Bibelauslegung

Dieser Text stellt uns eine Übersicht über verschiedene Interpretationsansätze der Offenbarung vor.
 


Inhaltsverzeichnis

Einleitung und Voraussetzungen
1. Vorstellung der Interpretationsansätze
    1.1 Präteristischer Ansatz
    1.2 Futuristischer Ansatz
        1.2.1 Postmillennialistischer Ansatz
    1.3 Kirchengeschichtlich historisierender Ansatz
    1.4 Kontinuierlich historisierender Ansatz
    1.5 Geistlich historisierender Ansatz
2. Beurteilung
    2.1 Futuristischer Ansatz
    2.2 Geistlich historisierender Ansatz
3. Offenbarung 20: Prämillennialistische Sichtweise des Tausendjährigen Reiches
    3.1 Kritikpunkte an der prämillennialistischen Sichtweise
    3.2 Ein Wort zu 2. Petrus 3,10
    3.3 Weitere Kritikpunkte
    3.4 Ein Deutungsvorschlag
4. Die Auferstehung

 

Einleitung und Voraussetzungen

Wenn wir uns diesem Thema nähern, dann kann das nur mit Demut und Vorsicht geschehen, sowie im Geist der Offenheit und der brüderlichen Zuneigung. Es geht hier um große Dinge, die Gott seinen Kindern geoffenbart hat, damit sie glückselig sein können, wenn sie sie lesen und bewahren. „Bewahren“ bedeutet, dass jeder Leser der Offenbarung die darin enthaltenen Dinge in sein eigenes Leben mitnehmen und anwenden kann. Das Buch hatte und hat während der gesamten Zeit der Gemeinde eine direkte Bedeutung für jeden Leser, denn jeder kann darin Dinge erkennen, die sich in seinem eigenen Leben bestätigen.

Natürlich wollen und dürfen wir keinen Streit anzetteln. Es gibt nichts Schlimmeres, als in den Dingen der Prophetie dogmatisch zu behaupten: „Ich allein weiß es, und alle anderen sind im Irrtum.“ Nach 1Tim 3,15 ist die Gemeinde die Grundfeste der Wahrheit. Nach Apg 17,10-11 ist es edel, die Aussagen der christlichen Lehrer objektiv und unvoreingenommen an den Aussagen der Heiligen Schrift zu prüfen, ob es sich auch tatsächlich so verhält. Paulus und Silas ließen sich das gerne gefallen, und ihre Aussagen wurden durch die Schriften in vollem Umfang bestätigt. Wenn das damals so war, dann muss auch jeder weitere Lehrer des Wortes es sich genauso gefallen lassen.

Der eben beschriebene Erkenntnisprozess kann zwar von einzelnen Personen in Gang gesetzt werden, er kann aber nur in der Gemeinschaft der Geschwister weitergeführt werden und ein Ergebnis bringen. Die Christen sollten über die Dinge der Lehre in einem ständigen offenen und fairen Austausch stehen. Nach 2Joh 1-3 lieben wir die Geschwister um der Wahrheit willen und wir sind aufgefordert, Gnade, Barmherzigkeit und Frieden untereinander und miteinander festzuhalten, und zwar in Wahrheit und Liebe. Die Liebe freut sich mit der Wahrheit (1Kor 13,6). Wahrheit ohne Liebe ist dabei genauso aus dem Gleichgewicht geraten wie Liebe ohne Wahrheit.

So sind wir nun alle miteinander dazu aufgerufen, gemeinsam nach der biblischen Wahrheit zu suchen. Die Suche nach der Wahrheit darf nicht in Lehrstreitigkeiten ausarten, welche die Schrift selbst als unnütz bezeichnet, sondern sie soll im Geist der Beröer stattfinden, welche alles prüften und das Gute behielten. Andererseits sollte uns auch nicht die Furcht vor dem Verlust liebgewonnener Lehren oder gar Dogmen daran hindern, andere Ansichten zur Kenntnis zu nehmen und darüber nachzusinnen. Geistliche Offenheit mit Objektivität und liebender Gelassenheit ist ein Zeichen geistlicher Reife. In einer gesunden Gemeinschaft sollte die Offenheit im Austausch über die Lehrinhalte der Schrift niemals zu einer Trennung führen, sondern ganz im Gegenteil zu einer wechselseitigen geistlichen Schärfung der sich liebenden und respektierenden Brüder. Wenn wir den Kindlein im Glauben in offenem Gespräch die Lehren der Schriften vermitteln, dann ist es umso schöner, wenn wir als erwachsene Brüder zu diesem Gedankenaustausch noch weiterhin in der Lage sind. Im Folgenden soll in aller Bescheidenheit der Versuch unternommen werden, verschiedene Ansätze zur Interpretation der Offenbarung zu beleuchten. Ich möchte persönlich auch hierbei immer bestrebt sein, nach dem Gebot des Herrn den Bruder höher zu achten als mich selbst.

 

Die wichtigsten Interpretationsansätze zur Offenbarung im Überblick

Zeitgeschichtlicher oder präteristischer Ansatz
Zukunftsorientierter oder futuristischer Ansatz, aufgegliedert in:
            Prämillennialistischer Ansatz mit Vorentrückungslehre
            Prämillennialistischer Ansatz ohne Vorentrückungslehre
            Postmillennialistischer Ansatz
Bündnistheologischer Ansatz
Dominionismus
Amillennialismus
Historisierender oder historistischer Ansatz, aufgegliedert in:
            Kirchengeschichtlich historisierender Ansatz
            Kontinuierlich historisierender Ansatz

            Historischer Prämillennialismus
                        Entrückung vor Beginn der letzten Jahrwoche Daniels
                        Entrückung in der Mitte der letzten Jahrwoche Daniels
                        Entrückung am Ende der letzten Jahrwoche Daniels, beim Kommen des Herrn
          Historischer Postmillennialismus
Geistlich-historisierender Ansatz
Allegorisierender Ansatz

 

Im Rahmen der vorliegenden Betrachtung sollen die folgenden Ansätze nicht berücksichtigt werden: Der allegorisierende Ansatz, denn er ist in seiner gesamten Konzeption unbiblisch. Der bündnistheologische Ansatz und der Dominionismus, welche nach meiner Ansicht ebenfalls unbiblisch sind. Das Problem des Tausendjährigen Reiches soll bei der Kritik der zu besprechenden Ansätze und bei der kurzen Analyse von Offenbarung 20 gesondert behandelt werden.

 

1. Vorstellung der Interpretationsansätze

 

1.1 Präteristischer Ansatz

In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts breitete sich die Reformation und die Lehre der Protestanten mächtig über Europa aus, da auch das Drucken von Bibeln für das Volk vorangetrieben wurde. Die protestantischen Lehrer sagten dabei ausnahmslos, dass der Antichrist und die Tiere der Bücher Daniel und Offenbarung als das Römische Papsttum und die Römische Kirche zu deuten seien. Diese Entwicklung führte im Vatikan zu wachsendem Zorn und Verunsicherung, so dass der Papst mit Hilfe des seit 1534 bestehenden Jesuitenordens zum Gegenangriff überging. Die Jesuiten wurden beauftragt, Lehren zu ersinnen und zu verbreiten, welche die Stoßrichtung der wachsenden Kritik im Volk vom Papst und der römischen Kirche ablenken sollten.

Der Jesuit Luis de Alcazar (1553-1613) verfasste ein 900-seitiges Werk unter dem Titel: „Vestigatio Arcani Sensis in Apocalypsi“ (Eine Untersuchung der geheimen Bedeutung der Apokalypse), welches ein Jahr nach seinem Tod, also im Jahr 1614, veröffentlicht wurde. In diesem Werk begründete er die Lehre des Präterismus in ihrer heute bekannten Form. Durch diese Lehre wurden die Existenz und das Wirken des Antichristen vom Papst abgelenkt in die Vergangenheit.

Sie besagte im Wesentlichen folgende Dinge:

  • Offenbarung 1-11 beschreiben die endgültige Verwerfung der Juden und die Zerstörung Jerusalems durch die Römer.
  • Offenbarung 12-19 beschreiben die Vernichtung des römischen Heidentums (der großen Hure) und die Bekehrung des römischen Reiches zur römisch-katholischen Kirche.
  • Offenbarung 20 beschreibt die letzten Verfolgungen durch den Antichristen, welcher als der Kaiser Nero (54-68) identifiziert wurde, sowie das Endgericht.
  • Offenbarung 21-22 beschreibt den Triumph des neuen Jerusalem, also der Römisch-Katholischen Kirche. Alle diese Ereignisse seien zum Ende des vierten Jahrhunderts erfüllt gewesen und hätten mit der Gegenwart des damaligen 16. Jahrhunderts nichts mehr zu tun.

Weitere Vertreter der Lehre wurden: John Lightfoot, Hugo Grotius, F.W. Farrar, Henry Hammond, Robert Townley und andere. Aus heutiger Sicht beinhaltet dieser Denkansatz eine Vielzahl unbiblischer Überlegungen, welche bereits bei oberflächlicher Betrachtung so offensichtlich sind, dass wir keine weitere Zeit auf ihre ausführliche Erörterung verwenden möchten.

 

1.2 Futuristischer Ansatz

Der Jesuit Francisco de Ribera (1537-1591) veröffentlichte zwischen 1585 und 1590 sein mehr als 500-seitiges Werk „In Sacrum Beati Ioannis Apostoli & Evangelistiae Apocalypsin Commentarii“ (Kommentar zur Apokalypse des heiligen und seligen Apostels und Evangelisten Johannes). In diesem Werk begründete er die Lehre des Futurismus ähnlich der heute bekannten Form. Durch diese Lehre wurden die Existenz und das Wirken des Antichristen vom Papst abgelenkt in die Zukunft.

Sie besagte im Wesentlichen folgendes:

  • Die ersten Kapitel der Offenbarung beziehen sich auf das alte heidnische Rom.
  • Der Rest des Buches ist in einer noch zukünftigen Zeitperiode von dreieinhalb Jahren anzusiedeln, unmittelbar vor dem zweiten Kommen Jesu Christi. Während dieser Zeit wird die Römisch-Katholische Kirche in den Abfall vom Papst hineingekommen sein. Zur gleichen Zeit wird eine einzelne Person, nämlich der Antichrist, folgende Dinge tun: Die Heiligen Gottes verfolgen und lästern. Den Tempel in Jerusalem wieder erbauen. Die christliche Religion abschaffen. Den Herrn Jesus Christus verleugnen. Von den Juden angenommen werden. Vorgeben, selbst Gott zu sein. Die beiden Zeugen Gottes töten. Die Welt beherrschen.

Nach Ribera seien die 1260 Tage nicht 1260 Jahre, entsprechend der Jahr-Tag-Theorie nach 4Mo 14,34 und Hes 4,6, sondern buchstäblich 1260 Tage, also dreieinhalb Jahre. Die Jahr-Tag- Theorie des damals gültigen kirchengeschichtlich-historischen Ansatzes behauptete, dass die 1260 Jahre in 538 n.Chr. bei der vollen Etablierung der päpstlichen Weltmacht begonnen hätten, und dass 1260 Jahre später der Antichrist, nämlich die römische Kirche und der Papst, von Christus bei seinem zweiten Kommen vernichtet würden.

