der zweite Teil umfasst die Kapitel 6-12. Manche Ausleger geben dem Kapitel 6 eine Sonderstellung und sehen es getrennt vom Inhalt der umgebenden Kapitel als die Berufung des Propheten an. Dies ist möglich. Ebenso möglich ist jedoch der Gedanke, dass wir in diesem Kapitel den ersten Teil einer gedanklichen Inklusion haben, welche den ganzen zweiten Teil einklammert. So wie wir nämlich in Kapitel 6 die Rettung und die Berufung eines einzelnen Mannes in Israel (des Propheten selbst) erkennen, so sehen wir in Kapitel 12 den Lobgesang und die Anbetung eines ganzen erretteten Volkes (des geistlichen Israel, der Gemeinde Gottes im neuen Bund). In Kapitel 1,26-27 hat sich das Motiv der Wiederherstellung der Stadt der Gerechtigkeit und der gerechten Herrschaft in Erinnerung an die großen Könige gefunden. Dieses Thema wird nun gemäß unserem großen Prinzip zum Hauptthema des zweiten Teils. Es geht um Immanuel, den kommenden gerechten Herrscher über seine Stadt und sein Volk. Er steht im Gegensatz zu dem gottlosen König Ahas, mit dem Jesaja selbst konfrontiert ist.

Der dritte Teil umfasst die Kapitel 13-27. Hier wird der Gedanke an das allumfassende Reich Immanuels (9,7; 11,4; 11,6-9; 11,14-16) aus dem zweiten Teil übernommen und bildet das große Hauptthema. Wir finden hier ein weltweites, ja kosmisches Panorama der Nationen. Der Herr wird die ganze Welt beherrschen wenn er kommt, aber sein Herz wird auf sein eigenes Volk gerichtet sein. Zion ist der sichere Platz und die Zuflucht (14,32; 16,5). Sein Herrscher ist bisweilen David (16,5), bisweilen der Herr (24,23). Gott geht dramatische Wege mit allen Nationen. Das Ganze gipfelt schließlich im Gegensatz zwischen zwei Städten: Der Stadt dieser Welt, nämlich Babylon, welche fällt (24,10) und der Stadt Gottes, der starken Stadt der Rettung, welche Bestand hat (26,1). Hier findet sich auch eine Parallele zum Buch Hesekiel. Während Hesekiel in den ersten 24 Kapiteln seines Buches mit Israel beschäftigt war, so wie es Jesaja in seinen ersten 12 Kapiteln ist, so wendet sich Hesekiel in seinen Kapiteln 25-32 ganz den Nationen zu, so wie es Jesaja jetzt tut.

Im vierten Teil, welcher die Kapitel 28-37 (nach anderen Gliederungen bis Kapitel 39) umfasst, übernimmt Jesaja das Thema der kommenden Vereinigung der Welt unter der Herrschaft Gottes, welches er im Panorama der Nationen in den Kapiteln 13-27 angedeutet hat. In jenen Kapiteln wurde dieses Bild entworfen im Bereich des Blickfeldes des Propheten auf die damals bekannte Welt. Das war eben für Jesaja zu seiner damaligen Zeit die ganze Erde. Er redete in den Begriffen, welche ihm zur Verfügung standen. Ägypten und Assyrien waren die gewaltigen Mächte an den Enden dieser Erde. Am Ende würde Gott sie alle vereinen. Nun wird dieses große gedankliche Thema in die konkrete Realität zur Zeit Jesajas und in die damalige politische Situation übertragen, welche wir vorstehend skizziert haben. Jerusalem scheint verloren, aber der Eckstein ist da (28,16) und es bleibt abzuwarten, wie der göttliche Ackerbauer mit seinem Feld Israel verfahren wird (28,23-29). Alles läuft auf eine Rettung in letzter Minute hinaus (29,1-8). Die Kraft Ägyptens ist bedeutungslos (30,2) und der Assyrer zieht zu seinem eigenen Begräbnis nach Jerusalem hinauf. Die Kapitel 36 und 37 zeigen uns, wie sein Untergang aussah. Dieser Untergang bedeutete eine gewaltige Erlösung und Errettung für das Volk, sowie den Eintritt in ein erneuertes Land des Friedens.

Diese gewaltige Errettung wird nun zum Hauptthema des fünften Teiles, welcher die Kapitel 38-55 umfasst. Die Errettung wird von Gott einem Volk gegeben, welches sie nicht verdient hat. Auch in den Kapiteln 7-11 war die Verheißung des Erlösers vollkommen unverdient, wobei es dort noch mehr um die Sünden der Führer des Volkes ging. Hier geht es um das ganze Volk. Das tiefliegende Problem ist die Sünde, die Rebellion, die Missachtung des Wortes Gottes und des Herrn der Welt (28,11-12; 30,10-11). Dennoch scheint dieses gesamte Problem sich in den Kapiteln 37-39 in der Person Hiskias und in seinem Fehlverhalten zu konzentrieren. Auch Hiskia ist von dem bösen Geschwür des ganzen Volkes aus Kapitel 1 befallen und wird nur aus Gnade errettet, nachdem er infolge der Züchtigung auf den Weg des Glaubens zurückgefunden hat. Danach werden der Trost und die Erlösung in den Kapiteln 40-55 mehr und mehr auf das ganze Volk übertragen. Dieser Teil des Buches wird zum „Evangelium nach Jesaja“. Die Gnade triumphiert. Wir sehen Kyros in 44,28. Er ist ein Bild des kommenden großen Hirten, des Immanuel aus den Kapiteln 7-12, des Herrn Jesus Christus. Das Volk wird nach der Gefangenschaft in Babel (welche Jesaja nicht mehr erlebte) zurückkommen. Aber auch die Sünden werden vergeben werden. Der Erlöser, der Knecht des Herrn, wird das ganze Volk und alle Nationen der Erde zu Gott zurückbringen, indem er ihre Sünden trägt. Dies sind die Haupthemen des gesamten Abschnitts.

 

Jes 40,1-5: „Tröstet, tröstet mein Volk!, spricht euer Gott. Redet zum Herzen Jerusalems und ruft ihr zu, dass ihr Frondienst vollendet, dass ihre Schuld abgetragen ist; denn sie hat von der Hand des HERRN Zweifaches empfangen für alle ihre Sünden. Die Stimme eines Rufenden [ertönt]: In der Wüste bereitet den Weg des HERRN, ebnet in der Steppe eine Straße unserem Gott! Jedes Tal soll erhöht und jeder Berg und Hügel erniedrigt werden; was uneben ist, soll gerade werden, und was hügelig ist, zur Ebene! Und die Herrlichkeit des HERRN wird sich offenbaren, und alles Fleisch miteinander wird sie sehen; denn der Mund des HERRN hat es geredet.“

Jes 49,5-6: „Und nun spricht der HERR, der mich von Mutterleib an zu seinem Knecht gebildet hat, um Jakob zu ihm zurückzubringen – Israel aber wurde nicht gesammelt, und doch wurde ich geehrt in den Augen des HERRN, und mein Gott war meine Stärke –, ja, er spricht: »Es ist zu gering, dass du mein Knecht bist, um die Stämme Jakobs aufzurichten und die Bewahrten aus Israel wiederzubringen; sondern ich habe dich auch zum Licht für die Heiden gesetzt, damit du mein Heil seist bis an das Ende der Erde!«“

Jes 53,5+8+12: „Doch er wurde um unserer Übertretungen willen durchbohrt, wegen unserer Missetaten zerschlagen; die Strafe lag auf ihm, damit wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt worden. (…) Infolge von Drangsal und Gericht wurde er weggenommen; wer will aber sein Geschlecht beschreiben? Denn er wurde aus dem Land der Lebendigen weggerissen; wegen der Übertretung meines Volkes hat ihn Strafe getroffen. (…) Darum will ich ihm die Vielen zum Anteil geben, und er wird Starke zum Raub erhalten, dafür, dass er seine Seele dem Tod preisgegeben hat und sich unter die Übeltäter zählen ließ und die Sünde vieler getragen und für die Übeltäter gebetet hat.“

 

Der sechste Teil umfasst die Kapitel 56-66. Hier geht es um den Aspekt dieser endgültigen Befreiung aus dem vorangehenden Teil, welcher nun zum Hauptthema wird. In 56,1 erwartet das Volk noch immer die Befreiung des Herrn. Aber der Herr wird die Tränen seines Volkes trocknen (61,1-3). Er wird seine Bedränger zu ihrem Ende bringen (62,8). Er wird das Werk der Erlösung und der Rache ausüben (63,1-6). Zuletzt wird das Volk in jeder Hinsicht völlig befreit sein. Das Volk Gottes in seiner Stadt wird der Mittelpunkt der neugeschaffenen Erde sein (65,17-25).

Jesaja konnte alle diese Dinge in seiner prophetischen Schau erkennen. Man nennt dies die prophetische Perspektive. Ereignisse, die auf der Zeitachse Jahrhunderte auseinander liegen, werden von dem Propheten manchmal in den gleichen Abschnitten beschrieben. Jesaja blickt durch die dunklen Wände der assyrischen Vertreibung, der babylonischen Gefangenschaft und der Finsternisse der ganzen Welt hindurch bis zu den hellen Lichtern der Befreiung aus Assyrien, aus Babylon und schließlich aus der gesamten alten Welt bei der Wiederkunft des Herrn. Danach wird das ganze Israel Gottes, die Gemeinde aller Erlösten aus allen Zeiten, mit seinem König, dem Herrn Jesus Christus, in völliger Freiheit und ungetrübter Gemeinschaft für immer und ewig die neue Erde bewohnen.

Nachdem wir mit Hilfe der soeben genannten Dinge einen orientierenden Überblick über das ganze Buch gewinnen konnten, möchten wir nun im nächsten Schritt die einzelnen Kapitel in Angriff nehmen und die wesentlichen Gedanken herausarbeiten.

 

 

Erster Teil des Buches:
Der Hintergrund des Dienstes Jesajas

Dieser erste Teil bietet gewissermaßen die Einleitung und legt alle großen Probleme dar, welchen das Volk und der Prophet gegenüberstanden. Es geht um Ungehorsam, Sünde und Hoffnungslosigkeit einerseits, aber auch um Hoffnung andererseits. Gott hat eine Zukunft für das Volk, wenn mit der Sünde abgerechnet wird. Am Ende des Abschnitts dominiert jedoch die Verzweiflung, das Bild wird sehr dunkel. Dieses Motiv leitet dann über zum zweiten Teil.

 

Kapitel 1

In diesem ersten grundlegenden Abschnitt entfaltet sich vor dem Auge des Lesers eine Gerichtsszene, in der Gott der Richter und der Ankläger ist. Israel ist die Angeklagte, der Himmel und die Erde sind die Zeugen. Gott ruft die Zeugen nach vorne. Der Himmel und die Erde waren anwesend, als Gott seine Bündnisse mit Israel schloss (5Mo 4,26+36; 30,19; 31,28; 32,1). Das Buch 5. Mose gibt als Ganzes die Zusammenfassung des mosaischen Gesetzes als Bundestext oder als Heiratsurkunde zwischen Gott und seiner Frau Israel.

Israel ist nach 2Mo 4,22 auch der Sohn Gottes. Gott hat seine Söhne groß gemacht, unter David und Salomo waren sie in einer hohen Position. Dann aber begannen sie durch ihren zunehmenden Götzendienst zu rebellieren. Gott beschreibt ihre Ignoranz ihm gegenüber durch ein hartes Bild. Sogar die Ochsen und Esel, die laut Spr 7,22 und Spr 26,3 nicht als besonders intelligent angesehen werden, kennen ihren Herrn, der sie versorgt, besser als diese Söhne Israels. Wenn Menschen geistlich blind und ignorant sind, dann stehen sie aus der Sicht Gottes unter den dummen Tieren. Schon in 2Mo 13,12-13 werden unerlöste Söhne auf die Stufe der Esel gestellt und müssen genau wie diese mit einem Lamm gelöst werden. Dieses Prinzip der Lösung durch das Lamm werden wir in Kapitel 53 des Buches wieder finden.

Im Fall von Israel war die Ignoranz am schlimmsten, denn sie waren die Empfänger der geistlichen Offenbarungen Gottes im AT. Sie hätten nicht nur körperlich sondern auch geistlich die Nachkommen Abrahams sein sollen. Sie sollten die Kinder Gottes sein, aber sie wurden Kinder des Verderbens. Sie kehrten Gott den Rücken zu, verließen ihn in ihren Herzen und lästerten den Heiligen Israels. Das war Abfall in Gedanken, Worten und Taten. Israel wird geistlich beschrieben wie ein Mensch, an dem von Kopf bis Fuß keine gesunde Stelle mehr ist. Die Sünde hat den ganzen Menschen zerfressen. Jesaja benutzt die Begriffe Wunden, Schläge und Striemen. In Kapitel 53 werden wir diese Begriffe wieder finden, denn dort wird der wahre Israelit, der wahre Heilige Israels, der der Messias ist, anstelle des Volkes von Kopf bis Fuß mit Wunden, Schlägen und Striemen bedeckt sein. Sein körperlicher Zustand im stellvertretenden Gericht für das Volk wird dem geistlichen Zustand des Volkes entsprechen.

Das Motiv des Heiligen Israels kommt sechsundzwanzig Mal in Jesaja vor, davon zwölf Mal in der ersten Hälfte und vierzehn Mal in der zweiten Hälfte des Buches, was ein klarer Hinweis dafür ist, dass Jesaja das ganze Buch geschrieben hat. Die Bibelkritik hat versucht, zwei Autoren namens Jesaja zu kreieren, weil sie es nicht akzeptieren konnte, dass echte Prophetien über zukünftige Dinge in dem Buch enthalten sind. Es gibt aber zum einen keinerlei außerbiblische Hinweise auf die Existenz zweier Propheten namens Jesaja. Zum anderen sind der Stil des Buches und die Art des Ausdrucks nach Aussage von Kennern des Hebräischen in allen Teilen übereinstimmend. Der Heilige Israels kommt in allen Teilen gleichermaßen vor. Auch die alten Schriftfunde sprechen für eine einheitliche Autorschaft des Buches, und insbesondere in Qumran hat man gerade dieses Jesajabuch als vollständig erhaltene Einheit entdeckt. Die Qumranfunde haben die Quellenlücke zwischen dem zweiten vorchristlichen und dem neunten nachchristlichen Jahrhundert weitgehend geschlossen und somit auch den Datierungsversuchen der Bibelkritiker den Boden entzogen.

Der Text in Kapitel 1 beschreibt dann weiterhin einen Zustand der Verwüstung in Israel, der sich auf die kommende assyrische Invasion bezieht. In der Invasion wurden geschichtlich 46 befestigte Städte Israels zerstört. Jesaja sagt voraus, dass das Land wegen der Sünden des Volkes verbrannt und wüst sein wird. Trotz der Verwüstung wird Gott aber das Volk niemals ganz zerstören. Keinem Feind wird das gelingen.

Die nationale Situation (Verse 2-9) erschien rein äußerlich noch erträglich. Die Könige Israels waren äußerlich betrachtet nicht unfähig. Sie waren teilweise clevere Politiker und schmiedeten ihre Allianzen, wie wir das sowohl bei Ahas als auch bei Hiskia sehen. Gott ist aber der Herr der Geschichte, und er erfüllt seine Pläne unabhängig von den Ideen menschlicher Strategen. Die klugen Allianzen der Könige gingen allesamt den Bach hinunter, und nur Gott konnte am Ende retten. Zur Zeit von Ahas war Jerusalem schließlich trotz aller klugen Politik nur noch ein kleines Wachthäuschen im Gurkenfeld (Vers 8).

Der religiöse Zustand (Verse 10-20) in Jesajas Tagen war durch einen rein rituellen und formalen Gottesdienst des Volkes gekennzeichnet. Das Volk und die Führer gaben vor, das Gesetz zu halten, aber die Anbetung geschah nicht von Herzen und nicht aus Glauben. Das hatte für Gott keinen Wert. Das Gesetz hatte er nämlich am Sinai einem aus Ägypten erlösten Volk gegeben, und die Einhaltung des Gesetzes sollte aus echter Dankbarkeit geschehen, wobei die Opfer lediglich dazu dienten, die Versäumnisse im Gehorsam zu bedecken. Andererseits geschahen viele Opfer sogar zur reinen Anbetung. Alle diese Dinge setzten jedoch eine geistliche Wirklichkeit im Herzen des Volkes Gottes voraus. Man tat in Israel zwar äußerlich all die Dinge, die im Gesetz Moses gefordert werden, aber ohne Gehorsam und Glauben im täglichen Leben. Deswegen war Gott von den Opfern und den gemeinsamen heiligen Zeiten Israels angeekelt (Passah, Wochenfest, Laubhüttenfest). Gebete wurden nicht mehr erhört. Gott nennt im Text Dinge, die getan werden sollten und die man lassen sollte (1,16-17). Nicht die Politik ist das Herz eines Volkes. Es ist der Glaube. Wenn der Glaube des Königs und des Volkes nicht echt ist, dann wird Gott ihre Wege verwirren und sie züchtigen müssen. Die schlechte soziale Situation im Volk mit Ausbeutung der Schwachen und Ungerechtigkeiten aller Art sowie sexuellen Verfehlungen war eine Folge der Gottlosigkeit.

Diese Dinge sollten in ihrer geistlichen Anwendung auch zu uns reden. Wir sind als das Volk Gottes bereits erlöst durch das Blut des wahren Passahlammes. Wir dürfen dem Herrn nachfolgen in dankbarem Glaubensgehorsam, welcher sich in allen praktischen Aspekten des Lebens zeigt. Der Gläubige hält aus Glauben und Dankbarkeit die gottgemäßen Regeln des Lebens ein, und nicht aus Zwang. Daraus resultiert einerseits eine echte Anbetung des Herzens, welche dem Herrn geistliche Opfer des Lobes und des Dankes darbringt, andererseits ein soziales Verhalten gegenüber den Mitmenschen, welches zur Entstehung und Erhaltung einer christlichen Gesellschaftsordnung führt. Der Herr selbst wird die Geschicke einer solchen Nation lenken, und sie wird dann auch politisch und national aufblühen, so wie man das in der Neuzeit beispielsweise in der Gründung der Vereinigten Staaten von Amerika gesehen hat. Dieses Land wurde buchstäblich mit der Bibel in der Hand gegründet und stieg zur Weltmacht auf. Heute lebt es in zunehmendem Abfall. Der Untergang droht.

In den Versen 18-20 wird Israel zur Vernunft gerufen. Dieser Ruf wurde jedoch nicht befolgt, wie die weiteren Ereignisse zeigen. Die Konsequenz ist die kommende Verwüstung Jerusalems in den Versen 21-23. Die Frau des Herrn wird als Prostituierte gesehen. In den Versen 24-31 wird dann über das Gericht und die nachfolgende Erlösung Israels gesprochen. Nur Gott allein kann die Situation retten, und er wird es tun durch die Zahlung eines Preises. Dieser Preis wird in Kapitel 53 genannt werden: Das Blut des Messias. Die Gerechten werden gerettet, die Gottlosen gerichtet. Somit enthält allein dieser kurze Abschnitt schon eine vorausschauende Heilsgeschichte des Volkes Gottes, die sich in Einzelheiten im gesamten weiteren Buch entfalten wird.

 

Kapitel 2

Der konkrete geschichtliche Hintergrund für die nächsten vier Kapitel war die Zeit von Ussia und Jotam. Es war für Israel eine Zeit materiellen Wohlstands, aber geistlicher Verarmung. Die Prophetie beschreibt hier wieder eine sogenannte Inklusion, eine gedankliche Klammer, denn der Anfang von Kapitel 2 bezieht sich auf dieselbe Situation wie Kapitel 4.

Der hohe Berg in den Versen 1-4 ist in sehr ähnlicher Weise auch in Micha 4 wiederzufinden. Das Bild beschreibt die freiwillige Anbetung von Menschen aus allen Nationen auf einem erhabenen Bergheiligtum Gottes. Dieser Berg Zion wird der Welt das Wort Gottes geben. Israels geistlichen Idealzustand, so wie ihn Gott gewünscht hat, finden wir in 2Mo 19,5-6:

 

Wenn ihr nun wirklich meiner Stimme Gehör schenken und gehorchen werdet und meinen Bund bewahrt, so sollt ihr vor allen Völkern mein besonderes Eigentum sein; denn die ganze Erde gehört mir, ihr aber sollt mir ein Königreich von Priestern und ein heiliges Volk sein! Das sind die Worte, die du den Kindern Israels sagen sollst.“

 

Israel war dazu aufgerufen, vom irdischen Jerusalem und Zion aus der Welt zu zeigen, was das Volk Gottes ist, und diesen Gott auf der Erde zu verkündigen, indem Israel als heiliges und königliches Priestertum auftreten sollte. Zur Zeit Salomos war das noch einigermaßen der Fall gewesen, danach aber ging es steil bergab. Israel versagte, es musste seinen Status als Volk Gottes auf dieser Erde preisgeben und ihn an eine andere Nation abtreten.

 

Mt 21,43: „Darum sage ich euch: Das Reich Gottes wird von euch genommen und einem Volk gegeben werden, das dessen Früchte bringt.“

 

In Kapitel 2 sehen wir nun ein gewaltiges Bergheiligtum, welches schon rein geographisch nicht mehr mit dem irdischen Jerusalem gleichgesetzt werden kann. Wir sehen hier auch solche Anbeter, deren Herzen verwandelt sind. Ihrer Schwerter sind zu Pflugscharen umgewandelt, sie halten Frieden und lernen den Krieg nicht mehr. Wenn wir diese Stadt und dieses Volk erkennen möchten, dann müssen wir mit anderen Schriftstellen vergleichen.

 

Hes 40,2: „In göttlichen Gesichten brachte er mich in das Land Israel, und er ließ mich nieder auf einem sehr hohen Berg; auf diesem war etwas wie der Bau einer Stadt, nach Süden hin.“

Hes 48,35: „Der ganze Umfang beträgt 18 000 [Ruten]. Und der Name der Stadt soll künftig lauten: »Der HERR ist hier!«“

Mt 5,14: „Ihr seid das Licht der Welt. Es kann eine Stadt, die auf einem Berg liegt, nicht verborgen bleiben.“

Joh 4,21-24: „Jesus spricht zu ihr: Frau, glaube mir, es kommt die Stunde, wo ihr weder auf diesem Berg noch in Jerusalem den Vater anbeten werdet. Ihr betet an, was ihr nicht kennt; wir beten an, was wir kennen, denn das Heil kommt aus den Juden. Aber die Stunde kommt und ist schon da, wo die wahren Anbeter den Vater im Geist und in der Wahrheit anbeten werden; denn der Vater sucht solche Anbeter. Gott ist Geist, und die ihn anbeten, müssen ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten.“

Hebr 12,22-24: „(…) sondern ihr seid gekommen zu dem Berg Zion und zu der Stadt des lebendigen Gottes, dem himmlischen Jerusalem, und zu Zehntausenden von Engeln, zu der Festversammlung und zu der Gemeinde der Erstgeborenen, die im Himmel angeschrieben sind, und zu Gott, dem Richter über alle, und zu den Geistern der vollendeten Gerechten, und zu Jesus, dem Mittler des neuen Bundes, und zu dem Blut der Besprengung, das Besseres redet als [das Blut] Abels.“

 

Es handelt sich hier um einen vorausschauenden Blick auf die Gemeinde Christi im neuen Bund, welche am Ende der Tage oder in den letzten Tagen das Wort Gottes zu allen Nationen bringen wird. Menschen aus allen Völkern werden zu diesem Berg als bekehrte Christen und Anbeter strömen, um das Wort des Herrn zu hören. Diese Gemeinde Christi ist dieses geistliche Israel Gottes in den letzten Tagen nach:

 

Rö 2,28-29: „Denn nicht der ist ein Jude, der es äußerlich ist; auch ist nicht das die Beschneidung, die äußerlich am Fleisch geschieht; sondern der ist ein Jude, der es innerlich ist, und [seine] Beschneidung [geschieht] am Herzen, im Geist, nicht dem Buchstaben nach. Seine Anerkennung kommt nicht von Menschen, sondern von Gott.“

Rö 4,11-12: „Und er empfing das Zeichen der Beschneidung als Siegel der Gerechtigkeit des Glaubens, den er schon im unbeschnittenen Zustand hatte, damit er ein Vater aller unbeschnittenen Gläubigen sei, damit auch ihnen die Gerechtigkeit angerechnet werde; und auch ein Vater der Beschnittenen, die nicht nur aus der Beschneidung sind, sondern die auch wandeln in den Fußstapfen des Glaubens, den unser Vater Abraham hatte, als er noch unbeschnitten war.“

Phil 3,3: „Denn wir sind die Beschneidung, die wir Gott im Geist dienen und uns in Christus Jesus rühmen und nicht auf Fleisch vertrauen, (…)“

Kol 2,11: „In ihm seid ihr auch beschnitten mit einer Beschneidung, die nicht von Menschenhand geschehen ist, durch das Ablegen des fleischlichen Leibes der Sünden, in der Beschneidung des Christus, (…)“

 

Innerhalb dieser Nation wird keiner aus irgendeinem irdischen Volk das Schwert mehr gegen den anderen erheben. Die Gemeinde Christi besteht aus Gläubigen aller Nationen der Erde, und es herrscht Frieden zwischen allen diesen Leuten. Sie haben ihre geistlichen Schwerter zu Pflugscharen für den Ackerbau Gottes geschmiedet. Sie kämpfen nicht mehr gegeneinander wie die Nationen der gottlosen Erde, sondern sie arbeiten im Ackerbau Gottes, ja sie sind dieser Ackerbau.

 

1Kor 3,6-9: „Ich habe gepflanzt, Apollos hat begossen, Gott aber hat das Gedeihen gegeben. So ist also weder der etwas, welcher pflanzt, noch der, welcher begießt, sondern Gott, der das Gedeihen gibt. Der aber, welcher pflanzt, und der, welcher begießt, sind eins; jeder aber wird seinen eigenen Lohn empfangen entsprechend seiner eigenen Arbeit. Denn wir sind Gottes Mitarbeiter; ihr aber seid Gottes Ackerfeld und Gottes Bau.“

 

Wir mussten bei diesem Thema etwas mehr Zeit verbringen, weil es überaus wichtig für das Verständnis des gesamten weiteren Buches Jesaja ist. Hier wird zum ersten Mal dem damaligen Israel zur Zeit Jesajas ein ganz anderes Israel und Zion unter einem ganz anderen König vorgestellt, nämlich das geistliche Israel und das geistliche Zion der damals noch fernen Zukunft unter der Herrschaft des Herrn selbst. Wir werden gleich in Kapitel 4 noch sehen, wie diesem Bild weitere Aspekte hinzugefügt werden. In der Gesamtheit aller dieser Kennzeichen sehen wir hier die erste Charakterisierung der Gemeinde Christi im Buch Jesaja. Wann immer wir im weiteren Verlauf des Buches Teile oder gar die Gesamtheit dieser Charakteristika wiederfinden, haben wir auch dort in geistlicher Deutung an die Gemeinde des neuen Bundes zu denken.

Der Rest des Kapitels zeigt uns nun den wirklichen Zustand des Volkes. Dieser Zustand Israels in Jesajas Tagen ist sehr erbärmlich. Alles ist dem idealen Zustand genau entgegengesetzt. Israel praktiziert Okkultismus und Götzendienst, es hat sich von fremdem Reichtum abhängig gemacht (Verse 5-8). Deshalb werden sie im Gericht erniedrigt werden (Verse 9-11).

Der Tag des Herrn wird kommen (Verse 12-21). Alle Dinge, auf welche sie ihr Vertrauen gesetzt haben, werden verschwinden. Einige Ergebnisse dieses Gerichts werden aufgezählt. Auch hier müssen wir wieder Schrift mit Schrift vergleichen. Es geht hier nämlich nicht nur um die kommende assyrische Invasion in Israel, welche lediglich die Vorerfüllung dieser Worte darstellte. Wir vergleichen die Verse 17-21 mit Off 6,14-17:

 

„Und der Himmel entwich wie eine Buchrolle, die zusammengerollt wird, und alle Berge und Inseln wurden von ihrem Ort weggerückt. Und die Könige der Erde und die Großen und die Reichen und die Heerführer und die Mächtigen und alle Knechte und alle Freien verbargen sich in den Klüften und in den Felsen der Berge, und sie sprachen zu den Bergen und zu den Felsen: Fallt auf uns und verbergt uns vor dem Angesicht dessen, der auf dem Thron sitzt, und vor dem Zorn des Lammes! Denn der große Tag seines Zorns ist gekommen, und wer kann bestehen?“

 

Die damals noch kommenden Gerichte über Israel von der Hand der Assyrer und der Babylonier sind heute geschichtliche Vergangenheit, ebenso auch die Gerichte über die Assyrer und Babylonier selbst. Zu Jesajas Zeit waren alle diese Dinge noch zukünftig. Seine Prophetien wurden zum Teil in seiner Zeit erfüllt. Hinzu kommt hier aber noch die geistliche Deutung dieser Dinge, die sich auf das Weltgericht am Ende der Zeit bezieht, welches uns in Off 6 gezeigt wird.

Deshalb redet der letzte Vers des Kapitels auch nicht mehr über Israel, sondern über den Menschen im Allgemeinen. Das Versagen der Israeliten ist nur ein Beispiel für das Versagen aller Menschen unter der Macht der Sünde. So wie Gott sein Volk richten wird, so wird er auch einmal die gesamte Menschheit richten. Kehrt um, lasst Gott mit euch rechten (1,18)! Kommt zu dem Berg Gottes, zu dem himmlischen Zion, und zwar heute schon in unserer Zeit. Dann werdet ihr auch die Ewigkeit mit dem Herrn an diesem Berg verbringen können.

 

Kapitel 3

Dieses Kapitel kann relativ kurz abgehandelt werden. Die Führer des Volkes werden besonders angeklagt. Sie sind insbesondere schuldig, das Volk in die Irre geleitet zu haben. Ihre Strafe wird härter ausfallen, denn sie sind auch verantwortlicher als das Volk.

Eine ähnliche Situation findet sich auch im NT, als der Herr Jesus in Mt 23 die Pharisäer und Schriftgelehrten ganz besonders verurteilt. Sie haben ihn abgelehnt, die unvergebbare Sünde begangen und das Volk in diese Ablehnung mit hineingezogen. Das Volk selbst, auch zu Jesajas Zeit, wird ebenfalls gerichtet werden, denn es ist keine Entschuldigung, getäuscht worden zu sein. Jeder im Volk hat zumindest die Möglichkeit, die Schriften zu hören, wenn sie gelesen werden. Auch für uns in der heutigen neutestamentlichen Gemeinde des Herrn gibt es eine geistliche Anwendung:

 

1Tim 3,2-3: „Nun muss aber ein Aufseher untadelig sein, Mann einer Frau, nüchtern, besonnen, anständig, gastfreundlich, fähig zu lehren; nicht der Trunkenheit ergeben, nicht gewalttätig, nicht nach schändlichem Gewinn strebend, sondern gütig, nicht streitsüchtig, nicht geldgierig;“

Jak 3,1-2: „Werdet nicht in großer Zahl Lehrer, meine Brüder, da ihr wisst, dass wir ein strengeres Urteil empfangen werden! Denn wir alle verfehlen uns vielfach; wenn jemand sich im Wort nicht verfehlt, so ist er ein vollkommener Mann, fähig, auch den ganzen Leib im Zaum zu halten.“

 

Die Anklage und das Gericht über die Frauen in Israel kommen in 3,6-4,1. Es ist die Folge ihres Stolzes und ihres Luxuslebens. Ihr Reichtum war das Ergebnis ungerechter Gesetzgebung im Land. Am Ende wird es aber so sein, dass sieben Frauen auf einen Mann kommen (Kapitel 4,1 gehört eigentlich noch zu diesem Kontext). Es ist hier nicht der Ort, über die Segnungen des Feminismus und seine Auswirkungen auf die Gesellschaften des christlichen Abendlandes zu diskutieren. Darüber hinaus fehlt uns auch die Zeit dazu. Gehen wir weiter zum nächsten Abschnitt.

 

Kapitel 4

Hier schließt sich der Kreis wieder mit dem zweiten Teil unserer geistlichen Klammer. Wir finden den Spross (zemach), den Messias, inmitten seines Volkes. In Jer 23,5 ist der Spross der König, in Sach 6,12 ist er ein Mensch. Das Volk in unserem Bild ist erlöst und verwandelt, denn alle werden heilig genannt und sind zum Leben in dieser Stadt eingeschrieben. Die Blutschuld ist abgewaschen, der Herr wohnt mit seiner Herrlichkeit inmitten seines Volkes und über ihm, denn er bedeckt es mit seiner Wolke. Siehe, die Hütte Gottes bei den Menschen. Keine Sünde mehr, kein Versagen mehr, kein Blut mehr, keine Bedrohung mehr. Nur noch Heiligkeit und Herrlichkeit. Auch hier können wir nicht umhin, Schrift mit Schrift zu vergleichen. Wir lesen:

 

Zeph 3,14-17: „Jauchze, du Tochter Zion; juble, Israel! Freue dich und sei fröhlich von ganzem Herzen, du Tochter Jerusalem! Denn der HERR hat die Gerichte von dir abgewendet, er hat deinen Feind weggeräumt. Der HERR, der König Israels, ist in deiner Mitte; du brauchst kein Unheil mehr zu fürchten! In jenen Tagen wird man zu Jerusalem sagen: Fürchte dich nicht! Zion, lass deine Hände nicht sinken! Der HERR, dein Gott, ist in deiner Mitte, ein Held, der rettet; er wird sich über dich freuen mit Wonne, er wird still sein in seiner Liebe, er wird über dich jubelnd frohlocken.“

Lk 10,20: „Doch nicht darüber freut euch, dass euch die Geister untertan sind; freut euch aber lieber darüber, dass eure Namen im Himmel geschrieben sind.“

Off 21,3: „Und ich hörte eine laute Stimme aus dem Himmel sagen: Siehe, das Zelt Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen; und sie werden seine Völker sein, und Gott selbst wird bei ihnen sein, ihr Gott.“

Off 21,27: „Und es wird niemals jemand in sie hineingehen, der verunreinigt, noch jemand, der Gräuel und Lüge verübt, sondern nur die, welche geschrieben stehen im Buch des Lebens des Lammes.“

 

Jesaja beschreibt uns im Zusammenhang mit Kapitel 2,1-4 die Gemeinde Christi in der vollendeten Gemeinschaft mit dem Herrn in der neuen und ewigen Welt. Heute in unserer Zeit sind alle diese Dinge schon geistlich eingeführt (inauguriert), denn die Gemeinschaften der Christen und auch jeder einzelne Christ können sie geistlich schon heute genießen. Einmal wird es jedoch die völlig geoffenbarte Wirklichkeit sein. Dies wird durch die Lehre der zwei Zeitalter in der Bibel erklärt.

 

Kapitel 5

Das Gleichnis vom Weinberg ist in Liedform abgefasst. Jesaja singt das Lied Gottes, der hier sein persönlicher Freund ist. In der Tat war es so, dass Gott diesem Mann Dinge offenbarte, die kein anderer Prophet zu sehen bekam. Jesaja darf über die Jungfrauengeburt reden (7,14). Er ist der erste, der klar sagen darf, dass der Messias für die Sünden sterben wird (53). Ihm sind viele Einzelheiten über die neue Erde geoffenbart worden. Er gibt von allen Propheten des AT die klarste Aussage über die Dreieinigkeit Gottes (48,12-16).

Das Gleichnis selbst ist in den Versen 1-7. Gott tat alles für seinen Weinberg. Der Boden war gut, es gab genug Sonne und Düngung, eine Hecke und ein Wachturm schützten die Pflanzung. Trotzdem brachte er keine Frucht. Deshalb entfernte Gott die Hecke und bewässerte den Weinberg nicht mehr. Der Weinberg wurde von den Feinden verwüstet. Israel ist dieser Weinberg (Vers 7). Gott erwartete Gerechtigkeit und fand Bedrückung, deshalb kommt das Gericht der Verwüstung. Es gibt sechs „Wehe“ und vier „Darums“. Im Bild sind die Wehe die schlechten Trauben und die Darums die Gerichte der Verwüstung.

Das erste Wehe (8-10) geht gegen die Habgier der Landbesitzer in Israel. Im Gesetz war der Familienbesitz kleiner Landanteile festgeschrieben, der in jedem Jubeljahr wiederhergestellt werden sollte (3Mo 25). Die Landbesitzer hatten jedoch alles für sich genommen. Das zweite Wehe (11-12) geht gegen die Trunkenheit. Sie benutzen Wein und Musik, um ihr Gewissen vor Gott abzutöten. Das erste Darum (13) ist die kommende Gefangenschaft in Assyrien und in Babylonien. Das zweite Darum (14-17) beschreibt Tod, Erniedrigung der Stolzen und Verwüstung im Land. Diese Dinge wurden in der Zeit Assyriens und nachfolgend durch die Samariter erfüllt. Das dritte Wehe (18-19) geht gegen ihren willentlichen Ungehorsam. Sie sind sogar noch stolz auf ihren Unglauben, den sie wie ein schweres Joch auf ihrem Hals tragen. Das vierte Wehe (20) geht gegen ihre verfälschten Moralbegriffe. Das fünfte Wehe (21) geht gegen ihren Stolz und ihre falsche Weisheit (Spr 1,7; 3,7). Sie waren weise in ihren eigenen Augen. Das sechste Wehe (22-23) geht gegen die betrunkenen Richter. Sie sind Helden im Weintrinken. Sie erklären den Schuldigen für gerecht und den Gerechten für schuldig. Das dritte Darum (24) zeichnet das Bild völliger Verwüstung. Die sauren Trauben taugen nur noch für die Verbrennung. Das vierte Darum (25) spricht über die Schlachtung und den Schlächter, in diesem Fall Gott. Nach diesen Aussprüchen wird dann als letztes Stadium das Gericht einer schnellen und gewaltigen Invasion geschildert. Die Waffen, der Angriff und das Ergebnis werden beschrieben (26-30). Auch andere Schriftstellen reden über das Weinbergmotiv.

Der Herr hat sich einen Weinstock aus Ägypten herausgebracht und ihn in Israel gepflanzt.

 

Ps 80,9-11: „Einen Weinstock hast du aus Ägypten herausgebracht; du hast die Heidenvölker vertrieben und ihn gepflanzt. Du machtest Raum vor ihm, dass er Wurzeln schlug und das Land erfüllte; sein Schatten bedeckte die Berge und seine Ranken die Zedern Gottes;“

 

Der Weinberg wird bei Jesaja eindeutig als das Volk Israel bezeichnet. Dieser Weinberg trug allerdings nur schlechte Früchte und war endgültig zur Vernichtung bestimmt.

 

Jer 2,20-21: „Denn vor langer Zeit habe ich dein Joch zerbrochen und deine Bande zerrissen; aber du hast gesagt: »Ich will nicht dienen!« Ja, du hast dich auf allen hohen Hügeln und unter allen grünen Bäumen als Hure hingestreckt! Und doch hatte ich dich gepflanzt als eine Edelrebe von ganz echtem Samen; wie hast du dich mir verwandeln können in wilde Ranken eines fremden Weinstocks?“

Jer 12,10-11: „Viele Hirten haben meinen Weinberg verwüstet und meinen Acker zertreten; meinen kostbaren Acker haben sie zur öden Wüste gemacht. Man hat ihn verheert; verwüstet trauert er vor mir. Das ganze Land liegt wüst, denn niemand nahm es sich zu Herzen.“

Hos 10,1-3: „Israel ist ein rankender Weinstock, der für sich selbst Frucht bringt. Je mehr Früchte er brachte, desto mehr Altäre bauten sie; je besser ihr Land war, desto schönere Götzenbilder machten sie. Ihr Herz ist falsch, nun sollen sie es büßen: Er wird ihre Altäre zerschlagen, ihre Götzenbilder zertrümmern. Dann werden sie bekennen müssen: »Wir haben keinen König mehr, weil wir den HERRN nicht fürchteten; und ein König, was kann der uns helfen?«“

 

Der Weinberg befand sich zu verschiedenen Zeiten in der Hand böser Weingärtner.

