Altes Testament

Dieser Artikel soll dem Leser helfen, die zeitlichen Abläufe der Bücher Esra, Nehemia und Esther besser zu verstehen. 
 


Nach David L. Cooper: „Messiah – His First Coming Scheduled“

 

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
   1.1 Die Endzeitlehre des Dispensationalismus
   1.2. Hinführung zum Thema
2. Die unklare weltliche Chronologie des Perserreiches
3. Drei Perioden von siebzig Jahren
4. Von Kyros bis Darius Hystaspis
   4.1 Biblische Chronologie der Herrschaft des Darius Hystaspis
5. Darius Hystaspis ist der Artasasta in Esra 7 und Nehemia / Zusammenfassung
6. Darius Hystaspis ist der Ahasveros des Buches Esther / Zusammenfassung
7. Zusammenfassende Gedanken über die Zuverlässigkeit der Chronologien
8. Chronologie anhand der Bibel
   8.1 Die Erfüllung der Vision aus Daniel 9
9. Fazit

 

1. Einleitung

1.1 Die Endzeitlehre des Dispensationalismus

In der Christenheit unserer Tage sind verschiedene prophetische Lehrsysteme etabliert. Bis etwa 1830 war die Lehre in den Christengemeinden einfach und klar. Sie besagte in ihren Grundzügen etwa folgendes: Der Herr Jesus Christus hat am Kreuz von Golgatha für alle Sünden der Gläubigen sein Blut vergossen. Er ist gestorben, wurde begraben und ist am dritten Tag auferstanden. Danach ist er in den Himmel gegangen und hat den Heiligen Geist auf die Erde geschickt, um mit Hilfe der Zeugen auf der Erde durch die Botschaft des Evangeliums die Gläubigen aus Israel und aus allen Nationen zu sammeln.

Am Ende dieser Zeit wird er wiederkommen am letzten Tag und wird alle zuvor gestorbenen Gläubigen aus ihren Gräbern auferstehen lassen. Niemand kennt genau den Tag und die Stunde dieser Wiederkunft, und niemand kann diesbezügliche Zeiten und Zeitpunkte berechnen, obwohl gewisse Zeichen dieser Wiederkunft vorausgehen werden (siehe hierzu unsere Texte „Mehr als Überwinder“ und „Die Ölbergrede des Herrn Jesus Christus“). Zusammen mit den dann noch lebenden Gläubigen, welche verwandelt werden, wird er an diesem letzten Tag seine ganze Gemeinde in den Himmel holen. Dann wird er die jetzige Erde im Feuer verbrennen und eine neue Schöpfung gründen, in welcher er auf ewig mit seinen Erlösten leben wird. Auch diejenigen Gläubigen, welche im Alten Testament auf den kommenden Erlöser gewartet haben, werden dabei sein und der Gemeinde aller Erlösten für ewig angehören. Soweit die „alte Lehre“ der Christen.

Seit etwa 1830 sind jedoch neue prophetische Lehren in die Christenheit eingeführt worden. Es sind dies im Wesentlichen die Lehre des Futurismus, welche zunächst aus der Feder der Jesuiten des ausgehenden 16. und beginnenden 17. Jahrhunderts stammt (siehe hierzu unsere Texte „Interpretationsansätze der Offenbarung“ und „Die Vorentrückungslehre – Biblisch fundiert?“) und welche in späterer Zeit weiterentwickelt wurde zu den Lehren des Prämillennialismus mit der Extremform des Dispensationalismus. Letztere, welche im 20. Jahrhundert insbesondere durch die Scofield-Reference-Bible in ihren zahlreichen Übersetzungen weltweit verbreitet wurde, ist heute vorherrschend.

 

Endzeitlehre des Dispensationalismus
Christus wollte bei seinem ersten Kommen ein irdisches jüdisches Königreich errichten. Die Juden verwarfen jedoch sowohl dieses Reich als auch Christus den König, so dass sein Königreich nicht errichtet werden konnte und die Juden zurückgestellt und unter die Nationen zerstreut wurden. Die Königsherrschaft Christi musste bis zu seiner sichtbaren Wiederkunft aufgeschoben werden. Doch nun ist ein Geheimnis geoffenbart worden, von welchem die alttestamentlichen Heiligen nicht geträumt hatten: die Gemeinde. Die Gemeinde hat nichts mit dem alttestamentlichen Israel zu tun. In der sogenannten Haushaltung der Gnadenzeit wird die Gemeinde aus den Juden und Heiden gesammelt. Christus ist das Haupt der Gemeinde, jedoch nicht ihr König. Die Gemeinde soll die Nationen evangelisieren, aber es wird nicht jeder Mensch in der ganzen Welt erreicht werden. Am Ende dieser Zwischenphase wird Christus erscheinen, und die geheime und von der Welt unbemerkte Entrückung der Gemeinde wird stattfinden.
Dann wird die genau siebenjährige Drangsalszeit mit dem großen globalen Gewaltherrscher, dem Antichristen kommen und die Juden werden nach Israel zurückkehren bzw. zurückgekehrt sein. Ein Drittel aller Juden in Israel werden bekehrt werden und Jesus Christus als ihren König annehmen. Schrecklichste Gerichte Gottes werden in der ganzen Welt toben. Eine Zahl von 144.000 Juden wird die ganze Welt evangelisieren, indem sie das Evangelium des Reiches unter den Nationen predigen wird. Dieses wird ein anderes Evangelium sein als das heutige Evangelium. Eine unzählbare Menge von Menschen aus allen Nationen wird gläubig werden, sie werden als die Heiligen der großen Drangsal bezeichnet. Am Ende der Drangsalszeit werden der Herr Jesus und seine Heiligen, also die genau sieben Jahre zuvor in den Himmel entrückte Gemeinde der Christen, wiederkommen zum Gericht über die Feinde: die sichtbare Wiederkunft Christi. Die noch Lebenden werden gerichtet, die Schafe von den Böcken getrennt, der Antichrist vernichtet und der Satan für 1000 Jahre im Abgrund gebunden werden. Die gestorbenen Heiligen Drangsalszeit werden auferweckt und Christus wird seinen Thron in Jerusalem errichten. Die Stadt und der Tempel werden wieder aufgebaut werden, ein jüdisches Zeremonialgesetz mit seinem Altar und mit seinen Opfern wird während der 1000 Jahre wieder eingeführt werden.
Jesus Christus wird während der 1000 Jahre dieses messianischen Zeitalters von Jerusalem aus Herrscher über alle Nationen der Erde sein. Die 1000 Jahre sind hierbei kein bildlicher oder symbolischer Zeitabschnitt, sondern es sind 365.000 wirkliche Tage[1]. Die Natur wird Frieden haben, eine unzählbare Menge von Menschen wird zum Glauben kommen. Ganz Israel wird errettet werden. Kurz vor dem Ende dieser exakt vorausberechenbaren Periode wird jedoch der Satan für eine kurze Zeit losgelassen werden, den Gog und Magog mobilisieren und mit einem riesigen Heer gegen die Heiligen heranrücken. Gott wird durch Feuer aus dem Himmel die Feinde vernichten. Dann nach genau 365.000 Tagen beginnt der ewige Zustand des neuen Himmels und der neuen Erde, in welchem die Gläubigen der Gemeinde Christi und die Gläubigen Israeliten für immer und ewig zwei getrennte Gruppen sein werden. Hinzu kommen als dritte Gruppe die Gläubigen der Drangsal aus allen Nationen, welche während der Drangsalszeit unter der Predigt der 144.000 Zeugen aus Israel zum Glauben gekommen sind. Eine letzte Gruppe wird die der Heiligen des Tausendjährigen Reiches sein, welche ebenfalls in Ewigkeit von den anderen Gruppen unterschieden sein wird.

 

Der Dispensationalismus hat als seinen eschatologischen Mittelpunkt die Lehre der 70 Jahrwochen in Dan 9,24-27. Diese Lehre geht davon aus, dass der Messias Jesus Christus am Ende der 69. Jahrwoche auf einem Esel in Jerusalem einzog, und zwar auf den Tag genau am Palmsonntag des Jahres 30 oder 32 unserer Zeitrechnung (verschiedene Berechnungsgrundlagen bei verschiedenen Autoren, also doch nicht so ganz genau). Eine Woche später, also sieben Tage nach der 69. Jahrwoche, wurde er gekreuzigt. Gott war dadurch gezwungen, die Errichtung des messianischen Weltreiches mit Hauptstadt Israel bis an das Ende der Zeit zu verschieben. Durch die Ablehnung des Messias mussten die Juden zurückgestellt werden und die Gemeindezeit, welche von den Propheten des Alten Testamentes gar nicht gesehen worden war, wurde als Zwischenstadium eingeschaltet. Gott kann erst am Ende der Zeit wieder Gnade für Israel gewähren. Das Weltreich des Messias und der Juden auf dieser Erde kann erst nach der Wiederkunft Christi beginnen. Es wird die siebte und letzte Dispensation sein, nämlich das Tausendjährige Reich.

Die bedeutsame Stelle aus dem Buch Daniel soll nun zitiert werden:

Dan 9,24-27: „Über dein Volk (Daniels Volk, also Israel) und deine Stadt sind 70 Wochen bestimmt, um der Übertretung ein Ende zu machen und die Sünden abzutun, um die Missetat zu sühnen und eine ewige Gerechtigkeit herbeizuführen, um Gesicht und Weissagungen zu versiegeln und ein Allerheiligstes zu salben. So wisse und verstehe: Vom Erlass des Befehls zur Wiederherstellung und zum Aufbau Jerusalems bis zu dem Messias, dem Fürsten, vergehen 7 Wochen und 62 Wochen (shavuot = „Siebener“. Im Textzusammenhang ist die Rede von Jahren, also hier: 7 mal 7 Jahre und 62 mal 7 Jahre); Straßen und Gräben werden gebaut, und zwar in bedrängter Zeit. Und nach den 62 Wochen wird der Messias ausgerottet werden, und ihm wird nichts zuteilwerden (andere Übersetzungen: „und er wird nichts haben“, oder: „und es wird nicht für ihn selbst sein“); die Stadt aber samt dem Heiligtum wird das Volk des zukünftigen Fürsten zerstören, und sie geht unter in der überströmenden Flut; und bis ans Ende wird es Krieg geben, fest beschlossene Verwüstungen. Und er wird mit Vielen den Bund bestätigen eine Woche lang; und in der Mitte der Woche wird er Schlachtopfer und Speisopfer aufhören lassen, und wegen der überströmenden Greuel wird er es (das Heiligtum) verwüsten, und zwar bis zur Zerstörung, und das Beschlossene wird über das Verwüstete ausgegossen werden.“

Bezüglich einer ausführlicheren Auslegung dieser Schriftstelle verweisen wir auf den Text „Daniel – Der innere Zusammenhang seiner Visionen“. Es wird dort eindeutig nachgewiesen, dass alle 70 Jahrwochen der Prophetie bereits in der weiten Vergangenheit erfüllt worden sind. Die erste Hälfte der letzten Jahrwoche war die Zeit des öffentlichen Dienstes des Herrn Jesus Christus auf der Erde, die zweite Hälfte war die erste Zeit der Apostelgeschichte nach der Kreuzigung, Auferstehung und Himmelfahrt des Herrn. Wir haben in der Zukunft keine weitere Periode von sieben Jahren zu erwarten, welche der 70. Jahrwoche Daniels entsprechen würde.