Es wird gesagt, dass der soeben beschriebene Ansatz bereits in der frühen Kirchengeschichte vorhanden gewesen sei. Das ist jedoch nur teilweise zutreffend. Ich verweise in diesem Zusammenhang auf die ausführliche Dissertationsarbeit von Dr. David Malcolm Bennett, welche im Literaturteil am Ende dieses Textes angegeben ist. Es trifft zu, dass verschiedene Kirchenväter der ersten Jahrhunderte sich über die Deutung der Offenbarung geäußert haben, denn dieses Buch war in den schweren tagtäglichen Christenverfolgungen der ersten Jahrhunderte von gewaltiger Bedeutung für die Gläubigen. Folgende Namen sind hier unter anderen zu nennen:

Justinus Martyr (100-165)                              Irenäus von Lyon (130-202)

Tertullian (2. und 3. Jahrhundert)                  Hippolytos (3. Jahrhundert)

Cyprian von Karthago (2. Jahrhundert)         Lactantius Firminianus (4. Jahrhundert)

Kyrill von Jerusalem (315-386)                      Johannes Chrysostomus (347-407)

Hieronymus (340-420)                                    Augustinus von Hippo (345-430)

 

Das Zeugnis all dieser Lehrer der frühen Kirche ist übereinstimmend. Sie lebten zur Zeit des Römischen Reiches. Sie deuteten die Offenbarung im Zusammenhang mit den Aussagen des Buches Daniel und kamen zu einer richtigen Beurteilung der vier Tiere Daniels als vier große Reiche der Geschichte: Babylon, Medopersien, Griechenland und Rom. Dabei vertraten sie übereinstimmend die Ansicht, dass noch ein weiteres Tier mit seinem Reich kommen müsse, nämlich der Antichrist. Sie verlegten die Deutungen der Offenbarung zwar in die Zukunft; sie gingen jedoch allesamt davon aus, dass der Antichrist sehr bald nach dem Ende des in ihrer Zeit noch bestehenden Römischen Reiches auftreten würde. Sie sahen sich selbst und die Gemeinde Christi als lebend in der Endzeit. Sie erwarteten das Kommen des Herrn in einer absehbaren näheren Zukunft. Augustinus sah sich sogar als im 1000-jährigen Reich lebend an. Sie vertraten nicht die Ansicht, dass die Ereignisse der Offenbarung in einer fernen Zukunft von mehr als 2000 Jahren liegen. Sie vertraten auch nicht die Lehre von einer Vorentrückung, sondern glaubten an das baldige Kommen („denn die Zeit ist nahe“) des Herrn, während die Gemeinde der Christen ihn auf der Erde lebend erwarten würde.

Der heutige Futurismus macht grundlegend andere Aussagen hinsichtlich der möglichen Zeitspannen und der Entrückung. Er beruht auf einer Auslegungsweise der Bibel, welche alle Ereignisse der Offenbarung ab Kapitel 4 bis zum Ende in Kapitel 22 aus heutiger Sicht noch vollständig in die Zukunft legt. Die entscheidenden Aussagen der alttestamentlichen Propheten, vor allem natürlich die Worte Daniels, werden ebenso wie die Offenbarung in dieses Lehrsystem mit eingefügt. Alles muss darüber hinaus buchstäblich ausgelegt werden. Hinsichtlich der Entrückung ist der heutige Futurismus in mehrere Lager gespalten: Vorentrückung, Entrückung in der Mitte der Drangsal und Spätentrückung am Ende der Drangsal.

Die Auslegungsvariante des Futurismus wurde von John Nelson Darby (1800-1882) mit einigen Änderungen in sein eigenes System des Dispensationalismus integriert. Entscheidend war hierbei nach Darbys eigener brieflicher Aussage (in einem Brief an Benjamin Wills Newton, welchen dieser später gegenüber William Kelly zitierte), dass ein gewisser Mr. Tweedy, ein ehemaliger Pfarrer der schottisch reformierten Kirche, ihm in der Frage bezüglich Matthäus 24 einen ganz neuen Impuls gegeben hätte. Er hätte ihn (Darby) nämlich dazu ermutigt, den Inhalt von Matthäus 24 ganz auf die Juden zu beziehen. Darby kam schließlich zu der irrigen Trennung zwischen einer „Gemeindewahrheit“ der Gläubigen des neuen Bundes und einer „Reichswahrheit“ für Israel, welche nur das Matthäusevangelium lehre. Er entwickelte sein eigenes System auf der Grundlage der beiden neuen Lehren (Futurismus und Vorentrückungslehre) und verbreitete es über England, Europa und Amerika. Die Titel seiner diesbezüglichen Werke sind „Studies on the Book of Daniel“ und „Notes on the Apocalypse“.

Cyrus Ingerson Scofield (1843-1921) gab die Lehre des Futurismus in Kombination mit der geheimen Vorentrückung erstmals in Form der Kommentare zu seiner Scofield Reference Bible in 1909 heraus. Bis heute wurden viele Millionen Exemplare gedruckt. Diese Bibelausgabe sorgte schließlich dafür, dass die Lehre des Futurismus in Kombination mit der modernen Lehre von der geheimen Vorentrückung die evangelikale Welt des Westens eroberte.

An dieser Stelle sollen noch einige der wichtigsten evangelikalen Organisationen genannt werden, welche in der heutigen Zeit die Lehre des Futurismus und die moderne Lehre von der geheimen Vorentrückung der Gläubigen beim geheimen Kommen Christi vertreten: Dallas Theological Seminary mit den Lehrern John Walvoord, Charles Swindoll, Charles Ryrie, Hal Lindsey, Vernon McGee, Kenneth Taylor, Thomas Ice, Renald Showers. Moody Bible Institute und Moody Press mit Ryrie-Study-Bible und Jerry Jenkins. Western Theological Seminary (Reformed Church in America) mit ihrem Schüler Tim LaHaye. Tim LaHaye School of Prophecy, mit der Serie Left Behind (Finale in 13 Bänden) weltweit bekannt. Trinitiy Broadcasting Network, der wohl weltweit größte evangelikale Fernsehsender. Jack van Impe. Jerry Falwell. John Hagee. The King is Coming (Dr. Howard C. Estep). Prophecy online (Grant R. Jeffrey). Hilton Sutton. Zola Levitt. John Ankerberg. Perry Stone. Chuck Missler. Dave Hunt (The Berean Call). Und viele andere. Es ist heute zweifelsfrei die alles beherrschende eschatologische Lehre in der gesamten evangelikalen westlichen Welt.

Hinsichtlich der Entrückung gab es von Beginn an unter den Futuristen in der Brüderbewegung verschiedene Untergruppierungen. Die Gruppe um John Nelson Darby, Captain Hall, Lewis Way, Hatley Frere und später andere Brüder aus anderen Gruppierungen (Johan de Heer, Torrey, Moody, Berthold Peters) lehrte die geheime Vorentrückung beim geheimen Kommen Christi vor der Ankunft des Antichristen. Eine andere Gruppe um Benjamin Wills Newton, Robert Chapman und Georg Müller, sowie später und an anderen Orten auch Leute wie Professor Bettex, Modersohn, Dora Rappard, Heinrich Haarbeck, Limbach oder Stockmayer lehrten die Entrückung am Ende der Drangsal in Offenbarung 19. Wiederum andere wie zum Beispiel Hudson Taylor, der Gründer der China-Inlandmission, vertraten sogar die Lehre von einer Auswahlentrückung. In der Summe des Ganzen führte die Lehre von der geheimen Entrückung zu einer ganzen Anzahl von Spaltungen, was in geistlicher Hinsicht immer ein schlechtes Zeichen darstellt.

Über die konkreten Inhalte und Einzelheiten der futuristischen Lehre sowie der Lehre von den verschiedenen Entrückungszeiten soll an dieser Stelle nichts gesagt werden, weil dies zum einen in den heutigen Gemeinden der westlichen Welt sattsam bekannt ist; zum anderen würde es definitiv den Rahmen der vorliegenden kurzen Abhandlung sprengen.

 

1.2.1 Postmillennialistischer Ansatz

Er wurde von Daniel Whitby (1638-1726) in seinem Werk: „Paraphrase and Commentary on the New Testament“ in 1703 dargelegt. Er besagt, dass das damalige Zeitalter in ein sehr langes (nach Meinung einiger Leute 1000-jähriges, nach anderen Ansichten zwar weniger als 1000 Jahre, aber immerhin noch mehrere Jahrhunderte andauerndes) goldenes Zeitalter des Evangeliums einmünden werde. Während dieser Zeit würden alle Juden bekehrt werden und die große Fülle der Heiden in das Reich eingehen. Am Ende der goldenen Jahrhunderte würde der Teufel für kurze Zeit losgelassen werden und die Gemeinde der Gläubigen hart verfolgen. Dann käme jedoch der Herr zurück und würde das Gericht über alle Verfolger bringen, um danach den ewigen Zustand einzuleiten. Begründet wurde die Lehre aus Stellen wie Daniel 2 (wo der Stein die ganze Erde einnimmt), dem Gleichnis vom Sauerteig und vom Senfkorn in Matthäus 13, sowie Römer 11,26.

Von etwa 1720 bis 1830 war der Postmillennialismus die beliebteste Auffassung unter allen großen protestantischen und konservativen Auslegern und Kommentatoren. Berühmte Bibellehrer des 19. Jahrhunderts wie Charles Hodge oder sein Sohn Alexander Archibald Hodge vertaten diese Sicht, denn sie standen damals unter dem Eindruck der seit 1804 weltweit gewaltig expandierenden missionarischen Bewegung. Sie waren tatsächlich der Meinung, dass ein goldenes Zeitalter der Christenheit unmittelbar bevorstehe, gefolgt von der Wiederkunft des Herrn.

Das Zeugnis der Schrift läuft jedoch letztlich dieser Lehre vollständig entgegen. Lk 18,8 besagt, dass der Herr bei seinem Kommen nur noch wenige Gläubige auf der Erde finden wird. Außerdem ist es gänzlich unmöglich, sich vorzustellen, dass nach 1000 Jahren der goldenen Zeit des Evangeliums der Satan es fertigbringen sollte, in einem Moment die gesamte Menschheit gegen den Glauben aufzubringen. (Das Gleiche gilt für die Vorstellung des Futurismus, dass der Satan es nach 1000 Jahren der Herrschaft Christi auf der Erde fertigbringen sollte, einen globalen Aufstand erfolgreich anzuzetteln.) Ein letztes Argument ist, dass das gesamte Zeugnis der Bibel nicht den geringsten Hinweis darauf gibt, dass ein goldenes Zeitalter des Evangeliums vor dem Kommen des Herrn existiert. Der apokalyptische, dramatische Charakter der Wiederkunft Christi wird immer wieder betont.

 

1.3 Kirchengeschichtlich historisierender Ansatz

Er wurde vor allem von Luther und von den Reformatoren vertreten. Er lehrt, dass die Offenbarung eine Kurzfassung der Kirchengeschichte vom ersten Kommen bis zum zweiten Kommen des Herrn in großen Bildern sei, welche die aufeinander folgenden Epochen der Kirchengeschichte darstellen. Er ist bei genauerem Lesen der Offenbarung nicht haltbar und wurde weitgehend verlassen. Nur noch wenige Christen vertreten ihn. Daher soll auch keine weitere Erörterung gegeben werden.

 

1.4 Kontinuierlich historisierender Ansatz

Er geht davon aus, dass die Offenbarung ein ausführliches biblisches Geschichtsbuch ohne zeitliche Unterbrechungen darstellt. Es handele sich um eine detaillierte Offenbarung von Bildern, welche zeitlich aufeinander folgen, und welche sich in der Geschichte der Gemeinde vom ersten bis zum zweiten Kommen Christi streng aneinander gereiht haben, ohne sich zu überlappen. Die sieben Siegel folgen zeitlich streng aufeinander. Danach kommen die sieben Posaunen, ebenfalls in strikter zeitlicher Abfolge. Zuletzt folgen die sieben Schalen. Zur Mitte des 20. Jahrhunderts gingen die Vertreter dieser Lehre davon aus, dass die Christenheit nach den großen Weltkriegen nunmehr unter der sechsten Schale lebe, und dass das Kommen des Herrn unmittelbar bevorstehen würde. Viele Christen verließen damals unter dem Eindruck der Ereignisse die futuristische Sicht, um sich der kontinuierlich historischen Sicht anzuschließen.