 

Jes 3,14: „Der HERR geht ins Gericht mit den Ältesten seines Volkes und mit dessen Führern: Ihr habt den Weinberg kahl gefressen; was ihr dem Elenden geraubt habt, ist in euren Häusern!“

Mt 21,33-46: „Hört ein anderes Gleichnis: Es war ein gewisser Hausherr, der pflanzte einen Weinberg, zog einen Zaun darum, grub eine Kelter darin, baute einen Wachtturm, verpachtete ihn an Weingärtner und reiste außer Landes. Als nun die Zeit der Früchte nahte, sandte er seine Knechte zu den Weingärtnern, um seine Früchte in Empfang zu nehmen. Aber die Weingärtner ergriffen seine Knechte und schlugen den einen, den anderen töteten sie, den dritten steinigten sie. Da sandte er wieder andere Knechte, mehr als zuvor; und sie behandelten sie ebenso. Zuletzt sandte er seinen Sohn zu ihnen und sprach: Sie werden sich vor meinem Sohn scheuen! Als aber die Weingärtner den Sohn sahen, sprachen sie untereinander: Das ist der Erbe! Kommt, lasst uns ihn töten und sein Erbgut in Besitz nehmen! Und sie ergriffen ihn, stießen ihn zum Weinberg hinaus und töteten ihn. Wenn nun der Herr des Weinbergs kommt, was wird er mit diesen Weingärtnern tun? Sie sprachen zu ihm: Er wird die Übeltäter auf üble Weise umbringen und den Weinberg anderen Weingärtnern verpachten, welche ihm die Früchte zu ihrer Zeit abliefern werden. Jesus spricht zu ihnen: Habt ihr noch nie in den Schriften gelesen: »Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, der ist zum Eckstein geworden. Vom Herrn ist das geschehen, und es ist wunderbar in unseren Augen«? Darum sage ich euch: Das Reich Gottes wird von euch genommen und einem Volk gegeben werden, das dessen Früchte bringt. Und wer auf diesen Stein fällt, der wird zerschmettert werden; auf wen er aber fällt, den wird er zermalmen. Und als die obersten Priester und die Pharisäer seine Gleichnisse hörten, erkannten sie, dass er von ihnen redete. Und sie suchten ihn zu ergreifen, fürchteten aber die Volksmenge, weil sie ihn für einen Propheten hielt.“

 

Nach den schrecklichen Zerstörungen, die ihn heimsuchen werden, wird der Weinberg dann nach der Hilfe seines Gottes rufen:

 

Ps 80,12-20: „(…) er streckte seine Zweige aus bis ans Meer und seine Schoße bis zum Strom. Warum hast du nun seine Mauer niedergerissen, dass alle ihn zerpflücken, die vorübergehen? Der Eber aus dem Wald zerwühlt ihn, und die wilden Tiere des Feldes weiden ihn ab. O Gott der Heerscharen, kehre doch zurück! Blicke vom Himmel herab und sieh, und nimm dich dieses Weinstocks an und des Setzlings, den deine Rechte gepflanzt, des Sohnes, den du dir großgezogen hast! Er ist mit Feuer verbrannt, er ist abgeschnitten, vor dem Schelten deines Angesichts sind sie umgekommen! Deine Hand sei über dem Mann deiner Rechten, Über dem Sohn des Menschen, den du dir großgezogen hast, so werden wir nicht von dir weichen. Belebe uns, so wollen wir deinen Namen anrufen! O HERR, Gott der Heerscharen, stelle uns wieder her! Lass dein Angesicht leuchten, so werden wir gerettet!“

 

Schließlich wird der Weinberg am Ende gute Frucht hervorbringen und die Erde erfüllen:

 

Jes 27,2-6: „An jenem Tag [wird man sagen]: Ein Weinberg von feurigen Weinen! Besingt ihn! Ich, der HERR, behüte ihn und bewässere ihn zu jeder Zeit; ich bewache ihn Tag und Nacht, damit sich niemand an ihm vergreift. Zorn habe ich keinen. Wenn ich aber Dornen und Disteln darin fände, so würde ich im Kampf darauf losgehen und sie allesamt verbrennen! Es sei denn, dass man Schutz bei mir suchte, dass man Frieden mit mir machte, ja, Frieden machte mit mir. In zukünftigen Zeiten wird Jakob Wurzel schlagen, Israel wird blühen und grünen, und sie werden den ganzen Erdkreis mit Früchten füllen.“

 

Die letztgenannte Stelle kann nur völlig verstanden werden im Zusammenhang mit:

 

Joh 15,1-7: „Ich bin der wahre Weinstock, und mein Vater ist der Weingärtner. Jede Rebe an mir, die keine Frucht bringt, nimmt er weg; jede aber, die Frucht bringt, reinigt er, damit sie mehr Frucht bringt. Ihr seid schon rein um des Wortes willen, das ich zu euch geredet habe. Bleibt in mir, und ich [bleibe] in euch! Gleichwie die Rebe nicht von sich selbst aus Frucht bringen kann, wenn sie nicht am Weinstock bleibt, so auch ihr nicht, wenn ihr nicht in mir bleibt. Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn getrennt von mir könnt ihr nichts tun. Wenn jemand nicht in mir bleibt, so wird er weggeworfen wie die Rebe und verdorrt; und solche sammelt man und wirft sie ins Feuer, und sie brennen. Wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch bleiben, so werdet ihr bitten, was ihr wollt, und es wird euch zuteilwerden.“

 

Der Herr Jesus Christus ist der wahre Weinstock. Das Identitätszentrum der Gläubigen des Neuen Testamentes sind nicht mehr das Land Israel im mittleren Osten und das irdische Volk der Juden, sondern es ist der Herr selbst. So wie im Rückblick auf Ps 80,9-11 das irdische Volk Israel im Alten Testament als der Weinstock Gottes aus Ägypten herausgebracht wurde und in Israel Wurzeln schlug, so wurde auch im Neuen Testament der wahre Israel (hier bei uns in Kapitel 49,3), der wahre Weinstock, der Herr Jesus Christus, aus Ägypten (wohin er mit seinen Eltern vor Herodes geflohen war) nach Israel herausgeführt und schlug dort Wurzeln in Kapitel 11,1-2.

Dieser wahre Weinstock erfüllt mit seinen Reben auf der Erde bereits heute alle Nationen mit seiner Gegenwart. Der Leib Christi, also der wahre Weinstock mit seinen Reben, ist bereits heute über die ganze Erde ausgebreitet, obwohl das Reich Gottes in seiner äußerlichen Form noch nicht die Herrschaft über die Welt innehat. Noch herrscht äußerlich betrachtet der Fürst dieser Welt über die Systeme dieser Welt. Das wird sich aber ändern bei der Wiederkunft des Herrn. Dann wird die alte Welt vergehen und eine neue Welt geschaffen werden. Das Reich des Herrn ist nicht von dieser Welt (Joh 18,36), sondern es wird erst in der neuen und ewigen Schöpfung die gesamte Welt einnehmen und beherrschen. Dann wird der wahre Weinstock (der Herr Jesus Christus) zusammen mit allen seinen Reben (den Gläubigen aller Zeiten) die neue Erde erfüllen und für immer bewohnen. Für einen letzten Gedanken lesen wir:

 

Lk 13,6-7: „Und er sagte dieses Gleichnis: Es hatte jemand einen Feigenbaum, der war in seinem Weinberg gepflanzt; und er kam und suchte Frucht darauf und fand keine. Da sprach er zu dem Weingärtner: Siehe, drei Jahre komme ich und suche Frucht an diesem Feigenbaum und finde keine. Haue ihn ab! Warum macht er das Land unnütz?“

Mt 21,19: „Und als er einen einzelnen Feigenbaum am Weg sah, ging er zu ihm hin und fand nichts daran als nur Blätter. Da sprach er zu ihm: Nun soll von dir keine Frucht mehr kommen in Ewigkeit! Und auf der Stelle verdorrte der Feigenbaum.“

Mt 21,43: „Darum sage ich euch: Das Reich Gottes wird von euch genommen und einem Volk gegeben werden, das dessen Früchte bringt.“

 

In der Lukasstelle steht der Feigenbaum, ein Bild für das irdische Israel zur Zeit des Herrn, mitten im Weinberg. Der Weinberg ist hier jedoch der Weinberg des Herrn im neuen Bund. Damit ist die ganze Erde gemeint, denn die Reben des wahren Weinstocks bedecken ja die ganze Erde und bringen Frucht auf ihr durch ihr Leben und durch die Verkündigung des Evangeliums. In dieser Welt ist Israel nur noch eines von vielen Ländern. Der Herr wird die Qualität dieses Feigenbaums danach beurteilen, ob er künftig noch in seinem weltweiten Weinberg geistliche Frucht bringen wird oder nicht. Wenn nicht, dann wird er abgehauen werden. Leider musste das so geschehen, nachdem die Pharisäer und die Mehrheit des Volkes den Herrn abgelehnt und zur Kreuzigung überliefert hatten. Die Zerstörung des Heiligtums im alten Jerusalem kam im Jahr 70 n.Chr. durch die Römer, wie es Mt 21,43 vorhergesagt hatte. Heute ist es noch immer so, denn der Herr sagte in Mt 21,19, dass der verdorrte Feigenbaum in Ewigkeit keine Frucht mehr bringen würde. Geistliche und ewige Frucht für Gott können nur noch die irdischen Israeliten bringen, die durch eine persönliche Umkehr zu dem Herrn zu geistlichen Israeliten werden, und welche zusammen mit vielen Nichtjuden aus allen Nationen zu der Gemeinde der Erlösten des neuen Bundes zählen. Für das Israel nach dem Fleisch, die Nation im mittleren Osten, mag es in der Zukunft noch einmal einen irdischen Segen geben, aber keine ewige geistliche Frucht mehr.

 

Jak 3,12: „Kann auch, meine Brüder, ein Feigenbaum Oliven tragen, oder ein Weinstock Feigen? So kann auch eine Quelle nicht salziges und süßes Wasser geben.“

 

Zweiter Teil des Buches:
Licht in der Finsternis. Der kommende König Immanuel

Manche Ausleger geben dem Kapitel 6 eine Sonderstellung und sehen es getrennt vom Inhalt der umgebenden Kapitel als die Berufung des Propheten an. Dies ist möglich. Ebenso möglich ist jedoch der Gedanke, dass wir in diesem Kapitel den ersten Teil einer gedanklichen Inklusion haben, welche den ganzen zweiten Teil einklammert. So wie wir nämlich in Kapitel 6 die Rettung und die Berufung eines einzelnen Mannes in Israel (des Propheten selbst) erkennen, so sehen wir in Kapitel 12 den Lobgesang und die Anbetung eines ganzen erretteten Volkes (des geistlichen Israel, der Gemeinde Gottes im neuen Bund, wie wir noch sehen werden). In Kapitel 1,26-27 hat sich das Motiv der Wiederherstellung der Stadt der Gerechtigkeit und der gerechten Herrschaft in Erinnerung an die großen Könige gefunden. Dieses Thema wird nun gemäß unserem großen Prinzip zum Hauptthema des zweiten Teils. Es geht um Immanuel, den kommenden gerechten Herrscher über seine Stadt und sein Volk. Er steht im Gegensatz zu dem gottlosen König Ahas, mit dem Jesaja selbst konfrontiert wurde.

 

Kapitel 6

Jesaja hat bisher sehr viele Dinge gesagt und damit im ersten Abschnitt die Grundlage für den Rest des Buches gelegt. Die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des damaligen Israel und des noch kommenden geistlichen und ewigen Israel wurden skizziert.

Nun aber wird er uns zeigen, auf welcher Grundlage er mit Autorität reden kann. Er erzählt uns nämlich im sechsten Kapitel, wann und wie er zum Propheten berufen wurde. Die Vision der Herrlichkeit des Herrn auf seinem Thron kam im Todesjahr Ussijas, also im Jahr 759 v.Chr. (2Chr 26). Ussija hatte versucht, auf dem Räucheraltar zu opfern. Weil das nur den Priestern aus dem Stamm Levi erlaubt war, wurde er mit Aussatz bis zu seinem Tod geschlagen. Den Rest seines Lebens verbrachte er in Isolation und musste jedem, der ihm nahe kam, „unrein, unrein!“ zurufen. Im Todesjahr dieses aussätzigen irdischen Königs von Israel sah der Prophet die Vision des heiligen, ewigen, himmlischen Königs von Israel auf seinem Thron.

Niemand kann Gott sehen wie er wirklich ist und am Leben bleiben (2Mo 19,21; 33,20; Joh 1,18; 1Tim 6,13-16). Was Jesaja hier zu sehen bekommt, ist mit hoher Wahrscheinlichkeit eine ähnliche Vision wie diejenige in Hesekiel 1 und Hesekiel 10. Allerdings kommt hier noch das Element des Thronsaales im Himmel hinzu, welches bei Hesekiel so nicht erwähnt ist. Während bei Hesekiel der Schwerpunkt mehr auf der Herrschaft Gottes über Himmel und Erde liegt, wird bei Jesaja vor allem die absolute Reinheit und durchdringende Heiligkeit des himmlischen Königs betont. Eigentlich sieht Jesaja den Sohn Gottes vor seiner Menschwerdung. Wir wissen dies aus Joh 12,36-41, wo der Herr Jesus auf Jesaja 6 direkt Bezug nimmt.

Ein wichtiger heilsgeschichtlicher Aspekt liegt auch in dem Zeitpunkt der Vision. In dem Augenblick wo der aussätzige König in den Tod geht, tritt der ewige König in Erscheinung. Als der Herr den Satan besiegt hatte auf Golgatha, kam er in der Auferstehung zum ewigen Leben zu den Jüngern zurück. Nun ist der Tod besiegt, und der himmlische König regiert über das Volk, welches er erlöst und gereinigt hat durch sein Blut. Er ist auch derjenige, der alle Gläubigen zu sich zieht, errettet, reinigt und zum Dienst beruft.

 

Joh 12,31-32: „Jetzt ergeht ein Gericht über diese Welt. Nun wird der Fürst dieser Welt hinausgeworfen werden; und ich, wenn ich von der Erde erhöht bin, werde alle zu mir ziehen.“

Joh 15,16: „Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt und euch dazu bestimmt, dass ihr hingeht und Frucht bringt und eure Frucht bleibt, damit der Vater euch gibt, was auch immer ihr ihn bitten werdet in meinem Namen.“

Hebr 2,14-15: „Da nun die Kinder an Fleisch und Blut Anteil haben, ist er gleichermaßen dessen teilhaftig geworden, damit er durch den Tod den außer Wirksamkeit setzte, der die Macht des Todes hatte, nämlich den Teufel, und alle diejenigen befreite, die durch Todesfurcht ihr ganzes Leben hindurch in Knechtschaft gehalten wurden.“

 

Genauso geschieht es hier mit dem Propheten. Jesaja sieht die Seraphim, wörtlich übersetzt: die Brennenden. Die Bibel spricht einerseits von Engeln, deren Oberster oder Erzengel Michael genannt wird. Engel erscheinen als junge Männer ohne Flügel. Deshalb besteht auch die Möglichkeit, sie mit Menschen zu verwechseln (1Mo 19,1-2; Hebr 13,2). Dann gibt es die Seraphim (Off 4,6-8) mit sechs Flügeln. Schließlich gibt es als die höchste Ordnung noch die Cherubim, wie sie uns vor allem bei Hesekiel beschrieben sind. Sie leben in der direkten Gegenwart des Thrones Gottes. Satan war vor seinem Fall der gesalbte Cherub (Hes 28,14), also der Erzcherub. Er war über dem Thron Gottes als ein Beschirmer und somit der höchste aller Engel bzw. auch das höchste aller geschaffenen Wesen überhaupt. In Kapitel 14 werden wir ihn genauer sehen. Cherubim gibt es in verschiedenen Arten: mit einem Gesicht und zwei Flügeln, wie zum Beispiel über der Bundeslade und im Inneren des Tempels; mit zwei Gesichtern und zwei Flügeln; mit vier Gesichtern und vier Flügeln, wie zum Beispiel in der Erscheinung der Herrlichkeit des Herrn in Hesekiel 1.

Das dreifache „heilig, heilig, heilig“, das die Seraphim ausrufen, könnte ein Hinweis auf die Dreieinigkeit Gottes sein. Jedenfalls aber ist es der Ursprung von Jesajas bevorzugter Benennung des Herrn: der Heilige Israels. Andere Titel sind: der Heilige Jakobs und der Heilige. Der zweite Hauptaspekt der Erscheinung ist die Herrlichkeit. Sie ist verbunden mit einer Erschütterung und Rauch im Tempel. Angesichts dieser Erscheinung wird Jesaja sich schlagartig seiner eigenen Sündhaftigkeit bewusst: „Wehe mir, ich vergehe!

Der richtige Vergleich, den auch wir anstellen sollten, ist nicht der Vergleich zwischen uns und anderen. Da findet sich immer noch etwas Gutes bei uns. Es ist der Vergleich zwischen uns und Gott. Nur hier wird uns unser wahrer Zustand bewusst. Ich bin ein Mann von unreinen Lippen! Das war der Schrei des Aussätzigen. Jesaja sieht sich als genauso sündig wie Ussija. Er wohnt in einem Volk mit unreinen Lippen und ist ein Teil davon. Nun fürchtet er zu sterben, weil er den wahren König gesehen hat. Die Folge seines Bekenntnisses ist jedoch nicht der Tod, sondern die Versöhnung. Sie geschieht durch eine glühende Altarkohle auf seinen Lippen. Auf dem Altar wurden die Blutopfer dargebracht, es handelt sich somit hier um einen Hinweis auf die Wahrheit, dass die Versöhnung durch Blut geschieht. Die Sünden des Propheten sind jetzt bedeckt, denn weiter kann das AT noch nicht gehen. Er kann aber auf dieser Grundlage seinen Dienst beginnen.

Wen soll ich senden, und wer wird für uns gehen?“ Dies ist ein erneuter Hinweis auf die Dreieinigkeit. In Kapitel 48 werden wir sie am deutlichsten sehen. Für den Propheten gibt es nur eine Antwort: „Hier bin ich, sende mich“. Der hebräische Begriff ist hineni, das bedeutet die Antwort auf eine göttliche Anrede, in der gleichzeitig die uneingeschränkte Bereitschaft zur Unterordnung und zum Dienst enthalten ist. Andere Stellen hierzu sind: 1Mo 22,1+11; 31,11; 46,2; 2Mo 3,4).

Jesaja wird zu einem Volk gesandt ohne Verständnis. Gott wird sie verhärten, denn seit vielen Jahren haben sie schon selbst ihr Herz verhärtet. Ihr Herz ist fett, die Ohren schwer, die Augen geschlossen. Dies bedeutet geistliches Unverständnis, Taubheit und Blindheit. Sie werden sich daher nicht bekehren, die Strafe wird unvermeidlich sein.

Jesaja muss im Voraus erkennen, dass sein Dienst keinen Erfolg haben wird. Aus menschlicher Sicht wird es ein totaler Fehlschlag sein, nicht jedoch aus Gottes Sicht. Der Prophet wird nämlich das sagen und tun, wozu Gott ihn beauftragt hat. Das reicht, um von Gott anerkannt zu werden, unabhängig vom äußeren Erfolg. Das sollten auch wir uns vor Augen halten. Gott belohnt uns nicht nach zählbaren Erfolgen in der Evangelisation, im Gemeindebau oder sonstigen Dingen, sondern nach der Treue im Dienst. Im Fall von Jesaja ist das Ergebnis das erstaunliche Buch, das wir in der Hand halten dürfen.

O Herr, wie lange? So lautet Jesajas nächste Frage. Die Antwort ist: Bis zum Gericht. Es wird Entleerung des Landes kommen, dann Rückkehr, dann wieder Gericht und Rückkehr, zuletzt aber im Glauben, weil das Gericht immer zur Bekehrung eines Überrestes führen wird. Der heilige Same wird aus dem Wurzelstock hervorkommen. Wir werden das noch sehen. Hier in unserem Kapitel bezieht es sich auf das damalige irdische Israel. Israel ging in die assyrische und babylonische Gefangenschaft, es kehrte zu kleinen Teilen aus Babylon zurück. Es wurde im Jahr 70 n.Chr. durch die Römer teilweise, im Jahr 136 n.Chr. dann vollständig entvölkert. Interessanterweise kam die Prophetie geschichtlich in dem Jahr, in dem in Italien der erste Grundstein für Rom gelegt wurde. Sechs Jahre später, im Jahr 753 v.Chr., wurde die Stadt Rom offiziell anerkannt. In Kapitel 11 und 12 werden wir das neue Volk sehen, welches aus dem Stumpf Isais hervorkommen wird und in einer neuen Welt leben wird.

 

Kapitel 7

Die folgenden fünf Kapitel sind auch als das Buch Immanuels bezeichnet worden. Mit diesem Abschnitt beginnt die detaillierte Auslegung der Themen, die in den ersten fünf Kapiteln grundsätzlich angedeutet worden sind. Der Name Immanuel bedeutet „Gott mit uns“ und erscheint in 7,14; 8,8; 8,10. Das Buch Immanuels hat fünf Unterabschnitte:

  1. Die kommende Geburt Immanuels (7,1-25).
  2. Die Geburt Immanuels (8,1-9,6).
  3. Der ausgestreckte Arm des Herrn (9,7-10,4).
  4. Das Gericht über Assyrien (10,5-10,34).
  5. Die Herrschaft Immanuels (11,1-12,6).

 

Die kommende Geburt Immanuels

Der geschichtliche Hintergrund für den Abschnitt über die kommende Geburt Immanuels in Kapitel 7 ist der Angriff von Rezin und Pekach auf Jerusalem zur Zeit des Königs Ahas. Siehe hierzu unsere voranstehenden Erläuterungen zur Geschichte. Rezin und Pekach sind im Anmarsch und der König zittert vor Furcht. Jesaja bekommt von Gott den Auftrag, seinen kleinen Sohn Schear Jaschub auf den Arm zu nehmen und den König am Ende der Wasserleitung des oberen Teiches Jerusalems an der Straße des Walkerfeldes zu treffen. Jesaja gibt dem König die Prophetie von den beiden brennenden Brandscheitstummeln und dem baldigen Untergang ihrer Mächte (Verse 3-9).

Gott selbst bietet Ahas in den folgenden Versen 10-16 durch Jesaja ein Garantiezeichen jeglicher Art an, um das sichere Eintreffen der Prophetie zu unterstreichen. Aber Ahas ist nicht gläubig. Er wird plötzlich religiös und lehnt unter Berufung auf das Gesetz Moses das Zeichen ab (5Mo 6,16). Erstens vertraut er nicht auf Gott. Zweitens ist er nicht bereit, im Fall des Eintreffens eines Zeichens auf seine Pläne hinsichtlich Assyriens zu verzichten. Deshalb kündigt Gott jetzt ein Zeichen für das ganze Haus Davids an, weil ja gerade dieses Haus durch die Verschwörung der Feinde beseitigt werden sollte: Die Jungfrau wird empfangen und einen Sohn gebären. Der bestimmte Artikel deutet an, dass der Leser im hebräischen Text der Bibel zurückgehen muss, um diese vorher schon einmal erwähnte Jungfrau zu finden. Der direkte Kontext Jesajas zeigt aber keine derartige Person. Deshalb müssen in einem weiteren Schritt alle vorherigen Schriften des Alten Testamentes nach dieser Person durchforscht werden. Entsprechend der hebräischen Grammatik und dem Denken der Juden weist die Stelle zurück auf 1Mo 3,15. Dort wird der Same der Frau erwähnt. Für einen Juden war damals und ist heute die Sache etwa so klar, wie wenn man bei uns einen Katholiken nach der Madonna fragen würde. Jeder wüsste, dass es sich hierbei um Maria handelt.

Die Abstammung wird in diesem Fall ausnahmsweise über die Linie der Mutter hergeleitet, denn der Messias hat keinen leiblichen Vater auf der Erde. Das hebräische Wort ist ha alma, was immer eine unverheiratete Frau meint (1Mo 24,43; 2Mo 2,8; Ps 68,25; Hoh 1,3 und 6,8; Spr 30,18-19). Somit gibt es jetzt noch immer zwei Möglichkeiten. Das Kind könnte unehelich sein, oder es wäre tatsächlich von einer Jungfrau geboren. Die erste Möglichkeit scheidet aus, weil die Geburt eines unehelichen Kindes in Israel alles andere als ein Zeichen gewesen wäre. In Israel wurden reihenweise uneheliche Kinder geboren. Somit bleibt nur die echte Jungfrauengeburt übrig. Im Hebräischen liegen hier sowohl die Geburt als auch die Zeugung des Kindes noch in der Zukunft. Das Haus Davids wird aber bestehen bleiben bis zu dieser Geburt. Gott selbst gibt dem Kind den Namen Immanuel (Gott mit uns). Das allein schon zeigt die göttliche Natur des Kindes. Die Erfüllung kam über 700 Jahre später bei der Jungfrauengeburt des Herrn Jesus, welche uns in Matthäus 1 und Lukas 2 berichtet wird.

Dies alles wäre jedoch kein Zeichen für Ahas persönlich, und deshalb kommt nun noch ein weiteres Wort zu ihm, und zwar für ihn selbst. Bevor das Kind wissen wird, das Böse zu verwerfen und das Gute zu wählen, werden die Feinde kein Thema mehr sein. Schon wieder der bestimmte Artikel. Diesmal jedoch enthält der direkte Kontext der Prophetie eine entsprechende Person. Es ist Schear-Jaschub, der kleine Sohn, den Jesaja mitnehmen musste, und den er nun vor den Augen des Königs auf dem Arm hält. Die Bedeutung ist diese: Bevor der kleine Schear-Jaschub Gut und Böse unterscheiden kann, werden die Feinde verschwunden sein. Die Erfüllung kommt in 2Kö 15,29-30 und in 16,19.

Weil Ahas jedoch nicht geglaubt hat, kommt eine Gerichtsbotschaft (Verse 18-25) zu ihm. Weil er die Assyrer haben wollte, wird er sie auch bekommen, und zwar vielmehr als er es jemals wollte. Auch das wurde erfüllt. Ahas hatte die falsche Wahl getroffen und kam unter das assyrische Joch. Er wurde tributpflichtig. Sein Sohn Hiskia erbte dieses Joch von ihm. Hiskias Rebellion führte dann zur assyrischen Invasion in Juda mit Zerstörung von 46 befestigten Städten, Jerusalem konnte jedoch nicht erobert werden. Dies geschah unter Sanherib. Weitere Einzelheiten hierzu werden wir in den Kapiteln 10 und 36-39 des Buches finden.

 

Kapitel 8

Die Geburt Immanuels

Der Abschnitt über die Geburt Immanuels beginnt in Kapitel 8 mit dem Namen des zweiten Sohnes Jesajas: Maher-schalal-hasch-bas. Er bedeutet: „Raube bald, eile Beute.“ Zunächst deutet er das Schicksal der beiden Angreifer an. Bevor der Junge einfache Silben sagen kann, werden die beiden Feinde von der Szene verschwinden und selbst ausgeraubt werden. Aber auch eine Bedeutung für Jerusalem existiert. Zum ersten Mal wird hier der Kontrast zwischen dem gläubigen Überrest des Volkes und der ungläubigen Mehrheit angedeutet. Es ist der Kontrast zwischen dem Wunderbaren in Kapitel 7 und dem Gewöhnlichen in Kapitel 8 sowie zwischen der Ruhe und der lärmenden Unruhe. Ahas und die Mehrheit haben die stillen Wasser Siloahs abgelehnt und werden deshalb die laut rauschenden Wasser des Euphrats bekommen. Sie wollten nicht Gottes stilles Werk, sondern das Werk der Assyrer. Deshalb wird die Invasion der Assyrer in das Land Immanuels kommen. Das Wasser wird ihnen bis zum Hals reichen. Die Assyrer zerstörten wie gesagt 46 befestigte Städte Judas, aber Jerusalem konnten sie nicht bekommen. Es blieb verschont wegen Gottes Bund mit David, wegen der Person Immanuels und der Prophetie über Immanuel in Kapitel 7. Immanuel wird als ein Stein des Anstoßes und als ein Fels des Ärgernisses für die ungläubige Mehrheit gesehen.

Der stille Überrest wird dagegen mit Gott wandeln und nicht mit der Politik von Ahas. Sie brauchen sich nicht zu fürchten, denn Gott wird sich verherrlichen. Der Überrest glaubt, was Gott Moses und den Propheten geoffenbart hat, also auch dem Propheten Jesaja. Das war der trennende Punkt in Jesajas Tagen.

Wenn Immanuel etwa 700 Jahre später kommen wird, dann wird er ebenfalls wieder der trennende Punkt in Israel sein. Für den Überrest wird er ein Heiligtum sein, für den Nicht-Überrest ein Fels des Ärgernisses. Im NT wurde der Herr Jesus Christus genau das in der jüdischen Welt (Rö 9 und 1Pe 2). Das Gesetz des Moses und das Zeugnis der Propheten waren für den Überrest von Bedeutung. Für den Nicht-Überrest waren sie irrelevant, und deswegen war kein Morgenrot in ihnen. Das göttliche Zeichen alles dessen waren die Namen Jesajas und seiner beiden Söhne: Die Rettung ist von Gott; ein Überrest wird umkehren; raube bald, eile Beute. Die Quelle der Prophetien waren die lebendigen Aussprüche Gottes. „Zum Gesetz und zum Zeugnis!“ Der Überrest vertraute auf das stille Gotteswort, der Nicht-Überrest auf die lauten Okkultisten. Die Mehrheit des Volkes zu Jesajas Zeit ist genauso ungläubig wie ihr König Ahas. Deshalb werden die physische Dunkelheit der assyrischen Invasion und die geistliche Dunkelheit der Ablehnung des Wortes Gottes über das Land kommen.

Der letztgültige Grund der Wahrheit sind nicht äußere Phänomene, sondern das geschriebene Wort Gottes (Mt 7,22-23). Auch die Korinther im Neuen Testament werden davor gewarnt, weiter zu gehen als was geschrieben steht (1Kor 4,6). Es ist kein Morgenlicht in der Mehrheit des Volkes. So ist es heute wieder. Das Licht des Morgensterns, des Herrn Jesus, ist in den Herzen der Gläubigen, die den Heiligen Geist bekommen haben. Sie können vertrauen und brauchen das Kommen der überströmenden Gerichtsflut über diese Welt nicht zu fürchten.

 

Kapitel 9

In den nördlichen Teilen Galiläas um den See Genezareth herum wird die Dunkelheit am tiefsten sein, aber das Licht der Herrlichkeit Gottes wird gerade von dieser Stelle ausgehen. In dieser Gegend wuchs der Herr Jesus auf und hatte das Hauptquartier seines Dienstes. Dort wirkte er auch seine meisten Wunder. Die Menschheit und Gottheit des Herrn werden in Vers 6 miteinander verbunden. Das Wunder bestand nicht in der Geburt des Messias, sondern in seiner jungfräulichen Empfängnis. Dieser Sohn war die einzigartige Gabe Gottes für die Welt. Er ist der Sohn von Psalm 2. Verschiedene Namen des Immanuel werden genannt, die sich nur bei Jesaja finden: Wunderbarer (pele, nur für Gott benutzt) Ratgeber; Friedensfürst. Seine Herrschaft auf dem Thron Davids wird ohne Ende sein. Was in der Stille und Dunkelheit Galiläas begann, wird in der Herrlichkeit in Jerusalem enden.

In 8,18 sagte Jesaja, dass er und seine Kinder zu Zeichen und Wundern für Israel geworden sind, und zwar auf der Grundlage der Bedeutungen ihrer Namen. In jedem der drei letzten Abschnitte des Immanuelbuches wird die Bedeutung eines dieser drei Namen weiter erklärt.

 

Der ausgestreckte Arm des Herrn (9,7-10,4)

Der dritte Abschnitt entwickelt die Bedeutung des Namens Maher-schalal-hasch-bas (siehe Kap. 8 am Anfang). Es ist eine Gerichtsbotschaft, denn der Raub kommt bald und die Beute eilt. Die Hauptredewendung ist: Der Arm des Herrn ist noch ausgestreckt in den Versen 9,11; 9,16; 9,20; 10,4. Die Gerichtswellen wiederholen sich. Immer wenn Israel denkt, sie hätte es jetzt endlich überstanden, kommt der nächste Schlag. Die Dunkelheit nimmt immer mehr zu. Erst wenn sie ihre größte Ausdehnung erreicht hat, wird die Herrlichkeit des Messias erscheinen.

Es sind insgesamt vier Teile zu erkennen. Erstens: Israel wird von außen verschlungen (9,7-11). Gottes Zorn ergeht hier gegen ihren Stolz. Sie haben sich vorgenommen, alle Dinge, die sie im Gericht verloren haben, durch noch bessere Dinge zu ersetzen. Sie werden aber von den Assyrern, den Syrern und den Philistern geschlagen werden. Zweitens: Das Gericht über die Führer Israels (9,12-16). Sie sind schuldiger als das einfache Volk, weil sie die Massen in die Irre geleitet haben. Der Kopf sind die Reichen und die Ältesten, der Schwanz sind die falschen Propheten. Sie sagen ihnen das, was sie gerne hören wollen. Drittens: Die Verwüstung des Landes (9,17-20). Es ist die Rede von Bürgerkrieg, Verwirrung, Anarchie. Das Feuer wird aus dem Inneren hervorbrechen und sie verzehren. Trockenheit und Hunger werden angekündigt.

 

Kapitel 10

Viertens: Das Gericht über die Sünder (10,1-4). Ungerechte Richter und Gesetze führen zur Ausbeutung der Armen, der Witwen und Waisen. Dies ist dem Gesetz Moses entgegen. Das Gericht wird durch drei Fragen dargestellt: Was wollt ihr tun? Wo wollt ihr hinlaufen? Wo wollt ihr versuchen, euren Reichtum zu verstecken?

 

Das Gericht über Assyrien (10,5-10,34)

Der vierte Abschnitt des Immanuelbuches entwickelt die Bedeutung des Namens Schear Jaschub. Assyrien wird als Rute Gottes dienen, aber sie werden Israel verfluchen und deshalb auch selbst verflucht werden. Es finden sich mehrere Teile dieses Abschnittes.

Assyrien als Rute des Zornes Gottes (5-11): Sie zerstörten unter Sanherib das Nordreich und besetzten das Südreich. Gott kontrollierte alles (2Kö 18,25), aber Sanherib wurde trotzdem stolz und begann den Gott Israels zu lästern. Er sah sich nicht mehr als Werkzeug Gottes, sondern vertraute nur auf seine eigene Kraft. Die Konsequenz war klar:

Assyriens Bestrafung (12-14): Der Hauptgrund dafür war, dass Sanherib den Gott Israels auf die Stufe der Götzen stellte.

Assyriens Zerstörung (15-19): Sie müssen jetzt erfahren, dass sie nur Werkzeuge sind, dass die Hand Gottes die Rute führt und nicht umgekehrt. Sie werden verbrennen und den Zorn Gottes erleiden. Ein kleiner Junge wird dazu fähig sein, die geringe Zahl der Überlebenden aufzuschreiben.

Der Überrest Israels (20-23): Er steht im Gegensatz zu Israel als ganzer Nation. Die Mehrheit vertraute auf Assyrien, und Assyrien kam zu ihnen als Eroberer. Der Überrest vertraute auf den Gott Israels. Hier findet sich der Begriff „an jenem Tage“. Es ist hier ebenso wie in anderen Prophetien ein Ausdruck für das alles entscheidende Eingreifen Gottes zugunsten seines bedrängten Volkes. Hier deutet der Prophet nicht nur auf die bald kommende Invasion der Assyrer in Israel und Juda hin, sondern auch auf die ferne Zukunft. Dann wird wieder einmal die Mehrheit der Menschen auf den Feind vertrauen. Die Gläubigen werden jedoch auf Gott vertrauen. Das Ergebnis dieses zukünftigen falschen Vertrauens wird dann nicht nur die Verwüstung des Landes Israel durch den Assyrer sein, sondern die Verwüstung der ganzen Erde durch das Wirken des Teufels und die direkten Gerichte Gottes aus dem Himmel.

Trost für Israel im Licht der Strafe für Assyrien (24-27): Ebenso wie Gott den Assyrer in der baldigen Zukunft rechtzeitig stoppen wird, so wird er auch in der fernen Zukunft den Überrest der Gläubigen im letzten Moment vor der weiteren Verfolgung und der endgültigen Vernichtung durch den Teufel bewahren. Die baldige Zukunft wird eine körperliche Rettung bringen, die ferne Zukunft in der Drangsal der Gläubigen eine körperliche und geistliche Rettung.

Die assyrische Invasion (28-32): In der baldigen Zukunft würde sie kommen. Der Assyrer wird von Norden nach Süden das Land verwüsten und 46 befestigte Städte Judas zerstören. Er wird bis nach Nob kommen, das ist heute in Jerusalem der Scophusberg. Von diesem Berg aus wird er direkt auf die Stadt Jerusalem hinunterblicken. Vom Berg aus wird die Stadt schwach und verloren erscheinen. Von der Stadt aus gesehen wird das Heer den Berg wie ein mächtiger Wald bedecken, die Juden werden erbeben vor Furcht. Jetzt greift Gott ein.

Der assyrische Wald wird umgehauen (33-34): Die mächtigen assyrischen Bäume werden nicht durch Krieg fallen, sondern durch die Hand Gottes. Der Engel des Herrn selbst wird sie in einer Nacht vernichten. Die tatsächlichen Ereignisse, die im vierzehnten Jahr des Königs Hiskia eintraten, werden später in den Kapiteln 36-38 von Jesaja beschrieben.

Auch hier besteht ein Hinweis auf die damals noch ferne Zukunft. Das prophetische Bild erinnert an die Vision in Daniel 2, wo eine mächtige Statue durch einen Stein ohne Handanlegung gefällt wird. Auch hier bei Jesaja besteht somit eine Verbindung zum Untergang des großen antichristlichen Weltreiches beim Kommen des Messias zum Ende. Was in geistlicher Betrachtung ebenso gesehen werden muss ist die Erlösung, die der Herr Jesus Christus am Kreuz bewirkt hat, als er den gewaltigen Feind seines Volkes in der Nacht der dreistündigen Finsternis am Kreuz besiegt hat. Der Assyrer wird ebenso wie fast 1000 Jahre zuvor die Erstgeborenen in Ägypten in der finsteren Nacht des Gerichts besiegt.

 

Kapitel 11

Die Herrschaft Immanuels (11,1-12,6)

Der fünfte Abschnitt des Immanuelbuches entwickelt die Bedeutung von Jesajas eigenem Namen (11,1-12,6). Die Rettung ist beim Herrn. Die Person des Messias, sein Programm und sein Volk werden erneut beschrieben. Wir finden wieder einen klaren Gegensatz. Der mächtige Wald Assyriens ist für immer niedergehauen worden. Der Baum Israels wurde zwar auch gefällt durch Assyrien und später Babylon. Aber plötzlich beginnt wieder ein kleines Reis herauszuwachsen, und zwar aus dem Stumpfe Isais. Dieser Hinweis ist von Bedeutung.

Unter David und Salomo war das Königshaus Israels mächtig über die umgebenden Nationen. Isai, der Vater Davids, war jedoch nur das Haupt einer armen Hirtenfamilie in Bethlehem in Juda. Schon 1Mo 49,10 sagt, dass der Messias aus Juda kommt, und dass bis zu seinem Kommen die Königsfamilie Davids erhalten bleiben wird. Alle Geschlechtsregister der Stämme Israels wurden bis zur Zerstörung des zweiten Tempels im Jahr 70 n.Chr. dort aufbewahrt. Erst nach dieser Zerstörung verloren die meisten der zwölf Stämme ihre Abstammungsreihen weitgehend. Ausnahme ist der Stamm Levi, der bis heute klar an den Familiennamen seiner Mitglieder zu erkennen ist.

Zur Zeit des Herrn waren die Stammbäume der Familien vorhanden, und in zwei Evangelien haben wir ebenfalls die Abstammung des Herrn. In Matthäus 1 ist es die Linie Josephs, die dazu dient nachzuweisen, dass Joseph nicht der leibliche Vater des Herrn war. Joseph war ein direkter Nachkomme Davids, Salomos und Jekonjas, der nach Jer 22,24-30 niemals mehr einen Nachkommen auf dem Thron Davids haben würde. Der Rest des Kapitels Matthäus 1 erklärt dann, warum Joseph tatsächlich nicht dieser leibliche Vater war, denn es wird über die jungfräuliche Zeugung des Messias Jesus gesprochen. In Lukas 3 haben wir dann die Linie Marias. Maria stammte ebenfalls direkt von David ab, und zwar über Salomos Bruder Nathan. Sie war die leibliche Mutter des Messias, die Frau aus 1Mo 3,15 und die Jungfrau aus 7,14. Nach der Geburt des Herrn brachten Maria und Joseph zwei Tauben zum Opfer dar. Das ist ein Hinweis auf ihre Armut, denn es war das Opfer der armen Leute in 3Mo 12.

Dies führt uns zurück zu dem Namen Isai aus Bethlehem. Der Gedanke ist hier, dass der Messias zwar aus dem Haus Davids kommen würde, aber erst dann, wenn dieses ehemals mächtige Haus wieder auf das Niveau einer armen Familie zurückgeworfen sein würde. Das war bei Maria und Josef der Fall. Das kleine Reis wird aber selbst zu einem großen Baum werden. Nach einem demütigen Anfang wird es für den Messias ein Ende der absoluten Erhöhung und Verherrlichung geben.

Seine Ausstattung mit dem Heiligen Geist wird beschrieben. Der Geist wird in Vers 2 wie der siebenarmige Leuchter beschrieben, mit einer Haupteigenschaft als Stamm und nachfolgend drei Paaren als Seitenarme. Er ist abgebildet in der Menora des Tempels. Hier ist auch ein klarer Bezug zu den sieben Leuchtern in Off 1. Die Zahl sieben repräsentiert göttliche Vollkommenheit. Die Erfüllung in den Evangelien finden wir in der Zeugung des Herrn durch den Heiligen Geist und in seiner Salbung zum Dienst bei seiner Taufe.