Die Lehre des Dispensationalismus erwartet jedoch sehr wohl noch die zukünftige Erfüllung dieser letzten Jahrwoche, wie wir bereits erläutert haben. Der Grund dafür ist eine fehlerhafte Auslegung der Danielstelle, welche nach Ansicht des Dispensationalismus nicht vollständig auf den Messias, den Fürsten Jesus Christus hindeutet, sondern in Vers 27 auf den Antichristen (welcher im Kontext dort nicht vorkommt). Da dieser Antichrist für die Zukunft erwartet wird, muss nach dispensationaler Lehre auch die letzte Jahrwoche zukünftig sein.

 

1.2. Hinführung zum Thema

Das führt uns nun zu dem Thema unserer nachfolgenden Abhandlung. Nach der „alten Lehre“ hat der Messias Israels und der Welt, der Herr Jesus Christus, sein Werk in der Mitte der 70. Jahrwoche Daniels vollendet. Nach der „neuen Lehre“ muss diese siebzigste Jahrwoche gänzlich in der Zukunft liegen. Die dispensationale Auslegung verlangt, dass die „prophetische Uhr Gottes“ für Israel, bei der Kreuzigung Jesu Christi am Ende der 69. Jahrwoche Daniels angehalten werden musste. Die Uhr wird erst in der Zukunft wieder gestartet, wenn Gott die letzten sieben Jahre beginnen lässt. Diese letzte Jahrwoche wird dann intensiv mit dem Schicksal der Nation Israels verbunden sein.

In unserer Abhandlung soll es insbesondere um die Zeit der ersten sieben Jahrwochen Daniels gehen, über welche er in Vers 25 seiner Prophetie redet. Noch einmal der Vers: „So wisse und verstehe: Vom Erlass des Befehls zur Wiederherstellung und zum Aufbau Jerusalems bis zu dem Messias, dem Fürsten, vergehen 7 Wochen und 62 Wochen; Straßen und Gräben werden gebaut, und zwar in bedrängter Zeit.

Hinsichtlich dieser Prophetie sind große Missverständnisse in der Auslegung entstanden. Es wurde die Lehre aufgestellt, dass nicht der Perserkönig Kyros, so wie es die Bibel in Jes 44,28 sagt, den Erlass herausgegeben habe, Jerusalem und den Tempel zu bauen, sondern dass er lediglich den Erlass zum Tempelbau gegeben habe.

Jes 44,28: „… der von Kyros spricht: »Er ist mein Hirte, und er wird all meinen Willen ausführen und zu Jerusalem sagen: Werde gebaut!, und zum Tempel: Werde gegründet! «

Diese Bibelstelle redet jedoch klar vom Tempel und von der Stadt. Nach heute gängiger Meinung soll der Erlass zum Bau der Mauern und der Stadt jedoch vom Perserkönig Artaxerxes Longimanus herausgegeben worden sein, welchen man im Buch Nehemia in der Bibel zu erkennen glaubt. Der Erlass des Kyros wird in das Jahr 538 v.Chr. datiert, der Erlass des Longimanus in das Jahr 445 v.Chr. Beide Zahlen werden zudem nach der fehlerhaften Chronologie des Ptolemäus angegeben.

Von dem letztgenannten Datum an werden dann 483 „prophetische Jahre“ von 360 Tagen bis auf den Einzug Jesu Christi in Jerusalem am Palmsonntag veranschlagt. Eine Zahl von 173.880 Tagen soll genau von dem Erlass des Longimanus bis zum Palmsonntag führen. Das Problem besteht jedoch darin, dass die Bibel nicht über prophetische Jahre von 360 Tagen redet, sondern dass die Juden schon immer genau wie alle anderen Nationen auch ihr religiöses Jahr durch Einführung von Schalttagen an den Sonnenumlauf des zivilen Jahres angepasst haben. Sie tun das heute in ihrem Lunisolarkalender noch immer. Daniel hat nicht über prophetische Jahre geredet, sondern über normale Sonnenjahre von 365 Tagen.

Eigentlich gibt es bei oberflächlicher Betrachtung keinen rationalen Grund für die künstliche Einführung solcher Schwierigkeiten und man fragt sich, warum sie eigentlich entstanden sind. Der Grund liegt letztlich darin, dass die betreffenden Ausleger aufgrund ihrer Umdeutung der Prophetie Daniels durch die Einführung dieser Berechnungen bestrebt waren, ein stimmiges Zeitschema für die Abtrennung der 70. Jahrwoche von den anderen 69 Jahrwochen zu entwerfen.

Das Ergebnis bestand darin, dass die Periode der Wiederherstellung der Stadt und des Tempels auf eine Zeit von mehr als 100 Jahren ausgedehnt wurde, obwohl die Bibel in Dan 9,24-27 lediglich über 49 Jahre (7 Wochen) redet. Die Bücher Esra und Nehemia, welche ursprünglich eine Einheit waren und es natürlich nach den Gedanken Gottes heute immer noch sind, wurden auseinander gerissen und auf eine falsche chronologische Grundlage gestellt. Der einfache Leser der Heiligen Schrift ist verwirrt und kann diesen Teil seiner Bibel nicht mehr verstehen. Unsere nachfolgende Abhandlung hat in Anbetracht des bisher Gesagten somit einen doppelten Sinn.

Erstens soll sie dazu beitragen, die Verwirrung der Christen beim Lesen der Bücher Esra, Nehemia und Esther zu beseitigen. Die Christen sollen in die Lage versetzt werden, diese Bücher bei einfachem Lesen zu verstehen und die zeitlichen Abläufe klar und deutlich zu erfassen.

Zweitens soll die Frage beantwortet werden, ob das prophetische Endzeitschema des Dispensationalismus zutrifft oder nicht. Wenn nämlich nachgewiesen werden könnte, dass die 70 Jahrwochen aus Dan 9,24-27 bei Kyros beginnen und nicht bei Artaxerxes Longimanus, dann müsste der Startpunkt aller Berechnungen anders angesetzt werden. Dann wäre auch das komplizierte Schema der „483 prophetischen Jahre“ von jeweils 360 Tagen ab dem Jahr 445 v.Chr. nach ptolemäischer Zeitrechnung hinfällig, denn es würde von einem falschen Startpunkt ausgehen. Ebenso falsch wäre dann auch die Berechnung, dass der Herr am letzten Tag der 69. Jahrwoche am Palmsonntag in Jerusalem eingeritten ist. Die Bibel sagt in Dan 9,24-27, dass der Herr in der Mitte der 70. Jahrwoche in Jerusalem sein Werk als stellvertretendes Opfer vollbracht hat. Die Korrektur der Chronologie in der eben genannten Art und Weise hätte gewaltige Auswirkungen auf die Auslegung des prophetischen Wortes. Sie würde das prophetische Lehrgebäude des Dispensationalismus zum Einsturz bringen.

Wenn nachgewiesen werden könnte, dass die Wiederherstellung des Tempels, der Stadt Jerusalem und ihrer Mauern innerhalb von 49 Jahren stattfand (wie es die Bibel sagt) und nicht innerhalb von mehr als 100 Jahren, dann wären die zeitlichen Verzerrungen in der Interpretation von Esra und Nehemia hinfällig. Wir möchten daher am Ende unserer etwas ausführlicheren Einleitung betonen, dass die nun folgende Abhandlung in der Tat alle soeben genannten Dinge nachweisen wird.

 

2. Die unklare weltliche Chronologie des Perserreiches

Die Chronologie des Perserreiches ist in der allgemeinen Geschichtsschreibung die dunkelste Zeitperiode der gesamten Geschichte Israels nach dem Exodus aus Ägypten. Es fehlt an zuverlässigen Berichten und Dokumenten aus dieser Zeit. Weder die jüdischen und die persischen, noch die griechischen Historiker und Dichter geben verlässliche Informationen. Auch Ptolemäus ist nicht zuverlässig, denn er verwendet in seinen Berechnungen Mutmaßungen des Erathostenes und unsichere chaldäische Traditionen seiner Zeit. Erst ab dem Jahr 333 v.Chr. besteht eine weitgehend abgesicherte Chronologie seit Alexander dem Großen. Die entscheidende Lücke klafft zwischen dem ersten Jahr des Kyros und dem Jahr 333 v.Chr. (alle Zahlen zunächst noch nach ptolemäischer Rechnung). Die jüdische Tradition nennt 52 Jahre und vier Könige, Ptolemäus nennt 205 Jahre und zehn Hauptkönige. Die biblisch korrekte Chronologie kommt hingegen auf 123 Jahre, wie wir noch sehen werden.

Die zehn Könige nach der üblichen Chronologie sind:

  1. Kyros
  2. Kambyses (in der Bibel nicht erwähnt nach üblicher Meinung)
  3. Darius Hystaspis
  4. Xerxes (der Ahasveros aus dem Buch Esther nach üblicher Meinung)
  5. Artaxerxes Longimanus (Artasasta in Esra 7,1 und Nehemia nach üblicher Meinung)
  6. Darius II Nothus
  7. Artaxerxes II Mnemon
  8. Artaxerxes III Ochus
  9. Arogus oder Arses
  10. Darius III Codomannus

 

Dazu kommen noch mehrere Nebenherrscher, welche in der weltlichen Geschichtsschreibung kaum erscheinen: Pseudo-Smerdis (eigentlich ein Brüderpaar, welches für nur sieben Monate regierte, und zwar zwischen Kambyses und Darius Hystaspis), Artabanus, Xerxes II, Sogidanus.

Die Hauptquellen für zuverlässige Informationen aus dieser Zeit sind somit die biblischen Bücher Chronika, Esra, Nehemia und Esther. Die Chronikbücher waren ursprünglich ein einziges Buch und werden von Josephus auch so angesehen („Gegen Apion“). Esra ist die unmittelbare Fortsetzung der Chroniken, wie man am Übergang zwischen den beiden Büchern klar erkennen kann. Nach dem Zeugnis der Masoretischen Texte waren auch die Bücher Esra und Nehemia ursprünglich eine Einheit. Die Versnummerierungen und andere Daten der Masoreten beweisen diesen Sachverhalt schlüssig. Erst durch den Kritiker Origenes wurden im 3. Jahrhundert die beiden Bücher absichtlich voneinander getrennt.