Bei genauerer Betrachtung der Lehre ergeben sich allerdings erneut schwerwiegende Probleme. Die verschiedenen Lehrer können sich nämlich nicht darüber einigen, welches historische Ereignis denn nun welchem Siegel, welcher Posaune oder welcher Schale zuzuordnen sei. Verschiedenste Kandidaten sind zum Beispiel für die Person des Antichristen vorgeschlagen worden, von Napoleon bis Stalin oder Hitler. In der Gesamtschau ist auch diese Sichtweise in sich selbst tief gespalten und aus biblischer Sicht nicht haltbar. Die Tatsache, dass Kapitel 12 des Buches eindeutig auf das erste Kommen des Messias zurückgeht und somit einen tiefen Bruch für jede zeitlich orientierte Auslegung darstellt, widerlegt den kontinuierlichen (genauso wie auch den futuristischen) Auslegungsansatz der Offenbarung.[1]

Außerdem könnten nur sehr wenige hervorragende Kirchenhistoriker aus der Offenbarung einen täglichen Trost und Gewinn für sich ziehen, denn die Auslegung fordert detaillierte Geschichtskenntnisse vom Leser, um überhaupt verstanden werden zu können. Die Christen, die in all den Jahrhunderten der Kirchengeschichte ihren Gewinn aus der Offenbarung gezogen haben und dadurch gesegnet worden sind, waren keineswegs herausragende Historiker oder Experten der Weltgeschichte. Allein schon dieser einfache und klare Sachverhalt führt bei genauerem Nachsinnen die kontinuierlich historische Deutung ad absurdum.

 

1.5 Geistlich historisierender Ansatz

Er lehrt, dass die Offenbarung kein Buch ist, welches dazu gedacht ist, uns irgendeinen detaillierten kontinuierlich historischen Vorgang zu schildern. Sie liefert uns auch nicht eine Kurzfassung der kirchengeschichtlichen Epochen in Form von Bildern. Sie ist vielmehr eine Darstellung der Prinzipien, welche das Leben und die Geschichte der christlichen Kirche zwischen dem ersten und dem zweiten Kommen Christi regeln. Sie ist eine Entfaltung der Geschichte des Reiches Gottes bis zu seinem äußersten Höhepunkt, und nicht so sehr eine Beschreibung spezieller Ereignisse. Vielmehr ist sie eine bildliche und symbolische Illustration der Kräfte und Mächte, die den höchsten Interessen des Reiches Gottes entgegenstehen und dagegen kämpfen, und zwar in der Vergangenheit seit der Himmelfahrt und Verherrlichung des Herrn, in der Gegenwart und in der Zukunft bis zur Wiederkunft des Herrn in Macht und Herrlichkeit. Die wahre Funktion dieses Buches besteht darin, uns das Prinzip oder das Lebensmuster zu zeigen, nach dem die christliche Gemeinde hier auf der Erde wandeln und alle Widerwärtigkeiten erdulden soll. Die Gemeinde ist ständigen Unterdrückungen und Verfolgungen ausgesetzt, bis der Herr wiederkommt.

Weil das Buch uns als Christen ganz konkret auf die Dinge im unsichtbaren Bereich hinweist und uns auf die Dinge vorbereitet, welche in unserem sichtbaren Leben tatsächlich geschehen könnten und oftmals auch geschehen werden, können wir es verstehen und dadurch ermutigt und getröstet werden. Glückselig ist, der da liest und bewahrt, was geschrieben ist, denn die Zeit ist nahe. Bald nach dem Aufschreiben der Offenbarung durch Johannes traten im Leben der Christen des ersten Jahrhunderts alle die Dinge praktisch ein, von denen das Buch ihnen erzählte. Genauso ist es auch heute noch im Leben der Christen. Die Offenbarung bereitet uns auf unser praktisches Christenleben vor, gibt uns Verständnis für unsere konkrete Situation und befähigt uns zum Ausharren im tröstlichen Blick auf unsere eigene Zukunft und auf den kommenden Sieg des Herrn.

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus sei mit euch allen. Amen.

Ihr wisst, was jetzt bald kommen wird, denn die Zeit ist nahe. Und nun geht los auf eurem Weg. Der Herr ist bei euch, und er sitzt auf dem Thron. Er hat die Kontrolle über alles: über die Geschichte, über euer eigenes Leben und über das Leben eurer Verfolger. Alles dient zu seiner Verherrlichung und zu eurer Heiligung und Vervollkommnung.

 

2. Beurteilung

 

2.1 Futuristischer Ansatz

Zu Beginn noch einmal kurz die Kernaussagen der Lehre: Sie besagt, dass das Buch der Offenbarung aus drei Teilen besteht gemäß Kapitel 1,19: Was Johannes gesehen hat (also die Vision von Kapitel 1), was ist (die Schilderungen von Kapitel 2 und 3) und was nach diesem geschehen soll (der Inhalt der Kapitel 4-22). Zwischen Kapitel 3 und 4 liegt nach dieser Lehre eine zeitliche Lücke von inzwischen fast 2000 Jahren. Die Ereignisse ab Kapitel 4 beziehen sich auf die letzte Jahrwoche des Propheten Daniel, welche erst nach der im Text der Offenbarung selbst nicht erkennbaren geheimen Entrückung der Gemeinde beginnen wird. Gott handelt ab hier nur noch mit Israel, denn die Gemeinde befindet sich nach Off 4,1 im Himmel. In dem ganzen Buch geht es somit ab Kapitel 4 nur noch um zukünftige Dinge, welche die Gemeinde Christi nicht mehr auf der Erde erleben wird.

Was ist nun zu dieser Lehre zu sagen? Die wichtigsten Einwände sind nachfolgend genannt.

Der Ansatz beraubt das Buch offensichtlich seines praktischen Wertes für das Leben aller Gläubigen vom ersten Jahrhundert an bis heute, denn sie haben nach dieser Lehre mit den Dingen ab Kapitel 4 überhaupt nichts mehr zu tun. Die Frage lautet: Wenn der Hauptteil des Buches in die Zukunft zu übertragen ist, wie kann es mir dann in meinem Glaubenskampf hier und jetzt eine Hilfe sein? Es heißt doch: Glückselig wer da liest und bewahrt, was geschrieben ist. Was soll man denn bewahren, wenn es für einen selbst hier auf der Erde gar nicht gilt? Diese Deutung wäre für die hart verfolgten und bedrängten Christen früherer und heutiger Zeit keine Ermunterung und kein echter Trost.

Die Hauptfunktion aller Prophetie in der Bibel ist es, den Glauben dadurch zu stärken, dass sie sich erfüllt. Petrus sagte in seinem Brief, dass die Gläubigen sich nicht allein auf sein mündliches Zeugnis zu verlassen brauchten, obwohl er den Herrn verklärt gesehen hatte. Er verwies auf die alttestamentlichen Prophetien und sagte gewissermaßen: „Lest das Alte Testament, welches das Kommen des Messias ankündigt, und dann schaut euch einfach die Fakten an: Es hat sich erfüllt.“ Wenn das, was prophezeit wurde, tatsächlich geschieht, dann sehen die Gläubigen etwas, worauf sie ihren Glauben fest gründen können. Sie besitzen dann das prophetische Wort umso fester und können in den Versuchungen, von denen der erste Petrusbrief so ausführlich redet, besser standhalten. Die futuristische Denkweise setzt diesen Hauptzweck der biblischen Prophetie hinsichtlich der Offenbarung völlig außer Kraft. Die Offenbarung wird für die Christen zu einem akademischen Lehrbuch über die Zukunft ohne Bedeutung für ihr tägliches Leben.

Der futuristische Ansatz widerspricht der Analogie der Heiligen Schrift, welche eine grundlegende Tatsache in der gesamten Schriftauslegung darstellt. Die vier Tiere in Daniel stehen in direktem Zusammenhang mit dem Tier in Offenbarung. Das Tier zeigt die zusammengesetzten Eigenschaften der vier anderen Tiere. Das ist soweit klar. In Daniel ist es aber so, dass die Tiere Weltreiche darstellen, welche sich über Jahrhunderte hinweg entwickelt haben. Daher ist es von der gesunden analogen Auslegung her nicht möglich, dass dem Tier in Offenbarung nur eine Zeit von sieben Jahren zur Verfügung steht. Diese Auslegung widerspricht der normalen Analogie der Schrift.

Der futuristische Ansatz zerstört die Einheit des Buches der Offenbarung, indem er das Buch in drei Sinnabschnitte zerteilt, die nichts mehr miteinander zu tun haben. Die vorgebliche Lücke von 2000 Jahren zwischen dem zweiten und dritten Abschnitt (über welche der Text selbst nicht redet) betont dieses Prinzip noch weiter. Es kann jedoch beim normalen Lesen des Textes kein Zweifel daran bestehen, dass dieses Buch eine vollkommene Einheit darstellt. Es weist durch alle 22 Kapitel hindurch eine Vielzahl von inneren Bezügen und deutlichen Querverweisen auf, welche hier unmöglich alle genannt werden können.[2] Es ist unmöglich, das Buch in drei Stücke zu zerteilen, ohne dabei die Regeln einer gesunden Schriftauslegung grundlegend zu verletzen.

Der futuristische Ansatz verschiebt das Reich Gottes in eine ferne Zukunft. Man sagt, dass von dem Reich aktuell keine Rede mehr sei, und dass wir jetzt im Gemeindezeitalter leben. Erst nach der geheimen Entrückung sei das Reich wieder auf der Erde anwesend, denn erst dann würde der Herr sich wieder mit Israel beschäftigen, wenn die Gemeinde nicht mehr da sei. Dieser Gedanke widerspricht direkt den Aussagen sowohl unseres Herrn als auch der Evangelisten und Apostel, als auch des Buches selbst. In Off 1,6 sagt Johannes, dass wir bereits jetzt ein Königtum (Königreich) von Priestern sind. In Off 1,9 heißt es, dass Johannes selbst schon unser Bruder und Mitgenosse in der Bedrängnis und im Königtum war. Schon Johannes war im Königtum. Es gibt kein Königtum ohne Königreich. Wir alle befinden uns schon heute im Königreich. Das Königreich wird zukünftig in sichtbarer Form kommen, aber es ist jetzt schon in verborgener Form da. Was ist mit Matthäus 13? Was ist mit Römer 14,17? Weitere Stellen: Mt 24,14; Mt 3,2; Mt 12,28; Lk 17,20-21; Apg 8,12; 14,22; 20,25; 28,23; 28,30; Kol 4,11; Lk 16,16. Dies ist das Zeugnis der Schrift, und es ist klar.

Offenbarung 1,1 redet über etwas, was bald geschehen muss. Das Wort, das hier für bald steht, bedeutet in der gesamten Schrift: „in Kürze; schnell; eilends“. Wieso soll es dann an dieser Stelle plötzlich bedeuten: „ab Kapitel 4 in 2000 Jahren“? Das Wort bringt ganz einfach zum Ausdruck, dass die Dinge, die in dem gesamten Buch geschildert werden, in Kürze beginnen und sich dann fortsetzen werden. „Glückselig ist, der da liest und bewahrt (…).“ Die Leser sollten das Gelesene mitnehmen und in ihrem eigenen Leben anwenden, und zwar bereits im ersten Jahrhundert, denn das Buch war als Ganzes den sieben Gemeinden Kleinasiens zugedacht, welche damals real existierten.