Der Dienst des Messias wird die gesamte Schöpfung betreffen. Alles wird letztendlich durch Frieden, Einheit und Gerechtigkeit gekennzeichnet sein. Die Erkenntnis Gottes wird die ganze Erde erfüllen. Das Volk des Messias wird letztendlich das im Glauben gesammelte geistliche Israel des neuen und ewigen Bundes sein, die Gemeinde Christi auf der neuen Erde.

Auch hier finden wir wieder eine sehr schöne Prophetie über das Gemeindezeitalter. In Vers 9 wird die ganze Erde der heilige Berg Gottes sein, was einerseits auf die geistliche Stellung der Gläubigen in unserem Zeitalter (Hebr 12,22-24), andererseits auf die kommende Ewigkeit des neuen Himmels und der neuen Erde hindeutet. Ab Vers 10 werden die Heidenvölker der Erde nach dem Spross aus dem Stumpf Isais fragen. Der Herr wird in der Herrlichkeit thronen nach seiner Himmelfahrt (Dan 7,13-14; Mk 16,19; Apg 1,9; Off 12,5), und sein Evangelium wird ein Banner der Rettung für alle Völker sein. Das Volk Gottes wird einig sein, hier dargestellt im Bild von Juda und Ephraim, erfüllt in der Einheit des Geistes im neuen Bund. Dieses einige Volk Gottes wird sich ausbreiten bis an die Enden der Erde: Philister zum Meer, Söhne des Ostens, Edom, Moab, Ägypten, Assyrien. So wie Israel in der Erlösung aus Ägypten herausgezogen ist, so wird es nun eine Straße für die Erretteten aus allen Nationen geben, die aus Assyrien (im Bild der Gegenpol zu Ägypten in der Völkerwelt, somit im geistlichen Bild auch hier wieder die ganze Erde als Blickfeld) in das Land des Segens hineinführt. Manche Ausleger haben die Erfüllung dieses Wortes in endzeitlichen militärischen Konflikten zwischen Israel und seinen Feinden gesehen. Wir dürfen jedoch nicht vergessen, dass Jesajas Buch durchgehend ein poetisches Werk ist. Es ist eine Prophetie in Gedichtform, die geistliche Wahrheiten in vielgestaltigen sprachlichen Bildern ausdrückt, so wie es dem Propheten in seiner Zeit möglich war. Für ihn war die Erwähnung all dieser Nationen der damalige Ausdruck für die ganze bekannte Erde.

 

Kapitel 12

Dieses Kapitel gibt uns einen kurzen Lobgesang Jesajas in zwei Teilen von jeweils drei Versen. Das irdische Israel nach dem Ende der assyrischen Invasion unter Hiskia und am Ende der Verbannung in Babylon erlebte die Vorerfüllung dieses Lobgesangs. Das geistlich erneuerte Israel (die Gemeinde Christi) kann heute schon dieses Lied singen im Rückblick auf die vollbrachte Erlösung. Die Gemeinde Christi wird zudem einmal in der Ewigkeit aus der Ruhe der Herrlichkeit der neuen Erde zurückschauen auf die Errettung und Gott danken für alles was er getan hat.

Hier schließt sich nun die inhaltliche Klammer, die Inklusion, welche sich in Kapitel 6 geöffnet hat. Dort haben wir gesehen, wie ein einzelner Mann aus dem gottlosen Volk errettet und zum Dienst berufen wurde. Hier sehen wir, wie eine gerettete Nation, das Volk Gottes, den Herrn lobt. Er ist ihr Heil, ihre Kraft und ihr Retter. Sie trinken aus den Quellen des Heils. Sie danken ihm, sie rufen seinen Namen an, sie verkündigen ihn unter allen Völkern. Dies ist nun wirklich neutestamentliche Sprache. Es ist die Sprache der Gemeinde Christi, welche schon heute geistlich im himmlischen Zion (Vers 6) angekommen ist und es einmal für immer bewohnen wird, wenn diese Stadt am Beginn der Ewigkeit aus dem Himmel auf die neue Erde herabkommen wird.

 

 

Dritter Teil des Buches:
Das Panorama des Königreiches. Die ganze Welt in seiner Hand

Hier wird der Gedanke an das allumfassende Reich Immanuels (9,7; 11,4; 11,6-9; 11,14-16) aus dem zweiten Teil übernommen und bildet das große Hauptthema. Wir finden hier ein weltweites, ja kosmisches Panorama der Nationen. Der Herr wird die ganze Welt beherrschen wenn er kommt, aber sein Herz wird auf sein eigenes Volk gerichtet sein. Zion ist der sichere Platz und die Zuflucht (14,32; 16,5). Sein Herrscher ist bisweilen David (16,5), bisweilen der Herr (24,23). Gott geht dramatische Wege mit allen Nationen. Das Ganze gipfelt schließlich im Gegensatz zwischen zwei Städten: Der Stadt dieser Welt, nämlich Babylon, welche fällt (24,10) und der Stadt Gottes, der starken Stadt der Rettung, welche Bestand hat (26,1). Hier findet sich auch eine formale Parallele zum Buch Hesekiel. Während Hesekiel in den ersten vierundzwanzig Kapiteln seines Buches mit Israel beschäftigt war, so wie es Jesaja in seinen ersten zwölf Kapiteln war, so wendet sich Hesekiel in seinen Kapiteln 25-32 den Nationen zu, so wie es Jesaja jetzt tut.

 

Exkurs: Tyrus und Babylon in biblischer Prophetie bei Jesaja, Jeremia und Hesekiel

Im Buch Hesekiel finden wir in Kapitel 27 das Klagelied des Propheten über die Stadt Tyrus. In allen Einzelheiten werden uns der verlorene Reichtum der Stadt, ihre Pracht und ihre Handelspartner geschildert. Die Beschreibung geht bis Vers 25. Ab Vers 26 redet der Prophet über die Zerstörung und über die Trauer aller Beteiligten infolge der Zerstörung. Tyrus ist verschwunden, und es ist von Babylon abgelöst worden. In Jeremia 50 und 51 finden wir in gleicher Ausführlichkeit das Gericht Gottes über Babylon, welches siebzig Jahre nach der Zerstörung Jerusalems durch die Hand der Meder und Perser erfolgte. Nun war auch Babylon verschwunden.

Der aufmerksame Leser der Schrift kommt an dieser Stelle nicht umhin, das Buch der Offenbarung aufzuschlagen. Hier finden sich in den Kapiteln 17 und 18 die Beschreibung der großen Hure in all ihrer Pracht und des Gerichtes Gottes über sie:

 

Off 17,1-2: „Und einer von den sieben Engeln, welche die sieben Schalen hatten, kam und redete mit mir und sprach zu mir: Komm!, ich will dir das Gericht über die große Hure zeigen, die an den vielen Wassern sitzt, mit der die Könige der Erde Unzucht getrieben haben, und von deren Wein der Unzucht die, welche die Erde bewohnen, trunken geworden sind.“

Off 18,2-3: „Und er rief kraftvoll mit lauter Stimme und sprach: Gefallen, gefallen ist Babylon, die Große, und ist eine Behausung der Dämonen geworden und ein Gefängnis aller unreinen Geister und ein Gefängnis aller unreinen und verhassten Vögel. Denn von dem Glutwein ihrer Unzucht haben alle Völker getrunken, und die Könige der Erde haben mit ihr Unzucht getrieben, und die Kaufleute der Erde sind von ihrer gewaltigen Üppigkeit reich geworden.“

 

Die Beschreibung der großen Hure stimmt nahezu exakt überein mit der Beschreibung der Stadt Tyrus. In Off 18,2 finden wir ihren Namen: Es ist Babylon die Große. Hesekiel schrieb über Tyrus, die große und prächtige Handelsmetropole der damals bekannten Erde mit ihrem unbeschreiblichen Luxus. Jeremia schrieb über Babylon, die Beherrscherin aller Königreiche der damals bekannten Erde. Johannes schrieb über Babylon die Große, die Besitzerin von allem Luxus, aller Pracht und aller Herrschaft der ganzen Erde.

Das geistliche Prinzip ist klar: Der Luxus und die Üppigkeit von Babylon der Großen sind im Alten Testament vorgeschattet durch die Pracht der Stadt Tyrus. Die weltweite Macht von Babylon der Großen ist im Alten Testament vorgeschattet in der Macht Babylons, welche in 1Mo 11 begann, welche schon damals im Gericht Gottes zur Sprachverwirrung und zur Zerstreuung der Menschheit über die ganze Erde geführt hat, und welche in Jer 51 endet.

So wie die Kaufleute, die Seeleute und die politischen Bündnispartner über den Untergang der Üppigkeit von Tyrus bei Hesekiel und den Untergang der Macht von Babel bei Jeremia geklagt haben, so klagen sie in der Offenbarung über den Untergang der Üppigkeit und der Macht von Babylon der Großen. Babylon die Große im Buch der Offenbarung ist somit in geistlicher Hinsicht die Zusammenfassung alles dessen, was durch Tyrus und Babylon im Alten Testament vorgeschattet ist, und dies nicht nur regional begrenzt auf den alten Osten, sondern in der letzten Zeit ausgedehnt über die ganze Welt. Babylon die Große ist unser gesamtes Weltsystem ohne Gott in allen seinen Aspekten.

So wie Tyrus und Babylon im Alten Testament der Stadt Jerusalem im Land Israel gegenüberstanden, so steht Babylon die Große im Neuen Testament dem neuen Jerusalem gegenüber, nämlich der Gemeinde Jesu Christi in der Welt. Babylon die Große wird untergehen bei der Wiederkunft des Herrn Jesus Christus am letzten Tag. Das neue Jerusalem wird aus dem Himmel herab auf die neue und ewige Erde herabkommen. Der Herr wird mit all seinen Erlösten für immer zusammen sein. Doch es gibt noch mehr.

Die Bibel zeigt uns in Off 13 die beiden Tiere. Das erste Tier repräsentiert die politische, militärische und wirtschaftliche Macht der Weltsysteme, denen die Christen gegenüberstehen. Das zweite Tier repräsentiert die religiöse Macht, welche mit der politischen Macht zusammenarbeitet. Es macht, dass das erste Tier angebetet wird. In allen korrupten Staatssystemen dieser Welt war es ohne Ausnahme so, dass die religiösen Autoritäten den politischen Autoritäten zuarbeiteten. In Extremfällen ging es soweit, dass Einzelpersonen als Könige und Diktatoren sich in gottgleicher Weise verehren und anbeten ließen.

Die dritte Kraft ist die Hure, die auf dem Tier reitet. Sowohl die politischen als auch die religiösen Mächte haben immer ihren luxuriösen Kult betrieben, um damit den Menschen zu imponieren und sie einzuschüchtern. Eine weitere Bedeutung der Hure ist allgemeiner. Die Hure ist nämlich auch die allgemeine Verführungsmacht des gesamten Weltsystems, welche die Lust der Augen, die Lust des Fleisches und den Hochmut des Lebens anspricht und die Menschen von Gott wegzieht. Hinter all diesen Verführungen steht letztlich eine geistliche Macht, nämlich der Satan. Genau diese Macht ist dann auch das Thema in Hesekiel 28.

In Kapitel 28,1-10 seines Buches muss Hesekiel zu dem Fürsten von Tyrus reden. Es war in der damaligen Situation Ethbaal III. Er ließ sich von seinen Untertanen als Gott verehren. Er war stolz und hochmütig wegen seiner eigenen weltlichen Weisheit und seines Reichtums. Er hatte sein Herz dem Herzen Gottes gleichgestellt (Vers 6). Dies ist das genaue Gegenteil der Gesinnung des Herrn Jesus Christus in Phil 2,5-6:

 

„Denn ihr sollt so gesinnt sein, wie es Christus Jesus auch war, der, als er in der Gestalt Gottes war, es nicht wie einen Raub festhielt, Gott gleich zu sein;“

 

In Kapitel 28,11-19 muss Hesekiel dann aber ein Klagelied anstimmen, und zwar nicht über den Fürsten, sondern über den König von Tyrus. Ethbaal III war nur ein Mensch, ein Repräsentant des wahren Herrschers über die Stadt Tyrus. Dieser wahre Herrscher wird uns nun genauer beschrieben. In den Versen 12 bis 16 wird er uns als ein wunderbarer Cherub beschrieben, welcher den Thron Gottes beschirmte und welcher infolge seines Stolzes und seines Hochmuts herabgestürzt wurde auf die Erde. Dieses Wesen kann kein Mensch mehr sein. Es ist der Satan. Vers 17 redet über seinen Hochmut, in welchem er sich Gott gleichstellen wollte. Vergleichen wir hiermit Jesaja 14, wo der Prophet das Spottlied über den König von Babel anstimmen muss. Auch hier wieder Tyrus und Babel.

Es ist der gleiche König in beiden Städten, nämlich der Satan, der gefallene Cherub, der sich der gottlosen menschlichen Herrscher als Werkzeuge und Repräsentanten bedient. Auch in unserer Zeit ist es nicht anders. Der Satan ist der Fürst dieser Welt, der Gott dieses Zeitalters. Er schmeißt sozusagen den Laden in dieser Welt. Er kann jedoch immer nur das tun, was Gott ihm erlaubt und nicht mehr. Er hat am Ende keine Zukunft, denn er wurde auf Golgatha von dem König der Könige und Herrn der Herren besiegt, von dem Herrn Jesus Christus. Er wird untergehen am letzten Tag und alle seine Nachfolger mit ihm.

Auch Jesaja wird uns noch einige Dinge über Babylon und Tyrus zu erzählen haben. Diese beiden Orte werden gemäß dem soeben Gesagten einerseits als wirkliche Städte zu sehen sein, andererseits aber auch als die beiden großen Weltmächte. Bei Tyrus liegt die Betonung mehr auf Luxus und Üppigkeit, ähnlich wie bei der großen Hure in Off 17 und 18. Bei Babylon liegt die Betonung mehr auf politischer, wirtschaftlicher beziehungsweise militärischer Macht und Herrschaft.

 

Weitere Erläuterungen zur Einführung

Der Abschnitt des Buches von Kapitel 13-27 ist kompliziert und zu gleicher Zeit wunderbar. Er enthält Gedanken und Belehrungen von großer geistlicher Tiefe. Um das Dickicht einigermaßen entwirren zu können ist es daher unverzichtbar, dass wir einen gedanklichen Schlüssel in der Hand halten, mit dessen Hilfe es uns gelingen kann, alle Türen richtig zu öffnen. Das Ziel der nun folgenden Zeilen ist es, diesen Schlüssel zur Verfügung zu stellen.

In Kapitel 9,7 hat der Prophet über die unendliche und weltweite Dimension des Reiches des kommenden Königs geredet, welcher das Thema der Kapitel 6-12 des Buches war. In 11,9 haben wir gesehen, wie die ganze Erde einmal der heilige Berg Gottes sein wird, auf welchem Gottes ewiges Israel wohnen wird. In 11,14 wurde uns gezeigt, wie die Völker von den Enden der Erde (dort benannt als Assyrien, Ägypten, Philistäa, Edom, Moab, Ammon entsprechend der Weltsicht des Propheten zu seiner Zeit) Teilhaber an diesem Reich sein würden. Alles dies hat uns dort an die Situation von Kapitel 2,1-4 und 4,1-6 erinnert. In unserem jetzigen Abschnitt werden diese Gedanken des Propheten zum Hauptthema. Wir finden erneut Babylon (13,1; 21,9), Assyrien (14,25), Philistäa (14,29), Moab (15,1), Aram (17,1), Edom (21,1), Arabien (21,13) und Tyrus (23,1). Über sie alle herrscht der Herr in absoluter Souveränität, um am Ende die ganze Welt zu einem geistlichen Volk unter seiner Herrschaft zu sammeln (19,24-25; 27,12-13). In der Stadt Zion, der Stadt des Friedens, deren Mauern Rettung und Gerechtigkeit sein werden, wird Gott mit seinem dann erlösten Volk leben und es regieren (24,23; 26,1-4).

Der Buchteil zerfällt in drei große Abschnitte: Kapitel 13-20, Kapitel 21-23, Kapitel 24-27. Jeder dieser Abschnitte enthält wiederum fünf Unterabschnitte mit den einzelnen Weissagungen. Gemäß der Zahlensymbolik haben wir hier den dreieinigen Gott (3) und seine Erlösung (5), welche er bringen wird. Das Schlüsselwort in den beiden ersten Teilen ist: „Last, Ausspruch, Weissagung“ (13,1; 14,28; 15,1; 17,1; 19,1; 21,1; 21,11; 21,13; 22,1; 23,1). Im dritten Teil fehlt dieser Schlüssel und die fünf Abschnitte sind jeweils nur noch daran zu erkennen, dass das Thema wechselt (24,1-20; 24,21-23; 25,1-12; 26,1-19; 27,1-13). Die Überschriften der einzelnen Bilder im ersten Abschnitt (13-20) sind klar und deutlich, während sie im zweiten Abschnitt (21-23) überwiegend schon etwas geheimnisvoller erscheinen. Im dritten Abschnitt (24-27) fehlen sie ganz, und die Einteilung folgt wie gesagt der Thematik. Dies hat einen geistlichen Grund.

Im ersten Abschnitt nimmt der Prophet uns nämlich überwiegend mit in die Ereignisse seiner eigenen Zeit und der Welt um ihn herum mit ihren Großmächten Assyrien und Ägypten sowie den übrigen Kleinstaaten. Diese Prophetien Jesajas beinhalten zwar ebenfalls noch unterschiedliche Deutungsebenen, gingen aber dennoch in der Realität größtenteils zu Lebzeiten des Propheten in Erfüllung, sieht man einmal vom Untergang Babylons ab. Diese Tatsache verlieh dem Propheten die Autorität, weitere Prophetien über die nähere und fernere Zukunft zu geben, wie wir in unserer Einleitung (Prinzipien der Prophetie) betont haben.

Der zweite Abschnitt mit seinen etwas geheimnisvolleren Überschriften führt uns dann entlang der geistlichen Linien des Buches in die schon etwas geheimnisvollere Zukunft hinein, wo ebenso wie bei den Überschriften nicht mehr alles in völliger Klarheit zu erkennen sein wird, auch nicht für den Propheten selbst.

Der dritte Abschnitt mit den fehlenden Überschriften deutet an, dass die Prophetien in eine noch fernere Zeit hineingehen, nämlich in die Zeit des Endes. Die Prinzipien bleiben dieselben, aber die Themen sind hier nicht mehr klaren Überschriften zuzuordnen um damit anzudeuten, dass auch in dieser fernen Zeit das Handeln Gottes noch immer gleichbleiben wird, obwohl es zur Zeit des Propheten noch weitgehend im Dunklen lag. Gott wird seine Ziele am Ende erreichen, wenn von den konkreten Feinden Jesajas und des damaligen Israels schon lange keine Rede mehr sein wird.

In den drei Serien von Fünf geht es zudem um eine zentrale Frage: „Wo ist Sicherheit zu finden?“ Es werden hierzu fünf mögliche Lösungswege angeboten:

 

  1. Erstens die Supermachtlösung und ihr Scheitern, welche mit Babylon verknüpft ist (13; 14,4-21; 21,1-9).
  2. Zweitens das Prinzip der menschlichen Hoffnungen, welches in der Serie von Visionen mit Philistäa und Edom verknüpft ist (14,28-32; 21,11-12). Philistäa mag sich freuen und sich Hoffnungen machen beim Fall Israels, aber am Ende wird der Herr sein Volk bewahren und über es herrschen. Philistäa und mit ihm die menschlichen Hoffnungen dieser Welt werden untergehen. Edom mag hoffen, aber es hofft vergeblich.
  3. Drittens der Stolz und die allgemeine Sicherheit, verknüpft in der Serie der Visionen mit Moab, Dedan und Teman (15,1-16,14; 21,13-17). Moab als Bild der hochmütigen und selbstbestimmten Menschheit könnte in Zion Sicherheit finden, ist aber zu stolz dazu. Deshalb ist Moab als einziges vom großen Mahl aller Völker auf dem Berg Zion (25,6-10) ausgeschlossen. Hochmut ist ja die Ursünde, die Sünde des Teufels. Dedan und Teman helfen sich selbst.
  4. Viertens die falschen Wege des Volkes Gottes, repräsentiert in der Serie der Visionen durch Ephraim, das Tal der Offenbarung und das Land Juda (17,1-6; 22,1; 26,1). Dennoch werden sie trotz ihres vielfachen Versagens am Ende aus Gnade den Frieden der Errettung in der starken Stadt ihres Gottes finden (26,1-21).
  5. Fünftens das triumphierende Ende der Wege Gottes. Es wird einmal eine Welt, ein Volk unter einem Gott sein (19,23-25), und sogar das aussichtslos materialistische Tyrus wird dabei sein (23,18). Alle Welt wird am Tag Gottes auf seinem heiligen Berg versammelt sein (27,13).

 

Die fünf Antworten auf die Sicherheitsfrage werden in genau der soeben genannten Reihenfolge jeweils in den fünf Visionen aller drei Hauptabschnitte behandelt. Antwort eins in Vision eins, Antwort zwei in Vision zwei, und so weiter. Das Volk Gottes nimmt somit in jeder der drei Serien von Visionen jeweils die vierte Stelle ein. In der ersten Serie ist es Ephraim (der Norden als Stellvertreter des ganzen Volkes). In der zweiten Serie ist es das geheimnisvolle Tal der Offenbarung (Jerusalem). In der dritten Serie ist es das Thema des Lobliedes im Land Juda.

Wir haben nun den geistlichen Schlüssel gesehen. Wenn wir nachfolgend die einzelnen Abschnitte des Textes durchwandern, dann werden wir erkennen, dass auf dem soeben geschilderten Hintergrund alle Puzzleteile der Prophetie an der richtigen Stelle zu liegen kommen, so dass am Ende das fertige Bild vor uns liegen wird. Und nun los.

 

 

Erster Abschnitt (Kapitel 13-20):
Die erste Serie: Sichere Verheißungen

In diesem ersten Abschnitt nimmt der Prophet uns überwiegend mit in die Ereignisse seiner eigenen Zeit und der Welt um ihn herum mit ihren Großmächten Assyrien und Ägypten sowie den übrigen Kleinstaaten. Diese Prophetien Jesajas haben zwar unterschiedliche Ebenen, gingen aber dennoch in der Realität größtenteils zu Lebzeiten des Propheten in Erfüllung, sieht am einmal vom Untergang Babylons ab. Diese Tatsache verlieh dem Propheten die Autorität, weitere Prophetien über die nähere und fernere Zukunft zu geben, wie wir das ja in unserer Einleitung über die Prinzipien der Prophetie betont haben.

 

Kapitel 13

Hier beginnt der erste Abschnitt über Babylon, also auch die erste Vision des ersten Abschnittes. Babylon war damals noch nicht die alles beherrschende Weltmacht. Trotzdem beginnt die Prophetie mit dem Tag des Herrn und mit einem kosmischen Gericht im Bild Babylons. Dies hätte den Hörern unrealistisch erscheinen können, aber die Sicherheit der Prophetie wird nachfolgend untermauert durch die Vorausschau auf das kommende Gericht über Assyrien (14,28), welches Jesaja und das Volk erlebten. Wenn der Prophet die Zukunft Assyriens richtig weissagt, dann kann man ihm auch hinsichtlich Babylons vertrauen. Hier sehen wir das Prinzip, dass eine Prophetie auf ferne Tage durch eine Vorerfüllung autorisiert ist. Der Herr ist nämlich Herr über die Weltmächte in allen Zeitepochen. Wenn er die Hand erhebt, dann stehen sie auf und fallen auch wieder. Die Führer der heutigen Weltmächte sind davon nicht ausgenommen.

Eigentlich würde man hier erwarten, dass Jesaja zuerst über Assyrien geredet hätte, welches ja zu seiner Zeit herrschte. Jesaja wusste zwar, dass Juda einmal völlig zerstört werden würde, aber er wusste auch, dass dies nicht durch die Assyrer geschehen würde (Kapitel 10, 36 und 37), sondern durch Babylon. Babylon war seit 1Mo 11 die Weltmacht gewesen und würde es auch nach dem Fall Assyriens wieder sein. In geistlicher Betrachtung wird Babylon die Große auch am Ende der Welt wieder die beherrschende Macht sein (siehe vorne). Deshalb kommt hier Babylon zuerst.

Vers 1 ist die Überschrift, die Verse 2-16 reden über den Tag des Herrn. Es geht im Bild Babylons zur Zeit des Endes um weltweite Verwirrung mit Hass und gegenseitiger Zerstörung, um Ratlosigkeit, Hilflosigkeit, Terror. Die sündigen Menschen werden ohne Hemmungen ihre Sündhaftigkeit ausleben. Gott wird die Menschheit sich selbst und ihren eigenwilligen Wegen überlassen, um sie am Ende dafür zu richten. Es wird kein Entkommen geben. Die Menschheit ohne Gott hat keine Sicherheit. Die Supermachtlösung gemäß der ersten möglichen Antwort auf die Frage nach Sicherheit versagt. Je mehr der Mensch in der Selbstverwirklichung lebt, desto gottloser und unmenschlicher wird sowohl er selbst als auch die Welt. Es gibt keine politischen Lösungen für die eigentlichen Probleme des Menschen.

In den Versen 17-22 geht es dann um den zu Jesajas Zeit noch zukünftigen Fall des Babylonischen Reiches. Die Meder werden es zu Fall bringen. Wir wissen, dass sich dies erfüllt hat. Babylon wurde in der Geschichte als Weltmacht abgelöst von Medien/Persien, danach kam Griechenland, danach Rom. Während der späteren Babylonischen Gefangenschaft wurden dem Propheten Daniel diese Dinge noch wesentlich genauer geoffenbart.

 

Kapitel 14

Die Verse 1-2 bringen uns die erste Andeutung einer Rettung für Israel, das Herzstück der Geschichte aus Gottes Sicht. Dem Tag des Herrn über das Babylon der Welt wird ein Tag folgen, an welchem das Volk Gottes über alle Welt erhaben sein wird. Der Spieß wird umgedreht sein für immer. Siehe hier auch wieder 2,1-4 und 4,1-6. Babylon musste durch die Hand der Meder die Vorerfüllung des endgültigen Untergangs am Ende erleben. Das irdische Israel konnte im Untergang Babylons die Vorerfüllung der letzten großen Rettung am Ende erleben. Gott geht es um sein Volk. Gott wird am Ende der Geschichte nach allen Wirrungen dieser Weltzeit mit seiner Nation den Berg Gottes auf der neuen Erde bewohnen. Natürlich erinnert uns das Bild auch an die Sammlung der Gläubigen aus allen Nationen zur Gemeinde Gottes in unserer Zeit.

Die Verse 3-23 bringen das Spottlied über den König von Babylon und seinen Untergang. Im Hinblick auf unsere Vorbetrachtungen können wir hier den König Babylons in geistlicher Deutung als den Satan erkennen (Verse 10-15). Alle Macht der Nationen wurde zuvor im Totenreich versammelt, und nun kommt auch er, der Glanzstern der Morgenröte, der sich auf der Erde Gott gleich machen wollte durch sein fünffaches „Ich will“. Dieses fünffache (Erlösung) „Ich will“ ist noch immer das Kennzeichen der Menschen im Dienst des Feindes. Der Satan bietet noch immer seine falsche Erlösung (5) an, und viele Menschen nehmen sie an: Selbsterhöhung, Selbstverwirklichung, Selbstbestimmtheit, Selbsterlösung, Selbstvergöttlichung. Die Verse 24-27 betreffen Assyrien, die zu Jesajas Zeit herrschende Weltmacht. Hier wird die noch in Jesajas Tagen bevorstehende Niederlage des Assyrers vorhergesagt, um die Babylonprophetie zu untermauern. Die Erfüllung kam unter Hiskia. Sie wurde bereits in Kapitel 10 angedeutet. In den Kapiteln 36 und 37 werden die tatsächlichen Ereignisse geschildert.

Nun kommt die zweite Vision des ersten Abschnittes. Die Zukunft der Philister wird besprochen (Verse 28-32). Dies betrifft das Gebiet des heutigen Gazastreifens. Die Weissagung kam beim Tod des Ahas, also etwa 727 v.Chr. Damals gab es fünf Philisterstädte mit fünf Königen. Hiskia, der Sohn des Ahas, hatte die Philister geschlagen, war aber daraufhin von den Assyrern gezüchtigt worden. Gott warnt die Philister davor, sich zu freuen. Es werden zukünftig noch schwere Gerichte über sie kommen. So wie Ahas die Schlange und Hiskia die Viper war, wird der Assyrer und der Babylonier die feurige Schlange sein, die die endgültige Vernichtung der Philister bringen wird. Jerusalem ist erwählt! Die Erfüllung der menschlichen Hoffnungen der Philister entsprechend der zweiten Antwort auf die Sicherheitsfrage findet nicht statt. Die historische Erfüllung kam durch Sanherib und Nebukadnezar.

 

Kapitel 15

Die dritte Vision des ersten Abschnittes. Der Gott Israels kontrolliert die Politik. Moab wird dazu eingeladen, in Zion Zuflucht zu suchen, aber sie wollen nicht. Unter der assyrischen Invasion werden sie schwer zu leiden haben, aber auch unter den Babyloniern (die Könige der Nationen in 16,8). Geistlich gesprochen geht es hier um eine heidnische Nation, welche in großer Bedrängnis ist und sich zum Volk Gottes wenden muss. Der Schutz liegt bei Zion und beim König aus dem Haus Davids. Dieser König wird letztendlich der Herr selbst sein. Kommet her zu mir, aller Welt Enden und lasset euch retten.

 

1Chr.17,12: „Der wird mir ein Haus bauen, und ich werde seinen Thron auf ewig befestigen.“

Lk 1,31-33: „Und siehe, du wirst schwanger werden und einen Sohn gebären; und du sollst ihm den Namen Jesus geben. Dieser wird groß sein und Sohn des Höchsten genannt werden; und Gott der Herr wird ihm den Thron seines Vaters David geben; und er wird regieren über das Haus Jakobs in Ewigkeit, und sein Reich wird kein Ende haben.“

 

Der Herr ist bekümmert über das kleine und doch so stolze Moab. Er bietet die Rettung an. Moab möchte jedoch keinesfalls das Gesicht verlieren, sein Stolz hindert es daran, die gute Nachricht aus Zion anzunehmen. Deshalb wird sein Kummer fortbestehen. Konkrete geschichtliche Daten werden hier nicht genannt, aber wir wissen, dass das Land Moab durch die großen Invasoren wiederholt umgepflügt wurde. Die Geschichte beweist die Wahrheit: Stolz ist tödlich. Die dritte Antwort des Stolzes und der allgemeinen menschengemachten Sicherheit auf die Sicherheitsfrage geht ebenfalls in die Irre. Wir brauchen nicht näher auf die Auslegung einzelner Verse einzugehen, denn der Text spricht weitgehend für sich selbst.

 

Kapitel 16

Hier geht es weiter um Moab, die damaligen Söhne Lots im heutigen Mitteljordanien (15,1-16,14). Wenn sie sich Juda unterordnen würden, dann gäbe es Hoffnung für sie, aber sie lehnen das ab. Wegen ihres Stolzes (Kapitel 25; Jer 48; Zeph 2) wird die Verwüstung über sie kommen. Innerhalb von drei Jahren kam die Erfüllung (Verse 13-14). Es blieben damals nur wenige Moabiter übrig. Auch die Erfüllung dieser Prophetie verlieh dem Propheten Jesaja Autorität in seiner Zeit und machte seine Aussagen glaubwürdig.

 

Kapitel 17

Die vierte Vision des ersten Abschnittes. Hier kommt an Position vier das Volk Gottes erstmalig zur Sprache. Es geht um Damaskus und Samaria (Ephraim). Dies bezieht sich auf Kapitel 7,1, wo der König Rezin von Damaskus gegen Jerusalem heranrückt. Pekach, der König des Nordreiches, hat ihm in diesem Angriff auf Jerusalem beigestanden, wie wir uns erinnern. Die beiden werden für ihre damalige Allianz gegen Ahas bestraft, die Einzelheiten des Gerichts werden beschrieben. Alles wird verwüstet werden. Sie werden aufgerufen, sich von den Götzen zu Gott zu bekehren, aber sie gehorchen nicht.

Der geistliche Hintergrund des Geschehens führt uns allerdings noch wesentlich weiter. Warum wird hier zuerst Damaskus erwähnt und danach erst Ephraim, so als ob Ephraim sich gewissermaßen in seinem Verhalten hinter Damaskus versteckt hätte? Die Antwort lautet, dass wir hier geistlich gesprochen erkennen, dass das Volk Gottes seine eigene Geschichte innerhalb der Weltgeschichte auszuleben hat. Auch Christen müssen sich immer wieder die Frage hinsichtlich ihrer Sicherheit stellen, welcher auch die Welt gegenübersteht, und welche die Grundstruktur der Gliederung unserer drei Abschnitte bildet (vgl. Einführung zum dritten Teil des Buches). Immer wieder ist die Frage: Erlösung durch Gott oder Erlösung durch andere Mächte und Dinge? Wo ist Sicherheit? Die vierte Antwort auf die Frage, welche die falschen Wege des Volkes Gottes darstellt, führt ebenfalls nicht zum Ziel.

Die Kinder Gottes sind nicht immun gegen die Anforderungen, Oppressionen, Fragen und Versuchungen des Lebens in dieser Welt. Der Herr hat in 14,2 gesagt, dass sein Volk ihm am Herzen liegt und in 14,32, dass er seine Zusagen niemals rückgängig machen wird. Ephraim hat allerdings aus Angst vor den Assyrern die Hilfe von Damaskus gesucht, um auch Jerusalem mit Gewalt in die Allianz der Ägypter gegen Assyrien hineinzubringen. Sie haben voll auf die Hilfe der Mächte dieser Welt gesetzt, anstatt sich bei dem Herrn selbst zu bergen und von ihm die Rettung vor den Assyrern zu erwarten. Ephraim hat seine Rettung von den Leuten in Damaskus und von den Ägyptern erwartet, anstatt die Rettung des Herrn zu diesen Leuten hinauszutragen. Die Christen sollen das Wort der Rettung zu den Menschen bringen, aber sie sollen niemals eine Rettung ihres eigenen Daseins von diesen Menschen erwarten. Die Rettung kommt nur von Gott, auf den sie völlig zu vertrauen haben.

Die Verse 1-11 erklären uns diese Dinge auf dem kleinen Niveau von nur zwei Nationen, nämlich Ephraim und Damaskus. Am Tag des Herrn wird sie das Gericht treffen, welches in allen Einzelheiten geschildert wird. Dieser Tag des Herrn wird zunächst einmal die Invasion der Assyrer sein. Rezin von Damaskus wurde umgebracht, Das Nordreich wurde besetzt und in die Gefangenschaft geführt. Geistlich betrachtet gilt es auch für die Christen. Der Christ, der sich an die Welt hängt, wird gezüchtigt werden und erfahren müssen, dass ihm diese Welt in seinen Umständen nicht entscheidend helfen kann. Die Verse 12-14 beginnen damit, uns die gleiche Problematik auf der internationalen Ebene der ganzen Welt zu erklären. Trotz intensiver diplomatischer Bemühungen wird die Lösung des Problems für das Volk Gottes immer von Gottes eigener Hand kommen. Die Nationen mit ihren politischen und militärischen Aktivitäten sind nichts weiter als ein unruhiges Meer, welches nur toben kann und immer auf und ab geht. Der Herr regiert und lenkt die Politik (Psalm 2).

 

Kapitel 18

Kapitel 18 bringt uns die Fortsetzung der Gedanken von 17,12-14. Das nächste Wort betrifft die Äthiopier. Der Äthiopier Piankhi wurde zum Herrn über Ägypten und begann sofort damit, antiassyrische Allianzen zu schmieden. Äthiopien sandte in den Tagen Hiskias Botschafter nach Jerusalem. Hiskia wollte gegen Assyrien rebellieren, und auch die Ägypter waren auf seiner Seite gewesen. Äthiopien wollte nun auch mitmachen. Dieselben Ereignisse werden wir in Kapitel 36 noch genauer finden. Jesaja gibt ein Wort an die äthiopischen Botschafter. Weil sie Hiskia in seinem Ungehorsam unterstützen wollen, wird ihre Ernte vernichtet und die Bevölkerung dezimiert. Anstatt vom assyrischen Joch befreit zu werden, werden sie darunter geraten. Hier haben wir in großem Stil das gleiche wie bei Damaskus und Ephraim. Diesmal ist es aber nicht das bereits untergegangene Nordreich, sondern es sind die kümmerlichen Reste des Südreiches betroffen: Jerusalem und seine unmittelbare Umgebung, das Wachthäuschen im Gurkenfeld (Kapitel 1,8).

In Vers 7 sehen wir eine andere Bezeichnung für Ägypten/Äthiopien: Das Land des Flügelgeschwirrs, und zwar weil es bekannt war für seine zahlreichen Vögel, Insekten und Heuschreckenschwärme. In Vers 2 werden sie aufgefordert, nach Israel zu kommen, zu der verschleppten und gerupften Nation vor der man sich scheut, zu der Nation die immer wieder mit der Messschnur gemessen und von Zertretung heimgesucht wurde, deren Land die Ströme (die Heerzüge der Invasoren) überschwemmt haben. Der Herr wartet in der sonnigen Ruhe seines Wohnortes ab bis der Konflikt eskaliert (Verse 3-4). Dann wird er selbst in der Ernte die Feinde vernichten (Verse 5-6). Nach dem Konflikt wird in Vers 7 genau dasselbe Volk Gottes beschrieben wie in Vers 2, aber nun ist es ein erlöstes und gerettetes Volk. Die Vorerfüllung war somit in der Errettung Jerusalems vor der assyrischen Armee in Jesajas Tagen zu erkennen.

Die endgültige Erfüllung wird eintreten, wenn der Herr am Ende der Weltzeit seine Nation, die immer wieder mit der Messschnur gemessen und von Zertretung heimgesucht wurde, deren Land die Ströme (die Heerzüge der Verfolger) überschwemmt haben, nämlich die Gemeinde Christi, von allen Feinden befreien und in sein himmlisches Zion einführen wird (2,1-4; 4,1-6; 11,9; Hebr 12,22-24).

 

Kapitel 19

Die Serie unserer ersten fünf Visionen hat mit Babylon begonnen und wurde für das damalige Israel in einer Vorerfüllung durch den Untergang Assyriens in 14,24-27 bekräftigt. Nun kommt in der fünften und letzten Vision des ersten Abschnittes Ägypten in den Blick, um die gedankliche Klammer, die Inklusion, zu schließen. Der Gedanke ist, dass Gott die Schicksale aller Nationen von den Enden der damaligen Erde, nämlich von Babylon und Assyrien bis Ägypten, in seiner Hand hat. Dies wird bis zum Ende der Zeit so bleiben, wenn Babylon die Große im Weltgericht hinuntergehen wird. Auch heute in unserer Zeit ist es nicht anders. Die Großmächte der Erde sind wie Tropfen am Eimer (40,15).

In den Versen 1-15 wird die schnell kommende Zerschlagung Ägyptens durch die Hand des Herrn vorhergesagt, welche durch Assyrien kam, wie wir in unserem historischen Überblick gesehen haben. Sie wird alle Bereiche der Existenz betreffen: Die Wirtschaft, den Ackerbau, den Fischfang, die Kaufleute, die Unternehmer und die Arbeiter. Es wird allgemeine Verwirrung und Ratlosigkeit herrschen, ein Ägypter wird gegen den anderen kämpfen. Politische Unruhen werden zu diktatorischen Maßnahmen führen. Die Führer des Volkes werden von Gott selbst eingeschläfert und hilflos gemacht werden.

Es wird aber auch eine Heilung für Ägypten geben. In Vers 16 wird ganz Ägypten in völliger Panik sein vor der Hand Gottes. In Vers 17 werden sie erzittern, wenn der Name des Volkes Gottes genannt wird, denn sie werden wissen, dass Gottes Hand mit diesem Volk ist. In Vers 18 sehen wir dann, wie eine echte Umkehr Ägyptens zu der Sprache des Landes Kanaan stattfindet. Fünf Städte (Erlösung) werden sie sprechen, eine der Städte (im Hebräischen vielleicht sogar alle), wird Stadt der Zerstörung heißen. Es wird in Ägypten wahren Glauben und wahre Anbetung geben. Sie werden in Vers 19 einen Altar für den Herrn mitten im Land haben und einen Gedenkstein an seiner Grenze. Sie werden zum Herrn schreien und einen Retter finden. Sie werden den Herrn erkennen (welcher nämlich dieser Retter sein wird). Sie werden ihm mit Schlachtopfern und Speisopfern (dies ist bildlich gesprochen die Anbetung des Herrn, wie sie im Volk Gottes zur damaligen Zeit bestand) dienen. Sie werden geheilt werden durch das Heil der Nationen. In den Versen 23-25 wird es nicht mehr Feindschaft zwischen den Mächten der Welt geben, sondern es wird eine freie Straße geben, welche Israel mit den Nationen an den Enden der Erde, nämlich mit Ägypten und Assyrien, verbinden wird. Israel, Assyrien und Ägypten werden auf diesem Weg gehen und werden alle das Volk des Herrn sein.