Das Buch Esther ist ein gesondertes Werk, welches eine Krise Israels in der Geschichte des Perserreiches behandelt. Es setzt nicht den historischen Ablauf der Bücher Esra und Nehemia fort, sondern es ist vielmehr ein Blick in einen besonderen Abschnitt der Herrschaft des Darius Hystaspis. Hierbei verhält es sich zu dem fortlaufenden Handlungsgang der Bücher Esra und Nehemia ähnlich wie das Buch Ruth zu dem Buch der Richter. Das Richterbuch schildert eine Zeitperiode des Abfalls und der Wiederherstellung Israels im großen Rahmen, während das Buch Ruth einen Blick in das Leben der kleinen Leute, der gerechten Leute Noomi, Ruth und Boas während dieser Zeit wirft.

Folgende drei Voraussetzungen sollen für das weitere Studium gelten:

  1. Akzeptiere keine Behauptung, die nicht gut zu den übrigen Informationen passt.
  2. Entwerfe keine Hypothese oder Vermutung, die nicht positiv verifizierbar ist.
  3. Identifiziere einerseits nicht verschiedene Personen unter dem gleichen Namen und versäume es andererseits nicht, eine einzige Person zu identifizieren, welche verschiedene Namen trägt.

Werden hier Fehler gemacht, kommt es schnell zu großen Verzerrungen der Zeitabläufe.

 

3. Drei Perioden von siebzig Jahren

Erstens: Die siebzig Jahre der Verwüstung Jerusalems.

Das Wort aus Jer 25,11-13, ausgesprochen im vierten Jahr Jojakims bzw. im 23. Jahr des Dienstes Jeremias, also im Jahr 604 v.Chr. (Ptolemäus). Außerdem in Jer 29 und in Dan 9,1-2. Die Periode begann im 3. Jahr Jojakims und endete im Jahr der Thronbesteigung des Kyros als Alleinherrscher des persischen Reiches (2Chr 36,20-23). Dan 9,1-2 spielt im 69. Jahr dieser Periode. Daniel benötigte keine besondere geistliche Inspiration, um die Zusammenhänge zu erkennen. Er kam darauf durch das intensive Studium der Schriften (Jes 44 und 45; Jer 25 und 29), so wie es der Bibeltext auch klar sagt. Jes 44,28 redet über den Erlass zum Bau der Stadt und des Tempels. Die Rückkehrer unter Josua und Serubbabel bauten die Stadt, vollendeten die Mauern und begannen den Tempelbau (Esr 4,12, KJV 1611 und hebräischer Text).[2]

 

Zweitens: Die siebzig Jahre des Zorns über Jerusalem (Sach 1,12-17).

Sie begannen im Jahr 589 v.Chr., was wir in der Prophetie in Hes 24,1-14 finden: der siedende Kelch des Zornes Gottes über Jerusalem. Sie endeten im Jahr 520 v.Chr. mit der Frage in Sach 1,12.

 

Drittens: Die siebzig Jahre des Fastens des fünften Monats (Erinnerung an den Fall der Stadt und des Tempels im Jahr 586 v.Chr.) und des siebten Monats (Erinnerung an die Ermordung Gedaljas).

Sie begannen 586 v.Chr. und endeten 517 v.Chr. Die Frage der Betheliter (Sach 7,2) kam 518 v.Chr. im vierten Jahr des Darius Hystaspis, also zwei Jahre nach der Grundsteinlegung des neuen Tempels in 520 v.Chr., wie wir noch sehen werden. Diese drei Perioden überschneiden sich und erlauben somit genaue Rückdatierungen.

 

4. Von Kyros bis Darius Hystaspis

Kyros wurde namentlich angekündigt in Jes 44,24 bis 45,13. Im ersten Jahr seiner Alleinherrschaft gab er den Erlass heraus. Unter Serubbabel und Josua zogen 42.360 Leute zurück nach Jerusalem. Am ersten Tag des siebten Monats kamen sie an (Esr 3,1). Der Beschluss wird an den folgenden Bibelstellen erwähnt: 2Chr 36,22-23; Esr 1,1-4; Esr 5,13-15 (indirekt); Esr 6,1-5. Esr 2 gibt uns die Liste der bedeutenden Familien der Rückkehrer. Dieselbe Liste in korrigierter Form findet sich in Neh 7,5-73. Dies ist ein klarer Beweis dafür, dass die Personen von denen das Buch Esra redet, genau dieselben sind wie die im Buch Nehemia. Nehemia musste lediglich nach einigen Jahren die Liste Esras aktualisieren, um sie den aktuellen Gegebenheiten anzupassen, als er den Bund mit dem Volk versiegelte.

In Esr 3,1-9 sehen wir die Errichtung des Altars sowie die Vorbereitungen für die Errichtung des Tempels. Vers 10 redet dann über die Grundsteinlegung. Wir wissen aus Hag 2,18, dass diese Grundsteinlegung erst am 24. Tag des neunten Monats im zweiten Jahr des Darius erfolgte. Somit liegt zwischen Esr 3,9 und Esr 3,10 eine Zeit von 15 Jahren. Dies geht aus Esra 3 nicht direkt hervor, ist aber aus Hag 2,18 klar ersichtlich.

Esra 4 ist ein Einschub und erklärt uns die Verzögerung genauer. Esr 4,1-3 redet über Asarhaddon von Assyrien, welcher den Juden Hilfe anbot. Diese Hilfe wurde abgelehnt, worauf die Assyrer damit begannen, die Israeliten bei den Persern schlechtzumachen. Die Feinde Israels durchkreuzten und verhinderten schließlich die Ausführung des Erlasses von Kyros, und die Verzögerung ging laut Vers 5 weiter bis zu den Tagen des Darius Hystaspis. Sie ging also auch weiter unter dem König Ahasveros aus Esr 4,6, welcher identisch ist mit Kambyses, dem Sohn des Kyros. Ahasveros und Artasasta (Artaxerxes in KJV) sind Titel, keine Namen.

In Esr 4,7-22 lesen wir über den Brief des Bislam an Artasasta. In Vers 13 finden wir den Plural "Einkommen der Könige“ (Originaltext und KJV), in Esr 4,18 das Fürwort „uns“. Beides weist auf mehrere Herrscher hin, nämlich auf Pseudo-Smerdis und seinen Bruder, welche nach Kambyses für nur sieben Monate regierten. So wie die Gegner des Tempels sich bei Kyros beschwert hatten, so beschwerten sie sich auch bei Kambyses, bei Pseudo-Smerdis und seinem Bruder, und schließlich auch noch bei Darius. In Esr 4,23-24 lesen wir ausdrücklich über die Verzögerung bis zum zweiten Jahr des Darius. Diese Aussage knüpft nahtlos an die Information aus Hag 2,18 an. Am Anfang des fünften Kapitels sind dann auch Haggai und Sacharja direkt erwähnt, um jedes Missverständnis auszuschließen und den zeitlichen Rahmen der Ereignisse klar abzustecken. Esra 4 redet somit über folgende Herrscher: Kyros, Kambyses, Pseudo-Smerdis mit seinem Bruder, sowie Darius Hystaspis.

Kapitel 5 schließt wieder unmittelbar an die Handlung von Kapitel 3 an. Hier wird nun auch Darius Hystaspis immer besser identifizierbar. Die Perser rechneten ihre Jahre anders als die Juden.[3] Das persische Jahr begann mit einer Überschneidung zum jüdischen Jahr, so dass Nehemia im jüdischen Monat Nisan, also im ersten jüdischen Monat des 20. Jahres des Artasasta (des „großen Herrschers“) Darius, und gleichzeitig im neunten persischen Monat dieses selben zwanzigsten Jahres zu dem König reden konnte. Dies ist kein Widerspruch, sondern es erklärt sich aus den beiden Zeitrechnungen (Neh 1,1 und Neh 2,1).

Ein weiterer Gesichtspunkt: Esr 2,2 nennt uns die Hauptexilanten mit Namen: Serubbabel, Jeschua, Nehemia, Seraja, Relaja, Mordechai, Bilsan, Mispar, Bigwai, Rehum, Baana. Immer wenn wir in den Büchern Esra und Nehemia (welche ja ursprünglich ein einziges Buch waren und eine fortlaufende Handlung erzählen) einen dieser Namen wiederfinden, haben wir davon auszugehen, dass von Personen die Rede ist, welche in der einleitenden Liste auftauchen, denn diese sind nun einmal die Rückkehrer aus Babylon. Genau diese Leute sind die Handelnden in dem gesamten Buch Esra/Nehemia. Der Nehemia aus der Liste in Esr 2 ist natürlich auch der Nehemia aus dem Buch Nehemia, welches ja ursprünglich eine Einheit mit dem Buch Esra bildete. Esra ist in dieser Liste noch nicht aufgeführt, da er ja erst später (Esr 7) nach Jerusalem kam. Das Problem entsteht aus der falschen Zuordnung des Artasasta in Nehemia als Artaxerxes Longimanus, welcher erst ungefähr 100 Jahre später regierte. Wir möchten nun die biblische Chronologie der Herrschaft des Darius Hystaspis aufzeigen. Alle Jahreszahlen folgen zunächst noch der ptolemäischen Zählung, welche zwar an sich nicht die richtige ist (wie wir noch sehen werden), aber aus Gründen der Konvention wollen wir zunächst einmal so vorgehen, um den Leser nicht zu sehr zu verwirren.

 

4.1 Biblische Chronologie der Herrschaft des Darius Hystaspis

Ereignisse aus seinem 2. Jahr (520 v.Chr.)

536 v.Chr. wurde der Altar errichtet, aber die Grundsteinlegung des Tempels verzögerte sich (Esra 3 und 4). Dann kamen aber Haggai und Sacharja (Esr 5,1). Haggai redete über den Grund für die Missernten und gab weitere ermunternde Prophetien. Der Schutt wurde geräumt, und am vierundzwanzigsten des neunten Monats im zweiten Jahr des Darius, also 520 v.Chr. (Ptolemäus), wurde der Grundstein gelegt. Die Widersacher hatten zuvor bereits im Jahr 522 v.Chr. protestiert, weil die Stadt gebaut und die Mauer fertiggestellt worden war (Esr 4,7 und 4,12, so zu lesen im hebräischen Text und in der KJV 1611). Jetzt protestierten sie wieder und schrieben einen Brief an Darius. Das Edikt von Kyros wurde in Achmetha gefunden, weshalb der Bau weitergehen durfte.

 

Ereignisse aus seinem 3. Jahr (519 v.Chr.)

In Esther 1,1-3 fand das große Fest in Susan statt. Hier wird Darius als Ahasveros bezeichnet (der allgemeine Titel), und zwar als der Ahasveros, welcher von Indien bis Äthiopien über 127 Provinzen regierte. Dieser genau identifizierte Ahasveros war Darius Hystaspis, wie die Geschichtsschreibung beweist (Herodot, Buch III, 96; Buch IV, 89-97; Buch V, 49; Plinius. Thucydides, Buch I. Plato (Mexenenus). Diodorus Siculus, Buch 12. Xenophon, Hellenica, Buch 5. Polyenus, Stratagem, Buch 7). Vasti wurde abgesetzt, weil sie sich nicht den zügellosen Gästen des Darius präsentieren wollte.