Kritik von Off 1,19: Bereits in 1,11 sagt der Engel zu Johannes: „Was du siehst, das schreibe in ein Buch (…).“ Hier wird in der allgemeinen Einleitung des Buches dem Apostel der Auftrag erteilt, den gesamten Inhalt der Kapitel 1-22 aufzuschreiben und an die sieben Gemeinden in Kleinasien zu senden. Dieser Befehl bezieht sich auf die Gesamtheit aller Aussagen und Visionen des ganzen Buches, und nicht nur auf die folgende Vision in Kapitel 1. Die sieben Gemeinden erhielten nicht nur ein Kapitel, sondern 22 Kapitel. Der Ausdruck in 1,11 hat dieselbe zeitnahe Bedeutung wie der Ausdruck in 1,19. Da dieser Ausdruck in Vers 11 eine zusammenfassende Einleitung des gesamten Buches darstellt, kann er nicht plötzlich in Vers 19 eine Zerteilung des Buches fordern.

Der Ausdruck „was ist“ bezieht sich auf den damaligen Zustand der sieben Gemeinden in Kleinasien. Gleichzeitig wird aber von den Futuristen gesagt, dass er in prophetischer Weise Zustände beschreibt, welche sich in der Kirchengeschichte bis zum zweiten Kommen des Herrn ereignen werden. Das ist in gewisser Weise ein Widerspruch. „Was ist“ würde nämlich nach futuristischer Deutung gleichzeitig bedeuten: „was nach diesem in der Gemeinde geschehen wird bis zum Kommen des Herrn“. Darüber hinaus finden wir in den Sendschreiben keinen direkten oder indirekten Hinweis im Text, der besagt, dass die Deutung sich auf einen chronologischen Ablauf bezieht, der bis zum Ende des Gemeindezeitalters reicht. Ein Ausleger sollte nicht über das hinausgehen, was geschrieben steht (1Kor 4,6). Die Deutung, dass es sich um eine zeitliche Abfolge von fast 2000 Jahren handelt, kann nur dann eingeführt werden, wenn man zusätzliche Annahmen voraussetzt, welche nicht in der vorliegenden Schriftstelle zu finden sind. Diese Art der Eisegese ist jedoch seit der Reformation nicht mehr zulässig. Gemeint ist, was da steht, nicht mehr und nicht weniger.

Der Ausdruck „Was nach diesem geschehen muss“ zeigt an, dass nach der Niederschrift der Offenbarung und ihrer Versendung an die sieben Gemeinden in Kürze die Dinge beginnen werden, die der Text schildert. Beim Lesen des Textes weist nichts darauf hin, dass ein Zeitabstand von 2000 Jahren gemeint sein könnte. Man findet keinen Ausdruck wie etwa „nach einer langen Zwischenzeit“ oder „nach vielen Tagen“, welcher eine derartige Auslegung rechtfertigen würde. Es heißt einfach „nach diesem“ (meta tauta), also bald nach der Abfassung des Buches. Dieser große Zeitabstand wird jedoch hineingelesen, weil bestimmte Vorannahmen auf der Grundlage von Lehrtheorien vorausgesetzt werden. Eisegese statt Exegese.

Kritik von Off 4,1: Hier begegnet uns der gleiche Ausdruck „nach diesem“ (meta tauta) gleich zweimal im selben Vers. Überaus bemerkenswert ist hierbei die Tatsache, dass er nach futuristischer Deutung innerhalb weniger Worte einen ebenso gewaltigen wie geheimnisvollen Bedeutungswandel durchmacht. Während er am Anfang des Verses noch bedeutet: „Unmittelbar nach der Vision von Kapitel 1 und nach den sieben Sendschreiben“, so bedeutet er am Ende des Verses plötzlich: „nach einer Zeit von 2000 Jahren, wenn die Entrückung der Gemeinde stattgefunden hat und die Christen im Himmel sind.“ Dieser Bedeutungswandel ist ebenso gewaltig wie unmöglich. Der Text redet weder über lange Zeiten noch über eine Entrückung. Auch hier: Eisegese statt Exegese.

Weitere Kritikpunkte: Nach futuristischer Auslegung geht es ab Kapitel 4 der Offenbarung nur noch um Ereignisse in der fernen Zukunft (zum Zeitpunkt der Abfassung 2000 Jahre oder mehr). Allerdings stellt man beim Lesen des Buches fest, dass das Ende von Kapitel 11 eine deutliche Endgerichtsszene darstellt. Der Beginn des 12. Kapitels ist der eigentliche Dreh- und Angelpunkt des gesamten Buches, denn hier geht der Text von der Beschreibung der äußeren und irdischen Abläufe in den ersten 11 Kapiteln zu der Beschreibung der geistlichen Hintergründe und des Gerichtes über die verschiedenen sichtbaren und unsichtbaren Gegner der Gemeinde und die Einführung des ewigen Zustandes über, welche weitere 11 Kapitel einnimmt. Wir befinden uns also hier genau in der Mitte des Buches, welche auch inhaltlich das Zentrum darstellt. Genau an dieser Stelle wird nun in den ersten Versen des 12. Kapitels über Dinge gesprochen, die sich beim ersten Kommen des Herrn ereignet haben. Wir sehen eindeutige Hinweise auf die Geburt und die Himmelfahrt des Herrn. Das ist nach futuristischer Deutung des Buches vollkommen unmöglich. Seltsamerweise wird der messianischen Deutung dieser Textstelle von den Futuristen nicht einmal widersprochen. Man erkennt jedoch nicht, dass die geschilderten Abläufe von Off 12 die futuristische Sichtweise vollkommen über den Haufen werfen.

In Off 22,6 findet sich der Ausdruck „was bald geschehen muss“, genau wie in Off 1,1. In Off 22,10 findet sich der Ausdruck „denn die Zeit ist nahe“, genau wie in 1,3. Der ganze Vers lautet: „Und er spricht zu mir: Versiegele nicht die Worte der Weissagung dieses Buches! Denn die Zeit ist nahe.“ Sehr interessant ist hierbei der Vergleich mit Dan 12,4. Dort heißt es: „Und du Daniel, halte die Worte geheim und versiegele das Buch bis zur Zeit des Endes.“ Daniel musste versiegeln, denn die Aussagen seines Buches hatten noch Jahrhunderte auf ihre Erfüllung zu warten. Die Gläubigen seiner Zeit konnten sie noch nicht verstehen. Johannes durfte nicht versiegeln, denn „die Zeit ist nahe“. Das Buch beschrieb Dinge, die von jedem Leser verstanden und festgehalten werden mussten, denn der Beginn ihrer Erfüllung im Leben der Gläubigen stand unmittelbar bevor. Johannes wurde darüber informiert „was bald geschehen muss“, und er sollte es sofort weitergeben. Dieser Zusammenhang ist einfach und klar. So wie in der Einleitung des gesamten Buches in Kapitel 1,1 über den gesamten Inhalt geredet wurde als etwas, „was bald geschehen muss“, genauso wird auch im Schlusswort des gesamten Buches wieder über den ganzen Inhalt geredet als etwas, „was bald geschehen muss“. Die Gläubigen wussten bereits im ersten Jahrhundert, dass von Dingen gesprochen wurde, die ihnen in ihrem Leben auf der Erde bald begegnen würden, und für die Gläubigen der heutigen Zeit ist es noch immer dasselbe. Auch wir durchleben heute all die Dinge, die geoffenbart sind. Das Buch der Offenbarung ist brandaktuell für alle Christen zu allen Zeiten. Und so kommen wir nun zu einer kurzen Beurteilung der geistlich historisierenden Sicht.

 

2.2 Geistlich historisierender Ansatz

Diese Auffassung lehrt, dass die Offenbarung ein Buch ist, welches die geistlichen Prinzipien hinsichtlich des Lebens, des Widerstreits und des endgültigen Triumphes der Gemeinde des Herrn Jesus Christus schildert. Die genauen historischen Einzelheiten werden uns nicht angegeben, jedoch werden die großen Prinzipien, Kräfte und Mächte veranschaulicht, welche Tag für Tag im Leben der Gläubigen des gesamten Gemeindezeitalters zwischen den beiden Ankünften des Herrn wirksam sind und erfahren werden. Diese Illustrationen, welche uns in Form von Bildern und Symbolen mitgeteilt werden, trafen auf die Tage der Urgemeinde zu, sie gelten heutzutage, und sie werden bis zum Ende – dem Jüngsten Gericht beim zweiten Kommen des Herrn – gültig bleiben. Sie wurden dem Seher Johannes „durch Zeichen kundgetan“ (Off 1,2). Das Buch weist uns also bereits im ersten Vers deutlich darauf hin, dass es seine Botschaft mit Hilfe der Symbolsprache übermittelt. Das gilt für die Siegel, für die Posaunen, für die Schalen, sowie auch für die Zahlen und die Visionen, in welchen Wesenheiten, Personen und Handlungsabläufe geschildert werden.

Nachdem ich mich persönlich seit Jahren mit den Aussagen der Offenbarung und mit verschiedenen Deutungen beschäftigt habe, bin ich gegenwärtig zu einem überzeugten Anhänger dieser Deutungsweise geworden, denn sie ist nach meiner bescheidenen Meinung die einzige Sichtweise, welche den Aussagen der Schrift in vollem Umfang gerecht wird. Sie harmoniert mit allen anderen Teilen der Schrift, und sie spricht in mein heutiges Christenleben genauso direkt hinein wie in das Leben der Geschwister früherer Zeiten. Ich kann sie lesen, „glückselig sein und sie bewahren“ in meinem Alltag. Sie rüstet mich dazu aus, den täglichen Glaubenskampf im Aufblick zum Thron Gottes und des Lammes zu bestehen.

Allerdings ist es an dieser Stelle nicht möglich, eine ausführliche Deutung der Offenbarung nach dem geistlich historisierendem Ansatz zu geben, weil dies den Rahmen der vorliegenden Abhandlung erneut sprengen würde.[3] Nachfolgend soll noch der Versuch unternommen werden, zwei konkurrierende Sichtweisen auf das 20. Kapitel der Offenbarung miteinander zu vergleichen, nämlich die historisch-prämillennialistische und die geistlich-historisierende Sichtweise.

 

3. Offenbarung 20: Prämillennialistische Sichtweise des Tausendjährigen Reiches

Ein Prämilliennialist glaubt, dass Jesus Christus physisch wieder auf diese Erde kommen wird, um seine Gemeinde zu sammeln. Dies wird vor dem Millennium, also dem buchstäblich verstandenen tausendjährigen Zeitalter des Friedens geschehen. Die Lehre basiert auf einer buchstäblichen Auslegung von Off 20,1-6. Sie ist auch bekannt unter der Bezeichnung „Chiliasmus“ (chilias = tausend), was auf die Zeitdauer dieses Reiches unter der Herrschaft Christi auf Erden hinweisen soll.

Der Prämillennialismus lehrt in manchen Ausprägungen zwei, in anderen drei leibliche Auferstehungen[4] sowie mindestens zwei Gerichte. Er kann unterschieden werden in den dispensationalistischen (Entrückung vor der großen Drangsal) und den historischen Prämillennialismus (Entrückung erst danach). Die große Drangsal wird jeweils zeitlich vor dem Millennium eingeordnet. Die Grafik veranschaulicht vier Sichtweisen auf das Millennium.

Das Konzept der Aufrichtung eines zeitlichen irdischen Weltreiches für Israel bei der Erscheinung des Messias entstammt ursprünglich dem Judentum zur Zeit unseres Herrn. Unter den Juden hoffte man damals auf ein nationales goldenes Zeitalter, in welchem die von den damaligen Pharisäern buchstäblich gedeuteten Verheißungen der Propheten für die Nation Israel Wirklichkeit werden sollten.