Was wir hier haben, ist in der Poesie Jesajas eine Vorausschau auf das Gemeindezeitalter. Das große Thema der Kapitel 13-17 ist ja „Die ganze Welt in seiner Hand“. Am Ende unseres ersten Zyklus von Visionen haben wir hier eine schöne geistliche Andeutung dieses Zustandes. Alle Nationen von den Enden der Erde werden auf dem Weg des Glaubens und der Anbetung des wahren Gottes nach Zion kommen. Sie werden Frieden haben, sie werden sich freuen, und sie werden alle das Eigentum des Gottes sein, der sie erlöst hat. Dies ist die fünfte Antwort auf die Sicherheitsfrage. Sie besteht in dem Triumph Gottes am Ende aller seiner Wege. Diese Antwort gibt Gott selbst, und nur sie ist die richtige.

 

Kapitel 20

Hier findet sich nun noch die Vorerfüllung der soeben besprochenen Prophetie für die Leute zur Zeit Jesajas. Das Kapitel spricht über Äthiopien und Ägypten. Jesaja muss für drei Jahre ohne Oberkleid und Schuhe laufen. Das bedeutet, dass innerhalb von drei Jahren die nahe Prophetie aus Kapitel 19 erfüllt sein wird. Beide Nationen werden fallen in ihrem Versuch, Israel gegen Assyrien zu unterstützen. Wir haben die entsprechenden Dinge in unserer Vorrede über den historischen Hintergrund des Buches besprochen. Diese Ereignisse verliehen dem Propheten vor dem Volk weitere Autorität.

 

 

Zweiter Abschnitt (Kapitel 21-23):
Die lange Nacht und die Morgendämmerung

Dieser zweite Abschnitt mit seinen etwas geheimnisvolleren Überschriften führt uns entlang der geistlichen Linien des Buches anhand von geschichtlichen Hintergründen und Umständen der Zeit des Propheten in die schon etwas geheimnisvollere Zukunft hinein, wo dann ebenso wie bei den Überschriften nicht mehr alles in völliger Klarheit zu erkennen sein wird, auch nicht für den Propheten selbst.

 

Kapitel 21

Kapitel 21,1-10 spricht über die Wüste des Meeres, ein anderer Name für Babylon (Wüste: 23,13; Meer: Jer 51,13; Off 7,1-2; Off 17,1). Es ist die erste Vision der zweiten Serie. Die Weissagung geht zunächst auf die nahe Zukunft. Die direkte Erfüllung kam am ehesten in der Zerstörung der Stadt durch Sanherib in 689 v.Chr., nachdem Merodach Baladan zuvor das Joch der Assyrer bereits einmal abgestreift hatte. Sanherib schlug zurück, und Jesaja sieht es hier. Es wird aber noch viel mehr kommen.

Babylon wird in späterer Zeit Assyrien dennoch zerstören. Danach wird es selbst von den Medern und Persern erobert werden. Dies entspricht dem Bild des heißen Ostwindes. Die Babylonier werden Feste feiern, während die Eroberung der Stadt schon im Gang ist. Die Erfüllung finden wir in Daniel 5.

Jesaja ist von der Vision stark beeindruckt, er ist erschrocken. Er spielt die Rolle eines Wächters, aber seine Warnung wird nicht angenommen. Er warnt sein Volk davor, sich auf die Nationen zu verlassen, welche letzten Endes dem Untergang geweiht sind. Die Armeen der scheinbaren Retter Israels folgen immer wieder aufeinander, sie bewegen sich lautlos in Totenstille, sie kommen auf Pferden und Kamelen. Babylon wird genauso bestraft wie Assyrien zuvor, Israel wird aber am Ende getröstet werden.

Wie wir bereits gesagt haben, deutet der geheimnisvollere Charakter dieser unheimlichen Vision auf Dinge oder Prinzipien hin, welche sich auch weit über die Zeit Jesajas hinaus in der Welt immer wieder ereignen werden. Die Mächte und Supermächte dieser Erde werden sich immer wieder ablösen in ihren Machtansprüchen, sie werden sich immer wieder gegenseitig mit ungeheuren Verlusten an Menschenleben vernichten. Sie werden immer wieder namenloses Leid unter den Nationen und im Volk Gottes verursachen. Die Supermachtlösung gemäß der ersten Antwort auf die Frage nach Sicherheit (erste Vision eines Zyklus, erste Antwort) wird wieder nicht funktionieren. Das Volk Gottes wird unter dem Druck dieser Weltmächte gedroschen werden, aber nur um die Spreu vom Weizen zu trennen und den Weizen am Ende in Gottes Scheunen zu bringen.

Die zweite Vision dieser zweiten Serie, das Wort über Duma, geht gegen Edom. Durch einen einfachen Buchstabentausch im Sinne eines der vielen Wortspiele Jesajas wird aus Edom (rot) Duma, was eine bedrohliche Totenstille oder einen todesähnlichen Schlaf bedeutet. Hier sehen wir das Element des Geheimnisvollen entsprechend unserer zweiten Serie von Visionen. Wieder ist Jesaja der Wächter, den man fragt. Es ist sehr gut möglich, dass die verzweifelten Edomiter auf dem Hintergrund der assyrischen Bedrohung tatsächlich Boten zu Jesaja schickten und ihn befragten. Wir wissen es nicht. Andererseits könnte es auch so gewesen sein, dass der Prophet in seiner Vision über Edoms Kummer nachgedacht hat.

In der Frage nach der Nacht heißt es zunächst leila, danach mileil. Dies ist eine sprachliche Steigerung im Sinne von panikartiger Furcht. Edom fragt: Wie lange müssen wir diese fürchterliche Nacht noch ertragen, bis der Morgen endlich kommt? Die Antwort des Wächters lautet, dass es am Morgen immer noch Nacht sein wird. Es gibt also keinen wirklichen Trost für Edom. Sie sind selbst nur eine kleine und schwache Macht. Ein Schlag wird in der Zukunft auf den anderen folgen, Supermacht auf Supermacht wird sie überrennen. Ihre einzige Hoffnung wäre es, nach Gottes Wegen zu fragen und darin zu wandeln, aber das tun sie nicht. Deswegen werden sie vollständig und bleibend zerstört werden. Die menschlichen Hoffnungen Edoms als zweite mögliche Antwort auf die Sicherheitsfrage bleiben unerfüllt.

Ein weiterer Gedanke gehört ebenfalls dazu. Jesaja sagt den Edomitern, dass die Dunkelheit für lange Zeit andauern wird. Sie sollen später wiederkommen und nachfragen. In geistlicher Anwendung bedeutet dies, dass es für den Menschen oft nicht möglich ist, die Hoffnung aufrecht zu erhalten, wenn es immer weiter und weiter dunkel bleibt. Niemand außer Gott weiß, wie lange die Nacht noch dauern wird, bis der Morgen dämmert. Die Ungläubigen sagen, dass es immer so bleiben wird wie es ist, die Gläubigen hoffen.

 

2Pe 3,4: „[Spötter kommen] und sagen: Wo ist die Verheißung seiner Wiederkunft? Denn seitdem die Väter entschlafen sind, bleibt alles so, wie es von Anfang der Schöpfung an gewesen ist!“

Rö 13,11-12: „Und dieses [sollen wir tun] als solche, die die Zeit verstehen, dass nämlich die Stunde schon da ist, dass wir vom Schlaf aufwachen sollten; denn jetzt ist unsere Errettung näher, als da wir gläubig wurden. Die Nacht ist vorgerückt, der Tag aber ist nahe. So lasst uns nun ablegen die Werke der Finsternis und anlegen die Waffen des Lichts!“

 

Es folgt die dritte Vision der zweiten Serie. Das Gericht über die Araber (21,13-17) betrifft Dedan und Kedar. Die Nacht über Edom wird sich auch nach Arabien hin ausbreiten. Sie werden sich vor dem Schwert verbergen müssen und abhängig von anderen Stämmen sein. Sie waren einst das Zentrum des Gewürzhandels, damit wird es aber vorbei sein. Ihre Anzahl wird stark vermindert werden. Die Naherfüllung der Prophetie kam durch die Assyrer.

Hier sehen wir wieder das Prinzip des menschlichen Stolzes und der Selbstsicherheit derjenigen, die sich aufeinander verlassen, statt auf Gott zu vertrauen. Moab und die Araber sind in Bedrohung durch die Assyrer. Die Dedaniter sind auf der Flucht, und die Temaniter kommen ihnen mit Wasser und Brot entgegen. Das wird aber das Problem nicht lösen, denn die kleinen Hilfsmittel können gegen die kommende Wucht des Assyrers nur eine kurzzeitige Linderung verschaffen. Die Lösung wäre das Vertrauen auf den wahren Gott, aber das kommt für die selbstsicheren Dedaniter und Temaniter nicht infrage. Die Nationen dieser Welt helfen sich in allerlei Hinsicht aus. Sie bilden internationale Allianzen, um ihre Sicherheit auf der Grundlage ihrer vereinten Kräfte zu wahren. Dies alles wird jedoch nichts nützen, wenn der richtige Gegner angreift. Die Antwort Nummer drei auf die Sicherheitsfrage ist auch hier die falsche.

 

Kapitel 22

Die vierte Vision der zweiten Serie. Sie spricht über das Tal der Offenbarungen, das ist Jerusalem. Die Stadt liegt zwar erhöht, ist aber selbst auch von Bergen umringt. Von den Bergen aus gesehen meint man in ein Tal zu blicken. In diesem Tal erhielt der Prophet seine Visionen von Gott. Früher war die Stadt ein Ort der Freude gewesen, zu Jesajas Zeit zogen aber bedrohliche Wolken auf. Jesaja sieht das kommende Gericht und weint bitterlich, weil es keinen Trost mehr geben wird. Viele Menschen werden verhungern, die Führer selbst werden davonlaufen. Die Erfüllung kam 150 Jahre später durch die Babylonier. Die Stadt wird vom Propheten so gesehen, dass sie nicht auf den Angriff vorbereitet ist. Sie vertrauen auch nicht auf Gott zu ihrer Rettung. Der Ruf zur Umkehr wurde ignoriert, deshalb kommt nun ein schnelles Gericht.

Die Verse 1-14 reden über die selbstsichere Stadt. Alle fieberhaften Aktivitäten zur Befestigung der Mauern und zur Sicherung der Wasserversorgung werden von Gott gesehen. Gott hat ja der Stadt Wasser gegeben, aber er hat auch eine Versorgung bereitgestellt, welche im Ernstfall im Vertrauen auf Ihn immer wieder erbeten werden muss. Der Bau der Wasserleitung durch Hiskia zielte letztlich darauf ab, die Stadt von der Bitte zu Gott unabhängig zu machen.

Schebna wird in den Versen 15-25 von Jesaja als der augenblickliche untreue Verwalter Jerusalems gesehen. Er hat sich nicht um die Menschen gekümmert, stattdessen aber schon ein prächtiges Mausoleum für sich selbst gebaut. Er hat sich nicht nur im Leben abgesichert, sondern auch für den Fall seines Todes ein Haus gebaut. Dies ist pures Heidentum. Jesaja sagt zu ihm persönlich, dass man ihn absetzen wird. Er wird aus dem Land fliegen und im Ausland sterben. In 36,3 und 37,2 sehen wir ihn als Schebna den Schreiber, er ist also dann schon degradiert. Der treue Verwalter Eljakim wird Schebna ersetzen. Er wird gewarnt, die Schlüsselgewalt in Jerusalem verantwortlich zu gebrauchen. Er soll wie ein starker Nagel in der Wand sein, der unter der Verantwortung nicht nachgeben wird. Schebna hat nachgegeben. In dem ganzen Abschnitt geht es geistlich gesprochen um den Unterschied zwischen der Errettung aus Werken und der Errettung aus Glauben. Wer den Glauben an die Gnade und die Macht Gottes zur Rettung preisgibt, der muss sich auf die eigene Kraft verlassen. Die vierte Antwort auf die Sicherheitsfrage erweist sich auch hier als falsch.

 

Kapitel 23

Die fünfte Vision des zweiten Abschnitts. Sie redet über Tyrus. Die Zerstörung wird vorhergesagt. Man weint über die Tarsisschiffe. (England, Südspanien, Afrika). Alle Handelspartner werden durch den Fall der Stadt leiden, auch Ägypten. Der Grund für die Zerstörung ist Hochmut und Gottes Zorn. Geschichtlich kam die Erfüllung in drei Stufen: Zunächst zerstörte der Assyrer Sanherib 701 v.Chr. die Stadt auf dem Festland an der Küste. Nach 70 Jahren (siehe Verse 15-18) war die Stadt wiederhergestellt und blühte erneut auf. Dann kam die nächste Zerstörung des Küstenstrichs durch Nebukadnezar, welche sich etwa dreizehn Jahre nach der Zerstörung Jerusalems ereignete. Die Seefestung blieb intakt, als Nebukadnezar abzog. Schließlich kam die vollständige und endgültige Zerstörung etwa 250 Jahre später durch Alexander den Großen. Nach der dreizehnjährigen Belagerung durch Nebukadnezar wurde die Stadt ebenfalls teilweise wieder hergestellt und lieferte einen Teil der Baumaterialien für den zweiten Tempel Jerusalems, welcher sich nach dem Untergang der Babylonier unter der Herrschaft der Perser ereignete. (Esra 3,7). Insofern erlebte auch Tyrus in der damaligen Zeit die Vorerfüllung der Prophetie. Sie konnten ihre Reichtümer zum Teil für den Bau des Hauses Gottes einsetzen.

In den Versen 15-18 wird von Jesaja die Wiederherstellung der Stadt siebzig Jahre nach der Zerstörung durch Sanherib vorhergesagt. In der geistlichen Anwendung gibt es aber noch mehr. Wir haben in der Vorrede zu unserem großen Abschnitt des Buches Jesaja über die Nationen ja schon über das „Tyrus-Prinzip“ gesprochen. Es ist das Prinzip des uneingeschränkten Luxus und des Materialismus, welches damals die Stadt kennzeichnete, und welches bis heute auch in allen großen „Tyrus-Gesellschaften“ dieser Welt vorherrscht. Tyrus wird mit allen Nationen der Erde am Ende der Zeit Hurerei treiben (Vers 17). Siehe hierzu auch Off 17,1-2:

 

„Und einer von den sieben Engeln, welche die sieben Schalen hatten, kam und redete mit mir und sprach zu mir: Komm!, ich will dir das Gericht über die große Hure zeigen, die an den vielen Wassern sitzt, mit der die Könige der Erde Unzucht getrieben haben, und von deren Wein der Unzucht die, welche die Erde bewohnen, trunken geworden sind.“

 

Gott wird sich in der Vernichtung von Tyrus als Herr über allen Luxus dieser Erde erweisen. Am Ende wird er in der Ewigkeit seinem erlösten Volk eine Herrlichkeit auf der neuen Erde schenken, welche den Luxus von Tyrus unendlich übersteigen wird. Auch aus Tyrus, also aus dem Materialismus und Luxusleben heraus, werden sich viele zu dem Herrn bekehren und ihre Reichtümer noch in dieser Zeit dem Herrn zur Verfügung stellen. Die fünfte Antwort auf die Sicherheitsfrage wird auch in unserem zweiten Abschnitt die richtige sein: Der Triumph des Herrn. Eine Welt, ein Volk, ein wahrer und echter Glaube unter dem wahren Gott.

 

 

Dritter Abschnitt (Kapitel 24-27):
Die Stadt der Welt und die Stadt Gottes

Dieser dritte Abschnitt mit den fehlenden Überschriften deutet an, dass die Prophetien in eine noch ferne Zeit hineingehen, nämlich in die Zeit des Endes. Die Prinzipien bleiben dieselben, aber die Themen sind hier nicht mehr klaren Überschriften zuzuordnen um damit anzudeuten, dass auch in dieser fernen Zeit das Handeln Gottes noch immer gleichbleiben wird, wenn es auch für den Propheten Jesaja nicht klar identifizierbar war. Gott wird seine Ziele am Ende erreichen, wenn von den konkreten Feinden Jesajas und des damaligen Israels schon lange keine Rede mehr sein wird. Wir werden in diesem Abschnitt sehen, wie Gott in den fünf Visionen seine Antwort auf alle fünf Fragen nach der Sicherheit geben wird. Die falschen Antworten der ersten beiden Abschnitte werden nicht mehr gegeben werden.

Der gesamte Abschnitt ist als die kleine Apokalypse Jesajas bezeichnet worden. Dieser Bezeichnung widerspricht jedoch die Tatsache, dass wir hier keine apokalyptische Sprache finden wie etwa in der Offenbarung oder bei Daniel. Es handelt sich vielmehr um ein Lied in Gedichtform, eine poetische Kantate des Propheten. Gott beschreibt hier die Dinge zur Zeit des Endes, und insofern ist diese poetische Kantate sehr wohl eschatologisch (endzeitlich). Sie ist vom Schreibstil her jedoch nicht apokalyptisch. Das müssen wir klar unterscheiden. Hinzu kommt die Tatsache, dass uns die Offenbarung nicht nur endzeitliche Entwicklungen der allerletzten Tage zeigt, sondern dass sie über das Gemeindezeitalter von der Himmelfahrt des Herrn bis zu seiner Wiederkunft sowie auch über den darauffolgenden ewigen Zustand der neuen Schöpfung redet. Die futuristische Betrachtung der Offenbarung, welche alle Ereignisse ab Kapitel 4 des Buches als heute noch immer zukünftig ansieht, muss zurückgewiesen werden.

 

Kapitel 24

Die erste Vision des dritten Abschnitts erstreckt sich über die Verse 1-20. Sie bringt uns das Bild der Stadt der Bedeutungslosigkeit, welches letzten Endes für die gesamte Erde steht. Deshalb schließt sie auch ab mit einer verwüsteten Erde. Sie bezieht sich hier auf das Scheitern der Supermachtlösung der Menschen gemäß der ersten Antwort auf die Sicherheitsfrage. Der Hintergrund findet sich im Bericht über die Sintflut in 1Mo 6-9. Auch hier finden wir die Fenster des Himmels, den ewigen Bund und den Fluch über den Weingarten Noahs nach der Flut. Jesaja sieht das kommende Endgericht über die ganze Erde, welche sich den Prinzipien Babylons völlig ausgeliefert hat: Rebellion und Sünde, Hochmut und menschengemachte Sicherheit. Die ganze Erde wird am Ende wie eine einzige weltweite Stadt sein. Jetzt sagt Gott: Schluss damit! Die Stadt stirbt. In den Versen 13-16 werden wir allerdings sehen, dass es inmitten der weltweiten Todeszone noch immer Lieder für den Herrn geben wird. Die Totenstille der Welt wird durchbrochen werden von dem Lied des erlösten Überrestes. Der Herr wird sein Volk durch alle Gerichte hindurch retten, denn es ist sein Herzstück (14,1-2).

Die Verse 1-3 zeigen die ganze Verwüstung der Erde: religiös, zivil, kommerziell. In den Versen 4-6 sehen wir, wie die Welt dahinwelkt. Die Hochmütigen der Erde, die Krone der Schöpfung, haben diese Schöpfung geschändet. Sie waren ungehorsam, haben das Gesetz gebrochen und ihre eigene Moral erfunden. Die Gemeinschaft mit Gott haben sie verworfen, denn sie wollen nicht mehr unter der Verheißung des Regenbogens aus dem ewigen Bund mit Noah bleiben. Deshalb kommt der Fluch des Bundes über sie.

Die Verse 7-12 bringen das verstummte Lied der gefallenen Stadt. Das Prinzip der Selbstbefriedigung ist gescheitert, sowohl seine Ursachen als auch seine Frucht sind verschwunden. Der weltliche Betrieb des Lebens und sein Chaos werden kollabieren. Die Stadt der Verwirrung ist die Stadt in der alles geht und in der nichts von Bedeutung ist. Es ist das wieder errichtete Babylon des brutalen Individualismus und Egoismus, welches wir auch in unserer Zeit erkennen müssen. Das Leben in der bedeutungslosen Stadt ist unmöglich, die Menschen schreien nach Erlösung und Heilung. In den Versen 13-16b durchbricht ein Lied die Totenstille. In Vers 13 kommt die Olivenernte, ein Symbol für die Einsammlung der Gläubigen, nach der Weinernte, dem Symbol für das Gericht über die Ungläubigen (Off 14,18-20). Die Lieder kommen von den Enden der Erde, und sie loben und erhöhen den Herrn, seine Gerechtigkeit, seine Offenbarung in Herrlichkeit und Erhabenheit und seine Lieblichkeit.

Jesaja erschrickt fast über das Gesehene, denn es ist kaum zu ertragen (16c-18). Wehe mir! Die Erde ist zerbrochen und schwankt unter der Last des Gerichts und der Verdorbenheit der Menschen (18-20). Sie wird fallen und nicht wieder aufstehen. Sie ist zum Tode verurteilt. Die Supermächte der Welt mit ihren menschlichen Lösungen werden von der Allmacht des Herrn vernichtet werden.

Die Verse 21-23 bringen uns die zweite Vision des dritten Abschnitts. Die menschlichen Hoffnungen der ungläubigen Welt entsprechend der zweiten Antwort auf die Sicherheitsfrage sind endgültig zerschlagen. Nun erfüllen sich die Hoffnungen der Gläubigen. Endlich ist der König da! Nach vielen Tagen ist die falsche Hoffnung der Philister aus dem ersten Abschnitt ebenso zerschlagen, wie das ungewisse und schreckliche Warten Edoms aus dem zweiten Abschnitt an sein Ende kommt. Die Dunkelheit der langen Nacht wird von dem gleißenden Licht des Tages Gottes abgelöst, heller als die Sonne und der Mond, welche beschämt erröten, weil ihr Licht so erbärmlich war. Die schuldigen Mächte im unsichtbaren Bereich werden gerichtet werden. Die Hand Gottes wird jede von ihnen an ihrem eigenen Ort erreichen und herausholen. Der Ausdruck „nach vielen Tagen“ enthebt die Prophetie der menschlichen Berechnung und fordert uns zu geduldigem und dennoch erwartungsvollen Ausharren auf. Der Herr wird am Ende in der Erneuerung aller Dinge auf dem ewigen Berg Zion der neuen Schöpfung herrschen, und vor seinen Ältesten (möglicherweise den Gläubigen aller Zeiten) wird Herrlichkeit sein.

 

Kapitel 25

Die dritte Vision des dritten Abschnitts. Hier wird die Antwort der menschlichen Selbsterhöhung, Selbstsicherheit und Selbsterlösung der Moabiter aus dem ersten Abschnitt und der Dedaniter/Temaniter aus dem zweiten Abschnitt zu ihrem Ende gebracht. Die gefallene Stadt erscheint noch einmal als das Zentrum eines Systems der Unterdrückung und der Gewalt. Die Armen und Bedürftigen lebten in dieser Stadt als Fremdlinge, aber das ist nun vorbei. Jetzt werden auf dem Berg Zion, dem ewigen Berg Gottes die Erlösten aus allen Nationen von Gott selbst für immer und ewig mit dem Allerbesten versorgt sein. Nur Moab wird nicht dabei sein, denn es hat niemals von seinem Stolz abgelassen. Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade (1Pe 5,5).

In den Versen 1-5 kommt der Lobgesang der Schwachen inmitten der Totenstille beim Gericht über die selbstsicheren Tyrannen. Die Starken dieser Welt (in der Politik, im Militär, in der Wirtschaft, aber auch im Alltagsleben der Menschen) müssen einen noch viel Stärkeren anerkennen. Dieser starke Herr hat seine Schwachen und Bedürftigen inmitten aller Unterdrückung festgehalten bis zu dem Tag, an welchem er das Lied der Unterdrücker zum Schweigen bringt. In Vers 1 kennen die Gläubigen diesen Gott persönlich („Mein Gott“). Der weltweite Überrest sammelt sich zu dem großen David (siehe 11,10). In den Versen 2-3 haben die Starken und Selbstsicheren geherrscht, welche in allen Umständen klargekommen sind. Aber sie sind furchtsam geworden. In den Versen 4-5 ist der Herr mit seinen Leuten, und ihre Rettung ist für ihn eine ganz einfache Angelegenheit.

Die Verse 6-8 reden über das Festmahl des Messias. Es werden Menschen aller Nationen, Hautfarben und Individualität dabei sein. Der Herr wird in allem für sie sorgen (Vers 6). An diesem Tag werden der Schleier der Trübung und alle Dunkelheit aus dem Leben der Erlösten weichen. Das was wir als Licht empfinden, ist eigentlich nur trübes Zwielicht, und Gottes helle Klarheit wird es an diesem Tag offenbaren. In dieser Welt werden wir in jeder nur möglichen Hinsicht eingeschränkt, und Trauer und Tod machen uns noch zu schaffen. Alles dies wird durch Ankunft des Herrn verschlungen (Verse 7-8). In den Versen 9-10a kommt das klare Bekenntnis derer, die auf den Herrn gehofft haben in der Dunkelheit. Vers 10b zeigt die Mistlache, in welcher Moab zertreten werden wird. Und wenn es auch in Vers 11 wie ein Schwimmer seine do-it-yourself-Rettung beibehalten will, so wird es ihm nichts nützen. Es wird untergehen und nicht beim Festmahl dabei sein. Der Hochmut und die Selbstsicherheit (Antwort Nummer drei auf die Sicherheitsfrage) führen am Ende in den ewigen Tod hinein.

 

Kapitel 26

Die vierte Vision des dritten Abschnitts. Hier geht es an Position vier wieder um die falschen Wege des Volkes Gottes entsprechend der vierten möglichen Antwort auf die Sicherheitsfrage. Gott gibt die Lösung und führt die Gläubigen von ihren falschen Wegen zurück an den sicheren Ort seiner starken Stadt. Gerechtigkeit aus Glauben, Frieden und Rettung charakterisieren das Volk in der starken Stadt Gottes. Das ist die wahre Sicherheit inmitten aller Bedrohungen und Herausforderungen dieser Welt, welche die Gläubigen auch geradeaus durch das Gericht Gottes über diese Welt am Ende hindurchleiten wird. Die Städte Ephraims im ersten Abschnitt wurden vernichtet, Jerusalem im zweiten Abschnitt wurde zerbrochen, die Gläubigen hier im dritten Abschnitt leben sicher in der starken Stadt.

In Vers 1 leben die Gläubigen bereits geistlich in dieser Stadt, in Vers 2 wird die Voraussetzung für ihren Eintritt genannt: Gerechtigkeit vor Gott (nicht ihre eigene, sondern die des Herrn, wie wir aus dem Neuen Testament wissen) und Festhalten am Glauben in allen Lebensumständen. Sie vertrauen in Vers 3 und haben deshalb Frieden. Ihr Glaube ist in Vers 4 eine lebenslange Hingabe. Der Herr ist ihr ewiger Fels.

Die hochragende Stadt der Nichtigkeit wird zerstört werden. Dies gilt auch heute für die Gläubigen, die bereits geistlich im neuen Zion angekommen sind und dennoch in der Welt auszuharren haben, bis die Verwirklichung am Ende kommt (Hebr 10,13; 12,22-24). Die Welt hat sich ohne Gott organisiert, aber Gott bringt die Seinen hindurch. Dabei ist der Weg der Gläubigen von Gott gebahnt. Sie nehmen aus Gottes Hand genau diesen verordneten Weg an, sie vertrauen dem Herrn auf jedem Schritt und sehnen sich nach seiner Ankunft. Auf diesem Weg werden sie auch dann bewahrt, wenn die Weltmenschen durch Gottes Gerichte die Gerechtigkeit lernen müssen (Verse 7-9). Die umgebende Welt will die Wahrheit nicht sehen, aber Gott wird sie dazu zwingen, wenn er die Hand erhebt (Verse 10-11). Dies gilt auch für solche, die sich in unserer Zeit von Gott nicht überführen lassen wollen, bis seine Hand sie schlagen muss.

Die Verse 12-15 zeigen, dass Gott sowohl in der Verordnung der Errettung, als auch in der Rettung selbst alles für sein Volk getan hat. Ohne seine Pläne würden sie überhaupt nicht existieren. In der Errettung hat er auch den Frieden verordnet, der im Herzen des Volkes ist. Sie wurden von weltlichen Herren unterdrückt, aber nun haben sich diese Herren endgültig abgenutzt. Das Werk Gottes in ihnen bleibt, und sie werden ihn sehen und im weiten Land leben.

In den Versen 16-19 hat Gott sie aus dem Staub erhoben, als sie unter seiner Züchtigung flehten. Dies galt in der Vorerfüllung auch für die Israeliten in der Bedrohung der Assyrer und für ihre Rettung. Es gilt für die Gläubigen in der Züchtigung. Sie wussten, dass die Welt durch ihr Zeugnis von der Rettung erfahren sollte, konnten aber dennoch den gottlosen Weltmenschen keine Rettung bringen. Es fand keine Neugeburt statt (Vers 18). Vers 19 redet über die kommende Auferstehung der gestorbenen Gläubigen.

In den Versen 20-21 sehen wir ein Gegenbild zum Verschließen der Arche in den Tagen Noahs und zum Verschließen der Häuser in der Passahnacht Ägyptens. Die Gläubigen werden in der starken Stadt der Rettung sicher sein, wenn der Herr die Welt richtet. Alle Sünden werden offenbar werden.

 

Kapitel 27

Die fünfte Vision des dritten Abschnitts. Sie schließt Jesajas großes Panorama der Weltgeschichte von Kapitel 13-27 ab. Die Gläubigen warteten auf das Gericht, obwohl sie geistlich schon in der sicheren Stadt waren. Gott war in der Vergangenheit geduldig, er wird nun alles endgültig versöhnen und das alte System endgültig umstoßen. Gottes Sieg wird im Himmel und auf der Erde vollständig sein.

Vers 1 zeigt den endgültigen Sieg über das Böse und über den Satan (Leviathan, Schlange, flüchtige Schlange, Ungeheuer im Meer). Der Herr wird ihn töten. Die Verse 2-6 zeigen das Volk des Weinbergs, und zwar nicht in der Hinsicht, was sie aus dem Weinberg gemacht haben, sondern was Gott aus ihnen gemacht hat. Sie sind seine Freude. Sie sind unter seinem Schutz. Der Herr ist im Frieden mit ihnen, ohne Zorn. Die Dornen und Disteln der Erde werden noch ein letztes Mal dazu eingeladen, auch Frieden mit Gott zu machen, bevor die Verbrennung kommt. Danach wird der Weinstock Gottes die ganze Erde erfüllen. Siehe Kapitel 5.

Verse 7-9: Der Herr war mit seinem Volk nie so hart und streng gewesen wie mit den Feinden. Er hat sie in Maßen gezüchtigt. Es wurde nicht so hingemordet, wie seine Mörder ermordet wurden, sondern es wurde bewahrt. Züchtigung war nötig, aber sie führte nie zur Ausrottung wie bei den Feinden. Gott schonte sie, auch wenn sie den Tod verdient hatten (Ps 103,10). In der Errettung werden sie keine falschen Altäre und Sonnensäulen mehr aufstellen.

Verse 10-11: Die Stadt der Welt wird verwüstet und menschenleer liegen (im Bild der streunenden Tiere, welches in der Schrift häufig diesen Gedanken anzeigt). Sie werden verdorren, weil sie in der Sünde verharrt und sich nie darum bemüht haben, die Gedanken des rettenden Gottes kennenzulernen und zu verstehen.

Verse 12-13: Am letzten Tag wird der Herr ein Dreschen auf der ganzen Erde (vom Euphrat bis zum Bach Ägyptens) veranstalten. Die Spreu wird vom Weizen getrennt werden (was ja das Ergebnis des Dreschens ist). Die wahren Kinder Gottes werden gesammelt werden (Mt 24,31). Das große Schopharhorn (die letzte Posaune) wird an diesem großen Versöhnungstag auf der ganzen Erde geblasen werden, welches zugleich auch den Beginn des ewigen Jubeljahres anzeigen wird (3Mo 25,8 ff). Die zerstreuten Gläubigen von den Enden der Erde (wieder Assyrien und Ägypten in Jesajas Verständnis seiner damaligen Welt) werden den Herrn anbeten auf seinem heiligen Berg und in seiner starken ewigen Stadt (2,1-4; 4,1-6; 11,9; Eph 3,6; Off 21,10; Off 21,23-27). Hier endet dieser wunderbare Teil des Buches.

 

 

Vierter Teil des Buches:
Der Herr der Geschichte

Im vierten Teil, welcher die Kapitel 28-37 (nach anderen Gliederungen gemäß dem Prinzip „Bibel in der Bibel“ wie bereits gesagt bis Kapitel 39) umfasst, übernimmt Jesaja das Thema der kommenden Vereinigung der Welt unter der Herrschaft Gottes, welches er im Panorama der Nationen in den Kapiteln 13-27 angedeutet hat. In jenen Kapiteln wurde dieses Bild entworfen im Bereich des Blickfeldes des Propheten auf die damals bekannte Welt. Das war eben für Jesaja zu seiner damaligen Zeit die ganze Erde. Er redete in den Begriffen, welche ihm zur Verfügung standen. Ägypten und Assyrien waren die gewaltigen Mächte an den Enden dieser Erde. Am Ende würde Gott sie alle vereinen. Nun wird dieses große gedankliche Thema in die konkrete Realität zur Zeit Jesajas und in die damalige politische Situation übertragen, welche wir vorstehend skizziert haben.

Jerusalem scheint verloren, aber der Eckstein ist da (28,16) und es bleibt abzuwarten, wie der göttliche Ackerbauer mit seinem Feld Israel verfahren wird (28,23-29). Alles läuft auf eine Rettung in letzter Minute hinaus (29,1-8). Die Kraft Ägyptens ist bedeutungslos (30,2) und der Assyrer zieht letztlich zu seinem eigenen Begräbnis nach Jerusalem hinauf. Die Kapitel 36 und 37 zeigen uns, wie sein Untergang aussah. Dieser Untergang bedeutete eine gewaltige Erlösung und Errettung für das Volk, sowie den Eintritt in ein erneuertes Land des Friedens.

Die nun folgenden Kapitel bilden innerhalb des Buches Jesaja den längsten Abschnitt mit solchen Prophetien, welche als Vorfüllungen in der Zeit Jesajas bezeichnet werden können. Der Prophet hat in den Kapiteln 13-27 einen gewaltigen Bogen über die Geschichte der Nationen und seines eigenen Volkes bis zum Ende geschlagen. Nun hätten die Zuhörer sagen können: „Das ist ja alles ganz wunderbar was Du da gesagt hast, lieber Jesaja. Aber wer sagt uns, dass Du nicht nur poetisches Gefasel von Dir gegeben hast? Wo sind denn die Realitäten, die hinter Deinen großen Worten stehen? Wir möchten nicht nur schöne Worte von Dir hören, sondern auch konkret erkennen, dass diese Worte eine Grundlage in unserem eigenen Leben haben. Ansonsten können wir Dich nämlich nicht als Propheten Gottes anerkennen, sondern nur als einen begabten Dichter.“

Der Abschnitt wird oft auch das Buch der Wehe genannt, denn es enthält sechs Wehe:

  • 28,1: „Wehe der stolzen Krone der Trunkenbolde Ephraims.
  • 29,1: „Wehe dir, Ariel, Ariel.
  • 29,15: „Wehe denen, die ihre Pläne vor Gott zu verbergen versuchen.
  • 30,1: „Wehe den widerspenstigen Kindern.
  • 31,1: „Wehe denen, die nach Ägypten hinabziehen.
  • 33,1: „Wehe dir, du Verwüster, der Du doch selbst nicht verwüstet worden bist.

 

Die Regierungskrise im vierzehnten Jahr des Königs Hiskia führte geschichtlich dazu, dass Jesaja diese Weissagungen erhielt. Gott sorgte dafür, dass sein Prophet vor den Augen des Volkes durch die Erfüllung dieser Weissagungen legitimiert wurde.

Hier noch einmal eine kurze Rekapitulation der wichtigsten Ereignisse. Im Buch Immanuels in Kapitel 7 beging Ahas einen schlimmen Fehler, denn er vertraute auf die Assyrer und bat sie um Hilfe, anstatt auf den Gott Israels zu warten. Seither war Israel den Assyrern tributpflichtig, und Hiskia erbte diese Situation von seinem Vater Ahas. Hiskia zerstörte den Götzendienst und sogar die eherne Schlange (4Mo 21; 2Kö 18,4). Er gehorchte zunächst den Worten Gottes, die durch den Propheten Jesaja zu ihm kamen. Ein Akt des Ungehorsams im vierzehnten Jahr seiner Regierung führte dann jedoch zu der schweren Krise.

Gott wollte, dass Israel unter dem Joch der Assyrer sei, aber einige Regierungsmitglieder in Israel drängten Hiskia zur Rebellion gegen Assyrien. Auch Ägypten versprach seine Hilfe gegen Assyrien, ebenso die Äthiopier (Kapitel 18). Jesaja redete gegen den Aufstand, aber Hiskia hörte diesmal auf seine schlechten Berater. Er rebellierte, was schließlich zu der assyrischen Invasion in seinem vierzehnten Regierungsjahr führte. Der Vertrag mit Ägypten mündete in die Verwüstung des Landes Juda ein, denn die Assyrer zerstörten bei ihrer Invasion 46 befestigte Städte in Juda, bevor sie schließlich mit dem mächtigen Wald ihrer Armee auf dem Scophusberg über Jerusalem standen (Kapitel 10 und 36).

 

Kapitel 28

Das erste Wehe. Das Nordreich Ephraim dient wegen seines Stolzes und seiner Trunkenheit als warnendes Beispiel für Juda (Verse 1-13). Ein Wehe wird über sie kommen, und zwar die assyrische Gefangenschaft. Samaria hat sich hoch erhoben, und es wird sehr schnell und tief fallen in der völligen Zerstörung. Seine Blume verwelkt, es kommt ein Hagelsturm der Verwüstung über es. Es wird so schnell verschlungen wie eine Frühfeige von einem Wanderer, was durch den Assyrer geschah. Danach wird aber ein Überrest zur Umkehr kommen (Vers 6) und den Herrn suchen.

Juda wird jedoch trotz allem mehr und mehr wie Israel. Auch Judas falsche Propheten sind betrunken. Die Quelle ihrer Weissagungen ist der Alkohol. Jesaja wird verspottet, die Zuhörer wollen nicht länger von ihm belehrt werden. Sie beginnen, Jesajas Worte stotternd nachzuäffen: „zaw la zaw, zaw la zaw, kaw la kaw, kaw la kaw“ (10). Sie vergleichen den Propheten mit einem stammelnden Kind oder mit einem Lehrer, der zu stammelnden Kindern redet, um ihnen Wort für Wort beizubringen: Hier ein wenig, da ein wenig. Das klare Wort Gottes ist ihnen zu primitiv und einfach. Sie wollen es auch nicht hören, denn sie glauben, dass ihre menschlichen Sicherheitsvorkehrungen zum Ziel führen werden.

Jesaja warnt sie davor, weiter zu spotten, weil Gott sonst dafür sorgen wird, dass sie zukünftig in ihrem eigenen Land tatsächlich eine stotternde Sprache hören werden, die sie nicht verstehen können, und zwar die Sprache der Assyrer. Dass sie diese fremde Sprache hören werden, wird das Zeichen dafür werden, dass sie zuvor ungläubig waren. In der Zukunft werden sie nicht mehr fähig sein, das Wort Gottes zu verstehen, weil sie zuvor nicht darauf hören wollten.

 

Exkurs: Sprachenrede und Zungenrede

Paulus zitiert diese Schriftstelle in 1Kor 14,20-22 und wendet sie auf die Gabe der Sprachenrede in der Gemeinde an. Dies geschieht jedoch nicht im Sinne einer direkten Erfüllung des Wortes Jesajas, denn die direkte Erfüllung war ja die assyrische Invasion. Um dies näher zu erläutern, müssen wir zunächst verstehen, dass das NT das AT in vier verschiedenen Weisen zitieren kann:

  1. Erstens als wörtliche Weissagung und wörtliche Erfüllung. Beispiele: Jes 7,14 und Mt 1,22-23; Mi 5,2 und Mt 2,5-6; Jes 40,3 und Mt 3,3; Mal 3,1 und Mk 1,2; Jes 61,1-2 und Lk 4,18-19; Jes 8,22-9,2 und Mt 4,13-16; Sach 9,9 und Mt 21,5; Jes 51,3 und Joh 12,38; Ps 22,18 und Joh 19,24.
  2. Zweitens als wörtliche Weissagung und bildliche Erfüllung. Beispiele: Hos 11,1 und Mt 2,15; Jes 29,13 und Mt 15,7-9.
  3. Drittens als Summation. Beispiele: Mt 2,23; Lk 18,31-33; Mt 26,54-56.
  4. Viertens als wörtliche Weissagung und Anwendung aufgrund einer Übereinstimmung in einem gewissen Punkt. Beispiele: Jer 31,15 und Mt 2,17-18; Joel 2,28-32 und Apg 2,16-21.