 

Ereignisse aus seinem 4. Jahr (518 v.Chr.)

Das Fasten des fünften Monats (Sach 7,5, siehe vorne; hier eine eindeutige Überschneidung als zeitliche Gegenprobe zur korrekten Einordnung der Herrschaftszeit des Darius).

 

Ereignisse aus seinem 5. Jahr (517 v.Chr.)

Er machte große Eroberungen in verschiedenen Provinzen. Er legte sich neue Titel zu.

  • Artasasta bedeutet „großer König“ an verschiedenen Stellen.
  • König der Könige: Esr 7,11-26. König von Babylon (er herrschte ja dort: Neh 13,6).

Auch in außerbiblischen historischen Quellen finden sich viele Hinweise darauf, dass Ahasveros und Artasasta lediglich Herrschaftstitel der Perserkönige waren und nicht Eigennamen. Der Franzose Joseph Scaliger (1540-1609) war derjenige Gelehrte, welcher in der Neuzeit die biblische Identifikation von Darius Hystaspis/Artasasta/Ahasveros falsch einordnete und damit die Einheit der Handlung von Esra/Nehemia/Esther auflöste. Seine Theorie wurde aufgrund seines hohen Ansehens unter den Gelehrten der damaligen Zeit und der nachfolgenden Generationen von den meisten Zeitgenossen und Nachfolgern unkritisch übernommen.

 

Ereignisse aus seinem 6. Jahr (516 v.Chr.)

Der Tempelbau wurde vollendet:

Esr 6,14: „Und die Ältesten der Juden bauten weiter, und es gelang ihnen durch die Weissagung der Propheten Haggai und Sacharja, des Sohnes Iddos. So bauten sie und vollendeten es nach dem Befehl des Gottes Israels und nach dem Befehl des Kyros und des Darius und des Artasasta, der Könige von Persien.

Hier wird Darius im selben Vers als Artasasta bezeichnet. Schlachter und Elberfelder übersetzen Esr 6,14b mit „… nach dem Befehl des Kyros und des Darius und des Artasasta …“. Da es in der Geschichte jedoch nur einen Perserkönig gab, unter welchem der Tempel fertiggestellt wurde, ist folgende Übersetzung passender: „… nach dem Befehl des Kyros und des Darius, nämlich des Artasasta, des Königs von Persien.“ Ein anderer König als Darius kann hier nicht in Frage kommen, denn der Tempel wurde nicht 100 Jahre später zum zweiten Mal fertiggestellt. Außerdem geschah in diesem Jahr auch die Auswahl Esthers als Frau für Darius und ihre Vorbereitung für die Hochzeit, welche ein Jahr später stattfand (Est 2).

 

Ereignisse aus seinem 7. Jahr (515 v.Chr.)

Esr 7,7-8: Esra und weitere Exilanten zogen von Babylon nach Jerusalem zu den anderen Juden, welche bereits seit dem Erlass von Kyros dort lebten. Sie kamen am ersten Tag des fünften Monats an. Esra war deprimiert über die Vermischung des Volkes mit den Heiden. Wir lesen über sein Gebet und über die Zurechtbringung des Volkes bis Kapitel 10 des Buches.

 

Ereignisse aus seinem 12. Jahr (510 v.Chr.)

Im ersten Monat dieses Jahres wurden von Haman die Lose über Israel geworfen (Est 3,7). Wir finden die Geschichte von Esther und Mordekai, Haman und Ahasveros/Darius/Artasasta. Sie geht bis zum 13. Tag des zwölften Monats. Das Buch Esther spielt sich also zwischen dem dritten Jahr (Absetzung Vastis in Est 1,3) und dem zwölften Jahr des Darius (Est 9,1) ab.

 

Ereignisse aus seinem 20. Jahr (502 v.Chr.)

Das Buch Esra endete im siebten Jahr des Darius. Im 20. Jahr des Darius kommt nun (13 Jahre später) Hanani nach Susan und berichtet Nehemia über die Situation in Jerusalem. Die bereits aufgebaute Mauer war wieder beschädigt worden und die Tore verbrannt. Es hatte also eine erneute Attacke der Feinde stattgefunden. Nehemia ging nach Jerusalem, reparierte die Mauer innerhalb von 52 Tagen und vollendete sie am fünfundzwanzigsten Elul. Esra war weiterhin in Jerusalem, denn wir sehen auch im Buch Nehemia, wie er weiter mit Nehemia zusammenarbeitete. Josua war nach der Auskunft von Josephus etwa im Jahr 515 v.Chr. gestorben. Nach ihm kam sein Sohn Jojakim (in Neh 12,26 noch in Amt und Würden ganz zu Beginn des Dienstes Nehemias), bald gefolgt von dem Enkel Eljaschib. Genau diesen Eljaschib finden wir dann bereits in Neh 3,1 und 3,20 in der Position des Hohepriesters im 20. Jahr des Darius. Die Ablösung Jojakims durch Eljaschib muss also unmittelbar nach der Ankunft Nehemias in Jerusalem stattgefunden haben. In Neh 12,1-9 finden wir die Liste der Priester und Leviten, welche im ersten Jahr des Kyros mit Serubbabel aus Babylon zurückgekehrt waren. In Neh 10,1-10 finden wir die Liste der Männer, welche im 20. Jahr des Artasasta zusammen mit Nehemia für die Versiegelung des erneuerten Bundes abgeordnet wurden.

Folgende Namen stimmen überein:

  • Seraia
  • Jeremia
  • Esra (Asarja)
  • Amarja
  • Malkija
  • Hattusch
  • Sebanja
  • Rehum (Harim)
  • Meremoth
  • Ginnetho
  • Abija
  • Mijamin
  • Maasja
  • Bilgai
  • Schemaja
  • Jeschua
  • Binnui
  • Kadmiel
  • Serebja
  • Hodija (Juda)

 

Wir sehen also, dass von den insgesamt 30 führenden Priestern und Leviten aus dem ersten Jahr des Kyros, also aus dem Jahr 538 v.Chr. (Ptolemäus), welche damals mit Serubbabel ausgezogen waren, noch immer 20 Männer in der Liste im 20. Jahr des Artasasta aufgeführt waren. Zwischen diesen beiden Unterschriften lag eine Zeitspanne von genau 36 Jahren. Es steht somit außer Zweifel, dass der Artasasta aus Nehemia derselbe ist wie der Darius aus Ersa und der Ahasveros aus Esther. Wenn Artaxerxes Longimanus in 445 v.Chr. den Erlass zum Bau der Stadt und des Tempels gegeben hätte und nicht Kyros im Jahr 538 v.Chr., dann müsste man zu den Lebensdauern aller beteiligten Personen jeweils noch 93 Jahre hinzurechnen, was uns zu völlig undenkbaren Lebensspannen für alle an den Ereignissen Beteiligten führen würde.

Es gibt somit keinen Zweifel: Darius/Artasasta/Ahasveros in Esra/Nehemia/Esther bezeichnen ein und dieselbe Person.

 

Ereignisse aus seinem 32. Jahr (490 v.Chr.)

Nehemia arbeitete vom 20. bis zum 32. Jahr des Artasasta in Jerusalem (Neh 5,14-19) und ging dann für kurze Zeit zurück nach Babylon, um nach einer gewissen Zahl von Tagen erneut nach Jerusalem zurückzukehren. Er fand das Volk in Sünde gefallen (Neh 13,6) und führte die Reformen ein, von denen uns das Buch Nehemia als letztes berichtet. Wenn sein Dienst noch ein weiteres Jahr andauerte, was sehr gut möglich ist, dann endete er genau 49 Jahre nach dem Erlass des Kyros, also exakt am Ende der ersten sieben Jahrwochen Daniels.

538 v.Chr. bis 490 v.Chr. + 1 Jahr = 49 Jahre (7Jahrwochen)

 

5. Darius Hystaspis ist der Artasasta in Esra 7 und Nehemia / Zusammenfassung

Esra und Nehemia sind in der hebräischen Bibel eine Einheit. Esra beginnt mit dem Erlass im zweiten Jahr des Kyros, also im Jahr 538 nach ptolemäischer Zählung, welches in korrekter biblischer Zählung das Jahr 456 v.Chr. ist (auf die korrekte biblische Zählung gehen wir später im Kapitel „Chronologie anhand der Bibel“ näher ein). Bis zum Ende von Kapitel 3 wird fortlaufend erzählt. In Esr 3,10 wird der Grundstein des Tempels gelegt, und zwar im zweiten Jahr des Darius Hystaspis nach Hag 2,18, das ist das Jahr 520 v.Chr. nach Ptolemäus (also das Jahr 438 v.Chr. nach korrekter biblischer Zählung). Kapitel 4 ist ein Einschub, welcher über die Feinde redet und die Gründe des Aufschubs näher erläutert.

Ab Kapitel 5 geht die Erzählung wieder weiter. In Esr 6,14-15 wird der Tempel fertiggestellt, und zwar im sechsten Jahr des Darius, das ist das Jahr 516 v.Chr. nach Ptolemäus (434 v.Chr. nach korrekter biblischer Zählung). Es gab in der Geschichte nur zwei Könige, welche Erlässe hinsichtlich des Tempelbaues herausgaben, und zwar Kyros und Darius Hystaspis, nämlich der Artasasta (der große Herrscher) des Buches Esra/Nehemia. Artaxerxes Longimanus kann hier nicht in Frage kommen, da er fast 100 Jahre später lebte. Es ist unmöglich, ihn mit dem Bau des Tempels in Verbindung zu bringen, denn in diesem Fall hätte der Tempel zweimal gebaut werden müssen.

Esr 6,19-21 berichtet zudem von dem freudigen Passah in Jerusalem und sagt ausdrücklich, dass es der „König von Assyrien“ gewesen war, dessen Herz der Gott Israels bewegt hatte, um den Tempelbau zu erlauben. Dieser König von Assyrien war wiederum niemand anderer als Darius Hystaspis, welcher sich genau zu dieser Zeit das Gebiet des alten Assyrien angeeignet hatte und sich selbst den Titel „König von Assyrien“ zugelegt hatte. Es war genau derselbe Darius Hystaspis, welcher in Esr 6 bei der Fertigstellung des Tempels im Amt war, nämlich im sechsten Jahr seiner Regierung.

Dieser selbe Artasasta erlaubte es auch Esra im siebten Jahr seiner Regierung, mit einem Brief nach Jerusalem zu reisen, wie wir es in Esra 7 lesen. In Esr 7,8-9 kommt Esra nach Jerusalem, und zwar im siebten Jahr des Darius Hystaspis, das ist das Jahr 515 v.Chr. nach Ptolemäus (433 v.Chr. nach korrekter biblischer Zählung). Die übrigen Ereignisse des Buches Esra spielen sich bis einschließlich Kapitel 10 im Verlauf der restlichen Monate dieses selben Jahres 433 v.Chr. ab. Der Zwischenraum von 58 Jahren, der nach üblicher Auslegung zwischen Esra 6 und 7 gesehen wird, resultiert aus der falschen Identifikation des Artasasta Darius als Artaxerxes Longimanus und existiert nicht.