In den ersten Jahrhunderten nach Christus fand diese Auffassung auch unter vielen Christen Verbreitung. Seit Augustinus wurden jedoch die 1000 Jahre als das Zeitalter der Gemeinde angesehen. Der Prämillennialismus tauchte später vereinzelt wieder auf, wurde aber von allen großen protestantischen Glaubensbekenntnissen abgelehnt. Erst im 19. Jhd. kam er dann wieder auf. Seitdem hat er sich stark ausgebreitet und ist heute die beherrschende Auslegung in den evangelikalen Gemeinden der westlichen Welt. Auch in anderen Gemeindeformen breitet er sich zunehmend aus. Ein guter Überblick über den Prämillennialismus findet sich auf der englischsprachigen Seite von www.wikipedia.org. Soweit die Grundzüge des Chiliasmus.

 

3.1 Kritikpunkte an der prämillennialistischen Sichtweise

Hinsichtlich der Einzelheiten der Deutung bestehen innerhalb des dispensationalistischen und des historischen Prämillennialismus wiederum weitreichende Differenzen, deren Erläuterung Bände füllen könnte und auch gefüllt hat. Wir möchten jedoch nicht ausufern und haben daher oben nur die Grundzüge erläutert. Es folgen nun einige Kritikpunkte bezüglich des Prämillennialismus, zunächst allgemeiner Natur, danach anhand von Off 20:

 

  1. Die Lehre vom 1000-jährigen Reich findet sich weder in den Evangelien noch an irgendeiner Stelle in den neutestamentlichen Briefen. Sie basiert einzig auf den Versen in Off 20,1-8. Es ist bedenkenswert, dass es an keiner anderen Schriftstelle des Neuen Testamentes einen weiteren Hinweis auf diese Lehre gibt, die als derart grundlegend angesehen wird. Dies widerspricht dem Prinzip der zwei oder drei Zeugen, welches die ganze Bibel durchzieht, und welches auch vom Herrn selbst ausgesprochen wurde.

 

  1. Das vom Prämillennialismus angenommene 1000-jährige Reich wäre ein irdisches Reich mit einer leiblichen Herrschaft des Herrn hier in dieser Welt. Im Gegensatz dazu hörte der Herr während seines gesamten Dienstes auf dieser Erde nicht auf zu betonen, dass sein Reich geistlich ist. Sein Reich ist nicht von dieser Welt. Das Millennium soll aber gerade in dieser Welt stattfinden.

 

  1. Der Prämillennialismus verschiebt den Gedanken an das Reich Gottes auf der Erde in die Zukunft. Im Gegensatz dazu lehrt die Schrift an zahlreichen Stellen, dass das Reich Gottes schon gegenwärtig ist. Was ist mit Matthäus 13? Was ist mit Römer 14,17? (Weitere Stellen: Mt 24,14; Mt 3,2; Mt 12,28; Lk 17,20-21; Apg 8,12; 14,22; 20,25; 28,23; 28,30; Kol 4,11; Lk 16,16; Off 1,6 und 9). Kol 1,12 spricht über das Reich des Sohnes der Liebe des Vaters. Dies ist das Zeugnis der Schrift, und es ist klar. Jesus Christus ist außerdem nicht nur das Haupt der Gemeinde, sondern er ist König auf dem Thron. Ihm ist schon heute alle Gewalt gegeben, und zwar im Himmel und auf der Erde (Mt 28,18).

 

  1. Die Schrift sagt an keiner Stelle, dass die Juden für 1000 Jahre als Volk mit absoluter Vormachtstellung über den Rest der Welt eingesetzt werden, auch nicht in Off 20. Diese Stelle erwähnt weder Juden, noch Israel, noch Jerusalem. Es muss auch hier betont werden: Es gilt, was da steht! Die Deutung steht im Widerspruch zu Versen wie Kol 3,11; Eph 2,14; Eph 2,19; Eph 3,6; Mt 21,43. Anstelle der Nation Israel auf dieser Erde ist die Gemeinde als das Volk des Segens eingesetzt, und zwar für immer. Diese neue geistliche Nation nach Mt 21,43 bringt die Frucht des Reiches. Sie enthält zwar zahlreiche Juden, aber sie ist nicht Israel. Auch das Gleichnis vom Feigenbaum bei Matthäus und Markus deutet klar darauf hin, denn der Feigenbaum (ein Bild für das irdische Israel im Fleisch) wird nach dem Wort des Herrn in Ewigkeit keine Frucht mehr bringen. Also nie mehr. Also auch nicht in einem zukünftigen irdischen Reich. Siehe auch Jak 3,12: Der Feigenbaum trägt keine Oliven!

 

  1. Der Prämillennialismus lehrt mindestens 2 Ankünfte des Herrn, wobei eine davon geheim stattfindet. Die Schrift lehrt an verschiedenen Stellen, dass der Herr nur einmal wiederkommt, und zwar sichtbar am letzten Tag, dem Tag des Herrn, dem Tag Christi (denn Christus ist der Herr, es gibt keinen anderen), bei der letzten Posaune, mit Blitz, Donner, Erdbeben und Bewegung der Gestirne. Jedes Auge wird ihn sehen. Das wird jeder mitbekommen, und man findet hier nichts Geheimes.

 

  1. Der Prämillennialismus lehrt mindestens 2 leibliche Auferstehungen. Dies steht im Widerspruch zu den Aussagen des Herrn, welche er während seines Lebens gemacht hat. Lesen sie folgende Stellen: Joh 6,39+40+44+54; Joh 11,24; Joh 5,28-29. Es wird eine allgemeine leibliche Auferstehung aller Menschen, der Ungerechten und der Gerechten, am letzten Tag geben.

 

  1. Der Prämillennialismus lehrt, dass es während 1000 Jahren auf der Erde zu gleicher Zeit verherrlichte Heilige und Heilige in irdischen Leibern geben wird, die nebeneinander leben werden. Es fällt sehr schwer, sich das vorzustellen, und auch Anhänger des Prämillennialismus haben zugegeben, dass diese Sache sie in Verlegenheit bringt. Wann immer wir sehen, dass Menschen im Fleisch dem verherrlichten Herrn begegnen, dann fallen sie wie tot zu Boden.

 

  1. Vom dispensationalistischen Prämillennialismus wird auch gelehrt, dass während der 1000 Jahre viele Menschen auf der Erde leben werden, die im Grunde ihres Herzens noch unbekehrte Sünder sind. Das würde aber bedeuten, dass das Zeitalter doch nicht so herrlich sein würde, wie wir glauben sollen. Wie könnte es möglich sein, dass der Herr für 1000 Jahre geherrscht hat, und dass der Satan es am Ende dieser totalen Herrschaft des Herrn fertigbringen sollte, eine Masse von Menschen, so zahlreich wie der Sand des Meeres aufzubringen, welche nach Jerusalem ziehen und dort das Heerlager der Heiligen tödlich bedrohen könnte?

 

3.2 Ein Wort zu 2. Petrus 3,10

2Pe 3,10: „Es wird aber der Tag des Herrn kommen wie ein Dieb in der Nacht; dann werden die Himmel mit Krachen vergehen, die Elemente aber vor Hitze sich auflösen und die Erde und die Werke darauf verbrennen.

Dort antwortet Petrus auf einen Vorwurf der Welt gegenüber den Christen. Die Welt sagt: „Wo bleibt denn euer Messias? Ihr habt nun schon Jahrhunderte lang auf ihn gewartet, und nichts ist geschehen! Alles läuft wie immer! Alles Blödsinn, Ihr seid nur Narren!“ Beachten Sie hierzu auch die Aussage des Herrn selbst in Lukas 17, dass es vor seiner Ankunft sein wird wie in den Tagen Noahs, wo die Menschen gedankenlos und gottlos lebten. Petrus will die Gläubigen trösten in dieser Situation. Er sagt gewissermaßen: „Lasst sie nur spotten. Der Herr wird ihnen allen die Wirklichkeit seiner Macht zeigen, wenn er kommt. Erwartet nur seinen Tag und heiligt euch. Sein Tag wird kommen wie ein Dieb in der Nacht, und er wird alles gut machen. Ein neuer Himmel und eine neue Erde!“

Dazu sind nun wirklich einige Fragen zu stellen:

 

  • Wie kann die Welt über einen Messias spotten, der zuvor 1000 Jahre lang auf seinem Thron der Herrlichkeit gesessen und die ganze Welt absolut beherrscht hat?

 

  • Wie können die jetzigen Himmel und die jetzige Erde für das Gericht durch Feuer aufbewahrt werden, wenn zuerst noch eine Periode von 1000 Jahren dazwischengesetzt ist, während welcher alles eben gerade nicht mehr wie jetzt sein soll, sondern ganz umgestaltet?

 

  • Wieso erwähnt Petrus die 1000 Jahre an dieser Stelle überhaupt nicht, so wie auch Paulus, auf dessen Schriften Petrus in dieser Passage hinweist, sie an keiner einzigen Stelle erwähnt? Denken wir daran: Es gilt, was da steht.

 

  • Wieso werden wir in unserer Zeit von Petrus dazu aufgefordert, genau diesen großen Tag des Feuers in Heiligung unseres Lebens zu erwarten und sogar sein Kommen zu beschleunigen, wenn wir überhaupt keine Chance haben, ihn zu erleben, weil wir 1000 Jahre davor schon in den Himmel gehen sollen? Seltsame Vorstellung.

 

  • Wie kann dieser Tag für die Welt und auch für uns kommen wie ein Dieb in der Nacht, wenn er zuvor durch eine 1000-jährige Herrschaft des Messiaskönigs auf der ganzen Erde im großen Stil angekündigt und vorbereitet worden ist? Können die Menschen während dieser ganzen Zeit gedankenlos und gottlos gelebt haben? Völlig undenkbar. Die gesamte Logik hinsichtlich 2Pet 3 weist eindeutig von einem Millennium weg, nichts weist darauf hin.

 

Bevor wir nun zu den Einwänden aus Off 20 selbst kommen, muss erneut darauf hingewiesen werden, dass nicht nur das Buch der Offenbarung, sondern die gesamte Heilige Schrift eine Einheit ist. Wir dürfen nicht eine Stelle in einer bestimmten Art und Weise auslegen, wenn es an anderen Schriftstellen Aussagen gibt, welche unserer Auslegung widersprechen. Genauso dürfen wir bei der Auslegung unklarer oder schwieriger Stellen nicht auf die ergänzenden Aussagen verzichten, welche die Schrift an anderen Stellen macht. Wir müssen sie mit einbeziehen, wenn wir zu einer richtigen Deutung gelangen wollen.

 

3.3 Weitere Kritikpunkte

Johannes sieht einen Engel aus dem Himmel herabkommen, er blickt also in den Himmel. Dort sieht er Throne. Im gesamten Buch der Offenbarung stehen die Throne niemals auf der Erde, sondern immer im Himmel. Das ist eine äußerst bedeutsame Tatsache. Johannes sieht überhaupt keine irdische Szene, sondern eine Szene im Himmel! Es ist hier gar nicht die Rede von den Juden, von Israel, von Jerusalem, vom Tempel oder von der Erde. Die alttestamentlichen Aussagen über kommende Ereignisse in Israel werden von den Auslegern in dieses Kapitel hineininterpretiert, um das himmlische Geschehen auf die Erde herunter zu ziehen. Die Ausleger verbinden Dinge miteinander, die der Seher Johannes überhaupt nicht miteinander verbindet.