 

Diese letzte Zitierweise ist bei unserer Stelle der Fall. Die Übereinstimmung ist folgende: Hätte Israel seinen Messias Jesus von Nazareth bei seinem ersten Kommen angenommen, dann würde die Zerstörung nicht über Jerusalem kommen. Da aber der Messias abgelehnt wurde, wurde die Gemeinde am Pfingsttag gegründet. Die Apostel konnten plötzlich in fremden Sprachen reden, ohne diese vorher gelernt zu haben. Sie konnten also das Evangelium in vielen fremden Sprachen verkündigen. Dadurch konnten die jüdischen Pilger aus aller Welt, die am Pfingsttag in Jerusalem waren, es in ihren eigenen Sprachen hören und verstehen. Das Sprechen vieler fremder Sprachen in der Stadt Jerusalem wurde am Pfingsttag zu einem Zeichen für den früheren Unglauben Israels. Die Folge ihres Unglaubens in den Tagen des Messias war jetzt die Existenz fremder Sprachen in der Gemeinde auf dem Boden des Landes Israel.

Ebenso war die Folge des Unglaubens Israels in den Tagen Jesajas die Existenz der assyrischen Sprache in Israel und Juda gewesen. Die Sprachenrede in der Gemeinde ist auch heute noch ein Zeichen des Unglaubens Israels, sowie ein Zeichen für die noch nicht erretteten Menschen, wenn sie sie hören und wenn sie übersetzt wird. Sie dient jedoch keineswegs unmittelbar dazu, Menschen zum Glauben zu bringen. Der Glaube ist unter der Wirkung des Heiligen Geistes aus der Predigt des Wortes, und nicht aus dem Zeichen der Sprachenrede.

Viele Leute beanspruchen heute die Gabe der Sprachenrede für sich, aber eigentlich produzieren sie oft nur unstrukturierte Silben. Das ist unbiblische Zungenrede. Die Sprachenrede im biblischen Sinne erfolgt immer in einer tatsächlich existierenden Fremdsprache, die der Sprachenredner vorher nicht gelernt hat. Und selbst dann sollte immer ein zuverlässiger Ausleger in der Versammlung sein, der die gesprochene Fremdsprache beherrscht. Oft weiß der Sprachenredner selbst nicht, was die Bedeutung seiner an sich korrekt ausgesprochenen Worte ist. Es ist häufig vorgekommen, dass in Gemeinden Gott in fremden Sprachen gelästert wurde, weil kein kompetenter Übersetzer anwesend war. Erst als kundige Ausleger da waren oder Tonbandaufzeichnungen der Sprachenrede zu hören bekamen, fiel der Betrug Satans auf.

1Kor 12 sagt einiges zu den Geistesgaben, es sollen grundlegende Dinge klar werden: Jeder Christ ist mit dem Heiligen Geist versiegelt, er braucht keine Geistestaufe in einem zweiten Schritt. Der Heilige Geist kommt im Augenblick der Wiedergeburt (Kol 1,18; Eph 1,13). Jeder Christ hat daher eine oder mehrere Gaben des Heiligen Geistes. Es gibt keinen echten Christen ohne irgendeine Geistesgabe. Kein Christ hat alle Geistesgaben. Nur in dem Herrn Jesus Christus wohnte der Heilige Geist voll und ganz. Er hatte alle Gaben zu 100% (Joh 3,34). Heute möchte Gott, dass die Christen untereinander abhängig sind, um die Gemeinschaft zu fördern. Es gibt auf der anderen Seite keine allgemeine Geistesgabe, die ausnahmslos jedem Christen gegeben wäre. Es gibt in der Liste der Gaben in 1Kor 12 eine Rangordnung in der Bedeutung. Die unwichtigste Gabe wird als letztes genannt, und es ist die Gabe der Sprachenrede. Wenn du heute als wiedergeborener Christ die Gabe der Sprachenrede nicht hast, dann brauchst du dir keine Sorgen zu machen. Du hast mit Sicherheit mindestens eine andere Gabe, und diese Gabe ist wichtiger als die Sprachenrede. Ende des Exkurses.

 

Es geht weiter mit den Versen 14-29. Jesaja wird verspottet, weil er vor dem Bund Israels mit Ägypten gegen Assyrien warnt. Dieser Bund wird aus Sicherheitsgründen geschlossen. Juda fühlt sich sicherer an der Seite Ägyptens, aber die Invasion der Assyrer wird kommen. Dies wird in Vers 15 im Bild der großen Flut gezeigt, einem bekannten Schriftsymbol für eine militärische Invasion. Ihr Vertrag mit Ägypten ist ein Vertrag mit dem Totenreich (Vers 15), denn auf Ägypten ist noch nie Verlass gewesen. Ägypten wird ihnen nicht helfen gegen den Assyrer, sie werden umkommen. Hätten sie Jesaja geglaubt, dann wären die Assyrer nicht gekommen, nun aber werden sie kommen.

In Vers 16 wird der Stein in Zion gelegt. Dieser Stein ist ein Hinweis auf den kommenden Retter, den Messias (Dan 2,34; Dan 2,44-45; Ps 2,6; Ps 118,22). Juda ist nicht in die Ruhe des Gehorsams eingetreten. Die geistliche Anwendung gilt auch für uns als Christen (Mt 21,42; Apg 4,11; 1Kor 3,11; 1Pe 2,6). Auch die Christen sind aufgefordert, dem Herrn in den Bedrängnissen zu vertrauen, denn dann werden sie in seine Ruhe und in seinen Frieden eintreten können, welcher von den Umständen unabhängig ist (Phil 4,6-7).

Der Bund Judas mit Ägypten wird nicht ein Bund mit dem Himmel sein, sondern mit der Hölle. Er wird zum genauen Gegenteil von dem führen, was er versprochen hat, nämlich zu Unsicherheit und Unbequemlichkeit. Das Bett wird zu klein sein und die Decke zu kurz. Die Unterzeichnung des Bundes wird den Zorn Gottes hervorrufen. Gott wird sich erheben wie am Berg Perazim (wo David die Philister schlug) und wie im Tal Gibeon (wo Josua die Kanaaniter schlug). Dieser Tag wird der Tag des Herrn genannt oder die seltsame Arbeit oder das seltsame Werk des Herrn. Gott richtet eigentlich nicht gerne, aber jetzt wird es nötig sein.

Obwohl das Gericht hart ist, wird es noch immer durch Gnade gemäßigt. Es wird damit verglichen, wie ein weiser Ackerbauer sein Land behandelt. Das schmerzvolle Pflügen dauert nicht endlos. Es wird gefolgt von der Aussaat. Israel muss gepflügt werden, um die Sünder zu vertilgen, die geistliche Wiedergeburt des treuen Überrestes herbeizuführen und eine nationale Errettung Israels zu erreichen. Unterschiedliche Samenarten müssen unterschiedlich hart gedroschen werden, und auch dies wird nicht endlos andauern. Gott wird die Schwere und die Dauer des Gerichts in Vollkommenheit bestimmen und ausführen.

 

Kapitel 29

Das zweite Wehe. Das Wort Ariel kann entweder Gotteslöwe (33,7) bedeuten oder brennender Altar Gottes (43,15-16). Beide Bedeutungen sind in Kapitel 29 zu finden. David machte Ariel zur Hauptstadt Israels. Jerusalem hätte der Gotteslöwe sein sollen (2Sam 5,6-10). Aber es wird wegen seines Unglaubens der brennende Altar Gottes werden. Gott selbst wird die Stadt belagern und niederreißen (später durch Babylon). Die Juden werden aus dem Staub heraus zu ihm flehen (Vers 4). Danach werden aber die Feinde bestraft werden, weil sie zu weit gegangen sind. Sie werden in einem Augenblick weggefegt werden und verschwinden wie feiner Staub, wie ein böser Traum. Dies hat sich in der Belagerung durch den Assyrer und in seinem plötzlichen Untergang vor den Augen des Volkes vorläufig erfüllt.

Die blinden Führer der Gegenwart sind jedoch schuldig an der Verirrung des Volkes, denn sie vertrauen den falschen Propheten und nicht Jesaja. Sie sind verblendet und trunken. Deshalb wird die Wahrheit Gottes jetzt den Gebildeten und den Ungebildeten verschlossen sein. Wer lesen kann, der wird sich weigern, das versiegelte Buch Gottes aufzuschlagen. Wer nicht lesen kann, der wird nicht nach einem suchen, der es ihm vorliest, sondern das Buch einfach weitergeben an andere (Verse 11-12).

Das dritte Wehe kommt in den Versen 15-24. Die Anführer reden zwar geistliche Sprache, aber ihr Herz heuchelt. Religiöse Traditionen scheinen bedeutender als das Wort Gottes. Der Herr Jesus Christus bezieht sich hierauf in Mt 15,1-9 und klagt die Pharisäer an. Religiosität ohne Gehorsam ist wertlos. Ab Vers 17 kommt aber dann die Verheißung einer Wiederherstellung, welche sich in Kapitel 37 in der Rettung der Stadt vor dem Assyrer vorläufig in Jesajas Zeit erfüllte. Durch das Gericht würde Gott den Überrest reinigen und erretten, sie werden ihn und den Betrug ihrer Führer erkennen.

Der Inhalt des Textes weist jedoch noch weiter. Wir sehen den von seiner eigenen Hand gepflanzten Baumgarten des Herrn auf dem Libanon als Hinweis auf die Gemeinde der Erlösten (Ps 104,16; Mt 15,13-14). Es hat eine Umwandlung des Volkes stattgefunden. Die Tauben werden hörend, die Blinden sehend, die Elenden werden sich am Herrn freuen, der Tyrann wird verschwunden sein. Vers 29 erwähnt Abraham und erinnert uns an den Glaubensbund ohne Gesetz. Die Murrenden werden ein gehorsames Herz empfangen und den Heiligen Jakobs, den Gott Abrahams, ehren. Dieser Blick geht weit über die Vorerfüllung in Kapitel 37 hinaus. Er zeigt uns zum einen die Gemeinde der wiedergeborenen und geistlich verwandelten Gläubigen unserer Zeit auf der ganzen Erde, andererseits auch den Zustand auf der neuen Erde in der neuen Schöpfung (4,1-6; Hes 36,26; Zeph 3,15; Mt 11,4-6; Off 22,3-4). In Kapitel 35 wird uns etwas sehr Ähnliches begegnen.

 

Kapitel 30

Das vierte Wehe. Wehe den widerspenstigen Kindern, Wehe denen, die nach Ägypten hinabziehen! Sie suchen Sicherheit in dem Land Ägypten, aus dem Gott sie einst mit großen Wundern herausgeführt hat. Es ist fast wie eine geistliche Umkehrung des Exodus. Aber Gott wird seine Kinder jetzt disziplinieren. Das Ergebnis wird Schande und Verwirrung in Israel sein.

Das Wort über das Tier des Südens zeigt die Wertlosigkeit der ägyptischen Hilfe. Es ist nur Rahab, die still sitzt und ansonsten nichts tut. Rahab bedeutet eigentlich Großmaul. Ägypten ist wie ein Bruchstück in einer Mauer, das plötzlich herabstürzt. Etwas ganz Ähnliches lesen wir bei dem späteren Propheten Hesekiel, welcher in der Babylonischen Gefangenschaft diente und den damaligen Rest der Juden in Jerusalem und Babylon davor warnte, auf Ägypten als Helfer gegen Nebukadnezar zu vertrauen.

Jesaja ruft zur Umkehr auf, aber sie sind gleichgültig. Sie wollen sogar das Wort nicht hören und fordern Jesaja auf, es zu verändern. Der echte Prophet sagt jedoch weiterhin das Wort Gottes. Die Konsequenz wird der Fall des Hauses Israel (das Bruchstück, das Geschirr) und die Flucht sowie die Entvölkerung sein. Sie sollten still sein und zurückkehren, aber sie wollen nicht. Egal wie schnell sie reiten werden, der Feind (der Assyrer) wird noch schneller sein. Die Angst wird so groß sein, dass tausend von ihnen vor einem fliehen werden (ein rhetorisches Bild).

Verse 18-26: Die Zukunft wird zwar Wiederherstellung bringen, aber wegen ihres Ungehorsams werden sie darauf einige Zeit zu warten haben. Gott wird die Wartenden am Ende segnen. Züchtigung und Zurechtbringung benötigt immer auch Zeit, es geht nicht auf Knopfdruck. Sie werden den gerechten Lehrer finden und ihn mit ihren eigenen Augen sehen. Dies ist in der Vorerfüllung ein Hinweis darauf, dass der Prophet vor den Augen des Volkes gerechtfertigt sein wird.

Darüber hinaus deutet es natürlich auch auf das Kommen des Herrn Jesus Christus, des gerechten Königs, Lehrers und Propheten hin, welcher 700 Jahre später als der verheißene Immanuel zu ihnen kommen wird. Er wird zu ihnen sagen: „Dies ist der Weg, den geht!“ (Vers 21). Die Gläubigen werden es annehmen und nachfolgen. Sie werden den Heiligen Geist als Führung haben und alle ihre Götzen vernichten (Verse 21-22). Die Verse 23-26 reden dann erneut über die ewigen Segnungen Gottes für sein Volk, welche heute bereits geistlich vorhanden sind, und welche einmal die ganze erneuerte Erde in Macht und Herrlichkeit erfüllen werden. Vers 26: Die Verstärkung des Mondlichtes und der Sonne als poetisches Bild für die alles überstrahlende Helligkeit des göttlichen Lichtes in der neuen Schöpfung.

Die Verse 27-33 führen uns wieder in die Gegenwart Jesajas und des Volkes zurück. Die Zerstörung der Assyrer wird nochmals erwähnt. Sie werden gegen die Stadt aufmarschieren. Der zornige Atem des Herrn wird sie anwehen und wegfegen. Die Juden werden jubeln, singen und die Flöte spielen in der Nacht. Der niederfahrende Arm des Herrn erinnert an das Herunterhauen der Äste des Assyrerwaldes in Kapitel 10. Jeder einzelne Schlag wird erwähnt. Der Assyrer wird in das Feuer des Totenreiches hinabfahren, welches für ihn bereitet ist.

Auch hier gibt es (ebenso wie in Kapitel 10) noch eine zweite Deutungsebene, welche auf das Ende geht. Dann wird das Volk Gottes auf der ganzen Erde von der gewaltigen Übermacht des Feindes bedroht werden. In der Zukunft wird Gottes Zorn gegen alle Nationen ergehen beim zweiten Kommen des Herrn. So auch in Kapitel 34 und 63. Man wird ein neues Passahlied singen in Erinnerung an den Exodus und das alte Passahlied in 2Mo 15. Was Gott in der Zukunft an allen Nationen tun wird, das tut er jetzt an Assyrien. Kapitel 36 und 37 werden uns die geschichtlichen Hintergründe der Vorerfüllung dieser Weissagung liefern. Die weitere Erfüllung betrifft wie gesagt unser gegenwärtiges Gemeindezeitalter. Die endgültige Erfüllung liegt in der Ewigkeit.

Der Assyrerkönig bildet hier den Teufel ab, welcher am Ende alle Nationen anführen wird. Er wird in Entsetzen geraten. Das Topheth ist für ihn bereitet. Dies war geographisch zur Zeit Jesajas ein Ort vor der Stadt Jerusalem zwischen dem Hinnomtal und dem Kidrontal. Hier wurden Menschenopfer dargebracht und der Schutt verbrannt, es gab ein immerwährendes Feuer. Im Neuen Testament ist die Stelle als Akeldama bekannt, als Blutacker des Judas. Aus Gei Hinnom wurde später Gehenna, das Wort für Hölle. Gott hat einen Platz ewigen Feuers, ein Topheth, für den Teufel, für seine Dämonen und für alle unbußfertigen Sünder der Welt bereitet.

 

Kapitel 31

Das fünfte Wehe. In dieser Welt haben wir es zu tun mit gewaltigen Widerständen und mit unserer eigenen geistlichen Blindheit. Der Herr ist aber mächtig zu erretten, auch in letzter Minute noch. Die starken Feinde verlassen sich auf ihre eigenen Mittel (Vers 1), aber der Herr ist über seinem Volk zur Rettung und wird die Wege der Feinde durchkreuzen. Die Verse 1-5 reden über Katastrophen und über die Rettung daraus.

Jerusalems Führer hatten den Glauben an Gott durch den Glauben an ihr eigenes politisches Geschick ersetzt, die geoffenbarte Wahrheit übersehen und den gesunden Menschenverstand über Bord geworfen. Gott wird es aber nicht erlauben, dass sein Volk bei einem anderen Volk Hilfe sucht. Er ist nicht nur souverän im Himmel, sondern auch in allen praktischen Umständen des Daseins auf der Erde. Er ist der Löwe, der seine Beute, nämlich sein eigenes Volk, keinem anderen überlassen wird. Die ganze Menge der (in diesem Bild ägyptischen) Hirten wird das Volk nicht behüten gegen Assyrien, aber der Löwe wird es behalten. Die Ägypter sind nur Menschen, ihre Pferde sind nur Fleisch, sie werden keine Macht zur Hilfe bringen. Gott genügt. Die Juden sollen in Vers 6 umkehren, anstatt auf Fleisch zu vertrauen. Sie sollen ihre Götzen wegwerfen. Die Rettung wird nicht durch Menschen kommen, sondern von Gott selbst. Das gilt durch die ganze Geschichte des Volkes und durch das Leben des Einzelnen hindurch. Gott wird den Assyrer zerschmettern und den Überrest der Assyrer verängstigen. In Kapitel 36 und 37 wird dies beschrieben.

 

Kapitel 32

Dem dunklen Tag der Schlacht gegen den Assyrer folgt hier die Herrschaft des gerechten Königs in seiner gerechten Gesellschaftsordnung. Hiskia war zwar ein guter König, machte aber trotzdem einen schweren Fehler. Hier wird der zukünftige König gezeigt, der niemals einen Fehler machen wird. Kapitel 32 ist nach der sinngemäßen geistlichen Stellung im Kontext des gesamten Buches Jesaja ein ganz ähnliches Kapitel wie 4Mo 15 im Kontext des vierten Mosebuches. In allem Versagen auf der Wüstenwanderung zeigt Gott auch dort seinem Volk, wie es einmal im Land sein wird.

Aus Kapitel 9 kennen wir schon den gerechten Immanuel auf dem Thron. Die Menschen werden sicher und verlässlich werden. Blindheit, Taubheit und Verhärtung werden beseitigt sein. Alle Menschen werden so gesehen werden, wie sie wirklich sind. Der Narr wird nicht mehr als weise gelten, der Weise wird anerkannt werden. Der Heilige Geist wird auf ganz Israel ausgegossen sein. Gerechtigkeit und Recht, Frieden, Ruhe und Vertrauen werden da sein. Keine Feinde mehr, allumfassender Segen im Land. Hier finden wir einen klaren Hinweis auf eine erlöste Nation der Zukunft, in deren Herzen der Gehorsam gegen Gott für immer sein wird und welche in Sicherheit wohnen wird. Es wird die Gemeinde Christi sein, das geistliche Israel des Gemeindezeitalters, noch auf dieser Erde und einmal in der ewigen Zukunft auf der neuen Erde.

In den Versen 9-14 werden die Frauen angesprochen, die sich ebenfalls in selbstgefälliger Ruhe und Sicherheit gewiegt hatten. Sie werden erschrecken, wenn sie die harten Realitäten des Krieges, des Hungers und der Belagerung erfahren müssen. Das Desaster wird aber auch für sie nicht das letzte Wort sein.

Die Verse 15-18 verheißen die Lösung durch das Ausgießen des Heiligen Geistes. Dies wird in letzter Minute geschehen. Der König wird kommen und alles erneuern. Wir erkennen auch hier neues Leben aus Gott, Umgestaltung der Erde, Etablierung echter moralischer und geistlicher Werte, Frieden und Sicherheit. Bevor dies alles da sein wird, wird in Vers 19 der Wald (des Assyrers) fallen, was ein Bild der Erniedrigung aller weltlichen Macht unter das Volk Gottes ist. Die Stadt wird erniedrigt werden, im Bild das Ende aller menschengemachten Organisationsstrukturen in der Welt. Wir können hierbei an die bedeutungslose Stadt der Nationen im vorangegangenen Teil denken. In Vers 20 werden diejenigen gesegnet, welche sich in den Wegen Gottes erhalten und das Richtige tun.

In dieser Betrachtung des Propheten können wir an das Leben der Christen in der Welt denken. Auch sie machen Fehler und müssen manchmal vom Herrn zurechtgebracht werden. Auch sie stehen großen Herausforderungen und Bedrohungen gegenüber, werden aber vom Herrn bewahrt und bisweilen in letzter Minute gerettet. Auch sie sind erneuerte Menschen, welche zu einem erneuerten Volk gehören, das nach den Grundsätzen Gottes lebt. Auch sie werden nach allen Schwierigkeiten des heutigen Daseins auf ewig gesegnet sein.

 

Kapitel 33

Hier beginnt das sechste Wehe, welches bis zum Ende von Kapitel 35 reicht. So wie das dritte Wehe visionär auf das Ende ausgerichtet war, so ist es auch dieses letzte Wehe. In Vers 1 wird zunächst der kommende Assyrer zurechtgewiesen und verurteilt. In Vers 2 ruft das bedrängte Volk zu Gott. Gottes Leute leben im Vertrauen auf die himmlische Macht und durch das Gebet. Die Verse 3-4 zeigen die Chancenlosigkeit der Welt gegen die Macht Gottes, welcher im himmlischen Zion wohnt (Vers 5). Er selbst wird seine Leute zur Reife bringen, er selbst wird ihre Stabilität sein und sie mit allem versorgen.

Die Verse 7-9 zeigen im Gegensatz dazu das Weltgericht auf dem Hintergrund der assyrischen Bedrohung. So wie der Assyrer vor Jerusalem, so wird einmal die ganze Welt in sich zusammenfallen. Die Weltordnung der menschengemachten Prinzipien wird enden. Die schönen Dinge dieser Welt (Libanon, Saron, Baschan, Karmel) werden durch die Sünde und das Verhalten der Menschen verdorben sein. Die Sünde wird den Saft des Lebens in dürres Stroh verwandeln. Dies ist die Verfassung in welcher sich die gottlose Welt bis zum Gericht immer mehr befinden wird. In den Versen 10-12 kommt dann das Gericht durch Feuer. Die Heiden werden ganz verbrannt, in Zion nur die Sünder. Es wird den Überrest der Geretteten geben. In Jerusalem kam die Vorerfüllung durch die totale Vernichtung des Assyrers und die Verschonung des Volkes in der Stadt.

Die Verse 14-16 zeigen den Schrecken der Sünder in Zion. Das Altarfeuer Gottes brennt, aber beim Altar dürfen nur die bleiben, welche die Voraussetzungen von Vers 15 erfüllen. So ist es auch in unserer Zeit. Der Sünder muss zuerst vor den Anforderungen Gottes erschrecken und seine eigene Verlorenheit anerkennen, bevor er eintreten kann. Diejenigen die eintreten dürfen, werden in Vers 17 den König erblicken. Es wird Herrlichkeit sein, Sicherheit ohne Bedrücker, ohne das Geschwätz der Feinde. Aber wie kann man es schaffen, in das neue Zion tatsächlich einzutreten? Wie kann man vor Gott bestehen, wenn er richtet?

Vers 20 zeigt erneut die Vollkommenheit der Stadt, die Verse 21-23 noch einmal den vollkommenen König. Diesmal ist er nicht nur der Herr des Landes wie in Vers 17, sondern auch der Herr des Meeres, gegen den kein Schiff ankommt. Er ist der Herr über alles. Er hat die Schlacht gewonnen, er ist der Retter. Die Frage wird immer drängender: Wie kann man in diese Stadt mit diesem König hineinkommen?

Vers 24 gibt endlich die Antwort. Man braucht Vergebung der Sünden. Den Bewohnern dieser Stadt sind die Sünden vergeben! Niemand von ihnen wird mehr schwach sein, weder leiblich noch geistlich. Es wird das verwandelte Volk sein in der Errettung. Hier dürfen wir natürlich an die Rettung, an die Vergebung und die Wiedergeburt zum ewigen Leben denken. Das Volk in der Stadt sind diejenigen, die das ewige Leben und die Vergebung der Sünden besitzen.

 

Kapitel 34

Alle Nationen wurden von Gott aufgefordert, ihm zuzuhören, aber sie wollten nicht hören. Die Botschaft vom Heil in Zion ist zu ihnen gekommen, aber sie haben sie verachtet. Jetzt ruft Gott sie wieder zusammen, aber diesmal zum Gericht. Der Zorn Gottes geht gegen alle Nationen. Die Heere aus allen bewohnten Teilen der Erde werden aufgefordert, sich zu sammeln. Also ist auch hier der Hintergrund Harmageddon. Die Armeen wollen das Volk Gottes vernichten, aber Gott plant die Vernichtung der Armeen und führt sie auch aus. Über sie kommt der schwerste Fluch, der hebräische kerem, der auch über Jericho kam. Alles wird mit Leichen bedeckt sein, ihr Blut wird den Boden aufweichen. Das Heer des Himmels wird vergehen. Die Schlachtung wird als ein Opfer Gottes angesehen (Off 19,17-18; Hab 3).

Der Grund ist in Vers 4 Edoms immerwährende Bosheit und Schadenfreude gegen Israel. Jetzt ist der Tag der Vergeltung gekommen. Edom ist hier wegen seines unbändigen Hasses gegenüber dem Volk Gottes im Bild Jesajas der geistliche Repräsentant aller Nationen der Erde. Genauso finden wir es zum Beispiel auch in Hesekiel 35. Edom (wie auch Babylon) werden brennen. Es wird keinen Adel mehr geben, der einen neuen König wählt. Gott vergleicht die Edlen aus Edom mit Tieren, deren Opferblut bei der Schlachtung fließt.

Das Geschehen in Edom spiegelt in diesem Bild das weltweite Geschehen beim letzten Gericht wieder. Aller Lebensraum wird vernichtet werden. Staub, Pech, ewiger Rauch symbolisieren das endgültige Aus im Gericht. Das Einfallen aller möglichen Tiere in das Land zeigt im Bild das Verschwinden der menschlichen Gegenwart an. Die Menschheit ist im Gericht untergegangen. Das ist das Ende der alten sündigen Welt: Menschenleer, sinnlos, gestaltlos, bedeutungslos. Dieser Zustand wird in Vers 17 endlos weiterbestehen. Die Nachtwesen und die Bocksdämonen (Lilith) werden in dem verwüsteten Edom (in der Welt des Todes) hausen zwischen brennendem Schwefel und Pech. Dies ist ein poetisches Bild Jesajas, welches auf die ewige Höllenstrafe der Feinde Gottes in der Ewigkeit hinweist.

 

Kapitel 35

Dieses Kapitel ist der abschließende geistliche Höhepunkt des Abschnitts der sechs Wehen. Es ist im Hebräischen ein liebliches Gedicht, basierend auf dem Bild des Auszugs des Volkes aus Ägypten. Wir sehen Pilger in der Wüste. Sie erkennen, dass ihre Umgebung sich für sie verändert und zu einem blühenden Narzissenfeld wird. Inmitten der sie umgebenden Wildnis erkennen und erfahren sie die Herrlichkeit des Herrn. In Vers 10 werden sie als die Erlösten des Herrn identifiziert, was die Bedeutung des Bildes für uns als heutige Christen klar anzeigt. Auch der Bezug zu Mt 11,4-5 ist deutlich, denn dort zitiert der Herr selbst die Verse 5-6 unseres Kapitels in leicht abgewandelter Form.

In der Wüste auf dem Weg zum Berg Sinai gab es Wasser aus dem Felsen, welches mit Sicherheit ebenfalls zu einem kurzzeitigen Erblühen der Umgebung führte. Hier jedoch erkennen wir, wie die Pilger der Zukunft durch eine verherrlichte Umgebung laufen. Der Himmel ist blauer als nur blau, die Erde ist grüner als grün, das Leben pulsiert in Allem, sie sehen Dinge, die sie ohne ihre Erlösung nie gesehen hätten.

Die Exoduspilger aus Ägypten hatten nur Wildnis vor sich gesehen. Das Erblühen kam für sie erst, als sie sich auf den Weg gemacht hatten. Sie mussten zuerst gehen und konnten erst dann erfahren, dass ihr Gott auf Schritt und Tritt mit ihnen ging. Deshalb brauchten sie die Ermunterung der Verse 3-4, welche auch die erlösten Pilger der Zukunft auf ihrem Weg durch die Wildnis der Welt immer wieder brauchen werden.

Die Verse 5-7 reden dann über die Erlösung selbst. Die Pilger werden völlig verwandelt, sie gewinnen übernatürliche Kraft von Gott und kommen in die geistliche Schau ihres Weges hinein. Sie sind nämlich auf dem Weg von Ägypten (dem alten Weltsystem) durch die Wildnis der Welt hindurch hin zu dem Berg Zion im ewigen Land (2,1-4; Hebr 12,22-24). Die Wasserquellen brechen aus dem dürren Boden hervor und bewässern ihre neue Welt. Vor ihnen ist der hohe Weg der Heiligkeit und der Heiligung geöffnet, auf dem kein Unreiner gehen kann. Sie können aber darauf gehen, denn sie sind gerettet, gereinigt und erlöst.

Wie das geschehen wird, sagt Jesaja hier noch nicht. Er sagt nur, dass es geschehen wird und dass alle Anforderungen Gottes erfüllt sein werden. Die sichere Erreichung ihres Zieles Zion hängt nicht von ihrer eigenen menschlichen Fähigkeit ab, sondern sie ist ein fester Bestandteil ihrer Erlösung, die ihnen von Gott selbst zuteil geworden ist (1Kor 1,30-31). Der Herr ist der Löser, der Erlöser, der Goel (Ru 3,12; 4,1-6), nur er allein kann sein Volk erlösen. Die Erlösten von Vers 10 können schon jetzt in der Freude der Rettung wandeln auf dem Weg des Heils und werden am Ende in der Fülle der Freude mit allen Erlösten zusammen auf dem Berg Zion stehen.

 

Kapitel 36

Die Kapitel 36-39 behandeln die geschichtlichen Ereignisse, welche in den vorhergehenden Kapiteln angekündigt wurden. Die vier Kapitel sind in aramäischer Prosa geschrieben. Gott zeigt uns hier, wie der größte Teil der Weissagungen Jesajas aus den ersten 35 Kapiteln des Buches erfüllt wurde. Dadurch bestätigt sich die Echtheit seines Dienstes und beweist sich seine ihm von Gott verliehene Autorität. Die nahen Prophetien haben sich innerhalb eines überschaubaren Zeitrahmens erfüllt, und somit kann man wissen, dass sich auch die fernen Vorhersagen noch erfüllen werden. Dies wird insbesondere für den letzten Abschnitt des Buches von großer Bedeutung sein. Parallele Schriftpassagen zu unserem Abschnitt sind 2Kö 18,13 bis 20,21 und 2Chr 32. Auch Sanheribs eigener Bericht der Ereignisse existiert. Die Grundzüge haben wir im kurzen historischen Überblick am Anfang unseres Textes geschildert.

Der Rabschake steht vor der Mauer Jerusalems, um das Volk einzuschüchtern. Es ist dieselbe Stelle wie bei Ahas in Kapitel 7: Bei der Wasserleitung des oberen Teiches an der Straße des Walkerfeldes. Hiskia war genauso ungehorsam wie Ahas, und er muss jetzt an derselben Stelle stehen. Eljakim war bereits der neue Verwalter, Schebna ist zum Schreiber degradiert. Dies ist schon die beginnende Erfüllung der Weissagung Jesajas in 22,15-25. Der Rabschake schmäht Juda sehr, er nennt Hiskia nicht einmal einen König! Er nennt Ägypten einen geknickten Rohrstab, der einem in die Hand fährt, wenn man sich auf ihn stützen will und bestätigt so die Weissagung Jesajas in Kapitel 30.

Aber dann sagt er, dass Gott nicht imstande sei, Jerusalem zu helfen, und das ist ein tödlicher Irrtum. Er beginnt zu prahlen mit der Stärke seiner Armee und bietet Hiskia sogar 2000 Pferde an, wenn dieser 2000 Reiter aufbieten kann. Er sagt, dass Gott jetzt den Assyrern hilft, und das stimmt sogar. Aber durch sein Prahlen geht er den entscheidenden Schritt zu weit. Die ganze Unterhaltung läuft auf Hebräisch, das bedeutet eine Form psychologischer Kriegsführung. Das Volk soll sich ergeben, um nicht getötet, sondern lediglich deportiert zu werden. Und dann kommt eine dumme Forderung: sie sollen sich davor hüten, auf den Gott Israels zu vertrauen. Das Volk bleibt völlig still auf der Mauer, während die Delegation der Juden klagt.

 

Kapitel 37

Nun kommt der Wendepunkt der Sache. Die Juden und ihr König erkennen, dass sie den Gott Israels anflehen müssen. Hiskia demütigt sich tief, geht in den Tempel und sendet Boten zu Jesaja. Es ist jetzt ein Tag der Bedrängnis und der Verachtung, ein Tag der Wehen ohne Kraft zur Geburt. Jetzt wird Jesaja ehrlich um Gottes Hilfe gefragt. Sein erstes Wort lautet: Fürchte Dich nicht. Dann werden die Rettung der Stadt und der Tod Sanheribs vorhergesagt. Danach kommt der freche Drohbrief der Assyrer. Hiskia geht damit in den Tempel und ist nun in ehrlicher Demut ganz allein mit Gott. Gott versichert ihn noch einmal der Rettung, damit alle erkennen sollen, wer der Gott Israels ist. 185.000 Assyrer sterben in einer Nacht.

Hier finden wir geistlich gesprochen ein klares Bild der Erlösung der Gläubigen. So wie der Assyrer als der übermächtige Bedränger des Volkes in einer einzigen Nacht geschlagen wird, so wurde auch Ägypten in der Passahnacht geschlagen und so wurde auch der Satan in der Finsternis der drei Stunden am Kreuz von Golgatha vom Herrn besiegt. Er musste abziehen von dem Volk Gottes und in sein Land zurückkehren. Am Ende wird er wieder geschlagen werden und zusammen mit allen seinen Dämonen (vorgeschattet durch das Heer des Assyrers) in den ewigen Tod gehen. Sanherib geht nach Hause und wird einige Zeit später im Tempel seines Götzen von seinen eigenen Söhnen ermordet. Die Situation in Israel normalisierte sich nach diesen Ereignissen innerhalb von drei Jahren.

 

 

Fünfter Teil des Buches:
Das Buch des Dieners, des Knechtes (Kapitel 38-55)

Die gewaltige Errettung des vorangegangenen Buchteiles wird nun zum Hauptthema des fünften Teiles, welcher die Kapitel 38-55 umfasst. Die Errettung wird von Gott einem Volk gegeben, welches sie nicht verdient hat. Auch in den Kapiteln 7-11 war die Verheißung des Erlösers vollkommen unverdient, wobei es dort noch mehr um die Sünden der Führer des Volkes ging. Hier geht es um das ganze Volk. Das tiefliegende Problem ist die Sünde, die Rebellion, die Missachtung des Wortes Gottes und des Herrn der Welt (28,11-12; 30,10-11).

Dieses Problem scheint sich in den Kapiteln 37-39 in der Person Hiskias und in seinem Fehlverhalten zu konzentrieren. Auch Hiskia ist von dem bösen Geschwür des ganzen Volkes aus Kapitel 1 befallen und wird nur aus Gnade errettet, nachdem er infolge der Züchtigung auf den Weg des Glaubens zurückgefunden hat. Danach werden der Trost und die Erlösung in den Kapiteln 40-55 mehr und mehr auf das ganze Volk übertragen. Dieser Teil des Buches wird zum „Evangelium nach Jesaja“. Die Gnade triumphiert. Wir sehen Kyros in 44,28. Er ist ein Bild des kommenden großen Hirten, des Immanuel aus den Kapiteln 7-12, des Herrn Jesus Christus. Das Volk wird nach der Gefangenschaft in Babel (welche Jesaja nicht mehr erlebte) zurückkommen. Auch die Sünden werden vergeben werden. Der Erlöser, der Knecht des Herrn, wird das ganze Volk und alle Nationen der Erde zu Gott zurückbringen, indem er ihre Sünden trägt. Dies sind die Haupthemen des Abschnitts.

 

Jes 40,1-5: „Tröstet, tröstet mein Volk!, spricht euer Gott. Redet zum Herzen Jerusalems und ruft ihr zu, dass ihr Frondienst vollendet, dass ihre Schuld abgetragen ist; denn sie hat von der Hand des HERRN Zweifaches empfangen für alle ihre Sünden. Die Stimme eines Rufenden [ertönt]: In der Wüste bereitet den Weg des HERRN, ebnet in der Steppe eine Straße unserem Gott! Jedes Tal soll erhöht und jeder Berg und Hügel erniedrigt werden; was uneben ist, soll gerade werden, und was hügelig ist, zur Ebene! Und die Herrlichkeit des HERRN wird sich offenbaren, und alles Fleisch miteinander wird sie sehen; denn der Mund des HERRN hat es geredet.“

Jes 49,5-6: „Und nun spricht der HERR, der mich von Mutterleib an zu seinem Knecht gebildet hat, um Jakob zu ihm zurückzubringen – Israel aber wurde nicht gesammelt, und doch wurde ich geehrt in den Augen des HERRN, und mein Gott war meine Stärke –, ja, er spricht: »Es ist zu gering, dass du mein Knecht bist, um die Stämme Jakobs aufzurichten und die Bewahrten aus Israel wiederzubringen; sondern ich habe dich auch zum Licht für die Heiden gesetzt, damit du mein Heil seist bis an das Ende der Erde!«“

Jes 53,5+8+12: „Doch er wurde um unserer Übertretungen willen durchbohrt, wegen unserer Missetaten zerschlagen; die Strafe lag auf ihm, damit wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt worden. (…) Infolge von Drangsal und Gericht wurde er weggenommen; wer will aber sein Geschlecht beschreiben? Denn er wurde aus dem Land der Lebendigen weggerissen; wegen der Übertretung meines Volkes hat ihn Strafe getroffen. (…) Darum will ich ihm die Vielen zum Anteil geben, und er wird Starke zum Raub erhalten, dafür, dass er seine Seele dem Tod preisgegeben hat und sich unter die Übeltäter zählen ließ und die Sünde vieler getragen und für die Übeltäter gebetet hat.“

 

 

Hiskia und der Weg des Glaubens. Die entscheidende Sünde (Kapitel 38-39)

Hier an dieser Stelle führen wir einmalig eine Zwischenüberschrift ein, da wie gesagt die formale Gliederung des Buches Jesaja an dieser Stelle eine Verschiedenheit bei den Auslegern aufweist. Die Mehrheit folgt dem Prinzip „Bibel in der Bibel“ und rechnet die beiden Kapitel dem vorangehenden Teil des Buches zu. Dadurch wird das Buch Jesaja aufgeteilt in 39 Kapitel (entsprechend den 39 Büchern des Alten Testamentes) plus 27 Kapitel (entsprechend den 27 Büchern des Neuen Testamentes). Dies ist eine formale und inhaltliche Gliederung.

Eine Minderheit folgt einer etwas anderen geistlichen Linie und sieht die nun folgenden beiden Kapitel als eine Art Verbindungsstück zwischen zwei benachbarten Blöcken an, welches eher zu dem nachfolgenden Block gehört. Das Argument lautet hier: Die große Errettung und geistliche Erlösung des Volkes Gottes beginnt als alttestamentliches Bild bereits in den Ereignissen, welche mit der Rettung der Stadt vor den Assyrern begannen. Diese Errettung zeigte auf der materiellen Ebene das an, was Gott auf der geistlichen Ebene mit allen Erretteten in der Weltgeschichte tun wird. Daher ist die inhaltliche Verbindung zu den nachfolgenden Kapiteln ebenso berechtigt. Wir möchten beide Sichtweisen als gleichberechtigt nebeneinander stehen lassen und nun auf dem Weg unserer kapitelweisen Betrachtungen fortfahren. Wir werden hierbei erkennen, dass der Text uns mehrere Passagen bietet, welche in ganz besonderer Weise über den Knecht des Herrn reden.

 

Kapitel 38

Kapitel 38 erzählt von Hiskias Krankheit und Heilung. Dies geschieht kurz vor der assyrischen Invasion (2Kö 20,1-11; 2Chr 32,34). Jesaja kündigt den Tod Hiskias an. Hiskia weiß, welche falschen Allianzen er eingegangen ist (siehe unseren historischen Überblick zu Beginn des Textes). Er weiß, dass seine Rebellion gegen den Assyrer ein grober Fehler war. Er weiß, dass er gegen Gott und sein eigenes Volk gesündigt hat. Zu dieser Zeit ist Hiskia erst 39 Jahre alt und hat keinen Sohn. Er weiß nach dem harten Wort Jesajas auch, dass er das Gericht Gottes verdient hat. Er weiß, dass er ungehorsam und eigensinnig gewesen ist. Deshalb dreht er sich mit dem Gesicht zur Wand und klagt verzweifelt. Hier ist echte Buße und echter Kummer, wie wir auch in seinen Aufzeichnungen erkennen können. Gott sieht es und hört Hiskias Gebet.