Dann geht es weiter im Buch Nehemia. In Neh 1,1 kommt der Bericht des Hanani an Nehemia, und zwar im 20. Jahr des Darius Hystaspis, das ist das Jahr 502 v.Chr. nach Ptolemäus (420 v.Chr. nach korrekter biblischer Zählung). Zu diesem Zeitpunkt befindet sich Esra bereits seit 13 Jahren in Jerusalem. Der Erlass des Kyros liegt bereits 36 Jahre zurück. Wir sehen, wie Nehemia in Neh 2 bereits drei Tage nach seiner Ankunft in Jerusalem die Stadtmauern begutachtet. Er reitet in der Nacht durch das intakte Taltor hinaus, reitet dann um die an einigen Stellen wieder beschädigte Mauer herum und inspiziert die Schäden bis zum Misttor. Dann reitet er auf demselben Weg wieder zurück und reitet durch das Taltor wieder in die Stadt hinein. Allein dieser kurze Bericht zeigt uns, dass die Stadt zu diesem Zeitpunkt von einer geschlossenen Mauer umgeben war, denn Nehemia hätte ansonsten an einer beliebigen Stelle in die Stadt zurückkehren können. Er fand jedoch keinen Eingang außer dem Taltor, wie der Text es ausdrücklich berichtet.

In Neh 3 lesen wir dann von der Reparatur der beschädigten Mauerteile. Der Text redet ausdrücklich darüber, dass die Mauer an den beschädigten Abschnitten von verschiedenen Leuten ausgebessert wurde. Der Text redet nicht über Neubau. Hinzu kommt noch die Tatsache, dass in Neh 6,15 die Arbeiten bereits nach 52 Tagen abgeschlossen waren, nämlich am fünfundzwanzigsten Elul. Es wäre innerhalb dieser kurzen Zeit nicht möglich gewesen, die Mauer der ganzen Stadt wiederaufzubauen. Selbst mit den Methoden unserer heutigen Bautechnik würde es etwa zwei Jahre dauern, um die Mauer einer ganzen Stadt von der Größe der Jerusalemer Altstadt zu bauen.

Es war vielmehr so, dass der Bau der Mauer und des Tempels Jerusalems gemäß dem Erlass des Kyros von den Rückkehrern unter Josua und Serubbabel bereits 36 Jahre früher begonnen und einige Zeit danach vollendet worden waren, nämlich insgesamt bis zum 6. Jahr des Darius Hystaspis (siehe vorne). Die Feinde hatten danach einen erneuten Angriff gestartet und die Mauer in Teilen beschädigt. Nehemia und seine Leute führten lediglich die Reparatur der erneut beschädigten Abschnitte durch, und zwar innerhalb von 52 Tagen. Nur dieser Ablauf der Ereignisse ist realistisch und macht Sinn.

Neh 5,14 und Neh 13,6 reden schließlich über Ereignisse aus dem 32. Jahr des Darius Hystaspis, das ist das Jahr 490 v.Chr. nach Ptolemäus (408 v.Chr. nach korrekter biblischer Zählung). Der Erlass des Kyros liegt in diesem Jahr bereits 48 Jahre zurück.

Alle genannten Ereignisse reihen sich in natürlicher und logischer Art und Weise aneinander, wenn man die Bücher Esra und Nehemia fortlaufend studiert und dabei die Person des Darius Hystaspis/Artasasta richtig identifiziert. Es ergibt sich eine klare und schlüssige Chronologie der Abläufe über einen Zeitraum von 48 Jahren. Die allgemein gültige Lehrmeinung unserer Tage hingegen zeigt bei näherer Betrachtung keinen solchen logischen Zusammenhang.

 

Das Lebensalter Esras

Aus dem Geschlechtsregister in Esr 7,1-5 geht hervor, dass Esra der Sohn von Seraja war. 2Kö 25,8+18-21 berichten uns, dass dieser Hohepriester Seraja bei der Eroberung Jerusalems im Jahr 586 v.Chr. (504 v.Chr.) in Ribla von Nebukadnezar getötet wurde. Da er nach seinem Tod wohl kaum noch einen Sohn gezeugt haben wird, muss also Esra zu diesem Zeitpunkt in 586 v.Chr. (504 v.Chr.) zumindest schon im Leib seiner Mutter gelebt haben oder gerade geboren gewesen sein. Wenn man den Artasasta aus Esra 7 als Artaxerxes Longimanus identifizieren möchte, dann wäre das siebte Jahr dieses Königs das Jahr 458 v.Chr. (376 v.Chr.) gewesen. Das würde bedeuten, dass Esra 128 Jahre alt war, als er mit seinen Leuten von Babylon nach Jerusalem zog, und dass er 141 Jahre alt war, als er im 20. Jahr dieses Artaxerxes Longimanus dem Nehemia begegnete. Diese Annahme ist nicht denkbar. Daher kann es nur so sein, dass der Artasasta in Esra 7 Darius Hystaspis ist. In seinem siebten Jahr war Esra etwa 71 Jahre alt, was ihn ohne weiteres zu dem Dienst befähigte, den er tat.

 

Die Liste der Priester und Leviten

Neh 12,1-9 bringt die Liste der 22 Priester, welche im Jahr 538 v.Chr. (456 v.Chr.) mit Serubbabel aus Babylon wegzogen. Neh 12,12-21 bringt die Liste dieser Priester in Verbindung mit ihren Söhnen. Es werden auch 8 führende Leviten genannt, also eine Gesamtheit von 30 Personen. Wenn wir diese Listen vergleichen mit der Liste der Personen in Neh 10,1-10, welche 36 Jahre später, nämlich im 20. Jahr des Artasasta/Darius den Bund mit Nehemia unterzeichneten (nämlich im Jahr 502 v.Chr. / 420 v.Chr.), so finden sich 20 der 30 Personen wieder. Dies ist völlig normal wenn man davon ausgeht, dass nach 36 Jahren noch zwei Drittel der ursprünglichen Personen in Amt und Würden waren. Wenn man jedoch davon ausgeht, dass der Artasasta in Neh 10 der Artaxerxes Longimanus der Perser sei, dann muss man den Bundesschluss in das Jahr 445 v.Chr. (363 v.Chr.) platzieren. Das würde bedeuten, dass zwischen den beiden Listen nicht 36 Jahre lägen, sondern 93 Jahre. Nach 93 Jahren wären also immer noch 20 der 30 ursprünglichen Priester und Leviten im Amt gewesen. Sie wären allesamt weit über 100 Jahre alt gewesen. Dies ist ebenso unmöglich wie das Lebensalter Esras von 141 Jahren. Auch diese Logik sagt deutlich: Der Artasasta aus Esra ist Darius Hystaspis. Die soeben angestellte Berechnung ist unter den besten Chronologen der Bibel der große Kronzeuge für die Identität des Artasasta in Esra als Darius Hystaspis.

 

Das Lebensalter Nehemias

Nehemia taucht in Esr 2,2 ebenso auf wie in Neh 7,7. Die Liste in Esra 2 ist eine große Übersichtsliste aller Leute, welche in den verschiedenen Zügen nach Jerusalem zurückkehrten. In Esra und Nehemia finden wir immer wieder weitere Listen, in welchen die Leute erwähnt sind, welche in verschiedenen Zügen unter verschiedenen Führern zurückkehrten. Daher existieren zwischen diesen Listen im gesamten Buch Esra/Nehemia unzählige direkte Verbindungen, und es tauchen immer wieder dieselben Namen auf. Nehemia war beim Auszug unter Serubbabel im Jahr 538 v.Chr. (456 v.Chr.) am Leben, und zwar bereits damals als erwachsener Führer des Volkes. Ansonsten würde er in den Listen der bekannten Männer nicht auftauchen.

Wenn wir den Artasasta aus Nehemia als Artaxerxes Longimanus ansehen, dann war das 32. Jahr seiner Regierung das Jahr 433 v.Chr. (351 v.Chr.). Das bedeutet, dass Nehemia am Ende seines Dienstes 105 Jahre älter gewesen wäre als bei seinem Auszug aus Babylon. Er müsste also dann um die 130-140 Jahre alt gewesen sein. Auch das ist natürlich nicht möglich. Unter der Annahme Darius Hystaspis/Artasasta kommen wir in dessen 32. Jahr in das Jahr 490 (408 v.Chr.), also 48 Jahre nach dem Auszug aus Babylon. Dies ist eine sehr realistische Zeitspanne, welche sich nahtlos in die Abläufe der Bücher Esra/Nehemia einfügt. Auch hier wieder die klare Aussage: Der Artasasta in Esra/Nehemia muss Darius Hystaspis sein. Darüber hinaus sagt auch die weltliche Geschichte, dass Darius 32 Jahre regierte. Es stimmt somit auch in diesem Aspekt überein und passt gut zu dem biblischen Bericht.

 

6. Darius Hystaspis ist der Ahasveros des Buches Esther / Zusammenfassung

Seit Joseph Scaliger wurde Ahasveros als Xerxes identifiziert. Die biblischen Aussagen wurden fehlinterpretiert und erzeugten falsche Lehrmeinungen. Est 2,5-6 wurde ebenfalls fehlinterpretiert. Die Auslegung lautete, dass nicht Mordekai selbst (wie es der Vers in einfacher Sprache aussagt), sondern sein Urgroßvater Kis nach Babylon weggeführt worden sei (Esr 2,2). Mordekai wird hier identifiziert als „Mordekai der Jude, der Benjaminiter“. Es wird (wie auch bei anderen Leuten in der Schrift an verschiedenen Stellen üblich) sein Stammbaum zurückverfolgt bis auf Kis, um seine Person eindeutig zu identifizieren und von anderen Mordekais abzugrenzen. Dann wird gesagt, dass eben dieser Mordekai (und nicht Kis) mit Jechonja weggeführt wurde. Das war im Jahr 597 v.Chr. (515 v.Chr.) Wenn der Ahasveros des Buches Esther Xerxes wäre, dann wäre sein 12. Jahr das Jahr 474 v.Chr. (392 v.Chr.) gewesen. Mordekai wäre zu diesem Zeitpunkt mindestens 123 Jahre alt gewesen. Seine Pflegetochter Esther wäre so um die 70-80 Jahre alt gewesen, also nur noch sehr eingeschränkt heiratsfähig. Beides ist undenkbar. Unter der Annahme des Darius Hystaspis als Ahasveros ergibt sich das Jahr 510 v.Chr. (428 v.Chr.). Das würde Mordekai ein Alter von 87 Jahren geben, während Esther sich in ihren Dreißigern oder sogar noch in ihren Zwanzigern befunden hätte. Beides ist realistisch.