Dann sieht Johannes, wie der Engel den Satan an eine Kette legt. Man ist noch bereit zuzugeben, dass der Satan ein Geistwesen ist. Seltsam ist dann aber die Tatsache, dass man nicht mehr bereit ist zuzugeben, dass man einen Geist nicht an eine materielle Kette legen kann, und dass somit das gesamte Bild ein Symbol sein muss. Auch die Zahl 1000 ist eine symbolische Zahl, denn sie symbolisiert im Kontext der Offenbarung dreifache Vollständigkeit: 10 x 10 x 10. Das bedeutet einen langen Zeitraum, der in den Plänen Gottes vollständig ist. Die Auslegung sagt also in symbolischer Sprache das Folgende: Es wird eine sehr lange Zeit geben, während welcher ein mächtiger Engel den Geist Satan geistlich bindet und in seiner Aktivität entscheidend einschränkt, so dass er nicht mehr ungehindert wirken kann. Er kann nämlich infolge seines Gebundenseins die Nationen nicht mehr verführen.

Auch hier müssen wir wieder mit anderen Schriftstellen vergleichen. Jes 49,24-26 sagt aus, dass dem Starken die Beute genommen werden wird, und dass der Herr selbst als der Messias (von dem Jes 49 als Ganzes redet) seine Kinder erretten wird. Jes 49,6 sagt, dass der Messias nicht nur zu Israel kommen wird, sondern dass er das Licht der Nationen sein würde.

Psalm 22 spricht von der großen Gemeinde aus allen Nationen und von den Enden der Erde, die den Messias nach seiner Auferstehung und Verherrlichung anbeten werden. Das ist seit der Himmelfahrt der Fall. In Mt 12,29 sagt der Herr selbst, dass er in das Haus des Starken eindringen und ihn binden werde. Das geschah während seines Dienstes auf der Erde. Er schickte die Jünger zu zweit los und ließ sie im Angesicht des geistlich gebundenen Satans evangelisieren. Als sie zurückkehrten, sagte er in Lk 10,18, dass er den Satan wie einen Blitz aus dem Himmel fallen sah. Schließlich noch das Wort des Herrn aus Joh 12,31-32: „Jetzt ergeht ein Gericht über diese Welt. Jetzt wird der Fürst dieser Welt hinausgeworfen werden. Dies sagte er aber um anzudeuten, durch welchen Tod er sterben würde.“ Im Dienst des Herrn auf der Erde wurde der Satan also geistlich gebunden, und kurz nach Golgatha, nämlich bei der Himmelfahrt des Herrn, wurde der Satan aus dem Himmel hinausgeworfen. Diese beiden Dinge hängen nach den Aussagen der Schrift unmittelbar mit dem ersten Kommen des Herrn zusammen. Beides finden wir genauso in Off 20 wieder: Der starke Engel kommt, bindet den Satan und wirft ihn aus dem Himmel hinab. Und damit noch nicht genug. Off 12,7-12 zeigt uns, wie der Teufel vom Erzengel Michael besiegt und aus dem Himmel hinausgeworfen wird. Dies geschieht im Kontext von Off 12 unmittelbar im Anschluss an die Auferstehung und Himmelfahrt des Herrn in Vers 5. Der starke Engel könnte somit Michael selbst sein.

 

3.4 Ein Deutungsvorschlag

Abschließend möchte ich Ihnen in aller Bescheidenheit und im klaren Bewusstsein der Begrenztheit meiner eigenen Erkenntnis den folgenden Deutungsvorschlag für die Stelle in Off 20 unterbreiten:

Vor dem Kommen des Herrn waren nur dem Volk Israel die Aussprüche Gottes anvertraut, nur dieses Volk lebte im Licht und unter der Führung Gottes. Über den Nationen lag völlige geistliche Finsternis, und sie wurden vom Satan verführt, indem er sie in allen Variationen des heidnischen Götzendienstes festhielt. Im irdischen Leben des Herrn Jesus Christus wurde der Satan geistlich gebunden. Im Tod und in der Auferstehung des Herrn wurde der Satan völlig entmachtet. Er wurde nach der Himmelfahrt des Herrn von dem starken Engel Michael aus dem Himmel hinausgeworfen auf die Erde. Da er geistlich gebunden ist, kann er die Nationen nicht mehr verführen. Der Dienst des Herrn hat das Evangelium ans Licht gebracht, welches nun bis zu den Enden der Erde läuft und von den Nationen angenommen wird. Die Nationen sind nun nicht mehr durch den Satan verblendet und verführt, sondern sie folgen dem Licht des Herrn. Dies wird für eine lange Zeit von symbolischen 1000 Jahren so sein, nämlich während des gesamten Evangeliumszeitalters.

Am Ende dieses Zeitalters wird der Satan für eine kurze Zeit losgelassen, was in unseren Tagen bereits geschehen sein könnte. Er wird seine menschlichen Diener dazu befähigen, ein Weltreich aufzurichten, in welchem die Verkündigung des Evangeliums nicht mehr möglich sein wird (vgl. Joh. 9,4) und in welchem die wenigen noch auf der Erde verbliebenen Gläubigen zuletzt einer hoffnungslosen Übermacht von menschlichen Heeren des Satans gegenüberstehen werden, welche so zahlreich wie der Sand des Meeres sein werden. Das gesamte Weltsystem mit allen seinen Dienern wird jedoch am letzten Tag von dem aus dem Himmel kommenden Herrn gerichtet werden. Aus diesem Grund geht die lange Zeit der 1000 Jahre im Kontext von Off 20 dem Gericht voraus.[5]

 

Des Weiteren sieht Johannes in 20,4 außer den Thronen auch noch die Seelen derjenigen, welche um des Zeugnisses Jesu willen enthauptet worden waren. Noch einmal: Er sieht keine menschlichen Körper, sondern Seelen, welche von ihren Körpern getrennt im Himmel bei Christus sind. Sie wurden enthauptet um des Zeugnisses Jesu willen. Auch hierzu wieder einige Fragen:

 

  • Wann wird das Zeugnis Jesu verkündigt? Antwort: Im heutigen Zeitalter der Gemeinde Jesu.

 

  • Wann werden Menschen enthauptet, weil sie das Zeugnis Jesu geben? Antwort: Im heutigen Zeitalter der Gemeinde Jesu. Dies geschah bereits zum Zeitpunkt der Niederschrift der Offenbarung, und es wird auch weiterhin geschehen, bis der Herr wiederkommt.

 

  • Wann befinden sich die Seelen der getöteten Jünger Jesu getrennt von ihren Leibern im Himmel bei Christus? Antwort: Im heutigen Zeitalter der Gemeinde Jesu.[6] Wenn der Herr wiederkommt, dann werden die Toten in Christo auferstehen aus ihren Gräbern. Ihre Seelen werden mit den Leibern vereinigt, und sie werden von da an als ganze verherrlichte Menschen mit Leibern und Seelen für immer bei dem Herrn sein.

 

Die Gesamtschau aller dieser Dinge lässt für Off 20,1-8 bei textorientierter Schriftauslegung nur einen einzigen Schluss zu: Die 1000 Jahre stellen das Zeitalter der Gemeinde Jesu dar, währenddessen die Christen auf der Erde verfolgt und getötet werden wegen ihres Zeugnisses für Jesus. Der Satan ist geistlich gebunden und kann die Nationen nicht mehr uneingeschränkt verführen. Das Evangelium geht zu den Nationen und viele Menschen nehmen es an. Sie werden zu Zeugen Jesu im Angesicht Satans. Der Satan kann zwar noch ihre Leiber töten, aber nicht mehr ihre Seelen. Nach ihrem Tod gehen ihre Leiber ins Grab. Ihre Seelen gehen in den Himmel und sitzen dort mit Christus in den himmlischen Örtern (Eph 1), wo sie auf Thronen sitzend (Off 3,21) herrschen mit Christus, und wo sie wie die gesamte Schöpfung die Erlösung des Leibes erwarten. Diese Erlösung des Leibes wird sich bei der leiblichen Auferstehung am Tag des zweiten Kommens Christi ereignen. Somit redet Off 20 nach meiner bescheidenen Ansicht ganz eindeutig nicht über ein zukünftiges 1000-jähriges Reich auf der Erde.[7]

 

Während dieser symbolischen 1000 Jahre herrscht also Christus im Himmel, und die gestorbenen Gläubigen herrschen mit ihm. Das ist gegenwärtig der Fall. Diese Auslegung ist in vollkommener Harmonie mit folgenden Schriftstellen: Ps 110,1; Mt 28,18; Eph 2,5-6; Phil 1,21-23; Phil 2,9; Kol 1,1-3; 2Tim 2,12. Aber damit noch nicht genug. Nicht nur unser Herr herrscht jetzt im Himmel und auf der Erde, sondern auch wir selbst herrschen bereits jetzt im Leben:

Rö 5,17: „Denn wenn infolge der Übertretung des einen der Tod zur Herrschaft kam durch den einen, wie viel mehr werden die, welche den Überfluss der Gnade und das Geschenk der Gerechtigkeit empfangen, im Leben herrschen durch den Einen, Jesus Christus!“

Die symbolischen 1000 Jahre in Off 20 reden über das gegenwärtig noch andauernde Zeitalter der Gemeinde.

 

4. Die Auferstehung

Der Prämillennialismus unterscheidet mindestens zwei, wenn nicht drei Auferstehungen: Die erste bei der geheimen Entrückung, die zweite bei dem öffentlichen Kommen des Herrn nach der großen Drangsal, die dritte nach dem 1000-jährigen Reich. Dabei sind in allen drei Fällen leibliche Auferstehungen gemeint. All dies erscheint für den einfachen Leser der Heiligen Schrift sehr verwirrend. Wir möchten versuchen, die objektiven Aussagen der Bibel zu diesem Thema herauszufinden. Dabei wollen wir uns nicht von vorgefertigten Lehrmeinungen oder Zusatzvermutungen leiten lassen, sondern einfach anschauen, was das Wort Gottes sagt. Zunächst muss festgehalten werden, dass sowohl das Alte als auch das Neue Testament über Auferstehung sprechen oder sie andeuten. Außerdem redet die Bibel nicht nur über leibliche Auferstehung, sondern auch über geistlich-seelische Auferstehung. Was sagt das Alte Testament?

 

Bibelstellen zur Auferstehung

In Hi 19,25-27 finden wir die erste Aussage:

Ich weiß, dass mein Erlöser lebt, und als der Letzte wird er über dem Staub stehen. Und nachdem diese meine Hülle zerbrochen ist, werde ich, von meinem Fleisch los, Gott schauen. Ja ich selbst werde ihn schauen, und meine Augen werden ihn sehen.

Hier ist von einer Auferstehung und vom Schauen Gottes, losgelöst vom Leib, die Rede. Hiob lebte etwa zur Zeit Abrahams, wahrscheinlich sogar noch etwas früher als Abraham. Er war ein Heide aus dem Lande Uz, und sein Buch ist das älteste in der ganzen Bibel. Er wusste, dass er einen Erlöser hatte. Er wusste, dass dieser Erlöser am Ende der Weltzeit noch leben würde, also dass er ewiges Leben besaß. Er wusste, dass er nach seinem leiblichen Tod in die schauende Gegenwart dieses Erlösers eintreten würde. Wir haben also hier gewissermaßen die alttestamentliche Parallele zu dem, was Paulus in Phil 1,23 sagt: Er würde abscheiden und bei Christus sein. Hiob kannte den Namen des Erlösers noch nicht, denn er war noch nicht geoffenbart. Paulus kannte ihn sehr wohl, und wir dürfen ihn auch kennen. Es ist der Name des Herrn Jesus Christus, der über allen Namen ist (Phil 2,9). Es gibt keinen anderen Namen unter dem Himmel, in welchem wir errettet werden müssen (Apg 4,12).

Die nächste Stelle ist in Psalm 16,9:

„Darum freut sich mein Herz und frohlockt meine Seele. Auch mein Fleisch wird in Sicherheit ruhen. Denn meine Seele wirst Du dem Scheol nicht lassen, wirst nicht zugeben, dass dein Frommer die Verwesung sehe.“

Hier wird von der Auferstehung eines Frommen mit Leib und Seele gesprochen, er wird nicht verwesen. Dieser Vers ist messianisch zu verstehen, er bezieht sich auf den Herrn, der am dritten Tage mit Leib und Seele auferstand, ohne dass sein Leib im Grab verwesen konnte.