Sofort wird Jesaja zurückgeschickt. Das neue Wort basiert auf dem Bund mit David. Gott vergibt Hiskias Sünden, gibt ihm 15 weitere Lebensjahre und bestätigt die Weissagung durch das Zeichen des Sonnenzeigers von Ahas. Außerdem erfährt Hiskia, dass der Assyrer die Stadt Jerusalem nicht erobern wird. Vielleicht hätte auch Ahas um dieses Zeichen bitten sollen, als er Gottes Angebot ablehnte. Nach drei Tagen ist Hiskia durch das Auflegen von Feigenkuchen auf das Geschwür gesund. Dies ist eine Wunderheilung Gottes, und nicht bloß eine medizinische Behandlung.

Hiskia schreibt seine Gefühle in einem Lied auf. Er wird auch weiterhin Gott öffentlich im Tempel anbeten können. Drei Jahre nach diesen Ereignissen wurde Manasse geboren, der bösartigste von allen Königen in der Geschichte des Südreiches Juda. Wegen seiner Taten verhängte Gott letztlich die babylonische Gefangenschaft (Jer 15,4).

 

Kapitel 39

Dieses Kapitel erzählt von der babylonischen Delegation des Königs Merodach Baladan in Jerusalem (zwischen 704 und 703 v.Chr.). Merodach Baladan eroberte Babylon und regierte von 721-710. Dann wurde er von Sargon II vertrieben. Er eroberte jedoch die Stadt zurück und regierte nochmals 9 Monate von 704-703. In dieser Zeit kam die Delegation, weil Merodach eine Allianz gegen Assyrien schmieden wollte. Danach wurde er nochmals vertrieben.

Hiskia war in dieser Zeit gerade von seinem bösen Geschwür genesen (Vers 1), denn die Delegation kam offiziell zu einem „Krankenbesuch mit Geschenken“. Er hatte drei Tage vor seiner Heilung gewusst, dass der Assyrer die Stadt nicht erobern würde. Wahrscheinlich war es hier kurze Zeit nach der Befreiung. In seiner Zeit würden ja Friede und Sicherheit sein, wie er es gegenüber Jesaja ausdrücklich betonte (Vers 8). Er war wohl in der Hochstimmung der persönlichen Erleichterung über all das und hatte offensichtlich schon wieder vergessen, was zu seiner großen Not geführt hatte. Er hatte den Test Gottes nicht bestanden. Hiskia wird von den Christen oft in einem weit besseren Licht gesehen als es der Wirklichkeit entspricht. Eigentlich war und blieb er schwach und egoistisch.

Nun war er sogar stolz über den weitgereisten Besuch, der ausgerechnet zu ihm gekommen war (Vers 3) und zeigte den Babyloniern alles. Die Babylonier, die eigentlich nur im Schilde geführt hatten, einen Verbündeten für ihre Allianz gegen Assyrien dazuzugewinnen, hatten nun auch ganz nebenbei noch die ausführliche Gelegenheit, alle Reichtümer Judas zu besichtigen. Mit Sicherheit wurde das in Babylon genau registriert für spätere Zeiten. Wir wissen, dass Nebukadnezar mehr als 100 Jahre später alle Schätze des Tempels und des Schatzhauses mitgenommen hat.

Jesaja stellte Hiskia nur zwei kurze Fragen: Wer sind sie? Die Antwort: Sie sind aus fernem Land gekommen, um mich zu sehen. Was haben sie gesehen? Die Antwort: Sie haben alles in meinem Haus gesehen. Aufgrund des Stolzes Hiskias wird nun das Gericht der kommenden babylonischen Gefangenschaft ausgesprochen. Alles was die Besucher gesehen haben, wird eines Tages nach Babylon gebracht werden. Die jungen Männer werden als Eunuchen oder Kämmerer in Babylon dienen. Unter diesen Männern war später auch Daniel der Prophet.

 

Kapitel 40

Manche Ausleger sehen (wie bereits gesagt) den Beginn dieses Abschnitts in Kapitel 38, denn schon dort beginnt für Israel (im Bild der Befreiung von dem großen Feind Assyrien) die große Erlösung, welche hier beschrieben wird. Diese Ausleger sehen auch noch einen weiteren Abschnitt von Kapitel 56-66. In den Kapiteln 38-55 findet sich nach dieser Einteilung der Dienst des Knechtes des Herrn in allen seinen Aspekten. In den Kapiteln 56-66 findet sich der Dienst des Herrn und des Überwinders aller Feinde, der sein Volk in die ewigen Segnungen des neuen Himmels und der neuen Erde einführt.

Die ersten 11 Verse des Kapitels dienen als eine Art Prolog für den gesamten Abschnitt. Das Thema ist: Tröstet, tröstet mein Volk, gemeint sind die Propheten und Israel. In den ersten 39 Kapiteln ist überwiegend Gericht verkündigt worden, jetzt aber wird der Schwerpunkt auf Segen liegen, mit etwas Gericht. Jesaja ist oft die Bibel in der Bibel genannt worden, denn das Alte Testament hat 39 Bücher, das Neue Testament 27 Bücher. Die Propheten sollen tröstlich mit Jerusalem reden. Sie sollen zum Herzen reden, um es zu gewinnen. Eine weitere mögliche Gliederung in Unterabschnitte wird in 40,2 in einem Vers gegeben:

  1. Ihr Frondienst ist vollendet. In Kapitel 29 beschloss Gott Krieg gegen Jerusalem, aber jetzt ist es vorbei. Der Gegensatz zwischen Gott und Israel einerseits sowie den Götzen und den Heiden andererseits wird zu sehen sein. Die Rettung von Babylon in der nahen Zukunft durch Kyrus und von Babylon in der fernen Zukunft durch den Messias mit der endgültigen Vernichtung des babylonischen Götzendienstes wird beschrieben. Dieser Abschnitt reicht von 40,12-48,22.
  2. Ihre Schuld ist vergeben. Das ist der eigentliche Grund für die Beendigung des Frondienstes. Das hebräische Wort bedeutet Zufriedenstellung durch die Zahlung eines Preises. Dieser Preis wird das Blut des Messias in Kapitel 53 sein. Der Knecht des Herrn wird zuerst leiden und für die Sünden des Volkes sterben. Danach wird er verherrlicht werden. Israel wird am Ende zur Höhe seiner ursprünglichen Berufung erhoben sein. Dieser Abschnitt reicht von 49,1-57,21.
  3. Jerusalem hat doppelte Strafe für all ihre Sünden empfangen. Hier wird auch der Gegensatz zwischen der Mehrheit des Volkes und dem treuen Überrest zu sehen sein. Der Abschnitt reicht von 58,1-66,24.

 

Alle drei Abschnitte enden mit einer Beschreibung des Zustandes der Gottlosen. Es ist kein Friede für den Gottlosen, spricht der Herr. Im weiteren Verlauf des Textes möchten wir der bereits in den Überschriften angegebenen Einteilung („Buch des Knechtes“ und „Buch des Überwinders“) folgen.

Ab jetzt wird der Titel „Knecht des Herrn“ mehr und mehr betont. Er kann dreierlei bedeuten: Entweder die ganze Nation Israels oder der treue Überrest Israels oder die Person des Messias Israels. Jesaja wird scheinbar widersprüchliche Beschreibungen des Messias als Knecht des Herrn geben. Der leidende und sterbende Knecht wird dem siegenden und herrschenden Knecht gegenüber gestellt.

Deshalb hat die jüdische Tradition bis zur Gegenwart das Konzept zweier Messiasse entwickelt. Sie sagen folgendes: Der Messias „Sohn des Joseph“ wird die Leidensprophetie erfüllen, und zwar erst zukünftig. Er wird im Krieg von Harmageddon sterben. Dann wird der Messias „Sohn des David“ kommen, den Krieg gewinnen, den ersten Messias auferwecken und danach 1000 Jahre im Königreich regieren. Das Neue Testament zeigt jedoch deutlich, dass es nur einen Messias gibt. Dieser Messias ist Jesus von Nazareth, und er wird zweimal kommen. Beim ersten Kommen erfüllte er die Leidensprophetien, beim zweiten Kommen wird er herrschen. Zudem sagt die Bibel nichts über ein irdisches Millennium in der Zukunft.

Die Botschaft des Trostes beginnt an dem Punkt, an welchem sie am dringendsten gebraucht wird. In Kapitel 39,5-7 hat der Prophet dem König eine dunkle Zukunft unter der Herrschaft Babylons vorhergesagt. Momentan herrscht ja noch Assyrien, und Babylon wird erst noch kommen. Gibt es denn überhaupt keine Hoffnung mehr? Geht es immer so weiter ohne ein Licht am Ende des Tunnels? Nun endlich kommt Gottes Antwort. Es ist eine Botschaft des Trostes und der Erlösung für das Volk. Das tatsächliche Eintreffen der Erlösung wird noch lange auf sich warten lassen. Die babylonische Gefangenschaft wird kommen, und sie wird erst mehr als 150 Jahre später unter Kyrus enden. Danach wird das Volk erneut in den Abfall geraten. Erst nach fast 700 Jahren wird der geistliche und ewige Erlöser in Israel auftreten, der das Volk nicht politisch befreien wird, sondern es durch die Vergebung der Sünden in das ewige Reich Gottes hineinbringen wird, welches die neue Erde erfüllen wird. Der Gott Israels wird selbst in das Seinige kommen als ein Mensch.

Gott muss jedoch bis dahin seinen Weg mit dem halsstarrigen Volk gehen. Sie müssen in der Mühle der Zeit und der Weltereignisse gemahlen und geformt werden, damit immer wieder ein Überrest zu Gott finden kann. Und es gibt noch mehr. Wenn die ewige Erlösung kommen wird, dann wird sie nicht nur für Israel alleine sein, sondern für die ganze Erde (49,5-6). Gott ist ja der Gott des Himmels und der Erde, und er vergisst auch seine Geschöpfe außerhalb Israels nicht. Alle diese gewaltigen Dinge werden nun Schritt für Schritt durch die noch kommende Zukunft Israels und der Welt hindurch entwickelt.

Die Verse 3-11 beantworten die Frage, wie die Propheten Israels reagieren werden, wenn sie zum Trost des Volkes aufgerufen werden. Eine erste Stimme (Vers 3) ruft dringend dazu auf, den Weg des Königs zu bereiten. Im Orient war es damals üblich, beim Staatsbesuch eines fremden Königs eine neue Straße zu bauen oder eine bestehende Straße zu ebnen. Gott der König kommt! Ebnet eine Straße! Die Herrlichkeit Gottes wird allem Fleisch geoffenbart werden! Das bezieht sich auf das erste Kommen des Messias, wie es Mt 3,3 erklärt.

Eine zweite Stimme (Vers 6) fragt: Was sollen wir verkündigen? Die dritte Stimme antwortet im gleichen Vers: Der Mensch ist wie des Grases Blume, die verwelkt. Es ist wahr, was über den Menschen gesagt wird. Gottes Wort ist aber zuverlässig und nicht vergänglich. Alles wird sich mit Sicherheit erfüllen. Die dritte Stimme beschreibt schließlich das Kommen des Herrn (Vers 9) und beantwortet so die Frage der zweiten Stimme. Deswegen wird die Verkündigung des Trostes weitergehen, ganz egal wie die Reaktion in den Tagen Jesajas auch aussehen möge. Der Messias wird einmal kommen, und zwar als Richter der Nationen und als Hirte Israels. Das Volk wird gesammelt werden. Jesaja war einer derjenigen, die positiv auf die Stimmen reagierten. Das ist der Grund, warum die weiteren Kapitel verfasst wurden.

Bis Kapitel 39 sind viele der nahen Weissagungen bereits erfüllt worden. Nun geht Jesaja in seiner prophetischen Schau von der Zeit der Assyrer zu den Babyloniern über. Die Kapitel 36-39 zeigten den Übergang zwischen den beiden Perioden. Der Abschnitt ist somit auf dem gedanklichen Hintergrund der einmal kommenden babylonischen Gefangenschaft geschrieben. Es finden sich Gegensätze zwischen Gott und den Götzen, Israel und den Heiden, der Rettung vor Babylon in der nahen und Babylon in der fernen Zukunft. In 1Mo 11 haben wir den Turmbau zu Babel, wo der Götzendienst begann. In Off 17 wird Babylon noch immer die Mutter der Huren genannt. Diese Stadt war zu allen Zeiten mit Götzen überladen. Israels Hauptsünde war ebenfalls der Götzendienst. Deshalb wird Gott sie einmal zur Strafe in die Gefangenschaft durch das Weltzentrum des Götzendienstes bringen.

In Vers 12 sehen wir die Schöpfung und ihre Präzision, von Gott wie ein Uhrwerk bereitet. Die Verse 13-14 zeigen uns die grenzenlose, unübertreffliche und von nichts anderem abzuleitende Weisheit Gottes, die alles unendlich überragt. Die Verse 15-17 zeigen die gewaltige Größe Gottes. Große Nationen sind für ihn wie ein Tropfen am Eimer. Das bedeutet natürlich nicht, dass der Herr den Menschen nicht beachtet. Es ist lediglich ein Bild für den ganz und gar unaussprechlichen Größenunterschied zwischen Gott und Mensch. Die Verse 18-20 zeigen uns die alleinige Gottheit Gottes gegenüber den nichtigen Götzen, die nur das Produkt menschlicher Kunst sind. Die Verse 21-24 erinnern uns ein wenig an das Buch Hiob. Gott ist der Schöpfer und König, welcher über der Schöpfung thront und alles bis in die kleinsten Einzelheiten kontrolliert. So auch in den Versen 25-26. Gott überhäuft das Volk mit Fragen, die sie alle nicht beantworten können. In den Versen 27-31 wird Jakob (Israel) gefragt, wie er das denn alles aus dem Auge verlieren könnte. Gott ermüdet niemals (28), sondern er selbst gibt dem Müden Kraft wie den Adlern, dass er wieder auffahren und gehen kann.

 

Kapitel 41

Dieser Gott ruft nun alle Nationen vor seinen Thron. Alles was er tut, kann er nur in absoluter Gerechtigkeit tun, daher hier das Bild des Gerichtssaales vor Gottes Thron. Die Frage in den Versen 2-4 ist, wer denn nun eigentlich die Welt regiert, wer denn nun eigentlich die Wege aller Könige lenkt. Es ist der Herr selbst, der Erste und der Letzte (4). Die lächerliche Alternative zu Gottes Herrschaft ist in den Versen 5-7 beschrieben, wo die Menschen aus kollektiver Furcht heraus Götzen von eigener Hand produzieren und das Werk verehren.

In den Versen 8-13 wird Israel, der Knecht Jakob, der Auserwählte, der Wurm, ermutigt. Die Feinde werden gegen Israel herankommen und kämpfen, aber sie werden in Nichts aufgelöst werden. Gott ergreift Israels Hand: Fürchte dich nicht, ich helfe dir (13). Die Verse 14-16 vergleichen den Wurm Jakob mit den Bergen, die vor ihm stehen. Der Wurm wird verwandelt in einen Dreschwagen, der die Berge zermalmt. In geistlicher Sprache: Das Volk wird in der Kraft Gottes durch alle Widrigkeiten hindurchkommen. Der Wurm Jakob braucht sich nicht zu fürchten. In Psalm 22 hat der Messias diese Stellung eines Wurmes im Gericht eingenommen. Er trug am Kreuz den Fluch des Gesetzes Moses und die Strafe für die Sünden des Volkes.

Die Verse 17-20 zeigen Gottes Fürsorge für die Bedürftigen und Elenden. Diese sind unter der Last des Lebens gedemütigt und willig, den Weg Gottes zu gehen. Auf diesem Weg wird sich alles verwandeln: Ströme, Wasserquellen, Fruchtbäume. Hier bereits ein deutlicher Hinweis auf die große geistliche Erlösung, in welcher alles neu werden wird. Die Verse 21-29 bringen uns die Rechtssache der Nationen. Gott klagt sie an, sie sind nichtig, wissen nichts, können nichts vorhersagen. Sie sind immer erst klug im Nachhinein, aber Gott sagt als einziger die Zukunft voraus. In Vers 27 wird von Gott selbst das Kommen des Freudenboten für Jerusalem vorhergesagt, welcher der Knecht des Herrn ist, wie wir noch sehen werden. Gott hat alles als Erster gesagt, und er wird es ganz genau so vollbringen! Die Götzendiener sind in den Versen 28-29 ratlos, ihr Leben hat keine Leitung und keine Perspektive. Nichts kann diese Lücke schließen.

 

Kapitel 42

Hier kommt in den Versen 1-9 der erste Blick auf die große Lösung der Probleme des Volkes. Die Lösung ist der Knecht des Herrn, der Erlöser. Seht nicht auf eure Götzen, seht auf Ihn! Er ist die Antwort auf die Ratlosigkeit der Menschen ohne göttliche Offenbarungen. Dies ist die erste Passage über den Messias als den Knecht des Herrn. Der Zustand des Knechtes wird beschrieben. Der Heilige Geist liegt auf ihm. Das bezieht sich auf die Taufe des Herrn Jesus Christus in Mt 3,16-17. In Jes 11,2 steht der Geist in Beziehung zur Geburt des Herrn, denn er wurde durch den Geist in der Jungfrau Maria gezeugt. In 61,1 ist es die Bevollmächtigung zum öffentlichen Dienst. Er wird das Recht zu den Nationen bringen, ein erster Hinweis auf das Evangelium für die Welt. Er wird nicht auf den Straßen rufen, sein Dienst wird mehr in der Stille sein. Tatsächlich predigte der Herr überwiegend in Synagogen oder zu einzelnen Leuten (Zitat in Mt 12,18-21). Er wird auch nicht andere mit Worten niedermachen. Er wird nicht versagen und nicht aufgeben, bis alles erfüllt sein wird. Was bei seinem ersten Kommen nicht erfüllt wurde, wird sich bei seinem zweiten Kommen ereignen. Er wird geistliche Blindheit und geistliche Sklaverei beenden.

Er wird ein Bund für Israel sein und ein Licht für die Heiden. Das weist zurück auf die Kapitel 8 und 9. Es war Israels besonderes Vorrecht, in eine ganz besondere Beziehung der Erlösung zum Herrn gestellt zu sein (2Mo 6,2-7), ihn zu kennen und ihm als Erlöser zu gehorchen (2Mo 20,1-3). Diese Beziehung begann weltweit mit Noah, wurde auf Abraham eingeengt, wurde in die Form des Gesetzes gegossen unter Mose, und sie wird schließlich  in der Person des Knechtes des Herrn in der Erlösung wieder über die ganze Welt ausgedehnt werden. Die zeitliche Reihenfolge dieser Dinge wird nicht erzählt, sie folgt aber später in Kapitel 49.

Die Verse 10-17 zeigen uns im Bild aller genannten Völker und Gegenden (Inseln und Enden der Erde in der Ferne, Kedar und Sela in der Nähe) das Loblied der Nahen und Fernen, den Gesang der Nationen. Sie waren hoffnungslos und orientierungslos und haben nun Hoffnung und Freude. Es wird nicht verschwiegen, dass der Herr auch Feinde haben wird (13), aber er wird gegen sie heraufziehen und sie besiegen. Das wird endgültig und auf ewig erst am Ende dieses Zeitalters geschehen. Dies passt genau zu der Stelle in 61,1-2, welche der Herr in der Synagoge in Nazareth vorlas (Luk 4,18-19). Der Herr verschwieg dort das Gericht in Vers 2. Zuerst wird er die Erlösung und den Segen der Erlösung über die ganze Welt ausrufen lassen. Das Gericht wird erst am Ende kommen für diejenigen, welche die Erlösung abgelehnt haben. Sie vertrauen weiter auf die Götzen und werden tief beschämt werden.

Ab Vers 18 beginnt der Herr nun damit, den Plan dieser Erlösung Schritt für Schritt zu offenbaren. Israel wird in der babylonischen Gefangenschaft gesehen, welche wegen der Verachtung der Verheißungen Gottes über sie gekommen war. Sie sind blind, beraubt und ausgeplündert. Eigentlich sollten sie der Knecht des Herrn sein, um das Heil Gottes im Angesicht aller Nationen zu verkündigen, denn die Nationen leben in der Dunkelheit und brauchen dieses Licht notwendiger als alles andere, um dem ewigen Tod zu entgehen. Nun aber ist Israel selbst erblindet. Sie sind nicht der gute Knecht des Herrn, sondern ein blinder Knecht wie alle anderen. Kann der Blinde den Blinden leiten? Ein anderer Knecht muss kommen, und zwar nicht nur für die Nationen, sondern jetzt auch für Israel selbst.

Wie tief ist die Not Israels geworden! Sie haben so viel gesehen und es doch nicht beachtet (20). Das Wort Gottes ist ihnen zugänglich, aber sie ignorieren es. Dies kann sich nur ändern, wenn sie innerlich verwandelt werden. Gott musste sie züchtigen, und doch haben sie es noch immer nicht zu Herzen genommen. Sie sind noch nicht verwandelt in ein gehorsames Volk.

 

Kapitel 43

Die ersten sieben Verse reden über Gottes unveränderte Fürsorge für sein blindes Volk. Gott hat Israel für sich geschaffen, es geformt in Ägypten und groß gemacht beim Exodus. Dies erinnert an den Schöpfungsbericht, wo Gott auch schuf, formte und machte. Sie sind sein Eigentum, er hat sie bei ihrem Namen gerufen, und er wird sein Eigentum nicht aus der Hand geben. Sie werden durch Gottes Wasserströme und durch sein Feuer gehen, aber sie werden nicht vergehen. Sie werden den Druck seiner liebenden Hand erfahren müssen, welche sie erziehen und zurechtbringen muss. Sie sind jedoch letztlich in allem sicher wegen seines Namens, wegen der Beziehung zu ihm, wegen seiner Heiligkeit, seiner Macht zu erretten und wegen der Bewahrung, die er ihnen schon in der Vergangenheit gegeben hat.

Verse 8-13: Gott wird sein Volk in einem zweiten Exodus nicht nur aus Babylon herausführen (politische Rettung), sondern sein blindes Volk (Vers 8) auch in einem geistlichen Exodus aus dieser Blindheit herausholen (geistliche Rettung und Erlösung). Hier kommt wieder eine Gerichtsszene. Das blinde Volk und alle Heidenvölker müssen erscheinen. Gott verkündigt allen, dass er der Retter und Erlöser war, ist und sein wird. Es gibt keinen anderen. Er kündigt es an und tut es auch. Niemand kann widersprechen, denn alle sind schuldig und brauchen diese Rettung. Der Vers 11 hat den Zeugen Jehovas ihren Namen gegeben. Die Zeugen Jehovas glauben nicht, dass der Herr Jesus Christus Gott ist, denn gemäß ihrer Lehre ist er der Erzengel Michael in menschlicher Gestalt, der Michael-Christus. Dennoch lehren sie, dass er ein Retter ist. Dies ist jedoch ein Widerspruch in sich selbst. Wenn der Herr Jesus ein Retter ist, dann muss er auch Gott sein, denn Gott ist der einzige Retter, es gibt keinen anderen.

Verse 14-21: Jetzt wird die nahe Errettung durch den neuen politischen Exodus aus Babylon besprochen. So wie Gott sie dorthin führte, so wird er sie auch wieder zurückbringen. Es gab eine Zeit, als Babylon die Israeliten zu Flüchtlingen machte, aber jetzt werden sie selbst Flüchtlinge vor den Persern werden. So wie Gott früher das Rote Meer teilte und die Ägypter vernichtete, so wird er jetzt die Babylonier vernichten. Gott spricht zu seinem Volk: Achtet nicht mehr auf das Vergangene. Seht, ich wirke Neues, jetzt sprosst es hervor (Verse 18-19).

In den Versen 22-28 beginnt Gott, genauer über Israels Sünde und die kommende Erlösung auf der geistlichen Ebene zu reden. Es geht hier nicht mehr um das politische Problem, sondern um das zugrundeliegende Sündenproblem. Gott hatte sie gebildet und aus Ägypten herausgebracht. Die ganze Zeit über hatten sie Opfer dargebracht: Während der Wüstenwanderung, der Landnahme, der Richterzeit und der Königszeit. In der Gefangenschaft konnten sie es nicht tun, da sie kein Heiligtum hatten. Gott selbst war in dieser Zeit ihr Heiligtum (Hes 11,16). Nach der Gefangenschaft wurde der Tempel gebaut und sie brachten wiederum Opfer dar.

Das Problem bestand jedoch darin, dass Israel den eigentlichen Sinn der Opfer nicht erfasste. Gott hatte nämlich den Dienst der Anbetung und der Opfer am Berg Sinai bereits in die Hände eines durch gewaltige Wunder aus Ägypten erlösten und geretteten Volkes gegeben. Der Dienst der Priester und Leviten war zur dankbaren Anbetung Gottes gegeben, ebenso die Brandopfer und die anderen Opfer lieblichen Geruchs. Die Schuldopfer dienten lediglich dazu, Verfehlungen mit Gott in Ordnung zu bringen und die Gemeinschaft wiederherzustellen. Im Gegensatz dazu hatten die Priester und die Lehrer (Pharisäer und Schriftgelehrte) den Dienst an sich zum Zentrum von allem erklärt. Sie hatten das Volk Gottes aus der Barmherzigkeit hinausgedrängt und unter die Regeln des Dienstes versklavt. Deshalb musste Gott den ersten Tempel mitsamt seinen Lehrern und Priestern durch die Babylonier ebenso wegnehmen wie den zweiten Tempel durch die Römer.

Israel war unter die Sünde versklavt, aber durch die korrekte Einhaltung der Vorschriften hatten sie versucht, Gott in die Rolle des Schuldners ihnen selbst gegenüber zu bringen. Gott muss vergeben, weil wir ja den Dienst korrekt ausführen. Das kann Gott nicht dulden. Die Lösung kann nur von Gott selbst kommen, ebenso die Vergebung. Es ist die Erlösung, welche der wahre Knecht Gottes bringen wird, und nicht der blinde Knecht Israel. Diese Erlösung ist nicht politisch, sondern geistlich, nämlich in der Vergebung der Sünden und in der Gabe des ewigen Lebens. Israel hat Gott Mühe gemacht mit seinen Sünden und die Opfer nicht in rechter Weise dargebracht. Gott wird aber vergeben um seinetwillen und ihrer Sünden nicht mehr gedenken (Vers 25). Dies erinnert uns an den neuen Bund in Jer 31,31-34.

 

Kapitel 44

Die Gedanken Gottes aus Kapitel 43 werden hier weitergeführt. Was ist die Konsequenz aus der soeben vorgetragenen Anklage Gottes gegen sein Volk? „So höre nun, mein Knecht Jakob!“ (Vers 1). Israel gehörte Gott schon im Mutterleib, lange bevor es sündigen konnte. Gottes Berufung kann ihn nicht reuen (Rö 11,29). Sie sollen nicht Menschen fürchten, sondern ihn. Obwohl sie sein Ideal weit verfehlt haben, hat Gott das Ideal noch nicht aufgegeben. Die Verse 3-5 reden über die kommende Ausgießung des Geistes Gottes, welche zu der Verwandlung des blinden Volkes führen wird. Die Sünde wird enden, neues Leben wird da sein, sie werden den Herrn ehren.

In den Versen 6-20 kann niemand Gottes Absichten im Weg stehen. Die Herrlichkeit Gottes wird erneut der Unsinnigkeit der Götzen gegenübergestellt. Gott ist der Erste und der Letzte. Er allein versteht den gesamten Ablauf der Geschichte. Er ist der Fels, sein Volk kann ihn furchtlos bezeugen. Götzendienst ist sinnlos und zeigt nur blinde Ignoranz. Die Götzen sind unlogisch, sie können sich nicht über ihren menschengemachten Ursprung und über ihr rein materielles Wesen erheben. Obwohl nichts dahinter ist, halten die Götzen ihre Diener fest im Griff. Es wird dann genau beschrieben, wie die Götzen aus einem Stück Holz fabriziert werden. Das sinnlose, ja lächerliche Handeln der Götzendiener wird hier völlig offenbar. Die eine Hälfte vom Holz wird geschnitzt, die andere Hälfte verbrannt. Niemand merkt es. Wer der Asche nachgeht, den hat sein betrogenes Herz verführt (20).

In Vers 21 beginnt ein neuer Gedankengang. Hier ist der Knecht des Herrn nicht der Messias, sondern der noch blinde Knecht, das Volk. Die Übertretungen werden getilgt werden. Bisher lag der Schwerpunkt noch auf der politischen Erlösung aus Babylon. Jetzt verlagert er sich auf die Erlösung von der Sünde. Gott zwingt die Schwätzer zum Widerruf, der Götzendienst hängt vom Menschen ab und wird mit ihm untergehen. Die wahre Erlösung hängt einzig und allein von Gott selbst ab, und er wird sie bringen. Die Erlösung wird Himmel und Erde zur Freude befreien (23).

Ab Vers 24 kommt derjenige ins Spiel, durch welchen Gott die politische Befreiung tatsächlich zustande bringen wird. In Vers 28 wird sein Name erwähnt, 150 Jahre vor seinem Kommen. Es ist Kyrus. Der Schöpfer des Weltalls wird ihn senden. Er wird den Erlass geben, Jerusalem und den Tempel zu bauen (44,26-28). Kyrus, den Gott seinen Hirten nennt, wird alle Hindernisse während seiner Herrschaft beseitigen, die Städte Judas werden wieder aufgebaut werden. Wieder sagt der Herr, dass eigentlich er das alles vollbringen wird (24). Auch hier finden wir das Bild des Mutterleibs um zu verdeutlichen, dass Gottes Volk seine Familie in dieser Welt ist. Vers 25 bringt die Schwätzer zum Schweigen, Vers 26 kündigt den Befehl zum Wiederaufbau an. Der Befehl wird von dem kommen, der auch zur Meerestiefe spricht, nämlich von Gott selbst.

Kurzer Einschub: Der Erlass des Kyrus bezog sich auf den Tempel und auf die Stadt! Wir finden ihn auch in 2Chr 36,22-23 und in Esr 1,1-4. Somit ist dieser Erlass, und nicht der Erlass von Artasasta derjenige, der in der Schrift klar betont wird. Nach Esr 6,15 wurde der Tempel in Jerusalem am dritten Adar des sechsten Jahres des Darius vollendet, und zwar auf das Wort der Propheten Haggai und Sacharia hin. Diese beiden hatten jedoch schon Jahre vorher gesprochen, nämlich im zweiten Jahr des Darius (Hag 1,1 und Sach 1,1). Wir lesen auch bei Haggai, dass die Leute von Jerusalem schon im zweiten Jahr des Darius in festen getäfelten Häusern wohnten, während der Tempelbau gestoppt war. Genauso berichtet es auch Esra. Zur Zeit Haggais und Sacharias war also der Erlass des Kyrus über den Bau der Stadt bereits teilweise geschichtlich erfüllt. Nur die Fertigstellung des Tempels stand noch aus. Nehemia kam erst Jahre später nach Jerusalem, und in Nehemia 2 erkennen wir, dass bei der Ankunft Nehemias die Stadt schon wieder in einigen Bereichen bewohnt war. Der Aufbau war also seit längerer Zeit im Gange, wenn auch Nehemia die durch einen Angriff der Feinde zum Teil zerstörte Mauer ausbesserte. Siehe hierzu unseren Text: „Esra, Nehemia und Esther in der Chronologie“.

Als Kyrus im Jahr 456 v.Chr. Babylon eroberte, begegnete ihm Daniel, denn Daniel lebte noch mindestens bis zum dritten Jahr des Kyrus. Wenige Monate zuvor hatte Daniel in Babylon das Ende der Gefangenschaft gesehen und zu Gott gebetet. Daraufhin hatte Gott ihm die Weissagung seines neunten Kapitels gegeben. Dan 9,25: „Vom Erlass des Befehls zum Wiederaufbau Jerusalems bis auf den Messias, den Fürsten, sind sieben Wochen und zweiundsechzig Wochen; und die Straßen und Gräben werden wieder gebaut, und zwar in Drangsal der Zeiten.“ Daniel erhielt hier die Weissagung über den Erlass zum Wiederaufbau und konnte wenige Monate später nach der Begegnung mit Kyrus die Erfüllung erleben. Der Geschichtsschreiber Flavius Josephus berichtet sogar, dass Daniel dem Perserkönig die Prophetie von Jesaja 44 zeigte, die damals bereits 150 Jahre alt war.

Interessant ist, dass die weisen Männer aus dem Morgenland in Mt 2 ebenfalls die Prophetie kannten. Sie kamen aus dem Land um Babylon herum und wussten aus ihren Aufzeichnungen, dass dort zur Zeit Moses der Prophet Bileam einen Stern aus Jakob geweissagt hatte, der über die Nationen herrschen würde (4Mo 24,17). Sie kannten die Prophetie Daniels, der ja etwa 600 Jahre vor ihnen der berühmteste Traumdeuter des ganzen babylonischen Reiches gewesen war. Somit konnten sie die Zeit berechnen, in der der Stern zu erwarten war. Aus der Prophetie Bileams in 4Mo 24,17 wussten sie um den Stern des Messiaskönigs und folgten ihm, als sie ihn sahen. Genau das sagten sie später zu Herodes (Mt 2,2). Sie machten sich auf den Weg, weil sie erkannten, dass jetzt alles erfüllt war. Der Beweis dafür, dass sie Recht hatten ist die Tatsache, dass sie zur richtigen Zeit in Jerusalem ankamen. Ende des Einschubs.

 

Kapitel 45

Die Verse 1-7 reden über den Herrn und seinen Gesalbten, nämlich Kyrus. Sein Titel weist erneut auf den kommenden Messias der noch fernen Zukunft hin. Gott benutzte ihn, weil Kyrus ihn dadurch kennen lernen sollte. Kyrus wurde aber kein Gläubiger, sondern fügte Gott nur seinem eigenen Pantheon hinzu. Er erfüllte die Bundeszusagen Gottes für Israel in der Befreiung aus Babylon, und durch ihn sollten die Nationen Gottes Macht kennen lernen. Gott erklärt ihm, dass er selbst die Quelle von Licht und Finsternis ist, um ihn von seinem Zarathustra-Lichtkult abzubringen (Dualismus Licht-Finsternis). Der Gott der Bibel ist die Quelle des Friedens und der Bedrängnis. Vers 8 bringt eine Allegorie. So wie die Fruchtbarkeit der Erde mit dem Regen vom Himmel beginnt, so wird das Heil durch das Handeln Gottes kommen.

Ab Vers 9 werden die Kritiker des Propheten getadelt. Sie hatten gesagt, dass Gott niemals einen Heiden für solch ein Werk benutzen würde. Israel hatte auch die Befürchtung, dass auf den Babylonier nun ein anderer Heide folgen würde, unter dem es noch schlechter werden würde, wahrscheinlich sogar schlechter als vor der Verbannung, denn damals hatte wenigstens noch ein König aus dem Haus Davids über sie geherrscht. Gott fordert sie jedoch auf, nicht zu meckern, sondern sich über die Befreiung zu freuen. Der Ton kann nicht den Töpfer kritisieren, und das Kind im Mutterleib nicht die Mutter. Gott kann tun was er will, und er hat nun einmal Kyrus erwählt. Gott sagt gewissermaßen: „Ich habe alles in der Hand. Lasst mich einfach mal machen und hadert nicht mit mir. Es wird gut werden.“

Verse 14-25: Eine erneute Botschaft der Rettung geht an Israel. Gott hat die Welt nicht als eine Wüste geschaffen, sondern um bewohnt zu werden. Genauso hat er auch Israel zu einem bestimmten Zweck geschaffen. Dies alles findet sich in der Schrift, und deshalb braucht Israel keine Götzen und keinen Okkultismus. Die Götzendiener werden beschämt werden. Gottes Absichten mit seinem Volk werden sich niemals ändern. Gott kann retten, und deshalb ruft er nach Israel alle anderen Nationen dazu auf, sich zu ihm zu kehren. Weil sie widerspenstig sind, werden sie ebenfalls Gericht erleiden, aber am Ende werden die Glaubenden gerettet. „Wendet euch zu mir, so werdet ihr gerettet, all ihr Enden der Erde; (…)“ (22). Hier haben wir einen weiteren Ausblick auf das weltweite Volk der Geretteten im neuen Bund, das Israel Gottes nach dem Geist, die Gemeinde Christi (Gal 6,16).

 

Kapitel 46

Die ersten beiden Verse reden über die Götzen Babylons, welche getragen werden auf Tieren, und welche es nicht schaffen, vor den Persern evakuiert zu werden. Die Tiere sind zusammengebrochen, und die Götzen müssen in die Gefangenschaft gehen. Die Verse 3-4 reden über den Gott Israels, der nicht getragen werden muss, sondern der sein Volk trägt. Er wird sie durch ihr ganzes Leben hindurch tragen bis ans Ende. In den Versen 5-7 sind die gemachten Götzen wieder unfähig zu retten. Gott lässt sich nicht unter sie einordnen, sondern er bleibt einzigartig.

Er ruft sein Volk dazu auf, sich doch endlich an ihm zu orientieren, die Götzen zu verwerfen und seinen Wegen zu vertrauen. Er sagt voraus, was geschehen wird. Er weiß von Anfang an das Ende. Manchmal ist es jedoch sehr schwer, durch das Dickicht der Enttäuschungen und der Verwirrungen des Lebens hindurch zu diesem Punkt des Trostes zu gelangen. Israel hatte sich die Befreiung und David erhofft, und nun sollten sie Kyrus bekommen, den nächsten heidnischen Tyrannen. Deshalb kommt in den Versen 11-13 nochmals die Erinnerung daran, dass Gott selbst alle diese äußerlich so schwierigen und belastenden Abläufe geplant hat und sie kontrolliert. Die Rettung wird kommen für Israel und für Zion, auch wenn es sich noch hinauszögert und auch dann, wenn es äußerlich noch gar nicht danach aussieht.

 

Kapitel 47

Hier finden wir nun die konkrete Vorhersage der politischen Befreiung, nämlich des Falls der Stadt Babylon. Siebzig Jahre lang hat das Volk in der Gefangenschaft ausgeharrt. Nun kommt endlich die Befreiung. Die Meder kamen bei der Eroberung in die Stadt hinein, ohne groß zu kämpfen, denn Nabonidus war zuvor schon ins Exil gegangen und hatte seinen Sohn Belsazar als Vasall zurückgelassen. In der letzten Nacht seines Lebens feierte Belsazar noch ein Fest, bevor er von den Medern umgebracht wurde (Daniel 5).

Das verwöhnte Mädchen Babylon muss nun Sklavenarbeit verrichten und wird entblößt. Dies ist die Rache Gottes für das was sie seinem Volk angetan hat. Die stolze Frau Babylon wird Witwe sein und ihrer Kinder beraubt werden. Selbstsicherheit und moralische Verwerflichkeit kommen an ihr Ende. Dies gilt – geistlich betrachtet – nicht nur für Babylon, sondern für die ganze selbstsichere Menschheit, die nur für den Genuss im Diesseits lebt. Die falsche Religion Babylons ist ebenfalls zu Ende. Sie hat auf ihre Götzen, Beschwörungen, Zaubereien und Sterndeuter vertraut. Alle sind nichtig geworden. Wahrer Glaube bringt Stärke in der Bedrängnis, falsche Religion führt zum Untergang.

 

Kapitel 48

Vers 1 beschreibt den geheuchelten Glauben Israels auf allen seinen Wegen. Ihre hohen Ansprüche in Vers 2 sind ohne Grundlage. Das echte Bürgertum in Gottes Augen liegt bei den wahren Anbetern, und nicht bei den Heuchlern. Gott hat in Vers 3 alles vorhergesagt und es ist eingetroffen. Dennoch ist der Nacken des Volkes unbeugsam wie Eisen. Sie wollen noch immer nicht ihre Götzen loslassen (5-6). Gott wusste schon immer, dass Israel völlig treulos ist und ein Übertreter, und trotzdem hat er alles getan was er gesagt hat. Nicht um des Volkes willen ist Gott langmütig, sondern um seines eigenen Namens Willen (Verse 9-11). Um seines Namens willen hat er Israel im Schmelzofen geläutert. „Hört doch endlich auf mich, hört doch!“ (Vers 12). Noch einmal betont Gott seine Herrschaft über alle Umstände. Er war es, der den Babylonier (Chaldäer) seine Macht spüren ließ. In Vers 16 heißt es: „Und nun hat der Herr (der Vater) mich (den Redner, also den Gesalbten) gesandt und seinen Geist (den Heiligen Geist)“. Hier ist die Rede von drei Personen in einem Vers, ein klarer Hinweis auf die Trinität. Dieser Vers ist außerdem ein Zwischenruf des zukünftigen Erlösers in das ganze Geschehen hinein! Wieder und wieder betont Gott: Er ist der Erlöser, der Helfer, der Retter, der Heilige Israels. Was wäre gewesen, wenn Israel gehorcht hätte (17-19)? Sie hätten Frieden wie einen Strom gehabt, Gerechtigkeit wie Meereswellen und Bevölkerungszuwachs ohne Gefangenschaft. Aber sie waren ungehorsam und mussten nach Babylon gehen.