Josephus redet durchgehend über Ahasveros als den Mann der Esther. In 1Esdras 1,2 (apokryphes Geschichtsbuch) wird Ahasveros als Darius Hystaspis identifiziert. Laut Est 1,1 regierte Ahasveros über 127 Satrapien. Nach Herodot eroberte Darius Hystaspis zahlreiche neue Provinzen und herrschte am Ende über 127 Satrapien. Er war der einzige Herrscher in der persischen Geschichte, der dies tat. Somit ist er bereits rein historisch betrachtet als der Ahasveros aus Esther identifiziert. Auch andere Historiker (Thucydides, Plato, Diodorus Siculus) berichten über seine Eroberungen und über den Ausbau seiner Macht. In seinen ersten zwei Jahren schaltete er seine Widersacher aus. In seinem ersten Jahr schlug er eine Revolte nieder, in seinem dritten Jahr wurde Vasti abgesetzt. Die zweite Revolte dauerte vom seinem vierten bis in sein sechstes Jahr. Nachdem er gesiegt hatte und nachdem Esther vorbereitet war, heiratete er sie in seinem siebten Jahr. Est 1,3 und Est 2,16. Die Geschichte mit Esther ereignete sich also parallel zu den Geschehnissen von Esra/Nehemia. Das Buch Esther ist in die zeitlichen Abläufe dieser Periode ebenso eingebettet wie das Buch Ruth in die Ereignisse der Richterzeit. Die Reihenfolge der Ereignisse ist klar und einfach.

 

7. Zusammenfassende Gedanken über die Zuverlässigkeit der Chronologien

Die heute übliche Chronologie geht auf Ptolemäus zurück. Er lebte von 70-161 n.Chr., war also kein Zeitzeuge. Seine Chronologie basiert in weiten Teilen auf früherer Tradition und steht in klarem Widerspruch zu anderen Chronologien. Obwohl sie nicht zuverlässig ist, wird sie bis in unsere Zeit hinein von solchen Autoren übernommen, die zwar die Bibel erforschten, aber die Chronologie nicht ausreichend berücksichtigten. Erst Dr. Martin Anstey hat in einem umfassenden Werk die verschiedenen Systeme miteinander verglichen und analysiert. Einige Schlussfolgerungen daraus werden nun gezeigt:

 

  • Der Sothische Zyklus der Ägypter ist nicht zuverlässig. Er basiert auf einer komplizierten Berechnung des Siriusumlaufs und umfasst einen Zeitraum von 1461 Jahren. Der Chroniker Censorinus im dritten Jahrhundert und andere basierten ihre Systeme darauf. Es bestehen erhebliche Ungenauigkeiten hinsichtlich der Jahreslängen und hinsichtlich der Überschneidungen mit dem Julianischen Kalender, welche sich über die Jahre zu großen Unterschieden in den Berechnungen aufsummieren und daher nicht als zuverlässig angesehen werden können. Wirklich zuverlässige Systeme müssten gleiche Resultate bringen, denn sie würden dieselbe Realität abbilden.

 

  • Ein anderes System ist die Datierung der griechischen Vierjahreszyklen, der sogenannten Olympiaden, welche von Censorinus ab dem Jahr 776 v.Chr. datiert werden. Die Berechnung dieses Jahres basiert jedoch auf spekulativen historischen Annahmen, welche nicht eindeutig nachvollziehbar sind. Sie steht auf einer unzuverlässigen Grundlage und ist somit auch unzuverlässig. Dennoch wurde sie von Eusebius und Hieronymus kritiklos übernommen und weitergeführt. Sie geistert bis heute durch verschiedenste Chronologien. Unter der Hand verschiedener Autoren wurde schließlich das erste Jahr des Kyros auf das Jahr 538 v.Chr. datiert. Obwohl diese Berechnung keine zuverlässige Grundlage hat, ist sie heute die gültige Lehrmeinung unter den meisten Bibellehrern.

 

  • Eine große Gruppe von Chronologen basiert ihre Systeme auf astronomischen Berechnungen, wobei immer wieder die Eklipsen der Sonne herangezogen wurden, allen voran die Eklipse des Thales. Es gibt hierbei zwei Hauptprobleme. Erstens sind bei weitem nicht alle Eklipsen genau berechnet und katalogisiert, so dass man mit ihrer Hilfe kein zuverlässiges System errichten kann. Zweitens wurden allein für die Eklipse des Thales von verschiedensten Autoren fünf unterschiedliche Daten ermittelt (Zahlen nach Ptolemäus):

 

  • 30.07.607 v.Chr. (Calvisius)
  • 17.05.603 v.Chr. (Costard, Montuda und Kennedy)
  • 19.05.601 v.Chr. (Ussher)
  • 09.07.597 v.Chr. (Petavius, Marsham, Bouvier, Larsher)
  • 28.05.585 v.Chr. (Plinius, Scaliger, Newton, Ferguson, Vignoles, Jackson)

 

Es ist nicht möglich, von einem Ereignis, dessen historischer Anlass nicht genau bekannt ist, und welchem die Autoren in ihrer Datierung eine Marge von 22 Jahren zugemessen haben, irgendeine genaue biblische Chronologie abzuleiten. In der Tat war es dann auch so, dass sich spätere Autoren jeweils das Datum ausgesucht haben, welches am besten in ihr eigenes System hineinpasste. Dies ist jedoch keine Wissenschaft, sondern reine Mutmaßung.

Die Astronomie an sich hatte in ihrer Entwicklung so viele Ungenauigkeiten aufzuweisen, dass die Berechnungen früherer Zeiten immer wieder erheblichen Korrekturbedarf aufwiesen und anhand neuer Messungen aufgegeben werden mussten. Auch die Kalenderrechnungen mussten immer wieder angepasst werden, wobei auch hier Ungenauigkeiten auftraten, welche bis heute nicht aufgeklärt werden können. Letztlich beruht sogar die rein astronomische Berechnung von Daten bis heute auf Spekulation, denn man ist einfach nicht mehr dazu in der Lage, die historischen Lücken in der Kausalkette zu schließen.

Dieser Sachverhalt trifft natürlich auch auf das ptolemäische System zu. Ptolemäus basiert auf chaldäischen Berichten und auf Theorien von Erathostenes. Die Chaldäer rechneten nach dem Mond und waren nicht dazu in der Lage, die Sonneneklipsen zuverlässig zu berechnen. Ihr System (und somit auch die Grundlage von Ptolemäus) war sehr ungenau. Dennoch wird sein System bis heute hochgehalten.

 

Man könnte noch zahlreiche weitere Informationen auflisten, aber das würde den Rahmen der vorliegenden Abhandlung sprengen.

Zum grundlegenden Verständnis empfehlen wir Ihnen die folgenden Werke:

  • Reverend Dr. Martin Anstey: „The Romance of Bible Chronology“ (veröffentlicht im Jahr 1913, heute in englischer Sprache im Internet frei zugänglich)
  • Dr. David L. Cooper: „Messiah - His First Coming Scheduled“ (geschrieben 1938, aufbauend auf dem Werk von Anstey und dieses in transparenter und gut nachvollziehbarer Weise weiterentwickelnd; heute in englischer Sprache im Internet als PDF frei zugänglich). Dieses Werk wird dem interessierten Leser besonders empfohlen.
  • Philip Mauro: „Die Chronologie der Bibel“ (ebenfalls im Internet frei zugänglich).

 

In der Summe ist bis hierhin zu sagen, dass die weltliche Geschichtsschreibung auf der fehlerhaften ptolemäischen Grundlage eine Zeit von 205 Jahren für das Perserreich veranschlagt, nämlich von 538 v.Chr. bis 333 v.Chr.

Sie nennt hierbei die folgenden Herrscher:

  • Kyros
  • Kambyses (in der Bibel nicht erwähnt nach üblicher Meinung)
  • Darius Hystaspis
  • Xerxes (der Ahasveros aus dem Buch Esther nach üblicher Meinung)
  • Artaxerxes Longimanus (Artasasta in Esra 7,1 und Nehemia nach üblicher Meinung)
  • Darius II Nothus
  • Artaxerxes II Mnemon
  • Artaxerxes III Ochus
  • Arogus oder Arses
  • Darius III Codomannus

 

In dem auf dieser Grundlage aufgebauten System der Bibelchronologie, welches nahezu flächendeckend etabliert ist, wird der König Darius Hystaspis aus den Büchern Esra/Nehemia/Esther fälschlicherweise mit dem König Artaxerxes Longimanus gleichgesetzt, welcher erst etwa 100 Jahre später regierte. Dadurch erhalten die Hauptakteure dieser Bücher am Ende ihres Dienstes Lebensspannen und Lebensläufe zugeteilt, welche nicht denkbar sind:

  • Esra: 141 Jahre im 20. Jahr des „Artaxerxes Longimanus“ (welcher in Wirklichkeit Darius ist, in dessen siebtem Jahr Esra auszog nach Jerusalem, siehe oben).
  • Nehemia: 105 Jahre älter im 32. Jahr des „Artaxerxes Longimanus“ (in Wirklichkeit Darius) als beim Auszug unter Serubbabel im ersten Jahr des Kyros. Gesamtalter somit ungefähr 150 Jahre.
  • Mordekai: 123 Jahre alt im 12. Jahr des „Ahasveros/Xerxes“ (in Wirklichkeit Darius).

 

In der jüdischen Tradition sieht es noch schlechter aus. Es gibt zwei Werke, welche eine Chronologie des Perserreiches vorschlagen:

  1. Der Seder Olam Rabbah von Rabbi Joseph Ben Chaliphta aus dem zweiten Jahrhundert. Diese „Große Weltchronik“ wird von manchen auch in das Jahr 832 n.Chr. datiert und geht von der Erschaffung Adams bis zum Ende.
  2. Der Seder Olam Zeutah, die „Kleine Weltchronik“, welche meist dem Jahr 1123 n.Chr. zugeordnet wird und vom Anfang bis in das Jahr 522 n.Chr. reicht.

 

Beide Chroniken veranschlagen für das gesamte Perserreich eine Zeit von 52 Jahren, in welcher vier Könige regiert haben sollen:

Darius der Meder

1 Jahr

Kyros

3 Jahre

Kambyses

16 Jahre (in seinem 7. Jahr soll er Esther geheiratet haben)

Darius

32 Jahre (er soll der Sohn von Esther gewesen sein)

Summe

52 Jahre

                                  

Diese Chronologie scheitert bereits prima vista an historischen und biblischen Erkenntnissen über die Könige des Perserreiches ebenso wie an der Tatsache, dass die weltliche Chronologie ab dem Jahr 333 v.Chr. mit dem Beginn der Herrschaft Alexanders des Großen weitgehend abgesichert ist.