Die nächste Stelle ist in Ps 17,15:

„Ich aber werde Dein Angesicht schauen in Gerechtigkeit, an Deinem Anblick mich sättigen, wenn ich erwache.“

Hier liegt die Betonung wieder mehr auf der geistlichen Auferstehung, dem Erwachen im Jenseits.

Dann kommt Jes 26,19:

„Aber deine Toten werden leben, auch mein Leichnam; sie werden auferstehen. Wacht auf und jubelt, ihr Bewohner des Staubes! Denn dein Tau ist ein Morgentau, und die Erde wird die Toten wiedergeben.“

Hier wieder die Auferstehung mit Leib und Seele.

Zuletzt noch Dan 12,2 und 13:

„Und viele von denen, die im Staub der Erde schlafen, werden aufwachen; die einen zum ewigen Leben, die anderen zur ewigen Schmach und Schande (…). Du darfst nun ruhen und wirst einst auferstehen zu deinem Erbteil am Ende der Tage.“

Leibliche Auferstehung. Und nun zum Neuen Testament.

In Mt 22,24-32 redet der Herr zu den Sadduzäern, die nicht an eine Auferstehung glaubten. Er spricht klar über eine himmlische Existenz in vollem Bewusstsein nach diesem irdischen Leben. Die Patriarchen sind schon in diesen Bereich eingegangen. Der Gott Israels ist ein Gott der Lebendigen. Hier ist also der Schwerpunkt auf der geistlich-seelischen Auferstehung.

In Lk 14,14 redet der Herr von der Auferstehung der Gerechten. Hier ist zunächst keine genaue Angabe über die Art und Weise zu erkennen. Lk 16,19-31 bringt uns das Gleichnis vom reichen Mann und vom armen Lazarus. Hier sehen wir zwei Seelen, welche nach dem Tod vom Leib getrennt weiter existieren, der reiche Mann am Ort der Qual, der arme Lazarus in Abrahams Schoss. Hier geht es also eindeutig um den körperlosen Zwischenzustand.

In Joh 5,28-29 redet der Herr über die leibliche Auferstehung. Er sagt sehr klar zwei entscheidende Dinge: Erstens wird diese Auferstehung stattfinden am letzten Tag. Zweitens werden die Gerechten und die Ungerechten gleichzeitig an diesem selben letzten Tag auferstehen. Der Herr unterscheidet nicht zwischen einer Auferstehung der Gerechten und einer mehr als 1000 Jahre später stattfindenden Auferstehung der Ungerechten.

In Joh 6,39+40+44+54 ist wieder die Rede von der leiblichen Auferstehung, wobei an allen vier Stellen übereinstimmend gesagt wird, dass diese an einem einzigen Tag, nämlich am letzten Tag geschehen wird. Das gleiche gilt für die Auferstehung des Lazarus in Joh 11,24.

 

Weitere Stellen, die über die Auferstehung reden:

  • Apg 17,18: allgemein
  • Apg 17,31: leibliche Auferstehung des Herrn
  • Apg 24,15: leiblich
  • 1Kor 15: ein ganzes Kapitel über die verschiedenen Zeiten und Arten der Auferstehung des Herrn als Erstling der neuen Schöpfung und der Gläubigen bei der letzten Posaune, bei der Ankunft des Herrn
  • Phil 3,20-21: leiblich
  • 1Thess 4,13-18: leiblich bei der letzten Posaune, beim Kommen des Herrn
  • Lk 24: die Begegnung der Jünger mit dem leiblich auferstandenen Herrn
  • Joh 5,24: vom Tode zum Leben übergegangen bei der Wiedergeburt
  • Joh 20: zweimal die Begegnung der Jünger mit dem Herrn
  • Rö 6,4: auferweckt nach dem Geist in Christus
  • Eph 1,20: mitauferweckt in Christus, mit ihm sitzend zu seiner Rechten in den himmlischen Regionen
  • Kol 3,1: auferweckt mit Christus
  • Rö 8: die Erlösung des Leibes bei der Auferstehung
  • 1Joh 3: die Darstellung der verherrlichten leiblich auferstandenen Gläubigen zusammen mit dem Herrn.
  • Off 20,5: die erste, geistlich-seelische Auferstehung.

Es soll hiermit genügen, wobei die genannte Liste keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt.

 

Die Lehre der Auferstehung

Die ganze Welt lebt seit dem Sündenfall im Tod. Der Tod ist von Adam zu allen Menschen durchgedrungen. Es ist der geistliche Zustand, in den der Mensch durch die Sünde hineingeraten ist, und in dem er ohne Gott lebt (Rö 5,12). Adam und Eva waren im Augenblick ihrer Sünde geistlich tot. Sie konnten nur dadurch gerettet werden, dass sie vor Gott ihre Sünde bekannten und an das Kommen des verheißenen Erlösers (1Mo 3,15) glaubten, welcher dem Satan (der Schlange) den Kopf zertreten würde. Nur aus Gnade mittelst des Glaubens konnte Gott ihnen die Vergebung ihrer Sünden und das ewige Leben schenken (Rö 5,21; Rö 6,23; Eph 2,8-9). Gott bekleidete sie mit Fellen und vertrieb sie aus dem Paradies hinaus auf die verfluchte Erde, wo sie unter dem Fluch der Sünde leben mussten. Jahrhunderte später trat bei ihnen auch der leibliche Tod ein. In 1Mo 5 sehen wir deutlich, wie der Tod herrschte über die Menschen: („… und er starb.“).

Auch heute ist jeder Mensch vor Gott geistlich tot, sobald er aus Gottes Sicht in einen mündigen und entscheidungsfähigen Zustand kommt und die Sünde wählt. Das tun, mit Ausnahme der Kleinen und Unmündigen, welche schon früh sterben und zu Gott gehen (2Sam 12,18-23), alle Menschen im Laufe ihres Lebens, denn die Sünde und der Tod sind zu allen Menschen durchgedrungen. Auch wir müssen heute noch immer aus dem Tod herausgerettet werden.

Wenn ein Mensch durch die Wiedergeburt im Heiligen Geist zum rettenden Glauben kommt, dann wird er zum neuen und ewigen Leben auferweckt. Er hat das ewige Leben und den Heiligen Geist, während er noch in seinem unerlösten Leib auf dieser Erde lebt. Er ist geistlich gesprochen ein in die Familie Gottes neu hineingeborenes Kind. Wenn er noch weiter lebt, dann wächst er im Glauben. Er ist vom Tode zum ewigen Leben übergegangen bei seiner Wiedergeburt im Glauben (Joh 5,24). Er ist mit Christus gestorben (Rö 6,1-11), mit ihm auferweckt (Kol 3,1), lebendig gemacht und in ihm versetzt in die himmlischen Regionen (Eph 2,5-6), wo er bereits während seines noch irdischen Wandels herrscht mit Christus (Rö 5,17). Jeder wiedergeborene Gläubige ist ein Priester und ein König, welcher bereits jetzt mit Christus geistlich auf einem Thron in den himmlischen Örtern sitzt, ihm dort dient als Anbeter in Geist und Wahrheit (Joh 4,23) im Heiligtum und mit ihm herrscht (1Pe 2,5-9; Off 1,5-6; Off 20,4). Die Neugeburt des Christen bei der Bekehrung ist also die erste Auferstehung. Die erste Auferstehung ist geistlich und ewig, denn sie führt in das ewige Leben hinein. Deshalb schützt sie den Gläubigen auch vor dem ewigen zweiten Tod mit Leib und Geist/Seele, also vor dem Feuersee.

Irgendwann erleidet der Christ dann vielleicht noch (wenn der Herr nicht vorher zurückkommt) den leiblichen Tod, das ist der „erste Tod“. In diesem Augenblick geht seine Seele getrennt vom Leib in die direkte Gegenwart des Herrn. Dort sitzt die Seele des Gläubigen weiterhin in der Gegenwart Christi im Himmel auf einem Thron und herrscht mit Christus. Der Leib bleibt im Grab und verwest.

Off 20,6: „Glückselig sind alle, die teilhaben an der ersten Auferstehung, denn über diese hat der zweite Tod keine Macht“

Am letzten Tag, bei der letzten Posaune, kommt der Herr zurück aus dem Himmel zur Erde. An diesem Tag werden die Leiber aller gestorbenen Gläubigen auferstehen. Sie werden mit den Seelen vereinigt, welche der Herr aus dem Himmel mitbringt. Das ist die „zweite Auferstehung“ der zuvor auf dieser Erde gestorbenen Gläubigen, die leibliche Auferstehung. Die Erlösten werden für ewig beim Herrn sein.

Was geschieht mit den Gläubigen, die beim Kommen des Herrn am letzten Tag, bei der letzten Posaune, noch auf der Erde leben? Auch sie sind bereits geistlich mit Christus gestorben und auferstanden. Auch sie sind schon übergegangen vom Tode zum ewigen Leben. Auch sie haben somit bereits die geistliche „erste Auferstehung“ erlebt. Am letzten Tag wird der Herr ihren noch unerlösten Leib verwandeln zur Herrlichkeit, ohne dass sie dabei den leiblichen Tod sterben müssen. Auch sie werden ewig beim Herrn sein. Glückselig sind alle, die teilhaben an der „ersten Auferstehung“, denn über diese hat der zweite Tod keine Macht. Diese Gläubigen werden zwar an der „zweiten Auferstehung“ nicht teilnehmen, da sie körperlich nicht auferstehen werden, sondern als körperlich Ungestorbene verwandelt werden; sie hatten aber bei ihrer Wiedergeburt Anteil an der geistlichen „ersten Auferstehung“, und das ist das Entscheidende.

Was ist mit den unerlösten Menschen, die nicht wiedergeboren sind? Sie nehmen während ihres Lebens auf der Erde nicht an der geistlichen ersten Auferstehung teil, denn sie werden nicht wiedergeboren. Wenn sie sterben, dann geht ihre Seele in den Hades, das ist der geistliche Ort der Gottesferne. Sie gehen nicht in die Gegenwart des Herrn über. Ihr Leib geht genauso wie der Leib der Christen in das Grab. Beim Kommen des Herrn am letzten Tag, bei der letzten Posaune werden ihre Leiber genauso wie die Leiber der gestorbenen Christen auferweckt. Diese Leiber werden mit den Seelen aus dem Hades vereinigt und stehen als ganze Menschen mit Leib und Seele vor dem Thron des Richters Jesus Christus. Dort werden sie verurteilt und mit Leib und Seele in den Feuersee geworfen. Sie haben nur Anteil an der „zweiten Auferstehung“, und nicht an der „ersten Auferstehung“. Sie erleiden nicht nur den „ersten Tod“, sondern auch den „zweiten Tod“, den Tod mit Leib und Seele, das ist der Feuersee.

Alle Ungläubigen, die am letzten Tag noch leben, werden im Gericht über diese Erde umkommen. Dann werden sie auferweckt, danach vor den Thron des Richters gebracht, dort verurteilt und ebenfalls in den Feuersee geworfen. Sie haben nur an der leiblichen „zweiten Auferstehung“ teilgenommen. Sie erleiden den „ersten Tod“ auf dieser Erde, danach den ewigen „zweiten Tod“ im Feuersee.

 

Zusammengefasst

Die „erste Auferstehung“ ist geistlich und ewig. Sie geschieht durch die Wiedergeburt bei der Errettung. Sie führt in das geistliche und ewige Leben hinein. Sie schützt somit den erretteten Menschen vor dem ewigen Tod mit Leib und Seele, also vor dem zweiten Tod, das ist der Feuersee.