Nun fordert Gott sie dazu auf, aus Babylon mit Jubelschall auszuziehen (20-21). Ihr Auszug soll ein Zeugnis für die ganze Erde sein, und das war er auch, obwohl sie selbst es gar nicht so wahrgenommen haben. Hier haben wir wieder den direkten Vergleich mit dem Exodus aus Ägypten, der ein ebensolches Wunder vor den Augen von ganz Ägypten war. Sie sollen sich daran erinnern und zur Besinnung kommen. Dies wird historisch betrachtet am Ende der zukünftigen babylonischen Gefangenschaft Gottes Aufforderung sein. Aber wieder werden sie ungehorsam sein.

Nur ein kleiner Teil des Volkes kehrte nach Israel zurück, der größte Teil hatte es sich nach siebzig Jahren in Babylon bequem gemacht. Die Rückkehrer bauten zwar den Tempel und die Stadt wieder auf, aber bereits nach dem Tod der Pioniere kam es zu erneutem geistlichem Verfall. Die babylonischen Kulte wurden in die Lehren der Pharisäer und Schriftgelehrten übernommen, das Gesetz vom Sinai wurde immer mehr entstellt. Gott konnte dem Volk noch immer keinen Frieden geben, da sie noch immer nicht gehorsam und dankbar sein wollten. Die Geschichte Israels bis zu diesem Punkt war eine einzige Demonstration der Fürsorge Gottes für ein halsstarriges und murrendes Volk gewesen. Wegen ihrer Sünden mussten Sie nach Babylon ausziehen. Sie kamen genauso zurück wie sie ausgezogen waren. Sie kamen zurück in das Land, aber nicht zurück zum Herrn. „Keinen Frieden, spricht der Herr, gibt es für die Gottlosen“ (22).

Die Betonung der Sündhaftigkeit Israels, der unerwartete Zwischenruf des Messias in Vers 16 und die Feststellung, dass das Volk zwar aus Babylon zurückgekehrt ist, aber noch nicht zum Herrn, bereiten uns auf das vor, was in den nun folgenden Kapiteln kommt, nämlich das Erlösungswerk des wahren Knechtes. Ihm wird eine doppelte Aufgabe bezüglich Israels und der ganzen Erde gegeben. Wenn er die Sünden auf sich selbst genommen und das große Werk der Versöhnung vollbracht haben wird, wird sein Ruf nicht nur nach Israel, sondern in die ganze Welt hinausgehen. Alle sollen freudig und freiwillig in das eintreten dürfen, was er getan hat.

 

Kapitel 49

Kapitel 49 bringt die zweite Passage über den Messias als den Knecht des Herrn. Es zeigt die gesamte Erlöserlaufbahn des Messias und gibt auch die zeitliche Reihenfolge der Ereignisse an. Der Dienst des Knechtes beginnt mit Entmutigung und tiefer Enttäuschung. Der tiefste Punkt im Leben des Herrn war der Kampf im Garten Gethsemane. Er hatte der Welt zugerufen, und er war für diesen Dienst vom Mutterleib an auserwählt. Sein Name wurde schon vor seiner Geburt gegeben (7,14; 9,5; Mt 1,20). Nur die Mutter wird hier erwähnt, denn der Messias hatte auf der Erde keinen natürlichen Vater. Seine Zunge war ein geschärftes Schwert (Hebr 4,12), er war in seinem Leben ein brauchbarer Pfeil im Köcher, und er war in der Hand des Vaters geborgen (seine Stunde war noch nicht gekommen) bis zum Tag seiner Überlieferung an die Mörder. Er war der Fürst Gottes, der wahre Israel in Person (Vers 3). In ihm war der Vater sichtbar verherrlicht. Wir haben hier den letzten von insgesamt sechs Namen, die nur Jesaja dem Messias gibt: Immanuel – wunderbarer Ratgeber – mächtiger Gott – Vater der Ewigkeit – Friedefürst – Israel.

Der Knecht klagt: Ich habe vergeblich gearbeitet, meine Kraft für nichts verschwendet. Es schien rein äußerlich so, als sei der Dienst des Herrn nach Israels Ablehnung ein völliger Fehlschlag gewesen. Aber weit gefehlt: Sein Tod war unsere Rettung nach dem ewigen Plan des Vaters! Gott war immer auf seiner Seite, und er wird ihm auch am Ende alles vergelten. Die Antwort Gottes kommt in Vers 6. Gottes Heil wird sich durch den Knecht, den er schon im Mutterleib gerufen hat, über die ganze Erde zu allen Nationen ausbreiten. Jerusalem, Judäa, Samaria, das Ende der Erde. Der Messias legte die Grundlage, auf der die Umkehr und Rettung überhaupt möglich wurde. Er wurde verworfen und gekreuzigt. Am dritten Tag stand er wieder auf. Er ist jetzt das Licht des irdischen Israel und ebenso aller anderen Nationen der Erde.

Vers 14 zeigt uns Zion im Zerbruch, was auch ein Bild für den Zerbruch des Sünders an sich sein kann. Von nun an wird im Buch Jesaja der blinde Knecht nicht mehr Israel genannt werden, denn er hat das Recht darauf verloren. Der wahre „Knecht Israel“ wurde in Vers 3 eingeführt, und es ist der treue Knecht, der kommende Erlöser. Nur er wird zukünftig diesen Namen tragen, bis die Erlösung vollbracht ist. Gott wird aber seinen blinden Knecht selbst dann nicht vergessen, wenn eine Mutter ihr Kind vergisst, denn er will ihn erlösen. Diese Erlösung, von welcher ab jetzt die Rede sein wird, ist nicht mehr eine politische Erlösung, sondern eine geistliche. Die Gefangenen sind von nun an auch nicht mehr Israeliten in der babylonischen Gefangenschaft, sondern in geistlicher Gebundenheit, in der Verlorenheit durch die Sünde. Das gesamte Thema der Erlösung bewegt sich somit von der sichtbaren Ebene weg auf die geistliche Ebene (1Kor 14,46). Die Verse 17-20 zeigen drei Aspekte der kommenden Erlösung: Die Freude der Braut, das freie Land mit Fülle an Menschen, die positive und auf Wachstum ausgerichtete Gesinnung der Bewohner.

Was ist dieses Wachstum, und wie wird es geschehen? Es wird nicht natürlich sein, sondern ein Akt Gottes. Die Verwandlung wird durch das Werk des Knechtes kommen, sie wird von Zion zu allen Nationen hinausgehen. Das Bild von Vers 23 drückt aus, dass die Kommenden ihre geistliche Verschuldung anerkennen und sich vor Gott und seinem Volk tief beugen. Wer sich dem Volk Gottes anschließen möchte, der muss sich zuerst beugen.

In den Versen 24-26 wird der Herr seine Gefangenen befreien, und er wird das auf rechtlicher Grundlage tun, weil er selbst gerecht ist. Dem Starken, letztlich der Macht der Sünde und des Teufels, wird die Beute genommen, weil ein anderer den Preis dafür bezahlt hat. Das Bild in Vers 26 redet über den Schrecken der Sünde und ihre selbstzerfleischende Wirkung auf diejenigen, die in ihr gefangen sind. Die Bedränger des Volkes Gottes sind solche Leute, aber sie werden an sich selbst zugrunde gehen und in der Belagerung der Sünde sterben.

 

Kapitel 50

Die Verse 1-3 bringen uns das Bild der Scheidung und des Verkaufs von Sklaven an einen Gläubiger. Die Scheidung des Menschen von Gott klagt Gottes unfehlbare Liebe an. In der Versklavung unter eine fremde Macht klagt das Volk über die scheinbare Machtlosigkeit Gottes. Gott fragt: „Habe ich mich von euch geschieden, habe ich euch verkauft? Wo ist denn der Scheidebrief? Er existiert ja gar nicht.“ Gott hat sie nicht verkauft, sondern er musste sie züchtigen für ihre Sünden. Das bedeutet aber keineswegs, dass er sie nicht mehr zurückholen will. Gott hat genug Macht, sie zurückzuholen. Sein Arm ist nicht zu kurz, seine Hand nicht zu schwach. Er schilt das Meer und die Ströme, er bekleidet den Himmel mit Schwarz.

Ab Vers 4 beginnt die dritte Passage über den Messias als den Knecht des Herrn. Gott heiratete seine Frau am Berg Sinai und gab ihr die Heiratsurkunde des mosaischen Gesetzes. Die Zeit des großen Ehebruchs kam danach durch den Götzendienst des Volkes zustande. Die Trennung hier in unserem Kapitel wurde nicht von Gott herbeigeführt, sondern durch die Schuld des Volkes. Sie ist nicht endgültig. Gott ist nicht unfähig, sein Volk zu versorgen, aber durch ihr Verhalten haben sie ihre Schwierigkeiten selbst verursacht. Die lange Bestrafungszeit nach der Scheidung mit Zerstreuung und Verfolgung war notwendig, um sie zur Besinnung zu bringen. Dennoch sind sie weiterhin halsstarrig.

Deshalb kommt Gott nun auf den treuen Knecht zu sprechen. Der Knecht wird geschult und vorbereitet, später geschmäht und verlassen. Er wird nicht störrisch sein, sondern gehorsam. Die Vorbereitung des Knechtes auf sein Werk beginnt ab Vers 4. Der Messias war völlig Gott und völlig Mensch. Diese beiden Wesenszüge waren nicht vermischt, sondern existierten nebeneinander. Als Gott war der Herr allmächtig und allwissend, aber als Mensch war er limitiert wie wir. Dieses Geheimnis bleibt für uns unergründlich.

Er wuchs als Mensch in einem geistlichen jüdischen Zuhause auf und musste in einer normalen Schule lernen wie wir alle. Aber damit nicht genug. Am frühen Morgen jedes Tages, als er noch ein kleiner Junge war, weckte ihn Gott der Vater auf und öffnete ihm das Ohr für die Belehrungen aus seiner unmittelbaren Gegenwart. Er bekam Anleitung für seinen kommenden Dienst, seine Verwerfung, seine Leiden, den Tod, die Auferstehung und die Verherrlichung danach. Er wusste schon sehr früh alles, was über ihn kommen würde, und er begehrte niemals dagegen auf. Bei ihm gab es keine Pubertätsprobleme und keine Rebellion gegen die Eltern. Er wusste genau, dass der Vater immer mit ihm sein würde, und dass er am Ende voll gerechtfertigt werden würde. Die Auferstehung würde der Beweis sein, dass er der Messias ist, dessen Dienst und Werk vom Vater angenommen wurde. Seine Feinde würden eines Tages sterben, er aber würde ewig und verherrlicht leben.

Schon mit zwölf Jahren im Tempel in Lk 2 erkennen wir klar, dass er sich aller dieser Dinge bewusst war. Er wusste, dass er von Gott ausgegangen war und dass sein Vater im Himmel lebte. Als der schreckliche Tag seines Todes schließlich kam, ertrug er all die fürchterlichen Misshandlungen und den Tod willig und schweigend bis zum Ende. Er vollbrachte das Werk und wurde gerechtfertigt. Seine Feinde werden zerfallen, die Motte wird sie fressen.

Die Verse 10-11 zeigen zwei Gruppen von Menschen. Diejenigen, die an den Knecht glauben, werden durch die Dunkelheit getragen werden. Sie werden ihm vertrauen, auch wenn ihnen kein Licht leuchtet. Sie leben in der Gemeinschaft seiner Leiden bis er kommt. Die anderen Menschen haben sich schon ihr eigenes Feuer angezündet, in dem sie ihr eigenes Licht in der Finsternis und ihre irdische Wärme finden. Sie werden in ihre eigene Flamme stürzen und am Ort der Qual daliegen.

 

Kapitel 51

Zunächst wird der gläubige Überrest des Volkes angesprochen. Sie sollen sich erinnern an die wunderbare Geburt Israels aus dem Felsen Abraham und der Brunnenhöhle Sarah. Beide waren schon sehr alt, als Isaak geboren wurde. Aus dem einen Mann Abraham bildete Gott ein großes Volk. Dieses Wunder gibt Hoffnung für die Zukunft. Der Überrest wird daran erinnert, dass sich eines Tages eine ewige Errettung über die ganze Welt ausbreiten wird. Diese Rettung wird ein neues Volk hervorbringen, dessen Wüsten und Trümmer zum Garten Eden werden. Dies ist geistliche Sprache im Hinblick auf die Verwandlung des Lebens der Erlösten. Die letztliche Erfüllung wird die neue Erde sein. Der Himmel und die Erde werden vergehen, aber das Heil ihres Gottes wird ewig bestehen. Die Bewohner werden das Gesetz Gottes im Herzen tragen, auch hier wieder ein Hinweis auf die Erlösung im neuen Bund (Jer 31,31-34; Hes 36). Sie sollten nicht menschliche Zurückweisung fürchten, denn alle Feinde werden eines Tages aussterben.

In Vers 9 ruft eine Stimme zu Gott, möglicherweise der Prophet selbst: „Wache auf! Wache auf!“ Die Stimme erinnert Gott an seine Taten von alters her. Er hat Rahab zerschmettert, die Sintflut getrocknet und das Meer für den Auszug aus Ägypten geteilt. Er wird es auch machen, dass die Erlösten des Herrn in einem neuen geistlichen Exodus aus allen Völkern nach Zion kommen. Dies wird nicht das alte Jerusalem sein, sondern Gottes neues und ewiges Zion (siehe Hebr 12,22-24).

Ab Vers 12 antwortet der Herr auf die Stimme. Er gibt sich zu erkennen als der bleibende Tröster. Sie sollen sich nicht fürchten vor allen sie umgebenden Feinden und Schwierigkeiten. Die in (geistlichen) Ketten Gekrümmten werden aufgerichtet und mit Brot gespeist werden, und zu Zion wird gesagt werden: „Du bist mein Volk.“ In Vers 16 wird der treue Knecht angesprochen und für seinen Dienst noch einmal gestärkt. Er ist der große Prophet, in dessen Mund der Herr sein Wort gelegt hat.

Wache auf, wache auf, Jerusalem (17-23)! Sie hat den Zornkelch Gottes aus seiner Hand getrunken. Sie taumelte unter der Last der Gerichte, aber jetzt ist es genug. Das Land ist zerstört und entvölkert, der Kelch ist endlich leer. „Wer kann euch trösten?“, oder: „Wie soll ich dich trösten?“ Gott nimmt den Kelch aus ihrer Hand. Dies ist das Ende des Zorns und der Beginn der Errettung. Der Zorn war genau abgemessen im Kelch, aber jetzt ist er vorüber, und zwar für immer. Wem Gott vergibt, dem ist vergeben! Sie werden in der Neuheit des Lebens wandeln, und Gott wird ihrer Sünden nicht mehr gedenken in der Erlösung. Gott wird den Kelch jetzt neu füllen mit seinem Zorn und ihn dann den Nationen in die Hand geben. Sie müssen jetzt trinken. Noch immer bleibt die Frage: Welches Werk wird es denn nun sein, das alle diese Dinge hervorbringen wird?

 

Kapitel 52

Das Volk hatte Gottes Anspruch auf seinen priesterlichen Dienst wieder und wieder verfehlt. Als Aaron seine Priesterkleider empfing, wusste Gott schon um sein Versagen, es war alles mangelhaft. Nun erwacht Zion durch den Weckruf Gottes. Es erkennt plötzlich, dass priesterliche Kleider für es bereitliegen. Es kann sie anziehen und ist von nun an eine heilige erlöste Stadt. Kein Unreiner wird mehr in sie hineinkommen. Die gefangene Tochter Zion wird von ihren geistlichen Fesseln befreit und ist von nun an Gottes neues Jerusalem. Hier sehen wir einen klaren Hinweis auf die Gemeinde im neuen Bund. Was Gott für David tat, ist nun für alle Gläubigen (Psalm 32).

In Vers 3 werden sie erlöst werden, jedoch ohne Geld. Ein anderer Preis wird für sie gezahlt werden. Vers 4 erinnert nochmals an die Gefangenschaften. In Vers 5 identifiziert Gott sich mit dem Volk. Was dem Volk geschieht, das geschieht ihm selbst. Aber sein Volk wird seinen Namen kennenlernen, nicht wie in Ägypten durch den Mittler Mose, sondern indem der Herr selbst zu ihnen spricht (6). Vers 7 weist voraus auf das Evangelium, welches die Freudenbotschaft sein wird, wenn der Herr kommt (Rö 10,15), Vers 8 auf das zweite Kommen des Herrn mit Macht und sichtbar für jedes Auge.

Die Verse 9-11 sind wieder ein poetisches Bild, denn Trümmer können nicht jubeln. Es weist hin auf die geistliche Auferstehung der neuen Stadt aus den Ruinen der alten Stadt. Das Heil ist bereitet, und alle Heiden an den Enden der Erde werden es nun erkennen. Die alte Stadt ist die unerlöste Welt, die neue Stadt ist die Gemeinde Christi, das neue Jerusalem in Off 21. Die Bewohner befinden sich auf dem Weg der Heiligung, sie sollen nichts Unreines anfassen und von den Trümmern weggehen. Sie sollen auch nicht hastig eilen, sondern sich von dem Herrn leiten lassen. Ein schönes Bild der Nachfolge der Gläubigen.

Und nun werden wir ab Vers 13 erfahren, wer der Knecht ist und was er genau tun wird. Durch dieses Werk wird er die Erlösung erwerben, von welcher all die bisherigen Kapitel geredet haben, die hinter uns liegen. Kapitel 52,13-53,12 bringt die vierte Passage über den Messias als den Knecht des Herrn. Es geht hier um seinen Tod, seine Auferstehung und seine Verherrlichung. In Kapitel 42 erzählte Jesaja, was der Auftrag des Knechtes sein würde. In Kapitel 49 zeigte er die Schwierigkeiten und Entmutigungen des Anfangs auf und schilderte die zeitliche Reihenfolge der gesamten Erlöserlaufbahn des Messias. In Kapitel 50 fanden wir die Ausbildung und Vorbereitung des Knechtes für den Dienst. Der Auftrag würde viele körperliche und seelische Leiden beinhalten, deren letztlicher Grund und tatsächliches Ausmaß uns aber noch nicht genannt wurden.

Der Abschnitt von 52,12 bis 53,12 besteht aus fünf Untereinheiten von jeweils drei Versen. Der erste Vers einer Untereinheit dient dabei jeweils als ein kurzer Titel. Die fünf Einheiten sollen nun nacheinander besprochen werden. Erstens: Siehe, mein Knecht wird gedeihen (52,13-15). Er wird Erfolg haben und sehr erhöht sein. Er wird emporkommen (Auferstehung), erhöht werden (Himmelfahrt) und sehr erhöht sein (sitzend zur Rechten des Vaters). Andere Stellen: Apg 2,31-33; Apg 3,13+26; Phil 2,5-9. Vor der Erhöhung kam die Erniedrigung. Er war völlig entstellt, so dass er nicht mehr aussah wie ein Mensch. Die römische Geißelung hatte den ganzen Körper zerfleischt, das Gesicht eingeschlossen. Er wird aber eines Tages die Nationen durch seine Herrlichkeit in Staunen versetzen. Die Könige werden aus Respekt vor ihm schweigen. Endlich werden sie dann erkennen, was und warum er gelitten hat.

 

Kapitel 53

In Kapitel 53 werden wir den Grund, das Ausmaß und die Ergebnisse des Leidens sehen. Die Leiden werden zum körperlichen Tod des Knechtes führen. Erst an diesem Punkt stellt Jesaja klar fest, dass der Messias für die Sünden seines Volkes sterben wird. Wir erfahren auch, dass der Preis der Erlösung nicht Geld sein wird, sondern das Blut des Messias. Wir werden belehrt über den Tod und die Auferstehung des Messias. Die Verse 1-9 sind jedoch auch zusätzlich in der Form eines Bekenntnisses verfasst: Wir haben dieses oder jenes gesagt oder getan.

Außerdem bringt uns Kapitel 53 die Zusammenführung von zwei Themen des Buches, die bisher parallel gelaufen sind. Es sind dies der Knecht des Herrn und der Arm des Herrn. Über den Knecht haben wir schon gesprochen. Der Arm erschien bisher an folgenden Stellen: In 40,10 herrscht er für Gott. In 51,5 werden eines Tages die Nationen auf ihn vertrauen. In 51,9 wird er die Erlösung bringen. In 52,10 gibt er die Errettung.

In 53,1 wird die Frage gestellt: Wer hat dem geglaubt, was verkündigt wurde, und der Arm des Herrn, wem wurde er geoffenbart? Das weitere Kapitel zeigt dann die Person des Messias und es wird klar, dass der Knecht des Herrn und der Arm des Herrn dieselbe Person sind. Hier kommt somit die zweite von unseren soeben genannten fünf Untereinheiten. Wer hat unserer Verkündigung geglaubt (Verse 1-3)? Israel war damals nicht gläubig, aber Gott wird sich in der Erlösung ein gläubiges Volk schaffen. Der Knecht war ein unauffälliger Mensch, er wuchs auf wie ein zartes Reis, wie ein kleiner Spross. Er war eine Wurzel aus trockenem Grund, und während seines Lebens geriet er in tiefste Einsamkeit. Er hatte keine besondere Gestalt und keine äußere Schönheit, er war nicht attraktiv nach außen. Seine Anziehungskraft basierte auf seiner inneren geistlichen Herrlichkeit. Die Mehrheit des Volkes und besonders die Führer verachteten ihn jedoch. Er war ein Mann vieler Schmerzen, vor dem man das Angesicht verbarg. Die rabbinischen Schriften nannten ihn den Gehenkten anstatt seines richtigen Namens. Das Wort Jeshu ist eine Abkürzung aus drei Konsonanten für drei Wörter und bedeutet: „Möge sein Name und sein Andenken ausgelöscht werden.“

Drittens: Fürwahr, er trug unsere Leiden und lud auf sich unsere Schmerzen (Verse 4-6). Sein Leiden war stellvertretend. Die Leiden beziehen sich auf die geistliche Krankheit des Volkes. Dieser Vers darf nicht herangezogen werden, um ein Recht des Gläubigen auf körperliche Gesundheit zu begründen. Die Leute betrachteten ihn wie einen Aussätzigen, der von Gott wegen seiner eigenen Sünden geschlagen wurde. Die rabbinischen Schriften nannten ihn den Übertreter. Maimonides sagte sogar, dass der Knecht seinen gewaltsamen Tod verdient hatte. Sein Tod war ebenso wie die Leiden stellvertretend (Rö 6,23). Er wurde durchbohrt und zerschmettert für fremde Schuld. Die Strafe, die zum Frieden dient, lag auf ihm. Hier finden wir die gleichen Worte für Wunden, Schläge und Striemen wie in Kapitel 1. Der Knecht war in einem körperlichen Zustand, der dem geistlichen Zustand des Volkes in Kapitel 1 entsprach. Jetzt erkennt und bekennt das Volk alle diese Dinge.

Viertens: Er wurde misshandelt und tat seinen Mund nicht auf (Verse 7-9). Der Knecht schwieg in seinem Leiden (Mt 26,62-63; Mk 14,60-61; Mk 15,3-5; Lk 23,8-9; Joh 19,10; Apg 8,32). Bis zu seinem Tod protestierte er nicht gegen die Misshandlungen. Er wurde vor einem Gerichtshof verurteilt, wenn auch die Verhandlung von Fehlern und Ungerechtigkeiten wimmelte. Er wurde aus dem Land der Lebendigen abgeschnitten, doch niemand erkannte warum. Das hebräische Wort bedeutet eine rechtmäßige Todesstrafe unter dem Gesetz Moses. Er wird auch im mosaischen Gesetz oft benutzt. Alles geschah für die Übertretungen meines (d.h. Jesajas) Volkes. Ihn traf der Schlag, den sie verdient hatten. 1Kor 15,1-4 nennt den Inhalt des Evangeliums: Er starb (hier in Vers 8), er wurde begraben (hier in Vers 9), er wurde auferweckt am dritten Tag (hier in Vers 10 des letzten Teiles). Im Neuen Testament: Mt 27,57-60; Mk 15,42-46; Lk 23,50-54; Joh 19,38-42.

Fünftens: Doch dem Herrn gefiel es ihn zu zerschlagen, er hat ihn leiden lassen. Gott selbst brachte ihn zu Tode, er starb für die Sünden und die geistlichen Krankheiten des Volkes. Sein Leben und sein Tod umfassten alle Opferarten des Buches 3. Mose. Hier sehen wir jedoch das Sündopfer und das Schuldopfer. Absichtliche und unabsichtliche Sünden wurden abgegolten. Er wird seine Nachkommen sehen, die geistlich von seinem Tod und von seiner Auferstehung profitieren. Er wird gerechtfertigt werden (Vers 11). Er kann dann auch alle die rechtfertigen, die an ihn glauben. Er selbst weiß, dass er Gott ist. Dahinter steht der Gedanke des Passahfestes und des großen Versöhnungstages. Zwei Böcke wurden am Versöhnungstag geopfert. Vers 10 zeigt und den ersten Bock, der geschlachtet wurde. Vers 11 zeigt uns den Sündenbock Asasel (Hinwegnahme), der die Sünden in die Wüste trug.

 

Kapitel 54

Hier wird die unfruchtbare Frau aufgefordert zum Jubeln. Es ist vollbracht (Joh 19,30)! In den Versen 1-3 wird sie ihre Zeltdecken ausdehnen und ihre Nachkommenschaft wird alle Heidenvölker besitzen. Die Errettung, die in Zion begonnen hat, wird ausgehen über die ganze Erde. Das neue Jerusalem Gottes wird buchstäblich aus allen Nähten platzen. Die Verheißung an Abraham und an David wird erfüllt werden: Segen für alle Nationen, ein ewiger König auf einem ewigen Thron.

Die Verse 4-8 reden über die Wiederannahme der verstoßenen Frau, über das Ende des Kummers der verhärmten Witwe. Sie war nur für einen kleinen Augenblick verlassen und wird nun mit ewiger Gnade angenommen. Der Erlöser der Frau ist ihr Schöpfer und ihr Ehemann. Die Verse 9-10 erinnern an den Bund mit Noah. So wie Noah die Zusage erhielt, dass nie mehr eine Flut über die Erde kommen wird, so hat die wieder angenommene Frau die Zusage erhalten, dass sie niemals mehr verlassen wird, auch dann nicht, wenn diese Erde vergeht. Sie ist im ewigen Friedensbund mit Gott, dem neuen Bund, den das Blut des Erlösers versiegelt hat.

Die Verse 11-14 reden über die neue Stadt. Sehr oft haben wir dieses Bild bei Jesaja gesehen (2,2-4; 4,2-6; 12,1-6; 24,10; 25,1-9; 26,1-3; 47,1; 52,1 und andere Stellen). Hier repräsentiert das Bild Schönheit und Sicherheit. Die Erniedrigung ist zu Ende. Das vollkommene Werk der Erlösung hat die Erlösten in die bevorzugte Stellung von solchen gebracht, die die göttliche Weisheit vom göttlichen Lehrer selbst lernen. Die Bewohner der Stadt genießen die Gegenwart des Herrn im Licht seiner Wahrheit (Off 22,3-5) auf der Grundlage seiner Gerechtigkeit. Sie haben vollkommenen Frieden mit Gott und Schutz vor allen irdischen Einflüssen. Keinem Angreifer und keiner Waffe wird es gegen sie gelingen. Diese Dinge sind heute in geistlicher Hinsicht bereits verwirklicht (inauguriert). Sie werden in der Ewigkeit der neuen Schöpfung in vollkommen geoffenbarter Herrlichkeit die ganze Erde erfüllen.

 

Kapitel 55

Kapitel 55 zeigt uns Gottes Heilsangebot an alle Nationen. Sie werden aufgerufen, geistliche Nahrung, Wasser, Wein und Milch zu nehmen. Es ist kostenlos, denn Gott hat in dem Knecht ja schon in Kapitel 53 den Preis dafür bezahlt (siehe auch Mt 11,28-30). Warum Geld ausgeben für das was kein Brot ist? Nehmt geistliche Nahrung an. Nehmt das Brot des Lebens vom Himmel, den Herrn Jesus selbst. Ihr werdet satt werden, und euer Werk wird vor Gott annehmlich sein. Gott wird euch einen ewigen Bund gewähren (Vers 3). Wenn sie das Angebot annehmen, dann werden sie in der Zukunft in die praktischen Segnungen des neuen Bundes eintreten. Dieser Bund wurde am Kreuz mit dem Blut des Messias unterzeichnet und besiegelt. Die Grundlage sind die sicheren Gnadengaben Davids, denn der Bund gilt für immer!

So suchet Gott, so lange er zu finden ist. Der Böse verlasse seinen Weg und kehre um. Gott ist vergebungsbereit, denn der Knecht hat den Preis erstattet. Dieser ganze Plan kommt von Gott allein. So wie der Regen das Land erfrischt, wird Gott alle geistlichen Bedürfnisse stillen. Das Volk wird in Frieden und Freude zurückkehren, das Land wird umgestaltet werden. Das Heil wird sich ausbreiten zu allen Menschen, auch zu den Nationen. Die Moabiter, Ammoniter und die Eunuchen sollen kommen (5Mo 23,1). Ihrer wird sogar besonders gedacht werden. Hier sehen wir die Gnade für die Feinde Gottes. Der heilige Berg Gottes wird für Juden und Heiden zugänglich sein. Auch die Opfergaben der Heiden werden annehmlich sein vor Gott.

Alles was man tun muss ist hören und kommen. Dreimal heißt es „Kommt!“ in Vers 1. Dies unterstreicht die Dringlichkeit der Einladung, denn die Zeit der Rettung wird auch einmal enden. Wer kommt, der wird umkehren, seine Sünden bekennen und danach dem Herrn gehorsam nachfolgen. Das ganze Leben wird sich ändern. Das Wort Gottes wird diese Verwandlung herbeiführen, wenn der Geist es auf die Seele des Sünders anwendet. So wie der Regen das Land fruchtbar macht, so wird das Wort geistliche Frucht hervorbringen, wenn es aufmerksam und von einem bußfertigen Herzen aufgenommen wird. Auch der Blick des Gläubigen auf die Welt um ihn herum und seine inneren Empfindungen sind verändert, im Bild ausgedrückt durch die Veränderung des Lebensraums (Verse 12-13). Der Gläubige wird von der Einsamkeit in die Gemeinschaft geführt, vom Tod zum Leben, vom Alten zum Neuen, vom Zeitlichen zum Ewigen.

 

 

Sechster Teil des Buches:
Das Buch des Überwinders, des Siegers (Kapitel 56-66)

In diesem letzten Teil geht es um den Aspekt der endgültigen Befreiung des Volkes, welcher im vorangehenden Teil erwähnt wurde und nun zum Hauptthema wird. In 56,1 erwartet das Volk noch immer die Befreiung des Herrn. Aber der Herr wird die Tränen trocknen (61,1-3). Er wird die Bedränger des Volkes zu ihrem Ende bringen (62,8). Er wird das Werk der Erlösung und der Rache ausüben (63,1-6). Zuletzt wird das Volk in jeder Hinsicht völlig befreit sein. Das Volk Gottes in seiner Stadt wird der Mittelpunkt der neugeschaffenen Erde sein (65,17-25).

In diesen letzten elf Kapiteln eröffnet sich uns eine neue gedankliche Linie. In den vorangegangenen Kapiteln hat der Prophet alle Aspekte der Erlösung bis in Einzelheiten hinein erklärt und uns auch die weltweiten Folgen der Erlösung geschildert: das Heil und die Herrlichkeit aller Nationen. Nun aber muss er quasi wieder zum Nullpunkt seines eigenen Daseins im damaligen Israel zurückkehren.

Er hat den Herrn in seiner dreifachen Erhöhung beschrieben: Auferstehung, Himmelfahrt, Thronbesteigung im Himmel (Kapitel 52). Sein Königtum ist jedoch zu Jesajas Zeit noch inkognito, denn der Erlöser wird erst 700 Jahre später erscheinen, um das Werk zu vollbringen und die Erlösung Wirklichkeit werden zu lassen. Jesaja und seine Mitmenschen hatten also in der Erwartung des Erlösers zu leben und ihr eigenes Leben darauf einzurichten. Der Überrest zur Zeit des Propheten war gläubig und würde vom Erlöser innerlich und äußerlich verwandelt werden bei seiner Ankunft. Er erwartete das erste Kommen des Herrn. Die konkrete Selbstoffenbarung dieser Gläubigen war jedoch in der Zeit vor der Ankunft des Messias genauso mangelhaft wie diejenige der sie umgebenden Welt.

Bei uns ist es etwas anders. Wir sind erlöst, denn wir glauben daran, dass der Herr Jesus Christus für unsere Sünden gestorben ist und uns die Vergebung und das ewige Leben gegeben hat. Wir sind innerlich verwandelt und bemühen uns in Dankbarkeit darum, dem Herrn nachzufolgen. Dennoch ist es auch in unserem Lebensalttag so, dass wir oft von deprimierenden und demütigenden Umständen und Menschen umgeben sind. Unsere eigene Lebenspraxis lässt ebenfalls zu wünschen übrig, wir müssen es dem Herrn bekennen. Wir befinden uns in der Erwartung des zweiten Kommens des Herrn. An diesem Tag wird alles anders werden. So wie damals die gläubigen Israeliten auf die geistliche Wiedergeburt und die endgültige Vergebung der Sünden warteten, so wartet das heutige geistliche Volk Gottes, die Gemeinde der Christen auf der Erde, in geistlicher Ruhe (Hebr 4) auf die Verwandlung aller Dinge und den Eintritt in die Ruhe und Herrlichkeit der neuen Erde.

 

Rö 8,22-23: „Denn wir wissen, dass die ganze Schöpfung mitseufzt und mit in Wehen liegt bis jetzt; und nicht nur sie, sondern auch wir selbst, die wir die Erstlingsgabe des Geistes haben, auch wir erwarten seufzend die Sohnesstellung, die Erlösung unseres Leibes.“

1Joh 3,1-3: „Seht, welch eine Liebe hat uns der Vater erwiesen, dass wir Kinder Gottes heißen sollen! Darum erkennt uns die Welt nicht, weil sie Ihn nicht erkannt hat. Geliebte, wir sind jetzt Kinder Gottes, und noch ist nicht offenbar geworden, was wir sein werden; wir wissen aber, dass wir ihm gleichgestaltet sein werden, wenn er offenbar werden wird; denn wir werden ihn sehen, wie er ist. Und jeder, der diese Hoffnung auf ihn hat, reinigt sich, gleichwie auch Er rein ist.“

 

Jesaja lebte noch unter der Herrschaft Assyriens. Historisch betrachtet hat er nun in seiner damaligen prophetischen Vorausschau den Punkt erreicht, an welchem Israel aus der babylonischen Gefangenschaft zurückgekehrt sein wird. Sie waren in der Mehrheit leider noch genau die gleichen Leute, die sie vor der Gefangenschaft gewesen waren: halsstarrig und ungehorsam. Bereits vor dem Untergang durch Nebukadnezar war Jerusalem nur noch ein Wachthäuschen im Gurkenfeld gewesen (1,8), nach der Rückkehr hatten sie noch nicht einmal mehr einen König. Das irdische Haus des Königs David war mit dem Tod Zedekias von der Bildfläche verschwunden, und sie hatten nun unter der Herrschaft des heidnischen Perserkönigs und ihrer eigenen korrupten Leiter zu leben. Alle königlichen Prophetien erwarteten noch immer die Erfüllung in dem Kommen des großen Überwinders, des Messias. Er würde einmal kommen und alles vollbringen: Erlösung, Befreiung von der Sünde, Erneuerung des Lebens, eine neue Erde unter seiner ewigen Herrschaft als König.

Die nun folgenden Kapitel verbinden alle genannten gedanklichen Ebenen miteinander. Sie sehen das Volk zu Jesajas Lebenszeit in seiner alltäglichen Situation ebenso wie das zurückgekehrte Volk nach der babylonischen Gefangenschaft und das endgültig erlöste Volk in der neuen Schöpfung. Auch wir können uns darin erkennen. Wir sind erlöste Menschen, aber dennoch nur Menschen, und wir haben oftmals die gleichen alltäglichen Probleme wie die Leute damals. Wir werden sehen, dass damals wie heute das ungläubige Volk dem gläubigen und wartenden Überrest gegenüber steht. Damals wartete der Überrest auf das Kommen des Messias zur Erlösung, zur Vergebung der Sünden und zur nachfolgenden Verherrlichung. Diese Dinge sind in den Prophetien Jesajas fest ineinander verwoben, denn damals konnte er noch nicht wissen, dass heute bereits fast 2000 Jahre zwischen der Erlösung und der endgültigen Verherrlichung liegen. In seiner prophetischen Perspektive sah er vieles gewissermaßen im Zeitraffer Gottes und konnte in seinen Worten auch manches nicht klar voneinander trennen.

Der heutige Überrest Gottes in der Welt, die Gemeinde Christi, ist schon erlöst und innerlich verwandelt. Aber auch die Christen haben noch immer das zweite Kommen mit der völligen Verherrlichung und der Gründung der neuen Erde zu erwarten. Die nachfolgenden Kapitel haben somit ihre geistliche Bedeutung für uns alle. Sie sind auch für viele Christen zum Trost geworden, welche das Wort Gottes in geistlicher Gesinnung gelesen haben. Der Buchstabe tötet, aber der Geist macht lebendig.

 

2Kor 3,6: „… der uns auch tüchtig gemacht hat zu Dienern des neuen Bundes, nicht des Buchstabens, sondern des Geistes; denn der Buchstabe tötet, aber der Geist macht lebendig.“

 

Kapitel 56

Der Herr verheißt seinem Volk die Verwirklichung der Errettung und der Rechtfertigung (Vers 1) und die Sammlung des zerstreuten Volkes zusammen mit anderen (Vers 8). Die Kennzeichen der wirklich Wartenden sind Gerechtigkeit, Rechtschaffenheit, Ausdauer, Halten der Gottesdienstordnungen und Absonderung. Auch der Fremdling und der Verschnittene werden mit eingeschlossen sein. Es wird einmal ein Volk auf der ganzen Erde sein. Jesaja ruft hier nicht zu einer Rettung aus Werken auf sondern einfach dazu, das Leben zu leben, welches der Herr als gut geoffenbart hat. Die Gläubigen des Alten Testamentes richteten somit ihr Leben auf das Kommen des Erlösers aus und erwarteten die kommende Errettung. Wir können solche Gläubige zum Beispiel im Lukasevangelium sehen (Anna, Simeon). Sie hielten den Tag der Ruhe für Gott ein, beteten, fasteten und lobten den Herrn. Damals wie heute ging es um Hingabe, Gebet zum Herrn, echte Anbetung des Herzens, Liebe zu Gott und dem Nächsten, Einbeziehung des Fremden und des Verschnittenen. Wir dürfen heute aus Dankbarkeit zum Herrn dieses Leben führen, denn wir sind erlöst.

Ab Vers 9 steigen wir in die Realität zur Zeit des Propheten hinab. Jesaja tadelt in harten Worten die blinden und selbstsüchtigen Leiter. Sie waren ohne Erkenntnis, nutzlos wie schlafende Wachhunde, aber dennoch gierig und egoistisch. Um die Armen der Herde kümmerten sie sich nicht. Auch Sacharja stand in der letzten Zeit seines Lebens solchen „Hirten“ gegenüber (Sach 11). Ebenso der Herr selbst, wie wir es in den Evangelien erkennen. Er musste die Pharisäer und Schriftgelehrten immer wieder hart zurechtweisen.

 

Kapitel 57

Die ersten beiden Verse reden über die wirklich hingegebenen Leute im Volk. Sie haben eine schwere Zeit und sterben oftmals ohne dass jemand es merkt. Bisweilen ist es jedoch so, dass der Herr sie hinwegnimmt, damit sie nicht das kommende Gericht zu erleben brauchen. Sie gehen ein in die Ruhe.

Ab Vers 3 kommen die Kinder der Zauberin, des Ehebrechers und der Prostituierten an die Reihe. Sie waren sehr aktiv, denn Jesaja lebte in einer Gesellschaft, in welcher alles Mögliche vorkam. Heutzutage sind diese Dinge noch immer in voller Blüte und es wird auch so bleiben bis der Herr kommt. Diese Spötter sollen sich gefälligst nicht lustig machen über die Gerechten. Sie lebten völlig schamlos in all ihren Übertretungen und waren sogar noch stolz darauf. Alles gelang ihnen. Die Politiker hatten ebenfalls nicht das geringste Interesse an den Worten Jesajas, welche sie für lächerlichen Kinderkram hielten (siehe auch Kapitel 28). Ihr Unglaube war jedoch nicht nur ohne Grundlage, sondern auch sündig. An seinem Tag wird der Herr alles ans Licht bringen. Wenn sie dann schreien, werden ihre Götzen sie nicht retten können. Dies galt sowohl für die Zeit Jesajas und für die Zeit nach der babylonischen Gefangenschaft als auch für die Zeit des Herrn, und es gilt auch heute noch.