Kaum ein christlicher Lehrer unserer Tage scheint darüber beunruhigt zu sein. Dem Problem wird keine Bedeutung beigemessen, obwohl die Korrektur der Chronologie gewaltige Auswirkungen auf das gesamte prophetische Lehrgebäude hat. Es sind der korrekten Chronologie (auf welche wir gleich zu sprechen kommen und welche einzig und allein in der Bibel selbst zu finden ist) 82 Jahre hinzugefügt worden. Diese Verfälschung basiert auf der Summe der Fehlinformationen, welche ich versucht habe darzulegen.

 

8. Chronologie anhand der Bibel

Wir kommen nun zu den Aussagen der Heiligen Schrift, die uns allein aus unserem Dilemma befreien können. Die Bibel macht klare Aussagen über die Zeitspanne zwischen der Zeit Daniels (sowohl in Babylon als auch im Perserreich) sowie der Ankunft des Messias Jesus Christus. Sie überbrückt somit in einzigartiger Weise die gesamte Zeit des Perserreiches, der Makkabäerzeit und der Römer. Alle Unklarheiten werden in einfacher Art und Weise beseitigt. Wir möchten uns nun gewissermaßen aus den Niederungen wissenschaftlicher Chronologie ausklinken und auf die unendlich viel höhere Ebene des Wortes Gottes begeben, wo wir die Antwort finden. Wenn wir den großen biblischen Rahmen gefunden haben, dann werden die Detailstreitereien der weltlichen Chronologen ebenso überflüssig wie die falschen Lehren in vielen heutigen Christengemeinden. Und nun los.

Kurze Zeit nach dem Untergang Babylons steht der Prophet Daniel dem König Darius persönlich gegenüber und weiß, dass im Osten des Perserreiches bereits Kyros an der Macht ist, welchen ihm Gott durch das Studium des Buches Jesaja als denjenigen vorgestellt hat, der die Gefangenschaft des Volkes beenden und den Wiederaufbau der Stadt Jerusalem und des Tempels befehlen wird (Jes 44,28). Aus dem Buch Jeremia weiß Daniel darüber hinaus, dass die 70 Jahre der Gefangenschaft vor ihrem unmittelbaren Ende stehen (Jer 25,11-13). Bei ihm läuten alle Sirenen. Es ist soweit! Die große Frage lautet für Daniel: Werde ich den Erlass noch erleben?

Daniel 9 bringt die herrliche Vision aus dem ersten Jahr des Darius. Die Vision geht vom Erlass zum Bau der Stadt und des Tempels durch Kyros (den Daniel kannte und innerhalb von etwas mehr als einem Jahr erwartete) bis zum Kommen und zur Ermordung des Messias Israels nach vierhundertsechsundachtzigeinhalb Jahren, und danach bis zur letzten und endgültigen Zerstörung des Tempels im Jahr 70 n.Chr. Sie überspannt die gesamte Zeit der „letzten Tage“ der Nation Israels, der zweiten Phase der Existenz der auserwählten Nation des alten Bundes im Land. Daniel sieht nicht nur die Rückkehr ins Land siebzig Jahre nach der Vertreibung infolge der Übertretung Israels. Er sieht auch, dass gegen Ende von sieben Mal siebzig Jahren eine noch viel gewaltigere Übertretung stattfinden wird, welche im Untergang der Nation enden wird. Er lernt nun endlich, wer der Stein aus Kapitel 2 und der Sohn des Menschen aus Kapitel 7 sind: Sie sind beide dieselbe Person, nämlich der Messias, der Fürst, welcher umgebracht werden und zugleich eine ewige Gerechtigkeit und eine ewige Vergebung der Sünden bewirken wird. Daniel ist zutiefst niedergeschlagen und trauert lange Zeit. Er wartet auf Kyros und hofft, dass Gott es ihm schenken möge, diesem Herrscher zu begegnen, wissend, dass er zusammen mit diesem König an der großen Wasserscheide der Geschichte Israels steht. Hier noch einmal der Wortlaut der Vision, danach die Deutung.

Dan 9,24-27: „Über dein Volk (Daniels Volk, also Israel) und deine Stadt sind 70 Wochen bestimmt, um der Übertretung ein Ende zu machen und die Sünden abzutun, um die Missetat zu sühnen und eine ewige Gerechtigkeit herbeizuführen, um Gesicht (Prophetie) und Weissagungen zu versiegeln und ein Allerheiligstes zu salben. So wisse und verstehe: Vom Erlass des Befehls zur Wiederherstellung und zum Aufbau Jerusalems bis zu dem Messias, dem Fürsten, vergehen 7 Wochen und 62 Wochen (shavuot = „Siebener“. Im Textzusammenhang ist die Rede von Jahren, also hier: 7 mal 7 Jahre und 62 mal 7 Jahre); Straßen und Gräben werden gebaut, und zwar in bedrängter Zeit. Und nach den 62 Wochen wird der Messias ausgerottet werden, und ihm wird nichts zuteilwerden; die Stadt aber samt dem Heiligtum wird das Volk des zukünftigen Fürsten zerstören, und sie geht unter in der überströmenden Flut; und bis ans Ende wird es Krieg geben, fest beschlossene Verwüstungen. Und er wird mit Vielen den Bund bestätigen eine Woche lang; und in der Mitte der Woche wird er Schlachtopfer und Speisopfer aufhören lassen, und wegen der überströmenden Gräuel wird er es (das Heiligtum) verwüsten, und zwar bis zur Zerstörung, und das Beschlossene wird über das Verwüstete ausgegossen werden“.

Und nun zu einer kurzgefassten Deutung:

Wenn wir das neunte Kapitel in seiner Ganzheit betrachten, dann zeigt es in seinem Aufbau eine eindeutige Bundesstruktur. Daniel redet in seinem Gebet zu Gott wiederholt über den Bund mit Mose und über das Gesetz, welches das Volk immer wieder gebrochen hat, bis schließlich das Gericht der Vertreibung kommen musste. Es besteht hier eine unmittelbare Verbindung zu 3Mo 25, wo die Struktur von Sabbatjahren und Jubeljahren für das Land Israel eindeutig festgelegt ist. Die beiden Kapitel sind nicht voneinander zu trennen.

Das Land Israel hat nach dem Wort Gottes durch Jeremia (welches Daniel natürlich kannte: Jer 25,10-12; Jer 29,10) während der Gefangenschaft des Volkes siebzig Sabbatjahre genossen. Jedes dieser Sabbatjahre repräsentiert für sich selbst wiederum eine Zeit von sieben Jahren. Somit repräsentieren die siebzig Jahre der Vertreibung einen Zeitraum von insgesamt sieben mal siebzig Jahren, das sind vierhundertneunzig Jahre. Der Engel Gabriel kommt nun zu Daniel und bringt ihm von Gott die Worte einer neuen Vereinbarung mit einer klaren und festen Zusage. Diese Vereinbarung beinhaltet wieder siebenmal siebzig Jahre, diesmal wirkliche vierhundertneunzig Jahre um alles zu erfüllen, was die Prophetie sagt. Somit steht Daniel zusammen mit Kyros nach Gottes Gedanken exakt am Wendepunkt zwischen den vergangenen siebzig Sabbaten und den kommenden siebzig Sabbaten. So wie die vergangenen siebzig symbolischen Sabbate mit der Befreiung aus der babylonischen Gefangenschaft geendet haben, so werden die kommenden siebzig wirklichen Sabbate mit dem Kommen des Messias Israels und der Aufrichtung seiner ewigen Gerechtigkeit und seines ewigen Reiches enden. Genau wie die vergangenen siebzig symbolischen Sabbate ohne Unterbrechung vergangen sind, so werden auch die kommenden siebzig wirklichen Jahrsabbate ohne Unterbrechung ablaufen, bis das Ende erreicht ist.

Auf dieser festen Grundlage ist der Kontext des neunten Kapitels ausnahmslos messianisch, und er ist unmittelbar aus der Struktur der Jahrsabbate in 3Mo 25 abgeleitet. Es soll daher nochmals ausdrücklich betont werden, dass sich somit auch der gesamte Kontext der Prophetie ab Vers 24 auf den Messias, den Fürsten bezieht. Insbesondere redet auch der Vers 27 über den Messias, und nicht über eine andere Person. Jede andere Lesart würde nicht nur dem einfachen und klaren Sinn des Verses grundlegend widersprechen, sondern auch den Sinn der gesamten Prophetie zerstören. Viele Ausleger der Heiligen Schrift haben in ihren Kommentaren diesen klaren Zusammenhang betont.

Es handelt sich um eine trotz ihrer Kürze sehr inhaltsreiche Prophetie. Sie wurde nach Ansicht nicht weniger Christen (und auch nach meiner bescheidenen persönlichen Ansicht) in dem Herrn Jesus Christus vollständig erfüllt. Dazu noch ein Wort des Herrn aus Luk 24,44:

Er aber sagte ihnen: Das sind die Worte, die ich zu euch geredet habe, als ich noch bei euch war, dass alles erfüllt werden muss was im Gesetz Moses und in den Propheten und den Psalmen von mir geschrieben steht.

Das Wort des Herrn ist unmissverständlich: In seinem irdischen Dienst hat er alles erfüllt, was die Propheten des Alten Testamentes über ihn gesagt hatten. Nichts blieb unerfüllt, also auch nicht die Prophetie aus Daniel 9. Wir haben uns deshalb nicht zu fragen, wie die Prophetie in der Zukunft noch erfüllt werden wird, sondern vielmehr auf welche Weise sie sich in dem Leben und Dienst unseres Herrn auf dieser Erde erfüllt hat. Die Geschichte bestätigt die Prophetie.

Dazu kommt, dass Gott seine Propheten nicht dadurch legitimiert, dass die Erfüllung ihrer Vorhersagen auf unbestimmte Zeit hin vertagt wird. Siehe hierzu 5Mo 18,21-22: Prophetie muss in einem überschaubaren und nachvollziehbaren Zeitrahmen erfüllt werden, sonst wird sie nicht anerkannt. Daniel hatte eine ganz konkrete Prophetie ausgesprochen, welche einen ganz exakten Zeitrahmen bis zum Kommen des Messias und bis zu seiner Kreuzigung anzeigte. Der Herr Jesus sagte zu seinen Jüngern in Mt 24,34, dass die Generation ihrer Zeit den Gräuel der Verwüstung, von dem Daniel redete, sehen würde. Wenn sich das nicht erfüllt hätte, dann hätte der Herr sich entweder getäuscht oder die Unwahrheit gesagt. Beides ist völlig undenkbar. Der Herr hat durch seine Aussagen vielmehr den Propheten Daniel legitimiert, indem er den Jüngern klar machte, dass die Erfüllung der Prophetie auf ihn selbst und somit zugleich auf die Zeit der Jünger ging. Die Erfüllung aller 70 Jahrwochen, also aller 490 Jahre, welche Daniel vorhergesagt hatte, würde sich in der Zeit der Jünger ereignen.