Die „zweite Auferstehung“ ist leiblich. Sie geschieht für alle Menschen, errettete und unerrettete, beim Kommen des Herrn Jesus Christus am letzten Tag. Für die zuvor gestorbenen Gläubigen geschieht sie unmittelbar bei der Ankunft des Herrn in den Wolken. Der Herr nimmt die leiblich auferstandenen Gläubigen zusammen mit den gleichzeitig verwandelten Gläubigen, welche bei seinem Kommen noch auf der Erde leben, zu sich hoch in die Wolken. Dies ist die für alle Welt sichtbare öffentliche Entrückung der Gläubigen. Sie gehen mit Leib und Seele in die ewige Herrlichkeit des Herrn ein.

Für die Unerretteten, welche bereits zuvor gestorben sind, geschieht die leibliche Auferstehung nach dem Feuergericht über die alte Erde, und sie führt diese Menschen mit unerlöstem Leib und unerlöster Seele vor den großen weißen Gerichtsthron des Herrn.

Die Verwandlung bei lebendigem Leibe geschieht nur mit den Gläubigen, welche bei der Ankunft des Herrn auf der Erde leben. Sie ereignet sich bei der Ankunft des Herrn Jesus Christus in den Wolken am letzten Tag. Sie geschieht einen ganz kurzen Augenblick nach der leiblichen Auferstehung der zuvor gestorbenen Gläubigen. Die verwandelten Gläubigen werden dann mit den unmittelbar zuvor leiblich auferweckten Gläubigen hochgerissen in die Wolken zu dem Herrn. Nach dieser öffentlich sichtbaren Entrückung werden alle Gläubigen für immer und ewig mit erlösten Leibern und erlösten Seelen bei dem Herrn sein.

Der „erste Tod“ ist der Zustand der Verlorenheit des Menschen, in den er dadurch hineingerät, dass er wie Adam und Eva die Sünde wählt. Alles ist im Tode. Die sichtbare Konsequenz dieser Tatsache zeigt sich im leiblichen Tod aller Menschen. Dieser leibliche Tod geschieht am Ende des irdischen Lebens, sowohl bei Erretteten (wenn der Herr bis zum Tag ihres Ablebens noch nicht wiedergekommen ist) als auch bei Unerretteten (entweder vor der Wiederkunft des Herrn wie bei den Gläubigen, oder unmittelbar bei seiner Wiederkunft für die dann noch Lebenden im Feuergericht über die Erde).

Der „zweite Tod“ ist der ewige Tod mit Leib und Seele. Er bedeutet die ewige Verlorenheit und Qual aller unerretteten Menschen mit Leib und Seele im Feuersee. Er tritt ein, wenn der verlorene Mensch nach dem Gericht vor dem großen weißen Gerichtsthron Christi mit Leib und Seele in den Feuersee geworfen wird.

 

Der Auferstehungsleib

Über den Leib der Ungläubigen im ewigen Zustand sagt die Bibel überhaupt nichts aus. Hingegen sagt sie sehr viel über den verherrlichten Leib der Gläubigen aus, welcher dem Leib des Herrn gleichgestaltet sein wird. Wir möchten nun noch versuchen, dies besser zu verstehen. Das große Kapitel in der Bibel ist hierzu natürlich 1Kor 15, aber auch andere Stellen wie Lk 24,39; Phil 3,21; Mt 22,29-30 oder 1Joh 3,2 machen Aussagen hierzu. Wir möchten nicht die einzelnen Verse im Detail analysieren, sondern die Summe des Gesagten betrachten.

Es besteht ein offensichtlicher Zusammenhang zwischen dem Leib, der begraben wird und dem Auferstehungsleib. Die Identität der Person bleibt vollständig erhalten. So wie die Jünger den auferstandenen Herrn sofort wiedererkannten, so werden auch Sie und ich in Ewigkeit klar als die Person wiederzuerkennen sein, die wir auf der Erde waren, nur dann in verherrlichtem Zustand. Man hat eingewandt, dass es doch vollkommen unmöglich sei, dass Gott die verstreuten Partikel eines verbrannten oder vernichteten Leichnams wieder zusammenbringen könne, aber dieser Einwand ist nicht stichhaltig. Schon in unserem irdischen Dasein ist unser Leib einem lebenslangen Wandel unterworfen. Der Körper des Menschen tauscht seine Elementarpartikel während eines normalen Lebens mehrmals vollständig aus. Der Leib eines Menschen besteht in der Kindheit aus ganz anderen Partikeln als im Alter. Auch vom Aussehen her ist er völlig verändert, so dass man viele alte Menschen auf Kinderfotos nicht wiedererkennen kann. Dennoch ist es derselbe Leib und dieselbe Person, wenngleich er in seinem Leben einen grundlegenden Wandel durchgemacht hat. Die Identität und die Person bleiben erhalten, und das ist das Entscheidende. In dieser Hinsicht wird also der Gläubige begraben und als dieselbe Person auferweckt. Es ist wie alles im Reich der neuen Schöpfung Gottes geistlich, und nicht mehr materiell. Es wird derselbe Mensch, dieselbe Person, begraben und auferweckt, wenn auch nicht dieselben materiellen Partikel.

Der neue Leib besteht wie der Leib des Herrn in Lk 24,39 nicht mehr aus „Fleisch und Blut“, sondern aus „Fleisch und Bein“, das ist Fleisch und Skelett. Dies hat meiner Ansicht nach auch seine geistliche Bedeutung. In der alten Schöpfung ist das Leben des Leibes nach 3Mo 17,11 im Blut. Der Herr hat aber das Blut auf Golgatha vergossen, um damit Sühnung für unser aller sündiges Leben zu tun. Sein Blut wurde im Tod von seinem Fleisch getrennt. Im Tod der alten Schöpfung sind die Dinge des Blutes an ihr Ende gekommen. In der neuen Schöpfung haben sie keine Bedeutung mehr. Daher hat der neue Leib nicht mehr Fleisch und Blut, sondern Fleisch und Bein, das ist Skelett und somit unverwechselbares Angesicht und Gestalt.

Der Auferstehungsleib wird unverweslich sein. Auch das hat interessanterweise mit dem Blut zu tun. Man kann bereits heute menschliche und auch tierische Leichen für eine beträchtliche Zeit dadurch konservieren, dass man ihnen unmittelbar nach dem Tod das Blut entzieht. Schon die alten Ägypter wussten das und praktizierten es in der Mumifizierung der Pharaonen.

Der neue Leib wird weder der Krankheit unterworfen sein, noch den Schmerzen, noch der Alterung. Ewige Gesundheit und Unveränderlichkeit! Er wird herrlich sein, was immer das auch bedeuten mag. Ich stelle mir dazu äußere Schönheit in Verbindung mit einer den Herrn ehrenden geistlichen Ausstrahlung vor. Außerdem wird er stark und kräftig sein. Wir würden in diesem Leib vielleicht genauso wie der Engel am Tag der Auferstehung des Herrn dazu in der Lage gewesen sein, mühelos den schweren Stein von der Öffnung der Gruft wegzunehmen.

Es wird ein geistlicher Leib sein. Dazu habe ich persönlich die Vorstellung, dass er nicht an den Raum gebunden sein wird. Auch der Herr ging nach seiner Auferstehung durch Wände und geschlossene Türen mühelos hindurch. Ich glaube, dass auch unser Leib zu solchen Dingen in der Lage sein wird. Es wird ein himmlischer Leib sein, der das Licht und das Leben in der Gegenwart Gottes zu ertragen vermag. Unsere irdischen Leiber sind nicht dazu in der Lage, die Gegenwart Gottes zu überleben. Der neue Leib wird auch keinen Geschlechtstrieb mehr in sich tragen. Wir werden zwar weiterhin als Männer und Frauen zu erkennen sein, aber es wird im Himmel keine Fortpflanzung mehr geben.

 

Textquelle: Dr. Martyn Lloyd Jones: Gott und seine Gemeinde. 3L-Verlag, 2003.

Die gedankliche Grundstruktur des vorliegenden Textes entstammt zum großen Teil diesem Werk. An zahlreichen Stellen wurden vom Schreiber eigene zusätzliche Gedanken und Formulierungen hinzugefügt.

 


[1] Dies gilt auch für den sogenannten historischen Prämillennialismus und Postmillennialismus, welche das Konzept des jesuitisch geprägten Futurismus mit der Auslegung der kontinuierlichen Abfolge der Siegel, Posaunen und Schalen des kontinuierlichen Historismus verbinden.

[2] Ich verweise hierzu auf die deutschsprachige Ausarbeitung des Kommentars von William Hendriksen unter www.derdrachekommt.de/pdf/Mehr_als_Ueberwinder.pdf.

[3] Ich verweise daher nochmals auf die deutschsprachige Ausarbeitung des Kommentars von William Hendriksen aus dem Jahr 1939, welche als Download unter www.derdrachekommt.de/pdf/Mehr_als_Ueberwinder.pdf zur Verfügung steht.

[4] 1) Bei der geheimen Vorentrückung; 2) Am Ende der Drangsal bei der sichtbaren Wiederkunft des Herrn; 3) Am Ende des Tausendjährigen Reiches.

[5] Die Reihenfolge müsste nach prämillennialistischer Lehre an dieser Stelle genau umgedreht werden. Dies würde jedoch den Kontext des Kapitels völlig zerstören und ist somit im Hinblick auf eine korrekte Schriftauslegung nicht gestattet.

[6] Übrigens befinden sich die Seelen aller in Christus Gestorbenen heute bei Christus. Paulus sagte, dass er Lust habe abzuscheiden und bei Christus zu sein, denn es ist weit besser.

[7] Im griechischen Text heißt es hier – wie auch an den anderen Stellen in Offenbarung 20,1-8 – „chilia“ beziehungsweise „chilioi“. Es handelt sich hierbei um einen so genannten Plural unbestimmter Affinität, welcher ohne ein Zahlenpräfix dasteht. Mit Präfix würde es eine konkrete Zahl andeuten, wie etwa: heis chilias = 1000; dischilioi = 2000; trischilioi = 3000, und so weiter. Ohne Präfix bedeutet es aber gerade nicht die konkrete Zahl 1000, sondern eine sehr große nicht bekannte Zahl, welche durch den Begriff „tausend“ ausgedrückt wird. Ein ähnliches Phänomen finden wir zum Beispiel in Psalm 50,10: „Denn mir gehören alle Tiere des Waldes, das Vieh auf tausend Bergen.“ Es geht in diesem Vers nicht um eine konkrete Zahl von genau 1000 Bergen, sondern das „chilioi“ drückt aus, dass dem Herrn eine riesige Zahl von Bergen gehört, nämlich alle Berge. In unserer Alltagssprache kennen wir das gleiche Phänomen, wenn zum Beispiel eine Mutter ihr Kind kritisiert mit den Worten: „Das sollst Du nicht tun, das habe ich Dir doch schon tausendmal gesagt!“ Auch hier erkennt man sofort, dass die Mutter es zuvor nicht genau 999 Mal gesagt hat, sondern bereits unzählige Male. Die Auslegung einiger auch von mir sehr geschätzter Bibellehrer unserer Zeit, dass es sich in Offenbarung 20,1-8 um eine Zeit von genau 1000 Jahren handele, ist daher nach meiner bescheidenen persönlichen Ansicht nicht richtig. Es handelt sich vielmehr um einen sehr langen Zeitraum von unbekannter Dauer, der durch das Wort „tausend“ (chilioi) ausgedrückt werden soll. Es ist eigentlich ein anderer Begriff für das sehr lange Zeitalter der christlichen Gemeinde, dessen genaue Dauer niemand angeben kann.

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