Die Verse 14-21 reden über die Leute des Herrn. Ihr Weg ist geebnet und führt bis zur Ankunft des Retters. Der Hohe und Erhabene hat bereits früher bei seinem Volk gewohnt (Stiftshütte, Tempel), nun bereitet er sich darauf vor, auf ewig bei ihnen zu wohnen. Sie sind unter den Lasten des Lebens und unter ihrer Sünde gebeugt und zerbrochen, aber für sie gibt es die Gemeinschaft mit Gott. Sie haben zwar seine Wege gesehen, aber sie sind noch nicht verwandelt. Der Herr wird sie in seine Familie hineinbringen, indem seine heilige Natur zufriedengestellt werden wird. Er hat ihre Wege gesehen, und er musste sie auch züchtigen. Aber er wird sie heilen, wird Frieden den Fernen und den Nahen verleihen (Eph 2,17-18). Keinen Frieden wird es geben für die Gottlosen. Sie werden auf ihrem Weg in das Gericht hinein einfach weitergehen müssen.

 

Kapitel 58

Jesaja muss die Übertretungen des Volkes laut herausschreien. Das wird ihm in der Realität zahlreiche Feinde gemacht haben. Sie betreiben eine falsche Religion, ihre Anbetung stimmt in keiner Weise mit ihrer Lebenspraxis und mit der Haltung ihrer Herzen überein. Selbst wenn sie äußerlich noch gut aussieht, ist sie doch hohl und geheuchelt. Sie versuchen Gott durch religiösen Formalismus eine Gunst abzuzwingen, sie wollen Gott zu ihrem Schuldner machen (Werkgerechtigkeit). Es ist möglich, politisch korrekt und vorschriftsmäßig zu handeln und dennoch Bosheit im Herzen zu haben. Man tut das, um Schwierigkeiten zu vermeiden, aber nicht aus Liebe zum Herrn und zu den Menschen. Es entsteht eine eiskalte Gesellschaft, welche äußerlich betrachtet noch immer reibungslos funktioniert. Viele Gesellschaften in unserer heutigen Welt tragen die gleichen Kennzeichen.

Ihr Fasten ist nicht echt. Sie gehen einher in Sacktuch und veranstalten eine Schau, aber sie unterdrücken den Armen und die Witwe, den Fremden und die Waise (Mt 6,16). Sie übervorteilen sich gegenseitig, geben dem Hungrigen nichts zu essen und leben in allen Arten der Unzucht. Gott erinnert sie an das wirkliche Fasten in den Versen 6-7. Sie sollen ihre Wege korrigieren, dann wird Gott ihnen entgegenkommen mit Segen (Verse 8-9). Ein Neuanfang, Heilung der Wunden, Sicherheit mit Gerechtigkeit, ungehemmtes Gebet mit Erhörung. Ihr Licht wird aufgehen wie am Mittag. Sie werden göttliche Leitung erfahren. Ihr Alltagsleben wird gekennzeichnet sein von Ehrlichkeit, Gerechtigkeit, Barmherzigkeit gegenüber dem Elenden. Gott wird ihnen Führung und Leitung schenken.

Im Leben des Gläubigen kann es bisweilen so aussehen, als ob die dunklen Erfahrungen nicht aufhören wollen. Aber auch das ist Führung Gottes, denn der Gläubige findet selbst in der Dunkelheit noch ein Lied. In den dunklen Zeiten wird Gott die Wurzeln des Glaubens und sein Ausharren festigen. Einmal wird der Tag anbrechen. Wenn der Gläubige in allen Umständen Zeiten der Ruhe und des vertrauten Umgangs mit Gott einhält, dann wir der Segen nicht ausbleiben. Nicht so der Ungläubige. Er ist in seinem Befinden vollständig von den äußeren Umständen abhängig.

 

Kapitel 59

In den Versen 1-8 gehen die Anklagen des Propheten gegen das gottlose Volk weiter. Ihre Sünden trennen sie vom Herrn, sie bilden eine Mauer, so dass Gott nicht hört. Dies gilt heute für die Sünder noch immer. Sie sind blutbefleckt, klagen sich ungerecht an, begehen Frevel, brüten allerlei Bosheiten aus. Ihre Werke sind ungerecht, sie unterdrücken andere. Ihre Füße laufen zum Bösen, sie vergießen unschuldiges Blut. Sie gehen auf krummen Pfaden und kennen den Weg des Friedens nicht. Trotz all ihrer Ellbogenmentalität bleibt ihr Innerstes aufgewühlt, ja es wird immer schlimmer für sie, bis sie sich ihres Zustandes bewusst werden. Ab Vers 9 wechselt die Rede zum „Wir“. Das geistliche Werk Gottes in Ihnen (57,19) und die Verkündigung des Gesetzes Gottes (58,1-14) haben eine geheimnisvolle Veränderung in ihren Seelen herbeigeführt. Plötzlich erkennen sie ihre Blindheit, Hilflosigkeit, Bitterkeit, Hoffnungslosigkeit und Schuldigkeit an.

Wir sehen hier Gottes Werk der Überführung des Sünders. Man muss jedoch sagen, dass trotz aller Bußfertigkeit des überführten Sünders die Standards der gottgemäßen Lebensführung damals wie heute außerhalb der Reichweite des natürlichen Menschen liegen. Die Dunkelheit ist in uns, bis das Licht des Heils aufgeht. In dieser Welt scheinen wir manchmal von lauter „starken“ Leuten umgeben zu sein, aber in ihren Herzen mag es ganz anders aussehen. Vielleicht sehnen sie sich nach einem Verkündiger des Wortes, weil sie sich ihrer Verlorenheit bewusst sind. In Jesajas Zeit musste diese Erlösung noch kommen, heute ist sie in dem Herrn Jesus Christus Wirklichkeit geworden. Das Heilmittel der Erlösung wird nun näher betrachtet.

Die Verse 14 und 15 summieren noch einmal die bösen Zustände der Gesellschaft. Ab Vers 16 kommt wieder Gott ins Blickfeld. Auch ihm missfallen die Zustände sehr. Noch ist aber die Erlösung nicht geoffenbart. Gott hat alle Mittel zur Lösung des Problems in der Hand. Nun stärkt er seinen Arm und bereitet sich zum Kampf. In Vers 18 wird er seine Feinde weltweit überwinden. In Vers 19 wird das Werk des Herrn weltweit sein. Der Erlöser wird kommen. Damals war es die Vorausschau auf das Werk des Herrn. Heute ist es die Vorausschau auf die Bekehrung und Errettung aller Menschen weltweit, welche zum Glauben kommen durch die Verkündigung der gerechten Ansprüche Gottes und des Evangeliums der Rettung. In Vers 20 kommt Zion in den Blick, die Errettung wird auf diese Stadt konzentriert sein. Dies ist eine Vorschau auf die Gemeinde der Erlösten, die neue Stadt, das neue Jerusalem. Vers 21 bringt uns den Geist des Herrn, durch welchen Gott das tun wird (beziehungsweise für uns heute getan hat) was kein anderer tun kann: die Umwandlung des Herzens.

 

Kapitel 60

Kapitel 60 zeigt uns die weltumfassende Stadt, den Herrn in seiner Stadt, die ganze Welt in dieser Stadt und die völlige Umwandlung Zions. Das Licht des Herrn geht über ihr auf (Vers 1). Dies ist geistlich gesprochen die Erfahrung der Umwandlung bei der Errettung. Der Herr erleuchtet die Finsternis der Welt, und er beginnt mit seiner Stadt. In der Tat wurde das Evangelium zuerst in Jerusalem verkündigt, danach in Judäa, dann in Samaria und bis an die Enden der Erde. Die Söhne der neuen Stadt kommen aus der ganzen Welt zu ihr (Vers 4). Die Stadt platzt aus allen Nähten, die Ankommenden bringen ihre Schätze mit. Sie kommen nach Hause und sie verkündigen alle das Lob des Herrn. Sie fliegen auf den Wolken (Schnelligkeit) und kommen von den fernen Inseln. Die Schiffe in Vers 9 symbolisieren die Sammlung großer Menschenmengen. Auch die Fremden werden mit Hingabe dienen und bauen (Vers 10). Durch die offenen Tore strömen unablässig Neuankömmlinge, auch Könige. Die Könige können in anderer Sichtweise allgemein als Gläubige gesehen werden, denn jeder Gläubige ist ein König und ein Priester. Sie sind die Könige Gottes, welche er aus allen Nationen errettet hat (Vers 11). Die Verweigerer der Rettung müssen umkommen (Vers 12). Kostbarkeiten werden die Stadt erfüllen (Vers 13). Die ehemaligen Unterdrücker werden zu demütigen Dienern in dieser Stadt, sie werden sich an ihrem Aufbau und ihrer Erhaltung beteiligen.

In den Versen 15-22 sehen wir die Umwandlung der Stadt. Sie war einst verlassen, nun wird sie ewigen Ruhm haben. Auch die ehemals Größten der Erde werden ihr das Beste geben. Alles wird in aufwärts gerichteter Bewegung verbessert werden, zum Himmel hin: Gold statt Erz, Silber statt Eisen, Erz statt Holz, Eisen statt Steinen. Überirdische Herrlichkeit wird hier abgebildet. Es wird keine Unmenschlichkeit mehr geben, keine Gewalt, kein Unrecht, keine sozialen Verwerfungen mehr. Die alte Ordnung von Sonne und Mond mit Aufgang und Untergang wird von dem ewigen Licht des Herrn abgelöst werden. Das Volk in dieser Stadt wird aus lauter Gerechten (Gerechtfertigten) bestehen, eine Pflanzung zum Ruhm Gottes. Vers 22 erinnert an den Bund mit Abraham: Aus Einem wurden viele Tausende.

 

Kapitel 61

Hier kommt nun ganz unmittelbar die Person des gesalbten Erlösers ins Blickfeld. Die Verse 1-11 bringen die fünfte Passage über den Messias als den Knecht des Herrn (vorher in Kap. 42, 49, 50 und 53). Die Absicht des ersten Kommens ist es, das Evangelium zu bringen. Der Geist des Herrn ist auf mir: auch hier wieder drei Personen (der Geist, der Herr, Ich) Der Messias tut fünf Dinge: Er predigt gute Botschaft den Armen, richtet auf die zerbrochenen Herzens sind, verkündigt Freiheit den Gefangenen (wie in 3Mo 25,8-13; 27,24), öffnet das Gefängnis für die Gebundenen und ruft das Gnadenjahr des Herrn und das Jahr der Rache Gottes aus (Joh 1,17; Lk 4,16-21). Der Herr las diese Stelle in der Synagoge in Nazareth. Nach der Tradition hätte er mindestens drei Verse lesen müssen, aber er las nur die Hälfte des Minimums. Deshalb schauten alle verwundert auf ihn, und er erklärte die Stelle. Das Gericht ließ er ganz bewusst aus. Es wird kommen, wenn er zum zweiten Mal erscheint.

In Vers 3 wird das alte Zion durch den Dienst des Messias umgewandelt zu dem neuen Zion. Zuerst ein Kopfschmuck, dann Kleider. Die Bewegung von oben nach unten zeigt den himmlischen Ursprung der Verwandlung an. Das Überkleiden symbolisiert die Gabe einer neuen Natur in der Wiedergeburt. Sie werden Terebinthen der Gerechtigkeit genannt, eine Pflanzung Gottes (Mt 15,13; 1Kor 3,9). Das Freudenöl steht hier sinnbildlich für den Heiligen Geist. Die Trümmer werden wieder aufgebaut, in geistlicher Hinsicht bedeutet dies die Wiederherstellung des zerstörten Lebens nach der Errettung. Auch die Fremdlinge werden ihren Dienst tun in der Stadt für alle Erlösten (5). Vers 6: das allgemeine Priestertum der Gläubigen. Die Schmach wird ihnen, als den Erstgeborenen des Geistes, doppelt vergolten (1Mo 48,22; 5Mo 21,17; 2Mo 4,22; 2Kö 2,9). Alles wird absolut gerecht sein, auch der Lohn des Herrn für jeden Einzelnen (Off 22,12). Sie werden weltweit erkannt und anerkannt werden. Dies erfüllt sich heute noch nicht im Leben der meisten Gläubigen, aber es wird bei der Ankunft des Herrn geschehen (2Thess, 1,10).

Ab Vers 10 redet der Gesalbte, der Messias, der kommende Retter. Er wurde vom Herrn bekleidet wie ein Bräutigam mit den Kleidern der Gerechtigkeit und hat sich somit freudig und freiwillig für sein Werk ausstatten lassen. Das Werk wird ausgeführt werden und gelingen, so sicher wie der Samen in einem Garten sprosst (Vers 11).

 

Kapitel 62

Hier redet der Gesalbte um Zions willen, er will nicht schweigen. Der Gesalbte widmet sich selbst einem unaufhörlichen Gebet und einer unaufhörlichen Tat zugunsten des noch immer nicht erlösten Zion. Er wird weitermachen bis das Licht der Rettung hervorbricht. Was er für Zion tut, das soll von der Welt gesehen und anerkannt werden. Zion wird nach seiner Erlösung seine neue gerechte Natur öffentlich darstellen, es wird einen neuen Namen haben und eine Krone tragen. Die Stadt wird nicht mehr verlassen sein, sondern der Herr wird Lust an ihr haben wie der junge Ehemann an seiner neuvermählten Frau in den Flitterwochen.

Verse 6-7: Der Gesalbte hat sich selbst dem Werk verschrieben, ein Volk zu erschaffen welches öffentlich seinen geretteten und gerechten Zustand zeigt, so dass Zion zum Lobpreis der ganzen Erde wird. Es ist die Aufgabe derer, die die Gerechtigkeit und die Rettung des Herrn empfangen haben, dass sie sich als Wächter auf die Mauern Zions stellen und ohne Unterlass dafür beten, dass dieses Ziel des Erlösers zustande kommt. Unsere Gebete als solche die bereits in Zion leben (Hebr 12,22) und zu gleicher Zeit noch auf das vollkommen erneuerte Zion aus dem Himmel warten (Off 21,10) sind unser Beitrag zum Wächterdienst in der Stadt. Die vollkommene Erfüllung aller Absichten des Herrn mit seinem neuen Zion kommt auf menschlicher Betrachtungsebene auch durch unsere Gebete.

Verse 8-12: Das Volk lebt in gesicherter Fülle und in engster Gemeinschaft mit dem Herrn. Der Herr schaut auf die Pilger. Die Wege werden von allen Hindernissen befreit, es wird Bahn gemacht. Das Heil und die Erlösung stehen unmittelbar bevor. Alles ist bereit! In alttestamentlicher Zeit dachten die Gläubigen hierbei an die unmittelbar bevorstehende Ankunft des ersehnten Erlösers. In neutestamentlichem Denken haben wir das zweite Kommen des Herrn im Blick, der uns aus allen Unvollkommenheiten und Bedrängnissen der jetzigen Zeit befreien wird. Die Gesammelten sind in Vers 12 ein Volk, welches zur Vollendung gebracht ist. Sie leben in der vollen Wirklichkeit einer vollbrachten Erlösung.

 

Kapitel 63

In 62,11 wurden wir dazu aufgefordert, nach der nun kommenden Erlösung Ausschau zu halten, welche in 62,12 in der Person dessen gesehen wurde, der das Werk der Errettung vollbracht hatte. In unserem Kapitel werden wir nun unmittelbar in diese Situation hineingeführt. Wir stehen praktisch in der ersten Reihe auf der Mauer Zions und sehen die Gestalt von Vers 1 herannahen. Sie redet von Gerechtigkeit und ist mächtig zum Retten. Der Blick geht in Vers 2 auf das Gewand, welches der Rächer und Erlöser in 59,17 und 61,10 angezogen hat und welches in 52,1 der Stadt Zion gegeben wurde. Wir werden auch erinnert an die Rettung und die Rache in Off 19,18.

Er kommt aus Edom. Edom ist der unaufhörliche Hasser und Feind des Volkes Gottes durch die ganze Schrift hindurch gewesen. Es symbolisiert hier in geistlicher Sichtweise sowohl die Gesamtheit aller Nationen der Erde, welche den Gläubigen entgegengestanden haben als auch den letzten endzeitlichen Feind des Volkes. Vergleiche hierzu Hesekiel 35. Dort wird ebenfalls Edom (Seir) noch einmal genau beschrieben, bevor in den Kapiteln 36-39 die Wiedergeburt und die Erlösung des Volkes Israel in allen Einzelheiten beschrieben werden. Das Gericht über Edom ist hier das Gericht über den Feind Gottes auf Golgatha, ebenso aber auch das Gericht über die gottlose Welt am Ende der Zeit.

Die Kraft des Retters ist gewaltig, seine Macht zu retten ist unbegrenzt und ewig. Er hat das Werk vollständig und ganz alleine ausgeführt. Die hochrote Farbe seines Kleides ist Blut! Der Retter proklamiert Erlösung, Rettung und Vergeltung. Wir müssen hier an 61,1-2 denken. Dort waren das erste Kommen und das zweite Kommen des Herrn in einem Vers zusammengefasst: Zuerst die Erlösung und die Rettung, dann die Vergeltung. Genauso ist es hier. Das Gewand des Gesalbten ist nicht nur im Blut seiner Feinde getränkt, die er am Ende von der Erde vertilgen wird (Vergeltung), sondern auch in seinem eigenen Blut (Rettung, Erlösung). Er hat das Werk ganz alleine ausgeführt, wie es ausdrücklich betont wird. Kein Mensch hat ihm dabei geholfen, aber alle Gläubigen kommen in den Genuss der herrlichen Ergebnisse des Werkes. Der Herr ist der Heiland und der Richter in einer Person, und wir sehen es hier in diesem Bild.

In Vers 7 gedenkt die Stimme eines Erinnernden all der Lieblichkeit und Gnadenerweise des Herrn gegenüber seinem Volk. Die ganze Heilsgeschichte des Volkes wird hier quasi rekapituliert. Er hat sie zu seinen Kindern, zu seinem Volk gemacht. Alles was sie erleiden mussten, tat auch ihm weh. Mit Erbarmen hat er sie schon in der Vorzeit getragen. Sie waren widerspenstig gewesen, daher musste er ihnen für eine Zeit entgegentreten, ja sogar gegen sie kämpfen wie ein Feind. Wie beim Exodus, an den der Prophet jetzt zurückdenkt, fragten sie nach ihm: Wo ist der, der uns aus dem Meer führte und der seinen majestätischen Arm zur Rechten Moses einher ziehen ließ und das Wasser teilte? Sie haben niemals ihrer Berufung entsprechend gelebt, aber seine ewige Liebe hat sie dennoch nicht verlassen.

Alle diese Dinge führen den Erinnernden nun ab Vers 15 ins Gebet hinein. Er denkt an das Vergangene und betet über die vergangenen Wege Gottes mit dem Volk. Zuerst fragt er, wo denn Gottes Liebe und Eifer sind. Das Volk kann sie nicht mehr erkennen. Sie müssen anerkennen, dass sie es nicht mehr wert sind, Gottes Volk genannt zu werden, aber sie rufen doch Gott noch immer als ihren Vater an (2Mo 4,22), denn er verändert sich nicht, er ist der „Ich bin der ich bin“ (2Mo 3,14). Der Herr ist noch fern von ihnen, weil sie abgeirrt sind. Sie mussten zuerst erfahren was es bedeutet, von Gott abzuirren. Nun bitten sie ihn, zurückzukehren. Er kann alles ändern, wenn er es nur will. Das Volk Gottes hat sein Erbteil nur sehr kurz besessen und ist nun geworden wie die Heiden.

 

Kapitel 64

Ach, dass du die Himmel zerrissest und herabführest“ (oder besser: „zerrissen hättest und herabgefahren wärest“)! Seine reine Gegenwart hätte alles verändert, aber er war nicht gekommen. Auch uns gilt dieser Gedanke. Sind wir nicht manchmal etwas enttäuscht über die Art und Weise, wie unser Herr die Welt lenkt, da er doch in einem Augenblick alle unsere Schwierigkeiten beenden könnte? Hier ist die Schule des Vertrauens und der Abhängigkeit.

Vielleicht ist es ja auch zu spät für die Rettung, da es schon so lange dauerte (Vers 4). Gott hilft denen, die auf ihren Wegen an ihn denken und auf ihn harren. Beides haben sie nicht getan. Außerdem haben sie nicht nach Gottes Grundsätzen gelebt, sondern in Sünde, Ungehorsam und Unmoral. Ist Rettung überhaupt noch möglich? Das Volk ist verwelkt wie die Blätter, ihre Gerechtigkeit ist geworden wie ein beflecktes Kleid, unrein und unbrauchbar für Gott. Gott zeigt sein Angesicht nicht mehr, weil niemand ihn mehr wahrgenommen oder angerufen hat. Sie sind in die Gewalt ihrer eigenen Missetaten geraten.

Verse 7-11: Gott ist jedoch nicht nur unveränderlich in seiner heiligen Feindschaft gegenüber der Sünde, sondern auch in seiner Gnade und in seinem Erbarmen. Sie haben ihre Sünden bekannt und können den Herrn nun anrufen. Er ist noch immer ihr Vater (2Mo 4,22). Die Kinder können immer nach Hause kommen, wenn sie ihre Verfehlungen bekennen und bereuen. Sie erkennen sich selbst als den Ton in der Hand des Töpfers an und bitten den Herrn, doch nicht allzu sehr zu zürnen. Alle Städte des Landes und Jerusalem sind verwüstet. Der Tempel ist zerstört und verbrannt. Willst du trotzdem schweigen, Herr, und uns ganz und gar niederbeugen?

Das ist die Haltung echter Buße, und diese Buße hat der Herr auf seinen Wegen mit ihnen hervorgebracht. Sie ist ein Wunderwerk Gottes in ihren Herzen, denn der völlig Gottlose wird sie niemals empfinden. Er wird lieber untergehen. Diese Buße ist die Voraussetzung für die Rettung und Erlösung gewesen. Das ist die Geschichte des Volkes, welche die Stimme des sich Erinnernden erzählen kann. Nun ist aber die Erlösung endlich möglich geworden.

 

Kapitel 65

Die beiden letzten Kapitel bilden einen passenden Abschluss, nicht nur für den letzten Teil des Buches, sondern für das gesamte Buch. Das Gebet des sich Erinnernden (63,7-64,12) endete damit, dass das Volk des Herrn sehnlichst die kommende Heilung erwartete. Die Trümmer waren das Ergebnis ihres eigenen Versagens. Nur das Kommen des Erlösers (59,16-63,6) kann das Volk von den Feinden befreien und alles wiederherstellen. Diese große Erlösung und Wiederherstellung wird nun noch ein letztes Mal beschrieben.

Es kann an dieser Stelle nicht stark genug betont werden, dass wir es hier mit einer Prophetie in poetischer Gedichtform zu tun haben. Diese enthält Symbole, Bilder und Metaphern, welche unbedingt im Kontext des gesamten Buches, ja der gesamten Bibel ausgelegt werden müssen, um zu der richtigen Deutung zu gelangen. Im Abschnitt 65,17-66,24 wird Jesaja über den neuen Himmel und die neue Erde reden, die wir uns heute noch nicht vorstellen können. Er wird uns unvorstellbare Dinge und geistliche Realitäten in sprachlichen Bildern darstellen müssen, die wir in unserer Zeit verstehen können. Er wird in poetischer Sprache das Unbeschreibliche beschreiben. Eine rein buchstäbliche Auslegung dieser Verse würde zu erheblichen Fehldeutungen führen. Und nun zu unserem Kapitel.

In Vers 1 hat der Herr diejenigen gesucht, welche nicht nach ihm fragten. Es ist dies sein Ruf zu den Nationen (Rö 10,20). Hier findet sich eine weitere geistliche Klammer (Inklusion) mit 66,18-21, wo ebenfalls von den Nationen die Rede ist, welche nicht von ihm gehört haben. Der Herr hat sich ihnen selbst geoffenbart durch sein Wort und sie mit hineingenommen in die Offenbarung für Israel. Hier sieht Jesaja die Frucht der Verbreitung des Evangeliums über die ganze Erde.

Ab Vers 2 benutzt Jesaja die vor der babylonischen Gefangenschaft gegebenen Umstände, um mit ihrer Hilfe die Fortsetzung des religiösen Abfalls in der Zukunft zu beschreiben. Das Volk verschmäht den Ruf Gottes, weil es nicht von seinem eigensinnigen und individualistischen Lebensstil ablassen will. Jesaja entlarvt dies als Verstoß gegen die vier ersten Gebote vom Sinai. Sie haben andere Götter (erstes Gebot), verehren Bildnisse und Götzen (zweites Gebot), beschwören die Toten für Wegweisung und beten die Geister an (drittes Gebot), entscheiden selbst wer heilig und nicht heilig ist und halten die Ruhe Gottes nicht ein (viertes Gebot). Sie sind ein Rauch in der Nase Gottes. In Vers 6 wird Gott jedem Einzelnen von ihnen ganz individuell vergelten. In Vers 7 wird auch der Götzendienst der Vorväter genau den gleichen Lohn empfangen.

In Vers 8 wird dann der gläubige Überrest ermutigt. Sie sind die Trauben, in denen noch Saft ist, die Menschen die er noch segnen kann. Er wird es tun aus reiner Gnade. Auch sie hätten als Sünder den Tod verdient, aber sie werden dennoch nicht in die Weinpresse geraten. Vers 9 geht zurück auf die Zeit Josuas mit dem Einzug in das Land. Saron symbolisiert Verfall (33,9), Achor einen guten Beginn mit einem schlechten Ende (Jos 7,24-26). Aber Saron wird einmal seiner Berufung entsprechen und Achor wird von Fluch in Segen verwandelt werden.

In den Versen 11-16 werden diejenigen, die den Berg der Gegenwart Gottes (das ist: Gott selbst) verlassen haben, als solche bezeichnet, die dem Glück (gad) einen Tisch bereiten und dem Schicksal (meni) zu Ehren einen Trank einschenken. Das Schicksal ihrer Wahl werden sie auch bekommen: Tod mit den toten Götzen. Gottes Leute werden hingegen essen und trinken (Befriedigung aller Bedürfnisse des Lebens durch Gott), während die Götzendiener hungern und dürsten werden. Die Gläubigen werden frohlocken (freudiger Eintritt in die geistlichen Segnungen Gottes aus Glauben), während die Götzendiener schreien werden vor Jammer. Die Verlorenen werden zusammenbrechen, die Gläubigen werden einen neuen Namen (eine neue geistliche Natur) empfangen. Diese neue Natur wird ihnen eine völlig umgestaltete Persönlichkeit und neues Lebenspotential verleihen. Das neue Land (besser: die neue Erde) wird endlich eine neue Welt im Einklang mit Gott sein. Der wahrhaftige Gott ist im Hebräischen „der Gott des Amen“. Seine Verheißungen werden sich ausnahmslos erfüllen. Wir wissen auch durch wen.

 

2Kor 1,20: „Denn so viele Verheißungen Gottes es gibt – in ihm ist das Ja, und in ihm auch das Amen, Gott zum Lob durch uns!“

 

Das „Denn“ in Vers 17 erklärt die Verheißung der Verse 13-16. Gott wird seine ganze Schöpfung neu machen. Alles in der alten Ordnung wird dieser großen Renovierung unterliegen. Auch der Geist und die Erinnerung der Menschen werden erneuert werden, sie werden des Alten nicht mehr gedenken. Alles dies wird für ewig sein. In Vers 18 ist die neue Schöpfung gleichgesetzt mit dem neuen Jerusalem.

 

Off 21,2: „Und ich, Johannes, sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabsteigen, zubereitet wie eine für ihren Mann geschmückte Braut.“

Off 21,4-6: „Und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, weder Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen. Und der auf dem Thron saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu! Und er sprach zu mir: Schreibe; denn diese Worte sind wahrhaftig und gewiss! Und er sprach zu mir: Es ist geschehen! Ich bin das A und das O, der Anfang und das Ende. Ich will dem Dürstenden geben aus dem Quell des Wassers des Lebens umsonst!“

 

Die neue Schöpfung ist die neue Stadt. So wie Jesaja die Stadt Babylon gesehen hat in ihrer imperialistischen Weltmacht (Kapitel 13-14), als Weltprinzip im Lauf der gesamten Geschichte (21,1-10) und bei ihrem Fall (24,1-10), so sah er auch den Berg der Freude und der Vorsehung (2,1-4; 25,6-9), die Stadt der Kraft und der Errettung (26,1-3). Auf diese Weise wird die neue Schöpfung zum neuen Jerusalem: es wird die vollkommene neue Welt als vollkommener Lebensraum für alle Erlösten sein. Alle Bewohner gehören Gott an. Es wird keine geistliche Trennung mehr geben, keine falschen Gläubigen, keine Spaltungen und keine äußeren Bedrohungen mehr. Auch alle quälenden und belastenden Emotionen werden verschwunden sein.

In Vers 20 müssen wir bedenken, dass wir Dinge, die sich unserem heutigen Verständnis voll und ganz entziehen, nur dann verstehen können, wenn wir sie in uns bekannten Ausdrücken beschreiben. Das tut der Prophet hier. Er versucht mit menschlichen Worten das Unbeschreibliche zu beschreiben. Der Vers bedeutet keineswegs, dass es in der neuen Welt tatsächlich noch den Tod geben wird, denn das wäre ein Widerspruch zu den Versen 18-19, (ewig, allezeit, nicht mehr) sowie zu 25,7-8. Es wird keinen Sünder mehr im neuen Jerusalem geben (Verse 6, 7, 12 und 15). Hier haben wir also die folgende Metapher (bildliche Rede): „Selbst wenn es in der neuen Welt so wäre (was natürlich in Wirklichkeit vollkommen ausgeschlossen ist), dass ein Sünder dem Gericht 100 Jahre lang entkommen könnte, dann würde der Fluch ihn immer noch erreichen und töten.“ Diese Metapher drückt letztendlich aus, dass es in der neuen Schöpfung keinen Platz mehr für die Sünde und den Tod geben wird. Vers 15 weist zudem darauf hin, dass die Lebenden mit einem anderen Namen benannt werden sollen: Es sind die Gläubigen, benannt nach dem Herrn Jesus Christus: die Christen!

Die Verse 21-25 reden über die Gesellschaftsordnung in der neuen Stadt. Die Menschen werden endlich zuhause sein (Häuser, Weinberge). Sie werden genießen, was sie erarbeitet haben. Das Alter der Bäume bildet immerwährende Fortdauer ab, also letztlich ewiges Leben. Keine Schicksalsschläge wie etwa der Tod eines Kindes werden sie jemals wieder treffen können. Die Verse 24-25 beschreiben die völlige Einheit der Menschen mit den Gedanken Gottes. Wenn sie rufen, dann hört er sofort. Er muss und wird ihnen nichts mehr vorenthalten, denn ihre Wünsche werden vollkommen eins sein mit den seinen.

Feindschaft und Gefahr (der Wolf) werden gebannt sein, Hilflosigkeit und Schwäche (das Lamm) werden durch sie nicht mehr bedroht. Die räuberische und gewalttätige Natur (der Löwe) der Menschen wird gezähmt sein. Es wird hier das Bild des wiedergefundenen Paradieses aus Eden gezeichnet, nur in unendlich vollkommenerer Form. Auch die Schlange wird noch da sein, aber sie wird keine Rolle mehr spielen und Staub fressen. Sie kriecht im Staub des Todes (Ps 22,16). Der Fluch über den Tod bleibt ewig bestehen, auch wenn der Tod selbst nicht mehr da ist. Er ist nämlich in den Feuersee geworfen worden am Tag des letzten Gerichts. Der Tod ist tot (Off 20,14).

 

Kapitel 66

Im Einweihungsgebet für den ersten Tempel stellte Salomo die Frage: „Aber wohnt Gott wirklich auf der Erde?“ (1Kö 8,27). Die Antwort ist ja, denn David hatte diese Verheißung. Allerdings wird dies nicht auf dieser Erde geschehen. Gott wird kommen und in seinem ewigen Haus inmitten seines Volkes wohnen. Jesaja fragt nun nach dem Ort dieser Wohnung (Vers 1). Die Wohnung wird niemals ein von Menschen gebautes Haus sein, denn Gott ist viel zu gewaltig. Die Demütigen und die Zerbrochenen sind sich ihrer Unfähigkeit und Sündhaftigkeit vor Gott bewusst. Ihre Gemeinschaft sucht Gott (Vers 2). Er wohnt in ihrer Mitte in der neuen Schöpfung, in der neuen Welt, in der neuen Stadt, und nicht in einem steinernen Gebäude.

Vers 3 stellt vier annehmliche Arten der Anbetung (Ochsen schächten, Schafe opfern, Speisopfer, Weihrauch) ganz nüchtern und neutral neben vier nicht annehmliche Opfer (Menschenmord, Hundeopfer, Schweineblut, Götzenverehrung). In Hesekiel 8 und an anderen Stellen im Prophetenwort erkennen wir, dass solche Dinge im verdorbenen Opferdienst vor der babylonischen Gefangenschaft tatsächlich vorhanden waren. Die geistliche Belehrung lautet: Der eine tut eben dieses, und der andere tut jenes. Entscheidend für Gott ist, welche Wahl der Anbeter in seinem Herzen getroffen hat: Gottgemäße Anbetung oder Anbetung nach eigenen Maßstäben falscher Religion? In Vers 4 sagt Gott dann gewissermaßen: „Sie haben ihre Wahl getroffen, und jetzt treffe ich meine.“ Die falsche Religion bringt das hervor, was sie eigentlich vermeiden wollte, nämlich den Zorn Gottes und das Gericht. Vers 5 redet zu den Gläubigen. Sie werden jetzt noch verhöhnt, aber sie zittern vor dem Wort Gottes. Dies gilt für alle Gläubigen in der alten Welt und auch für uns heute.

Diejenigen, die über das Ende reden, werden verspottet, aber sie werden gerechtfertigt werden. Das was für den Menschen unbegreiflich erscheint, ist für Gott ganz einfach, und es wird hier im Bild einer Geburt erklärt (Verse 7-9). Kann wohl ein Kind geboren werden, bevor überhaupt Wehen kommen? Kann ein Land und die darin lebende Nation an einem Tag geboren werden? Nach menschlichem Verständnis natürlich nicht. Gott wird aber genau dieses tun! Das neue Zion wird genauso ins Dasein kommen, nämlich durch geistliche Geburt (Joh 3,5-9). Eine Geburt kann nicht gestoppt werden, sie läuft einfach ab. Was Gott beginnt, kann ebenso nicht aufgehalten werden. Es kommt zu seiner Vollendung. Die Verse 10-11 geben wieder Trost. Die Bewohner des neuen Zion (Hebr 12,22-24) trauern heute noch über so viele Dinge, aber einmal wird eine andere Welt kommen mit völliger Tröstung und Versorgung durch Gott.

Die Verse 12-13 reden über das neue Jerusalem, die weltweite Stadt des Friedens. Der Friedensstrom, der verloren war, wird wieder fließen. Die Nationen werden zu der Stadt strömen (2,1-4). Sie werden getragen und getröstet sein. So wie die Flut des Assyrers und des Babyloniers das alte Zion überschwemmte, so wird die Flut des Segens in das neue Zion hineinströmen. Vers 14 zeigt die neue Belebung der Bewohner der Stadt, ihre Gebeine werden sprossen wie grünes Gras. Der Tod (Gebeine) ist verschlungen in Sieg (1Kor 15,54).

Ab Vers 15 kommen wir dann wieder zum Gericht über die Weltmenschen. Sie haben ihren eigenen Lebensstil und ihren eigenen Glauben festgehalten. Das Feuer, der Sturm und das Schwert Gottes gehen gegen sie aus. Jedem Einzelnen von ihnen wird das genau zugemessene Gericht zugeteilt in völliger Gerechtigkeit. Die Gerechtigkeit Gottes ist absolut. Es ist die Gerechtigkeit, welche Zion als Gewand gegeben wurde (52,1) und danach dem gesalbten Knecht verliehen wurde (61,10), welcher selbst aus der Weinkelter des Zornes Gottes zurückkehrte (in welche er einerseits als unser Stellvertreter hineingeraten ist auf Golgatha, welche er andererseits treten wird im Gericht am letzten Tag) und Gerechtigkeit redete (63,1). In Vers 17 werden wieder die Götzendiener ausgesondert. Wenn der Mensch nicht mehr an Gott glaubt, dann verehrt er alles andere: Schweinefleisch, Mäuse und andere Gräuel (auch hier wieder bildliche Sprache). Der Herr ist ein eifersüchtiger Gott, er wird sie zusammen mit ihren Götzen wegraffen.

In Vers 18 schließt sich die geistliche Klammer zu Vers 1. Wir sehen hier das Ende der fortlaufenden Entwicklung von der neuen Schöpfung (65,17) über die neue Stadt (65,19) und die neue Gesellschaftsordnung (65,20) bis hin zu dem neuen Haus (66,1). Jetzt werden alle Gläubigen aus den Nationen gesammelt. Es wird ein Zeichen mitten unter ihnen aufgerichtet. Hier sehen wir die Sammlung der Gemeinde zwischen dem ersten und zweiten Kommen des Herrn, und zwar unter dem Zeichen des Kreuzes. Es wird zwar von Jesaja hier nicht benannt, aber im Kontext des Buches gehört es an diese Stelle, denn es entspricht dem Banner in Kapitel 11,10. Aus der Mitte der Geretteten werden die Missionare in alle Welt ausgehen (Tarsis, Pul, Lud, Tubal, Jawan, die fernen Inseln) und die Herrlichkeit unter den fernen und nahen Völkern verkündigen. Einige dieser Völker werden den Bogen spannen, im Bild gesagt werden sie den Missionaren Widerstand leisten und sie auch angreifen.

Die Missionare werden die Frucht ihres Dienstes, nämlich die Bekehrten und Erretteten, auf allen Wegen zu dem Berg und zu der Stadt Gottes bringen (1,1-4; 4,2-6; Mt 5,14; Hebr 12,22). Diese werden Priester und Leviten im Haus des Herrn sein und ihm Opfer darbringen (2Mo 19,5-6; Eph 3,6; 1Pe 2,5+9). In den Versen 22 und 23 haben diese Ordnungen ewigen Bestand. Die Anbeter werden somit nicht nur in unseren Tagen regelmäßig zum Gottesdienst zusammenkommen, sondern auch in der Ewigkeit der neuen Erde.

Der Vers 24 redet bemerkenswerterweise noch über einen Friedhof vor den Toren der Stadt. Die Geretteten können dorthin gehen und sich das Schicksal anschauen, vor welchem sie gerettet worden sind. Der Wurm im Herzen der Rebellen war der Sieger, und er wird nun ewig an ihnen nagen. Das Feuer des Gerichtes wird im Feuersee niemals mehr erlöschen. Dies ist der zweite Tod. Das Hingehen der Erlösten an diesen Ort geschieht nicht aus Schaulust, sondern das poetische Bild symbolisiert die Erinnerung der Gläubigen an ihren einstigen verlorenen Zustand, welcher sie auf ihrem Glaubensweg immer wieder neu motiviert, dem Herrn mit ungeteiltem Herzen nachzufolgen. Die Gebeine der Erlösten werden nicht verfaulen, sie werden nicht zu Leichnamen werden, sondern sie werden sprossen wie das grüne Gras (Vers 14).

Am Ende des vorliegenden Textes dürfen wir nun in der Gegenwart unseres Herrn noch etwas verweilen unter dem Eindruck der wunderbaren Botschaft seines Propheten Jesaja. Wir dürfen den Herrn bitten, dass er uns beim weiteren Studium des Buches immer tiefer in die Wahrheit seines Wortes und in die Herrlichkeit seiner eigenen Person und seines Werkes einführen möge. Wir schließen unsere Betrachtung ab mit Off 22,11-17:

 

„Wer Unrecht tut, der tue weiter Unrecht, und wer unrein ist, der verunreinige sich weiter, und der Gerechte übe weiter Gerechtigkeit, und der Heilige heilige sich weiter! Und siehe, ich komme bald und mein Lohn mit mir, um einem jeden so zu vergelten, wie sein Werk sein wird. Ich bin das A und das O, der Anfang und das Ende, der Erste und der Letzte. Glückselig sind, die seine Gebote tun, damit sie Anrecht haben an dem Baum des Lebens und durch die Tore in die Stadt eingehen können. Draußen aber sind die Hunde und die Zauberer und die Unzüchtigen und die Mörder und die Götzendiener und jeder, der die Lüge liebt und tut. Ich, Jesus, habe meinen Engel gesandt, um euch diese Dinge für die Gemeinden zu bezeugen. Ich bin die Wurzel und der Spross Davids, der leuchtende Morgenstern. Und der Geist und die Braut sprechen: Komm! Und wer es hört, der spreche: Komm! Und wen da dürstet, der komme; und wer da will, der nehme das Wasser des Lebens umsonst!“

   Kostenloser Download Der Drache kommt

Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.
Ok