Die Bibel redet an keiner Stelle ausdrücklich von einer Unterbrechung der 70 Jahrwochen. Kein Bibelvers sagt aus, dass Gott die 70. Jahrwoche verschoben hat. Gott hatte nicht die Absicht, den alles entscheidenden Zeitpunkt der Ankunft des Messias Israels kompliziert zu verschlüsseln. Die Wahrheit der Schrift war für Israel damals und ist für uns heute einfach und klar gehalten. Die 70 Jahrwochen Daniels bilden ebenso eine untrennbare Einheit wie die 70 Jahre der babylonischen Gefangenschaft zur Zeit Daniels. Auch damals gab es keine Unterbrechung. Am Ende der 490 Jahre, gerechnet von ihrem Beginn an, würde alles erfüllt sein: „70 Wochen sind über dich und dein Volk bestimmt.“ Wir möchten nun der Frage nachgehen, wie sich die Prophetie Daniels in der Vergangenheit in dem Werk des Herrn Jesus Christus erfüllt hat.

 

8.1 Die Erfüllung der Vision aus Daniel 9

Der Startpunkt der 70 Wochen: Der Erlass des Befehls zum Wiederaufbau Jerusalems. Diesen Erlass finden wir in Jes 44,28 und er wurde durch den Perserkönig Kyros gegeben. Nach den besten Chronologien geschah dies im Jahr 457/456 v.Chr. nach unserer Zeitrechnung. Die Zeitangabe 538 v.Chr. nach der ptolemäischen Zeitrechnung ist aufgrund der fehlerhaften ptolemäischen Chronologie und der falschen Abfolge der genannten Könige des Perserreiches bei Ptolemäus nicht zuverlässig. Dies wurde auf den vorangehenden Seiten ausführlich erläutert.

Innerhalb von 49 Jahren wurden die Stadt und der Tempel wieder aufgebaut. Wir finden diese Ereignisse in den Büchern Esra und Nehemia. Die Prophetie wurde erfüllt. Die darauf folgenden 62 Jahrwochen, also die nächsten 434 Jahre, waren lediglich eine Übergangsphase bis zum Kommen des Gesalbten, des Messias, des Fürsten. Die Summe beider Jahreszahlen ist 483 Jahre.

Die gesamten Ereignisse des Perserreiches, des griechischen Reiches, der Makkabäerzeit und der Römerzeit bis auf den Messias Jesus Christus werden durch diese Prophetie abgedeckt. Wenn wir das Wort Gottes genau studieren, die 483 Jahre von Kyros bis auf den Messias akzeptieren und richtig einordnen, dann entledigt uns dieser einfache Glaubensschritt auf einen Schlag aller chronologischen Probleme! Die Dauer des Perserreiches geht dann nämlich vom Jahr 456 v.Chr. (erstes Jahr des Kyros mit dem Erlass zum Bau Jerusalems und des Tempels) bis zum Jahr 333 v.Chr. (Sieg Alexanders über die Perser bei Issos) und beträgt somit genau 123 Jahre, also die zuvor genannten 82 Jahre weniger als bei Ptolemäus. Wem wollen wir glauben? Ptolemäus, der jüdischen Weltchronik, den Astrologen und Astronomen, oder dem Propheten Daniel?

Wenn wir die 483 Jahre vom Jahr 457/456 v.Chr. an berechnen, dann bringt unsere Berechnung uns in das Jahr 26/27 n.Chr. Wichtig ist in unserem Zusammenhang auch die Tatsache, dass der römische Kaiser Tiberius während der ersten beiden Jahre seiner Herrschaft noch als Co-Caesar zusammen mit Augustus regierte. Augustus regierte bis 14 n.Chr. Das 15. Jahr des Tiberius, von welchem in Luk 3,1 die Rede ist, muss somit nicht ab dem Jahr 14 n.Chr. berechnet werden, sondern ab dem Jahr 12 n.Chr. Dies bringt uns wiederum exakt in das Jahr 26/27 n.Chr. Der Herr begann seinen öffentlichen Dienst in genau diesem Jahr dadurch, dass er im Jordan getauft wurde. Als er aus dem Wasser heraufstieg, wurde er vom Vater im Himmel öffentlich mit dem Heiligen Geist gesalbt. Ab diesem Augenblick war er in der Öffentlichkeit Israels der Gesalbte Gottes, der Messias. „Bis auf den Messias, den Fürsten, sind 7 Wochen und 62 Wochen.“ Die Prophetie Daniels wurde exakt erfüllt.

Der Dienst des Herrn dauerte nach Übereinkunft unter nahezu allen Christen dreieinhalb Jahre. Diese Zeit war die erste Hälfte der 70. Jahrwoche Daniels. Im Jahr 30 wurde der Herr am Passahfest der Juden als das wahre Passahlamm Gottes vor den Toren der Stadt Jerusalem gekreuzigt. „Nach den 62 Wochen (nämlich dreieinhalb Jahre danach, in der Mitte der 70. Woche) wird der Messias ausgerottet werden und nichts haben.“ Es geschah so. „Und zur Mitte der Woche wird er die Speisopfer und Schlachtopfer aufhören lassen“. Der Tod des Messias, des wahren Passahlammes, war aus der Sicht Gottes das Ende aller Opfer des alten Bundes. Sie hatten von diesem Zeitpunkt an keine Gültigkeit mehr in den Augen Gottes und waren nur noch Gräuel. Die Juden hatten durch die Verurteilung und Überlieferung ihres Messias ihre Übertretung endgültig zum Abschluss gebracht. Die Ermordung des Messias Jesus Christus durch Menschen ist und bleibt das größte Verbrechen in der Geschichte der Menschheit. Das Volk des alten Bundes hatte damit seine Auserwählung endgültig verspielt.

Zu gleicher Zeit bestätigte der Herr Jesus Christus durch seinen Tod und sein Blut den neuen und ewigen Bund mit allen Menschen, die an ihn glauben würden. Das sind die „Vielen“ aus Daniel 9. In seinem Tod und in seiner Auferstehung hat der Herr die Sünden abgetan, die Missetat gesühnt und eine ewige Gerechtigkeit eingeführt, nämlich die Gerechtigkeit Christi vor Gott, welche allen Gläubigen zugerechnet wird. Am Pfingsttag in Jerusalem sehen wir dann, wie das Allerheiligste des neuen Bundes, nämlich die Gemeinde Christi, der Tempel des neuen und ewigen Bundes, durch das Kommen des Heiligen Geistes gesalbt wurde: „…und um ein Allerheiligstes zu salben.“ Auch dies wurde also erfüllt. Das zeitliche Ende der 70. Jahrwoche Daniels finden wir etwa in Apg 10, wo Petrus ungefähr im Jahr 33/34 n.Chr. das Evangelium endgültig zu den Nationen bringt. Wir kennen die Geschichte von Kornelius und seinem Haus. Das genaue historische Datum ist nicht allzu wichtig.

Für das alte Israel als Nation blieb nur noch das Ende übrig. Für 40 Jahre, nämlich bis zum Jahr 70 n.Chr., führten sie ihren in den Augen Gottes zum Gräuel gewordenen Opferdienst im Tempel aus. Nach der Tradition der Rabbiner fiel das Los für den Sündenbock am großen Versöhnungstag 40 Mal hintereinander nicht in die rechte Hand des Hohepriesters. Gott erkannte den Dienst nicht mehr an. Aus Gottes Sicht war das Ganze nur noch ein Überströmen von Gräueln. Wegen dieser überströmenden Gräuel, von denen Daniel geredet hatte, kam schließlich im Jahr 70 n.Chr. die Zerstörung des Tempels und der Stadt Jerusalem durch den kommenden Fürsten, nämlich durch den römischen Fürsten und späteren Kaiser Titus.

Bereits im Jahr 67/68 hatte die Belagerung begonnen. Die Christen in Israel sahen zu diesem Zeitpunkt den Gräuel der Verwüstung, nämlich das Heer des Titus und die römischen Feldzeichen, vor welchen sich die Römer in Anbetung ihres Kaisers und ihrer Götzen niederbeugten, in Judäa und in der Umgebung von Jerusalem stehen. Sie erinnerten sich an die Weissagung des Herrn, welche ihnen von den Aposteln mitgeteilt worden war und flohen aus der Stadt, als Vespasian nach Rom reisen musste, um sich dort nach dem Tod Neros im Jahr 68 gegen dessen mögliche Nachfolger durchzusetzen und zum Kaiser krönen zu lassen. Kurz darauf kehrte sein Sohn und späterer Nachfolger Titus zurück und vollendete sein Werk. Mehr als eine Million Juden fanden in Jerusalem den Tod. Soweit wir aber wissen, kam kein messianischer Jude ums Leben. Die fürchterliche Zeit der Zerstörung endete im Jahr 72/73 n.Chr. Sie stellt nach Ansicht vieler christlicher Lehrer die Zeit der vom Herrn prophezeiten großen Drangsal Jakobs dar. Wir können also sagen, dass die Vision tatsächlich in dem Werk des Herrn und in der Zerstörung Jerusalems im Jahr 70 n.Chr. vollständig erfüllt wurde.

 

9. Fazit

Die Zeit der Bücher Esra/Nehemia/Esther ist fest eingebettet in die Prophetie der 70 Jahrwochen aus Daniel 9. Die Ereignisse dieser drei Bücher haben sich innerhalb der ersten sieben Jahrwochen Daniels, also in der Zeit von 456 bis 407 v.Chr. (Zeitrechnung nicht nach Ptolemäus, sondern nach Daniel) vollständig erfüllt. Es konnte nachgewiesen werden, dass die 70 Jahrwochen aus Dan 9,24-27 bei Kyros beginnen und nicht bei Artaxerxes Longimanus. Der Startpunkt aller Berechnungen muss somit anders angesetzt werden. Das komplizierte Schema der „483 prophetischen Jahre“ von jeweils 360 Tagen ab dem Jahr 445 v.Chr. nach ptolemäischer Zeitrechnung ist hinfällig, denn es geht von einem falschen Startpunkt aus. Ebenso falsch ist somit auch die Berechnung, dass der Herr am letzten Tag der 69. Jahrwoche am Palmsonntag in Jerusalem eingeritten ist. Die Bibel sagt in Dan 9,24-27, dass der Herr in der Mitte der 70. Jahrwoche Daniels in Jerusalem sein Werk am Kreuz vollbracht hat. Die Korrektur der Chronologie in der eben genannten Art und Weise hat gewaltige Auswirkungen auf die Auslegung des prophetischen Wortes. Das prophetische Lehrgebäude des Dispensationalismus ist nicht zutreffend.

 

[1] Wenn wir die Schaltjahre mal außen vor lassen.

[2] Schlachter übersetzt hier leider etwas ungünstig, indem er schreibt, dass die Rückkehrer lediglich „die Mauern vollenden und die Grundfesten ausbessern wollen“. ELB 1905 schreibt, dass sie gerade dabei sind, die Mauern zu vollenden und die Grundlagen auszubessern.

[3] siehe hierzu Dr. M. Anstey: The Romance of Bible Chronology, S. 248-249

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